Protokoll 31 (2018)

Protokoll der 31. Tagung im Jahr 2018:

Durch Ankli­cken des ent­spre­chen­den Links kön­nen Sie das Pro­to­koll der zuge­hö­ri­gen Tagung auf­ru­fen.

31. Tref­fen am Cent­re Euro­péen d’Études Japo­nai­ses d’Alsace (CEEJA), Kay­sers­berg Vigno­ble, Kient­z­heim vom 15.–17. Juni 2018

31. Tref­fen am Cent­re Euro­péen d’Études Japo­nai­ses d’Alsace (CEEJA), Kay­sers­berg Vigno­ble, Kient­z­heim, Frank­reich, 15. – 17. Juni 2018:

Das 31. Tref­fen der Initia­ti­ve zur his­to­ri­schen Japan­for­schung fand vom 15. bis 17. Juni 2018 am Cent­re Euro­péen d’Études Japo­nai­ses d’Alsace (CEEJA), Kay­sers­berg Vigno­ble, Kient­z­heim, Frank­reich statt.

Anwe­send waren: Aka­shi Tomo­no­ri (Fukuoka/Leuven), Anja Batram (Bochum), Ali­ne Dre­her (Bochum), Dani­el Gerich­hau­sen (Bonn), Lisa Ham­me­ke (Fried­richs­ha­fen), Nad­ja Kischka‐Wellhäuser (Bochum), Vere­na Klein (Bochum), Till Knaudt (Hei­del­berg), Ste­fan Köck (Wien), Regi­ne Mathi­as (CEEJA), Hen­ri­et­te Mühl­mann (Ham­burg), Ono Hiro­shi (Kobe/Leuven), Erich Pau­er (CEEJA), Anke Sche­rer (Köln), Jan Schmidt (Leu­ven), Wolf­gang Sei­fert (Hei­del­berg), Mor­gai­ne Set­zer (Bochum), Lie­ven Som­men (Leu­ven), Det­lev Taran­c­zew­ski (Bonn), Yuka­wa Shirō (Bonn), Mat­thi­as Zach­mann (Ber­lin)

Vor­trä­ge:
Erich Pau­er (CEEJA): Begrü­ßung.
In der Begrü­ßung der Teil­neh­mer stell­te Erich Pau­er, der für den Bereich Japan­wis­sen­schaf­ten zustän­di­ge Vize‐Präsident des CEEJA, die Insti­tu­ti­on kurz vor und erklär­te, wie aus einer ursprüng­lich von 1986 bis 2006 im Gebäu­de betrie­be­nen japa­ni­schen Mittel‐ und Ober­schu­le das jet­zi­ge Zen­trum her­vor­ging, zu dem auch eine schnell wach­sen­de Japan‐Bibliothek gehört. Für das Initia­ti­ve­tref­fen war in der Biblio­thek eine Aus­stel­lung Edo‐zeitlicher Holzdruck‐Bücher auf­ge­baut wor­den, und wäh­rend der gan­zen Tagung konn­te und wur­de die Biblio­thek von den Tagungs­teil­neh­mern rege genutzt. Eine aus­führ­li­che Biblio­theks­füh­rung mit Mög­lich­kei­ten zur indi­vi­du­el­len Recher­che fand zudem am Sonn­tag­vor­mit­tag statt.

Dani­el Gerich­hau­sen (Bonn): Vom Gesche­hen zum Text. Mime­sis in China‐Reisberichten japa­ni­scher Lite­ra­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg.
Nach der Begrü­ßung und Ein­füh­rung stell­te Dani­el Gerich­hau­sen von der Uni­ver­si­tät Bonn sein Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt unter dem Titel „Vom Gesche­hen zum Text – Mime­sis in China‐Reisberichten japa­ni­scher Lite­ra­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg“ vor. Zehn Jah­re nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs konn­ten japa­ni­sche Lite­ra­ten erst­mals die Volks­re­pu­blik Chi­na berei­sen. Obwohl noch mehr als zwei Deka­den bis zum Abschluss eines Frie­dens­ver­tra­ges zwi­schen Japan und Chi­na ver­gin­gen, besuch­ten in den 1950er und 1960er Jah­ren eini­ge nam­haf­te Autoren wie Inoue Yasushi und Naka­no Shi­ge­ha­ru das Land und leg­ten teils aus­führ­li­che Rei­se­be­rich­te vor. Anders als ihre fik­tio­na­len Wer­ke sind die­se jedoch bis­lang kaum Gegen­stand der For­schung gewor­den. In der japa­ni­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft wer­den sie allen­falls als Quel­len für bio­gra­phi­sche Arbei­ten genutzt oder bei der Suche nach Rea­li­täts­re­fe­ren­zen in den lite­ra­ri­schen Wer­ken der Autoren her­an­ge­zo­gen. Meist liegt die­ser Betrach­tungs­wei­se eine unkri­ti­sche Gleich­set­zung von Rei­se­be­rich­ten mit blo­ßer fak­ten­ge­treu­er Wie­der­ga­be ver­gan­ge­nen Gesche­hens zugrun­de, die kom­po­si­to­ri­sche und ästhe­ti­sche Ver­fah­ren ver­nach­läs­sigt.
Der Vor­trag pro­ble­ma­ti­sier­te die­se Her­an­ge­hens­wei­se und stell­te einen nar­ra­to­lo­gi­schen Ansatz vor, um die Wirk­lich­keits­dar­stel­lung in die­sen Wer­ken durch die Ana­ly­se rhe­to­ri­scher und nar­ra­ti­ver Stra­te­gi­en zu unter­su­chen. Die­ser Zugang kom­bi­niert die drei Ebe­ne der Prä­fi­g­u­ra­ti­on, Kon­fi­gu­ra­ti­on und Refi­gu­ra­ti­on, die die Wech­sel­wir­kung zwi­schen Text und Wirk­lich­keit beschrei­ben, mit den vier Stu­fen der nar­ra­ti­ven Reprä­sen­ta­ti­on und Trans­for­ma­ti­on nach Nün­ning: [1] Gesche­hen (d.h. das tat­säch­li­che Erle­ben) – [2] Geschich­te (d.h. der­zeit­li­cher Aus­schnitt, bereits sinn­haft gedeu­tet) – [3] Erzäh­lung (d.h. die kom­po­si­to­ri­sche Formgebung/der Plot) – [4] Text (d.h. das Resul­tat). Anhand von Kri­te­ri­en zur typo­lo­gi­schen Dif­fe­ren­zie­rung wie Selek­ti­on von Refe­renz­be­rei­chen, Gestal­tung der Erzähl­ebe­ne, Zeit­be­zug und inten­dier­te Text­funk­ti­on prä­sen­tier­te Dani­el Gerich­hau­sen die fol­gen­den vier Typen von Rei­se­be­rich­ten, in die er im Anschluss aus­ge­wähl­te Bei­spie­le ein­ord­ne­te: Doku­men­ta­ri­scher Rei­se­be­richt („Gescheh­nis­se genau bele­gen“), Rea­lis­ti­scher Rei­se­be­richt („Erzäh­len“), Revi­sio­nis­ti­scher Rei­se­be­richt („Neu beschrei­ben“) und Selbst­re­fle­xi­ve Meta‐Reisefiktion. Damit zeig­te er, dass ent­ge­gen der Vor­stel­lung von authen­ti­schen Augen­zeu­gen­be­rich­ten erst durch Selek­ti­on und Kon­fi­gu­ra­ti­on ein­zel­ner Ele­men­te gat­tungs­kon­for­me Aus­prä­gun­gen des Rei­se­be­richts ent­ste­hen.
In der Dis­kus­si­on wur­de die Fra­ge nach der Ziel­rich­tung der Dis­ser­ta­ti­on dis­ku­tiert. Dabei wur­de in Fra­ge gestellt, ob es tat­säch­lich noch das Pro­blem in der japa­ni­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft gibt, dass Rei­se­be­rich­te als objek­ti­ve Quel­le gese­hen wer­den. Außer die­ser Nach­fra­ge nach dem heu­ris­ti­schen Wert der Dis­ser­ta­ti­on wur­den Aspek­te wie die Dar­stel­lung Chi­nas im Licht der Vor­be­las­tung des sino‐japanischen Ver­hält­nis­ses durch die Ereig­nis­se vor und wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs ver­misst.

Erich Pau­er (CEEJA): Vom Stu­den­ten der chi­ne­si­schen Klas­si­ker zum moder­nen Inge­nieur – Die „Ōhara-Papers“.
Im zwei­ten Vor­trag mit dem Titel „Vom Stu­den­ten der chi­ne­si­schen Klas­si­ker zum moder­nen Inge­nieur – Die ‚Ōhara-Papers‘“ sprach Erich Pau­er vom CEEJA über Mit­schrif­ten und Praktika‐Berichten eines Bergbau‐Studenten (Ōha­ra Jun­no­suke) des Impe­ri­al Col­le­ge of Engi­nee­ring (工部大学校) aus den Jah­ren 1878‐ 1882, die er durch Zufall vor eini­ger Zeit erwer­ben konn­te. Die­ser ein­zig­ar­ti­ge Fund ermög­licht es, den Bildungs‐ und Kar­rie­re­ver­lauf eines aus dem Stand der Samu­rai kom­men­den Stu­den­ten hin zum moder­nen Inge­nieur exem­pla­risch nach­zu­zeich­nen. Die sel­te­nen Doku­men­te erlau­ben es, erst­mals den Unter­richt und die Inhal­te von Vor­le­sun­gen, die die eng­li­schen und schot­ti­schen Leh­rer am Col­le­ge of Engi­nee­ring abhiel­ten, zu ana­ly­sie­ren. Die Mit­schrif­ten zei­gen zudem, wie das west­li­che Wis­sen rezi­piert wur­de und auf wel­chem tech­ni­schen Niveau sich die Stu­den­ten beim Abschluss befan­den. Eben­falls deut­lich wird aus den Unter­la­gen z.B. auch der kon­kre­te Ver­lauf von Prak­ti­ka. In den Berich­ten zeich­net der Stu­dent ein genau­es Bild der Lage ver­schie­de­ner Gold‐, Silber‐ und Koh­le­berg­wer­ke, deren Lage, die betrieb­li­chen Ver­hält­nis­se, die tra­di­tio­nel­len wie moder­nen Gerä­te, die Arbeits­kräf­te etc. Dar­in spie­gelt sich auch ein bis­lang so nicht gekann­tes ein­drucks­vol­les Bild der Moder­ni­sie­rung in einem für Japan äußerst wich­ti­gen Indus­trie­be­reich. So zeigt ein Prak­ti­kums­be­richt über das Berg­werk in Iku­no, wie dort noch tra­di­tio­nel­le Gerät­schaf­ten und Prak­ti­ken neben tech­ni­schen Neue­run­gen und moder­nen Maschi­nen zum Ein­satz kamen. Da aus der Zeit zwi­schen 1868 und 1885 nur weni­ge Unter­la­gen aus dem Berg­bau erhal­ten sind, erlau­ben die Auf­zeich­nun­gen von Ōhara die Ver­hält­nis­se in japa­ni­schen Berg­wer­ken in einer wich­ti­gen Umbruch­pha­se zu ver­ste­hen, über die es ansons­ten weni­ge Quel­len gibt. Die Ana­ly­se der Auf­zeich­nun­gen von Ōhara zeigt, dass die japa­ni­schen Berg­wer­ke in der frü­hen Meiji‐Zeit moder­ner waren als bis­lang ange­nom­men. Auch las­sen sei­ne Auf­zeich­nun­gen über Löh­ne und Kos­ten in den Berg­wer­ken wich­ti­ge Rück­schlüs­se über betriebs­wirt­schaft­li­che Aspek­te im dama­li­gen japa­ni­schen Berg­bau zu.
Im Anschluss an den Vor­trag wur­de über den Ein­fluss der aus­län­di­schen Pro­fes­so­ren und der Ver­wen­dung von Eng­lisch als Aus­bil­dungs­spra­che auf die Prä­gung von Ōhara und ande­ren Inge­nieu­ren sei­ner Genera­ti­on dis­ku­tiert. Zwar las­sen sich kei­ne umfas­sen­den Erkennt­nis­se über den Ein­fluss die­ser Fak­to­ren aus den Quel­len gewin­nen, aber die Tat­sa­che, dass Ōhara eini­ge Zeit brauch­te, um sich von einem mit­tel­mä­ßi­gen zu einem sehr guten Stu­den­ten zu ent­wi­ckeln, zeigt, dass er einen län­ge­ren Anpas­sungs­pro­zess an die Unter­richts­spra­che und Arbeits­wei­se der aus­län­di­schen Dozen­ten, die sich ihrer­seits kaum an japa­ni­sche Ver­hält­nis­se anpass­ten, durch­lau­fen hat.

Ono Hiro­shi (Kobe): The­men und Nut­zen von Stu­di­en zur Mili­tär­ge­richts­bar­keit.
Im ers­ten Kurz­be­richt des Nach­mit­tags sprach Ono Hiro­shi von der Uni­ver­si­tät Kobe auf Japa­nisch über The­men und den Nut­zen von Stu­di­en zur Mili­tär­ge­richts­bar­keit. Da es sich um ein erst kürz­lich begon­ne­nes For­schungs­vor­ha­ben han­delt, hat­te der Bericht eher einen Werk­statt­cha­rak­ter. Sein Fokus lag dabei nicht auf dem, was der Begriff der Mili­tär­ge­richts­bar­keit gemein­hin beinhal­tet (z.B. Recht­spre­chung inner­halb des Mili­tärs), son­dern auf der vom japa­ni­schen Mili­tär in besetz­ten Gebie­ten bis zum Ende des Zwei­ten Welt­krieg aus­ge­üb­te Gerichts­bar­keit. Die­se hat­te in den besetz­ten Gebie­ten die Auf­ga­be der Auf­recht­erhal­tung von Ruhe und Ord­nung, wes­halb neben dem Kern­be­reich der vor Mili­tär­ge­rich­ten zu ver­han­deln­den Ver­ge­hen im mili­tä­ri­schen Bereich vor allem zahl­rei­che Geset­ze zur zivi­len Ver­wal­tung der besetz­ten Gebie­te im Zen­trum der Erfor­schung der dor­ti­gen Mili­tär­ge­richts­bar­keit ste­hen. Am Bei­spiel der von der japa­ni­schen Armee im besetz­ten Hong­kong aus­ge­üb­ten Gerichts­bar­keit zeig­te Hiro­shi Ono, dass es sich hier­bei nicht wie häu­fig ange­nom­men um eine Herr­schaft ohne Geset­ze (rule wit­hout law) han­del­te, son­dern dass es im Ver­lauf der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts einen Pro­zess gab, in dem sich die Idee einer auf Geset­zen basie­ren­den Herr­schaft (rule by law) in den vom japa­ni­schen Mili­tär besetz­ten Gebie­ten ent­wi­ckel­te.

Aka­shi Tomo­no­ri (Fuku­o­ka): Zur Geschich­te der Gefäng­nis­se in der Meiji‐Zeit. Die Unab­hän­gig­keit der Gefäng­nis­ver­wal­tung und ihr Ein­fluss.
Im zwei­ten japa­nisch­spra­chi­gen Kurz­be­richt des Nach­mit­tags „Zur Geschich­te der Gefäng­nis­se in der Meiji‐Zeit. Die Unab­hän­gig­keit der Gefäng­nis­ver­wal­tung und ihr Ein­fluss“ sprach Aka­shi Tomo­no­ri von der Kyūshū‐Universität in Fuku­o­ka über die Ergeb­nis­se sei­ner Dis­ser­ta­ti­on. Dar­in zeig­te er die Ver­än­de­run­gen im japa­ni­schen Gefäng­nis­sys­tem von der Edo‐Zeit bis zur Meiji‐Zeit. Da es in der Edo‐Zeit kein lan­des­weit ein­heit­li­ches Sys­tem von Gefäng­nis­sen, son­dern eine Mischung aus Prak­ti­ken wie Hin­rich­tung, Ver­ban­nung, Täto­wie­rung etc. für die Ahn­dung von Straf­ta­ten gab, bezeich­ne­te er die Meiji‐Zeit als eine Art „Stun­de Null“ für den Auf­bau eines moder­nen Gefäng­nis­sys­tems. In sei­ner Dis­ser­ta­ti­on zeich­net er die Her­aus­bil­dung die­ses pro­fes­sio­nel­len Sys­tems und der Ein­flüs­se auf sei­ne Ent­wick­lung nach. Dabei ging er auch auf die Pro­ble­ma­tik der Finan­zie­rung von Gefäng­nis­sen sowie den Ein­fluss von Reli­gi­on und Gesell­schaft bei der Her­aus­bil­dung einer moder­nen Gefäng­nis­ver­wal­tung ein.

Jan Schmidt (Leu­ven): Kam­mern der Macht? Eine Politik‐ und Kul­tur­ge­schich­te der Industrie‐ und Han­dels­kam­mern Japans, 1878–1960er Jah­re.
Kurz­vor­stel­lung Num­mer drei von Jan Schmidt von der KU Leu­ven hat­te den Titel „Kam­mern der Macht? Eine Politik‐ und Kul­tur­ge­schich­te der Industrie‐ und Han­dels­kam­mern Japans, 1878–1960er Jah­re“. Dem The­ma der Industrie‐ und Han­dels­kam­mern (IHK) Japans wur­de in der For­schung zur Neue­ren und Neu­es­ten Geschich­te Japans bis dato ver­gleichs­wei­se wenig Beach­tung geschenkt. Das ist erstaun­lich, wenn man deren Rol­le in poli­tik­ge­schicht­li­cher Per­spek­ti­ve bedenkt. Auch ihre Funk­tio­nen als wesent­li­ches Organ zur Ver­tei­lung von Infor­ma­tio­nen, die weit über den öko­no­mi­schen Bereich hin­aus­ge­hen, sowie als Stät­ten – natür­lich stets inter­es­sen­ba­sier­ter – kul­tu­rel­ler Ver­an­stal­tun­gen oder phil­an­thro­pi­scher Initia­ti­ven, die häu­fig in einem Span­nungs­ver­hält­nis zur (post)imperialen Metro­po­le Tokyo stan­den, wur­den nur unzu­rei­chend beleuch­tet. Die bis­he­ri­ge For­schung betont die Funk­ti­on der IHKen als Orte des Aus­tauschs und der Dis­kus­si­on zum Zwe­cke der Wei­ter­ent­wick­lung der loka­len Wirt­schaft. Das Pro­jekt von Jan Schmidt wird dar­über hin­aus den Zusam­men­hang mit natio­na­len sowie den impe­ria­len öko­no­mi­schen Zie­len erfor­schen. Die IHKen waren als Spon­so­ren und Ver­an­stal­ter zahl­rei­cher Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen und als Samm­ler von Sta­tis­ti­ken und Her­aus­ge­ber auf die­sen Sta­tis­ti­ken basie­ren­der Publi­ka­tio­nen eine Pres­su­re Group, die die loka­len wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen inner­halb der Regi­on und / oder dem Gesamt­staat gegen­über ver­tra­ten und damit auch poli­ti­schen Ein­fluss aus­üb­ten. Als eine Fall­stu­die stell­te er die IHK von Otaru vor, einem Ort, der in der Meiji‐Zeit als Tor zu Hok­kai­dō gese­hen wur­de. Dort wur­de 1895 eine IHK gegrün­det, die in den 1910er und 1920er Jah­re eine Schar­nier­funk­ti­on zwi­schen loka­ler Wirt­schaft und Natio­nal­staat hat­te, unter ande­rem durch die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung und die Ein­rich­tung von Abtei­lun­gen, in denen Zah­len gesam­melt und Sta­tis­ti­ken erstellt wur­den.

Nad­ja Kischka‐Wellhäußer (Bochum): Frau­en­ver­ei­ne und weib­li­che Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on im Japan der Meiji‐Zeit: Star­ke Bin­dun­gen.
Der zwei­te Teil des Nach­mit­tags begann mit der Kurz­vor­stel­lung von Nad­ja Kischka-Wellhäußer von der Ruhr‐Universität Bochum. In ihrem Vor­trag über „Frau­en­ver­ei­ne und weib­li­che Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on im Japan der Meiji‐Zeit: star­ke Bin­dun­gen“ the­ma­ti­sier­te sie die frü­hen japa­ni­schen Frau­en­ver­ei­ne etwa zwi­schen den 70er und 90er Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts. Dabei leg­te sie den Fokus auf die Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Haupt­ak­teu­rin­nen sowie eini­gen Insti­tu­tio­nen, die auf ver­schie­de­nen Wegen für die Eman­zi­pa­ti­on der japa­ni­schen Frau ein­tra­ten. Das Haupt­au­gen­merk des im Vor­trag vor­ge­stell­ten Teil­be­reichs des For­schungs­pro­jekts liegt auf dem Ver­bin­dungs­ge­flecht zwi­schen eini­gen aus­ge­wähl­ten Per­so­nen, Ange­hö­ri­gen eines der Frau­en­ver­ei­ne und Per­so­nen aus ande­ren Insti­tu­tio­nen wie bestimm­te Mäd­chen­schu­len oder Print­me­di­en, das auf die Exis­tenz eines sozia­len Netz­wer­kes schlie­ßen lässt. Im Pro­jekt soll die­ses Netz­werk näher beschrie­ben und auf ver­schie­de­ne Wei­se visu­ell dar­ge­stellt wer­den, je nach­dem, wel­che inhalt­li­chen Schwer­punk­te durch die Gra­phik beleuch­tet wer­den. Durch ein­zel­ne Bei­spie­le von Bio­gra­phi­en gesell­schaft­lich enga­gier­ter Frau­en soll die Trag­fä­hig­keit die­ses Bezie­hungs­kom­ple­xes her­aus­ge­stellt wer­den. Ziel dabei ist es, die Bedeu­tung des Personen‐ und Inter­or­ga­ni­sa­ti­ons­netz­wer­kes her­aus­zu­stel­len und die zeit­li­che Aus­deh­nung und Bestand des Netz­wer­kes zu doku­men­tier­ten. In der Dis­kus­si­on kri­tisch hin­ter­fragt wur­de die Ziel­rich­tung der Netz­werk­ana­ly­se all­ge­mein sowie das kon­kre­te Ziel der Erfor­schung der prak­ti­schen Aspek­te der Lehrer‐Schüler‐Beziehung in der Frau­en­grup­pe. Auch wur­de die Fra­ge nach der Rol­le des Chris­ten­tums in den dar­ge­stell­ten Netz­wer­ken dis­ku­tiert.

Ste­fan Köck (Wien): Mul­ti­di­men­sio­na­li­tät von shintō-uke und den Quel­len und Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze zur reli­giö­sen Kon­trol­le im Okayama‐han.
Der nächs­te Vor­trag von Ste­fan Köck von der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in Wien beschäf­tig­te sich mit der Mul­ti­di­men­sio­na­li­tät von shintō-uke und den Quel­len und Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­ze zur reli­giö­sen Kon­trol­le im Okayama‐han. Obwohl das Sys­tem der reli­giö­sen Kon­trol­le der Bevöl­ke­rung durch Shintō-Schreine (shintō-uke) im Okayama‐han von 1666 an rund 25 Jah­re prak­ti­ziert wur­de, sind ver­gleichs­wei­se weni­ge zeit­ge­nös­si­sche Quel­len über­lie­fert, aus denen sich Infor­ma­tio­nen über die Umset­zung von shintō-uke gewin­nen las­sen. Im Ikeda‐Familienarchiv der Uni­ver­si­tät Oka­ya­ma und im Prä­fek­tur­ar­chiv des Okayama‐ken fin­den sich jeweils ver­schie­de­ne Quel­len­kor­po­ra mit Bezug zu die­sem The­ma. Nur weni­ges davon liegt in edier­ter Fas­sung vor. Im Vor­trag stell­te Ste­fan Köck vor, wel­che Dimen­sio­nen von >em>shintō-uke>/em> sich auf Basis der Quel­len bei­der Archi­ve beschrei­ben las­sen. Dabei zeig­te er, wie sich durch Kom­bi­na­ti­on von Quel­len bei­der Archi­ve und durch die for­ma­le Viel­falt der vor­han­de­nen Quel­len zeit­ge­nös­si­sche Erschei­nun­gen beschrei­ben las­sen und dis­ku­tier­te den Bei­trag von shintō-uke zu Ent­wick­lungs­pro­zes­sen lang­fris­ti­ger Natur, die bis ins 19. Jahr­hun­dert reich­ten. Im Anschluss an den Vor­trag wur­de die Fra­ge bespro­chen, ob es sich beim vor­ge­stell­ten Phä­no­men um eine loka­le, auf Oka­ya­ma bezo­ge­ne Maß­nah­me han­del­te. Nach Aus­sa­ge eines japa­ni­schen Wis­sen­schaft­lers war das shintō-uke-Sys­tem von Oka­ya­ma Vor­bild für ähn­li­che Maß­nah­men der Tempel‐ und Schrein­re­du­zie­rung der Meiji‐Zeit.

Till Knaudt (Hei­del­berg): Mai­kon in Maihōmu.
Der letz­te Vor­trag von Till Knaudt von der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg mit dem Titel „Mai­kon in Maihōmu“ war ein Werk­statt­be­richt zu einer Geschich­te des Heim­com­pu­ters in Japan. Ende der 1970er Jah­re bis Anfang der 1990er Jah­re ent­stand in Japan ein spe­zi­el­les Öko­sys­tem der elek­tro­ni­schen Daten­ver­ar­bei­tung, das auf­grund u.a. der tech­no­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen Schwie­rig­kei­ten bei der Umset­zung des sino‐japanischen Schrift­sys­tems von ein­hei­mi­schen Kon­zer­nen wie NEC, Fuji­tsu, Sharp und Sony domi­niert wur­de. Jen­seits von Büro­sys­te­men zur Text‐ und Daten­ver­ar­bei­tung, sowie Spiel­kon­so­len, setz­ten sich drei ver­schie­de­ne Hardware‐ Platt­for­men durch: Per­so­nal­com­pu­ter (pas­o­kon), Heim­com­pu­ter (mai­kon), und Text­pro­zes­so­ren (waa­pu­ro). Gegen­über allen die­ser Sys­te­me gab es von Anfang an Erwar­tungs­hal­tun­gen und Ängs­te; von der Ver­wand­lung von Grund­schü­lern in BASIC‐Programmierer, der Auto­ma­ti­sie­rung von (Büro-)Arbeit (OA=office auto­ma­tiza­ti­on) bis zum ver­meint­li­chen Unter­gang der japa­ni­schen Spra­che. Zu den sozio­kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen der Ankunft von Com­pu­tern in Fami­li­en, Schu­len, Büros und Klein­be­trie­ben lie­gen kaum For­schungs­er­geb­nis­se vor. Der Werk­statt­be­richt befass­te sich mit der ers­ten Pha­se der Heim­com­pu­ter zwi­schen 1977 und 1985 und dis­ku­tier­te das Poten­ti­al die­ses The­mas als sozio­kul­tu­rel­le Tech­nik­ge­schich­te. In den spä­tern 1970er und frü­hen 1980er Jah­ren hat­te sich eine „Hob­by­is­ten­sze­ne“ her­aus­ge­bil­det. Danach begann die Mas­sen­ver­mark­tung zuerst mit sexua­li­sier­ter Wer­bung, die männ­li­che Com­pu­ter­freaks anspre­chen soll­te. Dies wich aller­dings schnell ziel­grup­pen­spe­zi­fi­schen Wer­be­stra­te­gi­en für alle Tei­le der japa­ni­schen Gesell­schaft. Mög­li­che For­schungs­fra­gen für das Pro­jekt umfas­sen die Ver­än­de­rung sozia­ler Bezie­hun­gen in Schu­le, Fami­lie, Arbeit durch mai­kon, die Ver­än­de­rung von Geschlech­ter­rol­len, der Ein­fluss der Auto­ma­ti­sie­rung auf Arbeits­ver­hält­nis­se, die Ver­mitt­lung von Pro­gram­mier­wis­sen in Schu­len, die Ver­än­de­rung des Ver­ständ­nis­ses von elek­tro­ni­scher Tech­no­lo­gie durch Home­com­pu­ter und BASIC. Auch die Fra­gen, ob sich eine Art Nihon­jin­ron rund um „japa­ni­sche Com­pu­ter“ ent­wi­ckel­te, wel­che poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Wider­stän­de gegen Glo­ba­li­sie­rung von Tech­no­lo­gie erkenn­bar waren und ob die Funk­ti­on von Heim­com­pu­ter eher inte­gra­tiv oder spal­tend war, sol­len im Pro­jekt the­ma­ti­siert wer­den.

Ver­schie­de­nes:
Der Sonn­tag­vor­mit­tag bot allen Tagungs­teil­neh­mern die Mög­lich­keit, an einer aus­führ­li­chen Biblio­theks­füh­rung teil­zu­neh­men und die Biblio­thek danach für indi­vi­du­el­le Recher­chen zu nut­zen. Wei­ter­hin gab es die Mög­lich­keit, ein Video aus einer Sen­de­rei­he der Abtei­lung Edu­ca­ti­on Tele­vi­si­on von NHK über den Phi­lo­so­phen Maru­ya­ma Masao anzu­se­hen. Bei die­sem Video han­del­te es sich um einen Überblick über Maru­ya­mas Ent­wick­lung zum poli­ti­schen Den­ker der japa­ni­schen Demo­kra­tie. Außer­dem fin­den sich dar­in meh­re­re Inter­views und Stel­lung­nah­men zum The­ma ANPO 1959 /60, zur Stu­den­ten­be­we­gung und ihren Zie­len, wie sie die japa­ni­schen 1968er ver­tra­ten. Meh­re­re Wis­sen­schaft­ler, dar­un­ter Mita­ni Tai’ichirō und Sasa­ki Take­shi, kom­men­tie­ren. Auch eine Rei­he kri­ti­scher Stim­men sind zu hören, dar­un­ter der Kul­tur­kri­ti­ker und Lite­rat Yoshi­mo­to Takaa­ki, der Max Weber‐Forscher Oriha­ra Hiro­shi, und beson­ders Maru­ya­mas Sohn, Maru­ya­ma Aki­ra (heu­te Mathematik‐Professor), der Ende der 1960er Jah­re sel­ber in der Zenkyōtō‐Studentenbewegung an der Nihon dai­gaku (Nichi­dai) aktiv war. Auf­grund eines detail­lier­ten Han­douts, das Wolf­gang Sei­fert eigens für die Vor­füh­rung mit anschlie­ßen­der Dis­kus­si­on ange­fer­tigt hat­te, erhiel­ten die Teil­neh­mer des Tref­fens einen sehr guten Ein­blick in das Schaf­fen und Wir­ken von Maru­ya­ma Masao.

Das Tref­fen ende­te mit einer kur­zen Dis­kus­si­on über die nächs­ten Tagungs­or­te. Für das ers­te Novem­ber­wo­chen­en­de (3. und 4. Novem­ber 2018) hat sich Robert Kraft aus Leip­zig zur Aus­rich­tung des Tref­fens bereit erklärt. Unter­stützt wird er von Tino Schölz.

(Anke Sche­rer)

zurück