Protokolle 7–12 (2006–2008)

Protokolle der 7. bis 12. Tagung aus den Jahren 2006 bis 2008:

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7. Tref­fen am Insti­tut für Japa­no­lo­gie der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg am 6. und 7. Mai 2006
8. Tref­fen am Ost­asia­ti­schen Insti­tut /Japanologie der Uni­ver­si­tät Leip­zig am 4. und 5. Novem­ber 2006
9. Tref­fen an der Sek­ti­on Geschich­te Japans, Fakul­tät für Ost­asi­en­wis­sen­schaf­ten der Ruhr-Universität Bochum am 5. und 6. Mai 2007
10. Tref­fen am Japan-Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität Mün­chen am 3. und 4. Novem­ber 2007
11. Tref­fen am Inter­na­tio­na­len Gra­du­ier­ten­kol­leg „Form­wa­n­del der Bür­ger­ge­sell­schaft“ Halle-Tokyo, Uni­ver­si­tät Hal­le Wit­ten­berg, am 3. und 4. Mai 2008
12. Tref­fen am Japan-Zentrum der Uni­ver­si­tät Mar­burg am 1. und 2. Novem­ber 2008

favicon027. Tref­fen am Insti­tut für Japa­no­lo­gie der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg am 6. und 7. Mai 2006:

Anwe­send in Hei­del­berg waren: Lucia Ban­hol­zer (Hei­del­berg), Jul­jan Bion­ti­no (Hei­del­berg), Georg Blind (Hei­del­berg), Tho­mas Bütt­ner (Hei­del­berg), Eva Bur­zyn­ski (Hal­le), Wolf Han­nes Kal­den (Mar­burg), Hans Mar­tin Krä­mer (Bochum), Hein­rich Men­khaus (Mar­burg), Harald Mey­er (Zürich), Gotelind Müller-Saini (Hei­del­berg), Yoko Naka­mu­ra (Wien), Dani­el Poch (Hei­del­berg), Hein­rich Rein­fried (Zürich), Danie­la Schaaf (Hei­del­berg), Wolf­gang Scha­mo­ni (Hei­del­berg), Anke Sche­rer (Bochum), Jan Schmidt (Hei­del­berg), Tino Schölz (Hal­le), Wolf­gang Sei­fert (Hei­del­berg), Maik Hen­drik Sprot­te (Hei­del­berg), Mela­nie Tre­de (Hei­del­berg), Edith Wag­ner (Erlan­gen), Mar­tin Wandt (Hal­le), Robin Wei­chert (Hei­del­berg), Asa-Bettina Wuthe­now (Hei­del­berg), Mat­thi­as Zach­mann (Mün­chen);

Bereits zum sieb­ten Mal traf sich die Initia­ti­ve zur His­to­ri­schen Japan­for­schung am ers­ten Mai-Wochenende 2006 zur Vor­stel­lung lau­fen­der oder gera­de fer­tig gestell­ter Arbei­ten und zu Dis­kus­sio­nen über The­men aus der his­to­ri­schen Japan­for­schung.

Den ers­ten Vor­trag des Tref­fens hielt am Sams­tag Urs Mat­thi­as Zach­mann (Uni­ver­si­tät Mün­chen) mit dem Titel „Das kur­ze Schick­sal einer gro­ßen Idee: Konoe Ats­um­aros Vor­stel­lung einer panasia­ti­schen Alli­anz, 1898“. Im Zen­trum des Vor­trags stand ein Arti­kel, den Konoe Ats­um­aro, damals Prä­si­dent des japa­ni­schen Ober­hau­ses, unter dem Titel „Eine Ras­se­n­al­li­anz; gleich­zei­tig zur Not­wen­dig­keit der Erfor­schung der Chi­ne­si­schen Fra­ge“ im Janu­ar 1898 in der Zeit­schrift Taiyô ver­öf­fent­lich­te. Dar­in prä­sen­tier­te der Ver­fas­ser die Idee einer gegen den Wes­ten gerich­te­ten asia­ti­schen Alli­anz und dräng­te auf ein ver­stärk­tes Enga­ge­ment Japans in Chi­na. Kur­ze Zeit vor Erschei­nen die­ses Arti­kels hat­te Konoe noch die Mei­nung ver­tre­ten, dass es kei­nen Kampf zwi­schen den Ras­sen — wie er ihn in besag­tem Arti­kel kon­sta­tier­te — son­dern einen Wett­kampf der Kul­tu­ren gebe. Konoes Arti­kel lös­te in den poli­ti­schen und diplo­ma­ti­schen Krei­sen Japans Befrem­den aus: Der japa­ni­sche Gesand­te in Paris nann­te Konoe in einer Unter­re­dung einen Fana­ti­ker und Anhän­ger einer Min­der­hei­ten­mei­nung; Ôku­ma Shi­geno­bu bezeich­ne­te die von Konoe pro­kla­mier­te Not­wen­dig­keit einer Alli­anz der gel­ben Ras­se als Unsinn. Nach­dem sich die Auf­re­gung um Konoes äuße­rung gelegt hat­te, wur­de die­ser dann zu einem Ver­fech­ter einer japanisch-britischen Alli­anz. Zach­mann unter­such­te in sei­nem Vor­trag anhand die­ses Bei­spiels, wel­chen Stel­len­wert Bekennt­nis­se zum Pan-Asianismus — als ein sol­ches könn­te der 1898er Arti­kel von Konoe gewer­tet wer­den — inner­halb der Dis­kur­se in der Meiji-Zeit hat­ten. Er kam zu dem Schluss, dass sol­che Bekennt­nis­se von der poli­ti­schen Füh­rung Japans mög­lichst ver­mie­den wur­den, da Japan eine Alli­anz mit west­li­chen Staa­ten anstreb­te. Nur eine Min­der­heit nahm pan-asiatische Vor­stel­lun­gen ernst, aller­dings argu­men­tier­ten sogar die­se Befür­wor­ter nicht ras­sis­tisch, da das Kon­zept Ras­se im poli­ti­schen Dis­kurs tabu war; bei einer sol­chen Argu­men­ta­ti­on hät­te Japan gegen­über dem Wes­ten immer auf der Ver­lie­rer­sei­te gestan­den. Die Alli­anz der asia­ti­schen Völ­ker wur­de nur auf bila­te­ra­ler Ebe­ne zwi­schen Japan und Chi­na beschwo­ren, inter­na­tio­nal stell­te Japan sich auf die Sei­te des Wes­tens. Konoes Arti­kel ist dem­nach als kurz­fris­ti­ge hef­ti­ge Reak­ti­on auf die vor sei­nem Arti­kel im Wes­ten beschwo­re­ne „gel­be Gefahr“ zu ver­ste­hen.
Die Dis­kus­si­on im Anschluss an den Vor­trag ging von die­sem damals im Wes­ten ver­brei­te­ten Bild der „gel­ben Gefahr“ aus. Im Wes­ten blieb das Image Konoes als eines Ver­fech­ters des Pan-Asianismus und damit Feind­bil­des west­li­cher Poli­ti­ker an ihm haf­ten. In dem­sel­ben Jahr, in dem sein Arti­kel erschie­nen war, mach­te zum Bei­spiel ein eng­li­scher Science-Fiction-Roman Furo­re, in dem der Prot­ago­nist japanisch-chinesischer Abstam­mung die bei­den Län­der Chi­na und Japan zusam­men­bringt und die euro­päi­schen Län­der gegen­ein­an­der auf­hetzt. In Japan selbst wur­de Konoe dage­gen nicht als ech­ter Ver­tre­ter des Pan-Asianismus ernst genom­men. So fin­det sich der Auf­satz vom Janu­ar 1898 nicht im ein­schlä­gi­gen Sam­mel­band von Takeu­chi Yoshi­mi zu die­sem The­ma. Der zwei­te Teil der Dis­kus­si­on beschäf­tig­te sich dann mit der Fra­ge nach dem Ras­sis­mus als all­ge­mein akzep­tier­ter Vor­stel­lung Ende des 19. Jahr­hun­derts. In die­ser Zeit wur­de in Japan das The­ma der „star­ken“ gegen die „schwa­chen“ Völ­ker im Rah­men des Sozi­al­dar­wi­nis­mus dis­ku­tiert. Pro­ble­ma­tisch an Konoes Arti­kel sei auch, dass er sehr abs­trak­te Ide­en ent­hielt, aber kei­ner­lei prak­tisch umsetz­ba­re Vor­schlä­ge für die tat­säch­li­che Durch­füh­rung einer sol­chen japanisch-chinesischen Alli­anz ent­hielt. Dies ist ein wei­te­rer Hin­weis dar­auf, dass der Arti­kel eher den Cha­rak­ter einer kurz­fris­tig hin­ge­wor­fe­nen Idee als einer wohl­über­leg­ten lang­fris­ti­gen Über­zeu­gung hat.

Nach die­sem Vor­trag folg­te ein Dis­kus­si­ons­bei­trag von Mela­nie Tre­de (Uni­ver­si­tät Hei­del­berg) zum The­ma „Geschichts­wis­sen­schaft und Kunst­his­to­rie: Plä­doy­er für mehr Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät“. Als Aus­gangs­punkt dien­te die Beob­ach­tung, dass sich nur weni­ge Kunst­his­to­ri­ker im Bereich Euro­pa auch mit den his­to­ri­schen Hin­ter­grün­den beschäf­tig­ten, die mit der Ent­ste­hung der jewei­li­gen Kunst­ob­jek­te zusam­men hän­gen. In Japan sei es üblich, dass sich japa­ni­sche Kunst­his­to­ri­ker ent­spre­chen­de Infor­ma­tio­nen von His­to­ri­kern hol­ten. West­li­che His­to­ri­ker japa­ni­scher Kunst wie­der­um bezö­gen oft ihre Infor­ma­tio­nen zu his­to­ri­schen Hin­ter­grün­den von den japa­ni­schen Kunst­his­to­ri­ker­kol­le­gen. Am Bei­spiel eines Bild­rol­len­sets ver­an­schau­lich­te Tre­de, war­um die Erfor­schung der Ent­ste­hungs­ge­schich­te und die Kon­tex­tua­li­sie­rung von Kunst­ob­jek­ten einen Erkennt­nis­ge­winn für Kunst­his­to­ri­ker dar­stellt. Ein beson­ders spek­ta­ku­lä­rer Fall, in dem die inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit zu neu­en Erkennt­nis­sen führt, sei das 1995 vom japa­ni­schen Kunst­his­to­ri­ker Yone­ku­ra Michio publi­zier­te Buch, in dem er aus­führt, dass das berühm­tes­te Por­trät von Mina­mo­to no Yori­to­mo im Jingoji-Tempel in Kyô­to wahr­schein­lich 200 Jah­re nach dem Tod des Por­trä­tier­ten ent­stan­den ist und Ashi­ka­ga Shi­ge­mo­ri dar­stellt. Die Quel­le für die Zuschrei­bung des Por­träts zu Mina­mo­to no Yori­to­mo ist ein ähn­li­ches Bild im Bri­tish Muse­um, auf dem sich eine Auf­schrift befin­det, die Yori­to­mo erwähnt. His­to­ri­ker, die die­se Auf­schrift unter­sucht haben, haben aber fest­ge­stellt, dass sie geo­gra­phi­sche Namen und Bezeich­nun­gen für Yori­to­mo ent­hält, die im 12. Jahr­hun­dert noch nicht ver­wen­det wur­den. Da die­se Refe­renz für die Zuschrei­bung des Por­träts eine Fäl­schung ist, fällt eines der wich­tigs­ten Argu­men­te für eine Iden­ti­fi­ka­ti­on Yori­to­mos auf dem Jingoji-Porträt weg. Außer­dem wur­de der für die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Metho­den der His­to­ri­ker und Kunst­his­to­ri­ker maß­geb­li­che japa­ni­sche His­to­ri­ker Kuro­da Hideo und sein Werk kurz vor­ge­stellt.
Die Dis­kus­si­on zu die­sem Bei­trag dreh­te sich um die gene­rel­le Fra­ge der Ver­läss­lich­keit von Quel­len. Sowohl bei der Ver­wen­dung von Tex­ten als auch bei der Ver­wen­dung von Bil­dern als Quel­len muss deren Zuver­läs­sig­keit beur­teilt wer­den. Wenn His­to­ri­ker Bil­der als Quel­len oder zur Illus­tra­ti­on ver­wen­den, so soll­ten sie auch auf die­se die Prin­zi­pi­en der Quel­len­kri­tik anwen­den, bei Bil­dern beson­ders, da Men­schen dazu ten­die­ren, ihnen stär­ker als Tex­ten die getreue Abbil­dung der „Wirk­lich­keit“ zuzu­trau­en. Tre­de erin­ner­te dar­an, dass Bil­der auch immer die Sicht­wei­se der jewei­li­gen Auftrag- bzw. Geld­ge­ber dar­stell­ten und dass man die­sen Fak­tor in der Nut­zung einer Dar­stel­lung als Quel­le berück­sich­ti­gen muss. Abschlie­ßend dreh­te sich die Dis­kus­si­on um die Fra­ge der Benut­zung von Bil­dern als Illus­tra­tio­nen im Unter­richt. Hier wur­de einer­seits auf die Wir­kung der Visua­li­sie­rung in der didak­ti­schen Auf­be­rei­tung von Unter­richts­stoff hin­ge­wie­sen, ande­rer­seits muss der Ein­satz von Bil­dern durch die quel­len­kri­ti­sche Betrach­tung unter­stützt wer­den, für die der Bei­trag von Mela­nie Tre­de die Dis­kus­si­ons­run­de sen­si­bi­li­siert hat.

In der nach­fol­gen­den Rubrik „Vor­stel­lung eige­ner Arbei­ten und Pro­jek­te“ berich­te­te Hans Mar­tin Krä­mer (Uni­ver­si­tät Bochum) zuerst über die AAS-Konferenz im April 2006 in San Fran­cis­co. Danach stell­te Yoko Naka­mu­ra (Uni­ver­si­tät Wien) ihr Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt zu Bushidô-Diskursen in der spä­ten Meiji-Zeit (1890–1912) vor. Gegen­stand die­ser Arbeit soll der Dis­kurs in der spä­ten Meiji-Zeit sein, in dem ein neu­es Loya­li­täts­ge­fü­ge ent­wi­ckelt wer­den soll­te. Dabei soll­te der his­to­ri­sche Bushi­dô benutzt wer­den, um Loya­li­tät vom Shôgun auf den Ten­nô zu über­tra­gen. Dadurch soll­te eine neue, all­ge­mein ver­bind­li­che Ethik geschaf­fen wer­den. Die For­schungs­fra­ge der Arbeit ist dabei, wel­che Argu­men­te benutzt wur­den, um Bushi­dô als Grund­la­ge für die­se neu zu schaf­fen­de Loya­li­täts­struk­tur zu nut­zen und inwie­weit die­se Anstren­gun­gen Früch­te getra­gen haben. Als Quel­len­grund­la­ge die­nen ver­schie­de­ne Zeit­schrif­ten, in denen die­ser Dis­kurs geführt wur­de. In der Dis­kus­si­on über die­se Arbeit gab es die Anre­gung, zuerst zu klä­ren, was mit die­sem im Dis­kurs ver­wen­de­ten Begriff des Bushi­dô gemeint war sowie sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der zu set­zen, in wie weit eine eigent­lich auf der eli­tä­ren Vor­stel­lung eines nur für die Krie­ger­eli­te vor­ge­se­he­nen Wer­te­sys­tems basie­ren­de Ethik über­haupt auf das gesam­te Volk über­trag­bar sei. Wei­ter­hin wur­de ange­regt, sich mit der Rol­le zu befas­sen, die dem Bushi­dô im Schul­un­ter­richt zukom­men soll­te und zu unter­su­chen, wie Japan sich mit die­ser erklär­ter­ma­ßen rein japa­ni­schen Ethik in Asi­en posi­tio­nie­ren woll­te.

Am zwei­ten Tag der Kon­fe­renz stell­te Anke Sche­rer (Ruhr-Universität Bochum) ihre kürz­lich fer­tig gestell­te Dis­ser­ta­ti­on zur japa­ni­schen Aus­wan­de­rung in die Man­dschu­rei vor. Der Vor­trag stell­te die staat­lich gelenk­te Mas­sen­aus­wan­de­rungs­kam­pa­gne vor, mit der zwi­schen 1936 und 1956 1 Mil­li­on Haus­hal­te aus länd­li­chen Gebie­ten in die Man­dschu­rei aus­wan­dern soll­ten. Zur Umset­zung die­ser Plä­ne wur­de unter ande­rem eine Orga­ni­sa­ti­ons­form genutzt, bei der rund ein Drit­tel aller Haus­hal­te aus einem Dorf gemein­sam aus­wan­dern und eine neue Sied­lung auf dem Fest­land grün­den soll­ten. Dies wur­de dann „Dorf­tei­lung“ genannt. Am Fall des bekann­tes­ten „geteil­ten“ Dor­fes Ôhi­na­ta in der Prä­fek­tur Naga­no, das für die Pro­pa­gie­rung der Dorf­tei­lung ein­ge­setzt wur­de, lässt sich zei­gen, dass die Mas­sen­aus­wan­de­rung die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on nicht wie von den Pla­nern auf zen­tra­ler Ebe­ne vor­ge­se­hen ver­bes­sern konn­te. Dies war unter ande­rem dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass die Pla­ner davon aus­gin­gen, dass sich durch die Reduk­ti­on der Bevöl­ke­rung in den teil­neh­men­den Gemein­den die von den zurück­blei­ben­den Haus­hal­ten genutz­te Acker­flä­che ver­grö­ßern wür­de. Da aller­dings meist fast besitz­lo­se Haus­hal­te an der Aus­wan­de­rungs­kam­pa­gne teil­nah­men, ver­bes­ser­te sich die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on in den Dör­fern kaum. Die Pla­ner der Kam­pa­gne berück­sich­tig­ten nicht, dass die sehr unglei­che Ver­tei­lung des Acker­lan­des in den länd­li­chen Gebie­ten und die Ver­schul­dung vie­ler Bau­ern durch den Preis­ver­fall für länd­li­che Pro­duk­te wie Roh­sei­de und Holz­koh­le die Haupt­grün­de für die länd­li­che Armut waren. Die Dis­kus­si­on ging wei­ter auf die ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grün­de der Aus­wan­de­rungs­kam­pa­gne ein. Wie auch bei der Indus­tria­li­sie­rung der Man­dschu­rei stand bei der Besied­lung das poli­ti­sche Ziel der Beherr­schung des Gebie­tes im Vor­der­grund.

Den Abschluss des Tref­fens bil­de­te ein Dis­kus­si­ons­bei­trag von Tho­mas Bütt­ner (Uni­ver­si­tät Hei­del­berg) zu „Mög­lich­kei­ten quan­ti­ta­ti­ver Metho­den in der his­to­ri­schen Japan­for­schung. Ein neu­er Blick auf die (Politik-)Geschichte“. Aus­gangs­punkt der Über­le­gun­gen war das Bei­spiel des Kido Kôi­chi nik­ki, das von der his­to­ri­schen Japan­for­schung zu unkri­tisch als pri­va­te Quel­le genutzt wer­de, um Aus­sa­gen über Kidos Hand­lungs­in­ten­tio­nen zu machen. Da Bütt­ner einen Brief Kidos an Ari­ma Yoriyasu gefun­den hat, in dem Kido Ari­ma bit­tet, Tei­le die­ses nik­ki zu redi­gie­ren, argu­men­tier­te er, dass die­ses nik­ki hier kei­nes­falls mit einen unver­fälsch­ten Tage­buch gleich­zu­set­zen sei. Viel­mehr müss­ten His­to­ri­ker in Betracht zie­hen, dass auch die­se schein­bar unge­fil­ter­ten Äuße­run­gen Kidos bewusst redi­giert wur­den. Qua­li­ta­ti­ve For­schung, die sich auf die­se Art von Quel­len stützt, läuft häu­fig Gefahr, zu sehr von der Selbst­dar­stel­lung der poli­ti­schen Akteu­re beein­flusst zu sein, zumal die­se Akteu­re oft die wich­tigs­ten Bücher über ihre Akti­vi­tä­ten selbst ver­fasst und ent­spre­chend edi­tiert haben. Um die­ser Gefahr ent­ge­gen­zu­wir­ken, ver­wen­det Bütt­ner in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on über die Tai­sei Yoku­s­an­kai (Gesell­schaft zur Unter­stüt­zung der Kai­ser­herr­schaft) den Ansatz der Netz­werk­for­schung. Die­se ver­sucht sozia­le Bezie­hun­gen zu quan­ti­fi­zie­ren und Netz­wer­ke abs­trakt abzu­bil­den. Durch Daten­ban­ken mit bio­gra­fi­schen Daten las­sen sich so Schlüs­se dar­über zie­hen, wie gemein­sa­me Her­kunft oder gemein­sa­mer Bil­dungs­hin­ter­grund Akteurs­ver­hal­ten und Ent­schei­dungs­pro­zes­se beein­flusst haben könn­ten.
Die anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on befass­te sich mit der Fra­ge, wel­che neu­en Erkennt­nis­se durch die­sen Ansatz gewon­nen wer­den könn­ten. Zwar gene­rier­ten quan­ti­ta­ti­ve Ver­fah­ren nicht mehr Infor­ma­tio­nen, aber sie struk­tu­rier­ten sie bes­ser. Für den Fall der Tai­sei Yoku­s­an­kai bie­tet eine auf der Grund­la­ge der Netz­werk­ana­ly­se durch­ge­führ­te quan­ti­ta­ti­ve Unter­su­chung zum Bei­spiel die Mög­lich­kei­ten, ent­we­der Ent­schei­dungs­pro­zes­se und Ent­schei­dungs­trä­ger durch Ein­be­zie­hung der Netz­werk­struk­tur neu zu ana­ly­sie­ren, oder durch eine Unter­su­chung der sozia­len Hin­ter­grün­de der Ent­schei­der neue Erkennt­nis­se über die Funk­ti­ons­wei­se der Tai­sei Yoku­s­an­kai zu erhal­ten. Wolf­gang Sei­fert (Uni­ver­si­tät Hei­del­berg) schlug ein Modell vor, das davon aus­geht, dass die Tai­sei Yoku­s­an­kai eine Eli­te bil­de­te, zu der Per­so­nen aus ver­schie­de­nen sozia­len Schich­ten gehör­ten. Eine Unter­su­chung der Her­kunft ver­schie­de­ner Tei­le der Eli­te könn­te die sozia­le Zusam­men­set­zung und die ver­schie­de­nen Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen inner­halb der Eli­te klä­ren. Die Dis­kus­si­on warf aller­dings auch Pro­ble­me hin­sicht­lich der Daten­grund­la­ge für sol­che Netz­werk­stu­di­en auf. Nicht alle Inter­ak­ti­on sei ver­schrift­licht, Kom­po­nen­ten wie Inten­si­tät und Wer­tig­keit von Bezie­hun­gen las­sen sich schwer quan­ti­fi­zie­ren. Wei­te­re Pro­ble­me sind die Dyna­mik und Sta­bi­li­tät von Netz­wer­ken. Da Metho­den in der Regel nach dem jewei­li­gen Erkennt­nis­in­ter­es­se gewählt wer­den, wur­de vor­ge­schla­gen, quan­ti­ta­ti­ve Metho­den wie die Netz­werk­ana­ly­se in Zusam­men­wir­kung mit bzw. zur Kon­tex­tua­li­sie­rung per­sön­li­cher Quel­len wie nik­ki u.a. ein­zu­set­zen.

Hans Mar­tin Krä­mer erin­ner­te an die von ihm auf­ge­bau­te Online-Datenbank von Quel­len in Über­set­zung. Die­se läuft im Pro­be­be­trieb unter http://dbs.rub.de/japanquellen/home.php. Ziel ist, biblio­gra­phi­sche Anga­ben zu japa­ni­schen his­to­ri­schen Quel­len in west­lich­spra­chi­ger Über­set­zung (der­zeit Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch und Spa­nisch) in einer Daten­bank mit Such­funk­ti­on ver­füg­bar zu machen. Die Daten­bank ist so kon­zi­piert, dass jeder Bei­trä­ge leis­ten kann. Besu­che­rIn­nen des Tref­fens und Lese­rIn­nen die­ses Berich­tes sind wie­der auf­ge­ru­fen, in die­se Daten­bank Ein­trä­ge ein­zu­spei­sen und Hin­wei­se zu geben, wie die Kate­go­ri­en (ins­be­son­de­re für Schlag­wör­ter und Quel­len­typ) wei­ter ver­bes­sert wer­den kön­nen.

(Pro­to­koll: Anke Sche­rer)

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favicon018. Tref­fen am Ost­asia­ti­schen Insti­tut /Japanologie der Uni­ver­si­tät Leip­zig am 4. und 5. Novem­ber 2006:

Anwe­send in Leip­zig waren: Tho­mas Bütt­ner (Hei­del­berg) , Mar­co Gerbig-Fabel (Erfurt), Stef­fi Rich­ter (Leip­zig), Fabi­an Schä­fer (Leip­zig), Anke Sche­rer (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Tino Schölz (Hal­le), Micha­el Schultz (Leip­zig), Maik Hen­drik Sprot­te (Hei­del­berg), Det­lev Taran­c­zew­ski (Bonn), Anne­li Wal­len­to­witz (Bonn), Rein­hard Zöll­ner (Erfurt);

Im ers­ten Vor­trag behan­del­te Micha­el Schultz (Leip­zig) die Instru­men­ta­li­sie­rung von his­to­ri­schen Ereig­nis­se für den Revi­sio­nis­mus, wie sie in den letz­ten Jah­ren vor allem in Bezug auf die Schul­buch­de­bat­te und auf Fra­gen des zwei­ten Welt­kriegs in Japan vor­ge­kom­men ist. Als the­ma­ti­sches Feld war dabei der Russisch-Japanische Krieg abge­steckt, der sich als abwei­chen­des Bei­spiel nicht nur auf­grund des gera­de zurück­lie­gen­den hun­dert­jäh­ri­gen Jubi­lä­ums, son­dern auch, da er gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung betrifft und zudem der letz­te Krieg war, aus dem Japan als ein­deu­ti­ger Sie­ger her­vor­ge­gan­gen ist. Als Quel­len­ma­te­ri­al lagen mit der Unter­su­chung das Shin reki­shi kyô­kas­ho der Ata­ra­shii reki­shi kyô­kas­ho o tsuku­ru kai, dem Man­ga Sen­sôron von Koba­ya­shi Yoshi­n­o­ri und einer Samm­lung von Zeit­schrif­ten­ar­ti­keln Tex­te aus ver­schie­de­nen Gen­res zugrun­de. Trotz der Ver­schie­den­ar­tig­keit der Tex­te gab es per­so­nel­le Über­schnei­dun­gen der Auto­ren­schaft, so ist. z.B. Koba­ya­shi auch Mit­glied der Tsuku­ru kai.
Die revi­sio­nis­ti­sche Behand­lung des Russisch-Japanischen Krie­ges zeich­net sich durch die Nega­ti­on von Ver­ant­wor­tung für kri­tik­wür­di­ge Akte wie den Angriff auf Port Arthur noch vor einer offi­zi­el­len Kriegs­er­klä­rung und durch geziel­te Aus­las­sung von pro­ble­ma­ti­schen The­men­kom­ple­xen wie der Ver­let­zung der Sou­ve­rä­ni­tät Koreas aus. Vor allem wer­den dem Krieg jedoch ver­schie­de­ne posi­ti­ve Attri­bu­te zuge­schrie­ben. So wird er durch die Dar­stel­lung als Überlebens- und Ver­tei­di­gungs­kampf als „not­wen­di­ger Krieg“, durch die Dar­stel­lung als durch das Völ­ker­recht und inter­na­tio­na­le Über­ein­künf­te gedeck­ter Kampf als „lega­ler Krieg“, durch die Dar­stel­lung der All­täg­lich­keit von Krie­gen in der Geschich­te als „nor­ma­ler Krieg“ und schließ­lich durch die Dar­stel­lung ver­meint­li­cher posi­ti­ver Impul­se für Asi­en und sei­ne Befrei­ung von der Kolo­ni­al­herr­schaft als „posi­ti­ver Krieg“ sti­li­siert. Dadurch soll (frü­her) herr­schen­de Geschichts­bil­der im Dis­kurs über den Russisch-Japanischen Krieg auf­ge­bro­chen und ein posi­ti­ver Bezug zur japa­ni­schen Ver­gan­gen­heit her­ge­stellt wer­den. Dar­über hin­aus zeich­net sich der revi­sio­nis­ti­sche Dis­kurs über ver­schie­de­ne „Zen­tris­men“ aus; er blen­det u.a. die Rol­le der ande­ren asia­ti­schen Län­der aus und ist so japan­zen­triert — auch wenn die ange­wand­te Her­an­ge­hens­wei­se als euro­zen­trisch cha­rak­te­ri­siert wer­den könn­te und ist in der Dar­stel­lung von heroi­schen Män­nern und ihren Taten andro­zen­trisch.
Die anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on dreh­te sich bis auf eini­ge Anmer­kun­gen bezüg­lich der etwas zu kau­sal dar­ge­stell­ten Bezie­hung zwi­schen den Fol­gen der bub­b­le eco­no­my und dem aktu­el­len Revi­sio­nis­mus und dem Hin­weis von J. Schmidt, dass die His­to­ri­sie­rung des Kon­flik­tes bereits in den 20er Jah­ren begann, um Fra­gen der „Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se und -ver­hält­nis­se von Geschich­te“ (Taran­c­zew­ski). Zum Abschluss wur­de von M. Gerbig-Fabel all­ge­mein dar­auf hin­ge­wie­sen, wie pro­ble­ma­tisch die Per­spek­ti­ve bei einer Dis­kus­si­on über Fach­gren­zen hin­weg ist.

Im zwei­ten Vor­trag des Tages stell­te Mar­co Gerbig-Fabel sein Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt zu pho­to­gra­phi­schen Arte­fak­ten des Russisch-Japanischen Krie­ges 1904/05 vor. Inhalt­li­che Punk­te stan­den im Hin­ter­grund, statt­des­sen wur­de ver­sucht zu klä­ren, in wel­cher Wei­se His­to­ri­ker Zugriff auf visu­el­le Quel­len haben und den Rah­men der Mög­lich­kei­ten im Umgang damit abzu­ste­cken. Die Arbeit geht von der The­se aus, dass Foto­gra­fi­en nicht als his­to­ri­scher Beweis, son­dern viel­mehr selbst als das His­to­ri­sche zu betrach­ten sind, und ent­wirft auf die­ser Basis eine kul­tur­ge­schicht­li­che Deu­tung der japa­ni­schen Moder­ne. Foto­gra­fi­sche Abbil­dun­gen sug­ge­rie­ren eine nicht vor­han­de­ne Ein­deu­tig­keit und gene­rie­ren dadurch Ereig­nis­se. Da sie immer in einem Kon­text von Beschrif­tun­gen, Beschrei­bun­gen, ande­ren Bil­dern etc. ste­hen sind Foto­gra­fi­en nicht mehr als ein media­les Arte­fakt im fou­cault­schen Sin­ne und reprä­sen­tie­ren nicht den Krieg als sol­chen authen­tisch, son­dern kon­stru­ie­ren eine media­le Reprä­sen­ta­ti­on des­sel­ben. Um die­se der his­to­ri­schen Ana­ly­se zu öff­nen, müs­se der visu­el­le Ober­flä­chen­zu­sam­men­hang zer­stört wer­den und die media­len Logis­ti­ken, die die Reprä­sen­ta­ti­on des Russisch-Japanischen Krie­ges orga­ni­sier­ten, rekon­stru­iert wer­den. Die foto­gra­fi­schen Spu­ren wer­den daher nicht als authen­ti­sches Abbild, son­dern als Evi­denz gene­rie­ren­de Reprä­sen­ta­tio­nen ver­stan­den. Die Stu­die soll auf die­ser Basis metho­disch wie empi­risch fun­diert die Geschich­te des Russisch-Japanischen Krie­ges als trans­re­gio­na­les Phä­no­men und trans­re­gio­na­len Ereig­nis­zu­sam­men­hang beschrei­ben.
In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on die Fra­ge auf­ge­wor­fen, ob und wie weit Foto­gra­phi­en als Quel­len­gat­tung tat­säch­lich qua­li­ta­tiv anders zu behan­deln sind als „her­kömm­li­che“ schrift­li­che Quel­len, die ja auch mit metho­di­scher Sorg­falt zu behan­deln sind. Als Ansatz­punkt dafür wur­de Droy­sens Unter­schei­dung zwi­schen Quel­len und Über­res­ten ein­ge­bracht sowie die Inten­ti­on der Foto­gra­phen, zu doku­men­tie­ren (Zöll­ner).

Als letz­ter Tages­ord­nungs­punkt für den Sams­tag stand die Dis­kus­si­on dar­über, wel­che Mög­lich­kei­ten Visu­al Histo­ry und Dis­kurs­ana­ly­se in der his­to­ri­schen Japan­for­schung eröff­nen, an. In einem Input-Referat stell­te Fabi­an Schä­fer (Leip­zig) kurz dar, wel­che Posi­tio­nen dazu von Paul und Sara­sin (Quel­len­an­ga­ben) ver­tre­ten wer­den. Die dar­auf fol­gen­de Dis­kus­si­on ließ die Visu­al Histo­ry weit­ge­hend außer acht und kon­zen­trier­te sich auf die Kri­tik von Dis­kurs­ana­ly­ti­kern an der „klas­si­schen“ his­to­ri­schen For­schung, die ver­su­che, Aus­sa­gen über Din­ge zu tref­fen, wo nur Aus­sa­gen über die Kon­struk­ti­on der Din­ge mög­lich sei. Mar­co Gerbig-Fabel berich­te­te dabei über Erfah­run­gen im Erfur­ter Gra­du­ier­ten­kol­leg, wo regel­mä­ßig his­to­ri­sche For­schung dis­kurs­ana­ly­tisch dekon­stru­iert und die Mög­lich­keit his­to­ri­scher For­schung gene­rell in Fra­ge gestellt wird.
Letzt­end­lich lief die Dis­kus­si­on auf die übli­chen ver­här­te­ten Fron­ten und das Argu­ment von T. Schölz, 50 Mil­lio­nen Tote im zwei­ten Welt­krieg könn­ten nicht nur Kon­struk­ti­on sein, hin­aus.

Im ein­zi­gen Vor­trag am Sonn­tag stell­te Jan Schmidt (Bochum, vor­mals Hei­del­berg) Ergeb­nis­se aus sei­ner Magis­ter­ar­beit zur Bewer­tung und „Nut­zung“ des ers­ten Welt­kriegs in Tex­ten des Mili­tärs und der poli­ti­schen Par­tei­en unter dem Kabi­nett Hara (1918–1921) dar. Aus­gangs­punkt war die Fra­ge, ob mili­ta­ris­ti­sche Posi­tio­nen wie die For­de­rung nach einem „hoch­gra­di­gen Wehr­staat“ (kôdo koku­bo kok­ka) und der Aus­rich­tung des Staa­tes auf einen tota­len Krieg (sôryo­ku­sen), wie sie in den drei­ßi­ger und frü­hen vier­zi­ger Jah­ren in Japan ver­tre­ten wur­den, nicht mög­li­cher­wei­se schon frü­her, in einer Zeit, die als „Taishô-Demokratie“ oft­mals dazu kom­ple­men­tär als libe­ral und demo­kra­tisch dar­ge­stellt wird. Die Arbeit zeig­te auf der Basis von Tage­bü­chern, Brie­fen, Aus­schuss­pro­to­kol­len und vor allem Tex­ten aus den Orga­nen der gro­ßen Par­tei­en (insb. der Seiyû), dass die Bedeu­tung des ers­ten Welt­krie­ges für die japa­ni­sche Geschich­te nicht aus­rei­chend gewür­digt wird, da er nicht bloß gro­ße wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen hat­te, son­dern die Auf­merk­sam­keit in Japan auf ver­schie­de­ne zukünf­ti­ge Fra­gen lenk­te. So rich­te­ten sowohl das Heer als auch die Mari­ne Unter­su­chungs­kom­mis­sio­nen ein, die Mate­ri­al zum Kriegs­ver­lauf sam­mel­ten. Die­ses bezog sich anfangs zwar vor­nehm­lich auf die ober­fläch­li­chen Ereig­nis­se, doch schon bald rich­te­te sich das Augen­merk auf Fra­gen der Mobi­li­sie­rung, was zum Vor­läu­fer der „Mobi­li­sie­rung der gan­zen Nati­on“ (kok­ka sôdôin) in den spä­ten drei­ßi­ger Jah­ren wur­de. Dabei lag die Annah­me zugrun­de, dass Japan über kurz oder lang mit einem tota­len Krieg rech­nen — wobei sich schon früh die USA als der pro­ji­zier­te Geg­ner her­aus­bil­de­ten — und sich auf die­sen vor­be­rei­ten müs­se. Die­ser Gedan­ke wur­de u.a. in soge­nann­ten sawa­kai (Tee­ge­sell­schaf­ten) der Seiyû­kai ver­brei­tet, auf denen Mili­tärs oder Fach­leu­te Vor­trä­ge vor der ver­sam­mel­ten Par­tei­füh­rung hiel­ten. Tat­säch­lich wur­den auch in der prak­ti­schen Poli­tik bald Kon­se­quen­zen gezo­gen. Einer der vier gro­ßen Reform­punk­te der Seiyû­kai unter Hara war die „Ver­voll­komm­nung der Lan­des­ver­tei­di­gung“ (koku­bô no jûjit­su), und kriegs­wich­ti­ge Indus­tri­en wur­den gezielt geför­dert. So warb auch der Last­wa­gen­her­stel­ler Isu­zu End­kun­den mit dem Argu­ment staat­li­cher För­de­rung an. So began­nen schon lan­ge vor der „Mobi­li­sie­rung der gan­zen Nati­on“ mili­tä­ri­sche Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter auch über die Poli­tik hin­aus aus­zu­brei­ten.
In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on wur­de erneut die dis­kurs­ana­ly­ti­sche Dekon­struk­ti­on auf­ge­grif­fen, da das Pro­jekt „klas­si­sche“ his­to­ri­sche For­schung dar­stellt, ohne dass jedoch prin­zi­pi­ell neue Argu­men­te auf­ge­wor­fen wur­den.

(Pro­to­koll: Tho­mas Bütt­ner)

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favicon049. Tref­fen an der Sek­ti­on Geschich­te Japans, Fakul­tät für Ost­asi­en­wis­sen­schaf­ten der Ruhr-Universität Bochum am 5. und 6. Mai 2007:

Anwe­send in Bochum waren: Mar­kus Ber­ner (Bochum), Bri­git­te Bonn (Bochum), Hein­rich Born (Bochum), Tho­mas Bütt­ner (Hei­del­berg), Cho Sung-Yeon (Bochum), Diet­mar Ebert (Ber­lin, Bochum), Anna Ernst (Bochum), Oly Firsching-Tovar (Dort­mund), Judith Fröh­lich (Zürich), Hol­ger Funk (Pader-born), Sarah Gör­lich (Bochum), Nina Holz­schnei­der (Bochum), Jin­no Miyo­ko (Bochum), Pierre Kem­per (Bochum), Arne Krauß (Bochum), Tobi­as Krut­schek (Bochum), Romi­na Maland­ri­no (Bochum), Regi­ne Mathi­as (Bochum), Micha­el Matt­ner (Bochum), Simo­ne Mül­ler (Zürich), Lisa Nye (Shef­field), Sven Oster­kamp (Bochum), Erich Pau­er (Mar­burg), Hein­rich Rein­fried (Zürich), Fabi­an Schä­fer (Leip­zig), Anke Sche­rer (Köln), Ben­ja­min Schmal­of­ski (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Tino Schölz (Hal­le), Michae­la Sei­bel (Bochum), Bar­ba­ra Seyock (Mün­chen), Nao­ko Shi­ma­zu (Lon­don), Dani­el Sta­ab (Bochum), Mar­tin Stro­schein (Bochum), Robin Wei­chert (Hei­del­berg), Yu Myoung In (Bochum), Yu Yueh-Chen (Düs­sel­dorf), Mat­thi­as Zach­mann (Mün­chen), Nora Zes­ling (Bochum), Rein­hard Zöll­ner (Erfurt);

Den ers­ten Vor­trag am Sams­tag hielt Frau Bar­ba­ra Seyock „Zum Stel­len­wert der Archäo­lo­gie in Japan“. Sie ging dar­in der Fra­ge nach, in wel­chem Rah­men und unter wel­chen Bedin­gun­gen man sich inner­halb der Archäo­lo­gie in Japan bewegt. Vie­le Muse­en, Publi­ka­tio­nen mit gro­ßer The­men­brei­te und hohen Auf­la­gen sowie eine im Ver­gleich z.B. zu Deutsch­land gro­ße Gra­bungs­tä­tig­keit bele­gen dabei, dass die Archäo­lo­gie einen hohen Stel­len­wert nicht nur in aka­de­mi­schen Krei­sen son­dern auch in der all­ge­mei­nen Öffent­lich­keit in Japan hat.

Ein mar­kan­tes Bei­spiel für das öffent­li­che Inter­es­se an Archäo­lo­gie in Japan ist ein Skan­dal im Novem­ber 2001, bei dem der Archäo­lo­ge Fuji­mu­ra Shin’ichi über­führt wur­de, ver­meint­li­che Fun­de, die er bzw. sei­ne Gra­bungs­hel­fer mach­ten, zuvor heim­lich selbst ver­gra­ben zu haben. Die Auf­de­ckung die­ser Fäl­schun­gen führ­te zu einem enor­men Medi­en­echo, Straf­ver­fah­ren und sogar zum Selbst­mord eines Archäo­lo­gen. Durch den Skan­dal muss eine gro­ße Anzahl von Gra­bungs­fun­den, die den Zeit­punkt der ers­ten mensch­li­chen Besied­lung Japans bestim­men soll­ten, in Zwei­fel gezo­gen wer­den. Die Ereig­nis­se führ­ten dar­über hin­aus zu einer kon­tro­ver­sen Dis­kus­si­on über die Media­li­sie­rung des Gra­bungs­be­trie­bes und des Umgangs der For­scher mit dem gro­ßen Medi­en­in­ter­es­se an Archäo­lo­gie in Japan im All­ge­mei­nen. Als Ant­wort auf die dem Vor­trag zu Grun­de lie­gen­de Fra­ge nach dem Stel­len­wert der Archäo­lo­gie wies Bar­ba­ra Seyock des­halb dar­auf hin, dass in die­ser Wis­sen­schaft die Gren­ze zwi­schen Aka­de­mie und Öffent­lich­keit flie­ßend sei und die Ver­bin­dung der Archäo­lo­gie mit den japa­ni­schen Iden­ti­täts­dis­kur­sen einen Erwar­tungs­druck erzeu­ge, dem die Wis­sen­schaft­ler und die Stel­len, wel­che die archäo­lo­gi­schen Aus­gra­bun­gen admi­nis­trier­ten, durch media­le Auf­be­rei­tung und die Ein­rich­tung von z.B. Archäo­lo­gie­parks nach­kom­men müss­ten.

Der zwei­te The­men­block wid­me­te sich der Dis­kus­si­on über Gegen­wart und Zukunft der his­to­ri­schen Japan­for­schung in Deutsch­land. In ein­füh­ren­den State­ments wur­de dabei zunächst vor allem die Fra­ge der insti­tu­tio­nel­len Anbin­dung his­to­ri­scher Japan­for­schung the­ma­ti­siert. Regi­ne Mathi­as plä­dier­te dabei aus ver­schie­de­nen Grün­den nach­hal­tig für eine Fort­set­zung der his­to­risch gewach­se­nen insti­tu­tio­nel­len Ein­bin­dung in die Japan­wis­sen­schaf­ten. Nur hier sei­en die hand­werk­li­chen Vor­aus­set­zun­gen (Sprach­kennt­nis­se, theoretisch-methodisches Wis­sen, Wis­sen über japa­ni­sche Geschich­te sowie All­ge­mein­wis­sen zu Japan) umfas­send vermittel- bzw. erlern­bar und damit Nach­wuchs­re­kru­tie­rung wie auch die Siche­rung eines mög­lichst brei­ten Basis­wis­sens zu Japan, auf dem künf­ti­ge For­schung auf­bau­en könn­te, mög­lich.

Rein­hard Zöll­ner ver­stärk­te in sei­nem State­ment den Ein­druck, dass eine Ein­bin­dung in die all­ge­mei­ne Geschichts­wis­sen­schaft zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt eher kri­tisch zu bewer­ten sei, was er — neben Defi­zi­ten in der Fähig­keit von Jap­an­his­to­ri­kern in der Ver­mark­tung ihrer Erkennt­nis­se und der Gene­rie­rung von Auf­merk­sam­keit — nicht zuletzt auf die Zustän­de in der all­ge­mei­nen Geschichts­wis­sen­schaft zurück­führ­te. Inter­es­se sei hier durch­aus vor­han­den, blei­be jedoch meist spo­ra­di­scher Natur; wei­ter­hin zei­ge sich die Geschichts­wis­sen­schaft kaum bereit, die not­wen­di­ge insti­tu­tio­nel­le Infra­struk­tur durch die Schaf­fung von Lehr­stüh­len bereit­zu­stel­len.

Erich Pau­er schließ­lich kri­ti­sier­te in einem mit vie­len Bei­spie­len gesät­tig­ten Bei­trag Defi­zi­te der Unter­su­chung der tech­ni­schen Ent­wick­lung als wesent­li­chem Bestand­teil einer Ana­ly­se der Geschich­te Japans, ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund der gegen­wär­ti­gen Tech­no­lo­gie­macht Japan. In der Ver­ge­gen­wär­ti­gung tech­no­lo­gi­scher Grund­la­gen des Fort­schritts in der Vor- und Früh­mo­der­ne lie­ge eine zen­tra­le Chan­ce und Auf­ga­be für die Japan­for­schung, medi­al gepräg­ten roman­ti­sie­ren­den Kli­schees in der deut­schen Öffent­lich­keit ent­ge­gen­zu­tre­ten.

In der sich an die­se ein­füh­ren­den State­ments anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on wur­de einer­seits gefragt, inwie­fern neue Para­dig­men in der Geschichts­wis­sen­schaft — etwa die trans­na­tio­na­le Geschich­te oder die welt­re­gio­na­le Geschich­te — oder auch die Ent­wick­lung von gemein­sa­men For­schungs­pro­jek­ten Chan­cen für ein stär­ke­res Ein­brin­gen der his­to­ri­schen Japan­for­schung in die all­ge­mei­ne Geschichts­wis­sen­schaft bie­ten, ande­rer­seits ob die Struk­tur­ver­än­de­run­gen an den Uni­ver­si­tä­ten (Ein­füh­rung der gestuf­ten Stu­di­en­gän­ge usw.) fak­tisch Ver­bes­se­run­gen der Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen mit sich brin­gen könn­ten.

Der letz­te Pro­gramm­punkt des Sams­tags brach­te mit dem Vor­trag von Yu Myoung In über „Die Keijô-Reichsuniversität der Zeit der japa­ni­schen Kolo­ni­al­herr­schaft: ein Erzähl­stoff im zeit­ge­nös­si­schen gesell­schaft­li­chen und spä­te­ren wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs in Korea“ die korea­ni­sche Per­spek­ti­ve auf die japa­ni­sche Kolo­ni­al­herr­schaft in Korea ein. Mit dem in der korea­ni­schen Fach­welt weit ver­brei­te­ten Nar­ra­tiv über die Anfän­ge der korea­ni­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, aus dem die Keijô-Periode schlicht aus­ge­schlos­sen ist, illus­trier­te Yu My-oung In den pro­ble­ma­ti­schen Umgang von Korea­nern mit ihrer Ver­gan­gen­heit. Des Wei­te­ren beton­te er anhand des Wer­de­gangs ver­schie­de­ner Absol­ven­ten die Bedeut­sam­keit der Uni­ver­si­tät in der Geschich­te der korea­ni­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft.

Der zwei­te Tag des Tref­fens wur­de die­ses Mal in Eng­lisch durch­ge­führt. Unter dem Titel „Disea­se and Punish­ment: The Fuji­mo­to Tri­als and the Poli­tics of Lepro­sy in Post-War Japan“ stell­te zunächst Robin Wei­chert das The­ma sei­ner Magis­ter­ar­beit vor. Aus­ge­hend von dem kon­kre­ten Fall des lepra­kran­ken Bau­ern Fuji­mo­to Matsuo, der zu Beginn der 1950er Jah­re als Mör­der ver­däch­tigt, ange­klagt und zum Tode ver­ur­teilt wur­de, befass­te sich der Vor­trag mit der Situa­ti­on von Lepra­kran­ken und der Behand­lung der Krank­heit durch Staat und Gesell­schaft im Nach­kriegs­ja­pan. Dabei zei­gen sich zum einen, trotz medi­zi­ni­scher Fort­schrit­te, star­ke gesetz­li­che und insti­tu­tio­nel­le Kon­ti­nui­tä­ten zur Vor­kriegs­zeit, ins­be­son­de­re die Fort­set­zung der tota­len und zwangs­mä­ßi­gen Iso­lie­rung der Kran­ken. Zum ande­ren tra­ten die Pati­en­ten jedoch mit eige­nen poli­ti­schen For­de­run­gen auf, und setz­ten sich u.a. für den Ange­klag­ten Fuji­mo­to Matsuo ein. Anhand des Gerichts­falls, der auch von medi­zi­ni­schen Auto­ri­tä­ten zu eige­nen Zwe­cken benutzt und von Intel­lek­tu­el­len rezi­piert wur­de, und anhand des Lebens von Fuji­mo­to Matsuo selbst, will die Arbeit daher nach­voll­zie­hen, wel­che ver­schie­de­nen Bedeu­tun­gen und poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen die Lepra in der japa­ni­schen Gesell­schaft der 1950er und 1960er Jah­re trug, durch wel­che medizinisch-hygienischen Insti­tu­tio­nen und judi­zi­el­len Pro­zes­se ein Indi­vi­du­um oder eine bestimm­te Grup­pe als „Lepra­kran­ke®“ defi­niert wur­den, und wie die Betrof­fe­nen selbst mit die­ser Defi­ni­ti­on inter­agier­ten.

Der danach fol­gen­de Vor­trag von Nao­ko Shi­ma­zu befass­te sich mit der Fra­ge, wel­che Rol­le den im Russisch-Japanischen Krieg gefal­le­nen japa­ni­schen Sol­da­ten in einer natio­na­len Kon­text zukom­men soll­te. Dadurch dass die­ser Krieg eine um ein Viel­fa­ches höhe­re Zahl von Gefal­le­nen pro­du­ziert hat­te — ca. 74.000 von einer Mil­li­on japa­ni­schen Sol­da­ten — hat­te die japa­ni­sche Regie­rung erst­mals in der Moder­ne das Pro­blem der Behand­lung einer gro­ßen Anzahl von Gefal­le­nen und führ­te in die­sem Pro­zess den Begriff des „ehren­wer­ten Kriegs­to­ten“ ein. Die Zen­tral­re­gie­rung ver­pflich­te­te die Lokal­re­gie­run­gen, gro­ße Begräb­nis­se für die­se Toten zu ver­an­stal­ten, über­ließ die Finan­zie­rung die­ser Begräb­nis­se aller­dings den loka­len Eli­ten. Aus ideo­lo­gi­schen Grün­den soll­ten die Sol­da­ten nach Shintô-Ritus beer­digt wer­den, aber da die meis­ten Fami­li­en bud­dhis­ti­sche Begräb­nis­se wünsch­ten, wur­den schließ­lich Regu­la­ri­en für bei­de Begräb­nis­for­men her­aus­ge­ge­ben. Aus die­sen Begräb­nis­ze­re­mo­ni­en wur­den aber rasch offi­zi­el­le Ver­an­stal­tun­gen mit loka­len Funk­tio­nä­ren bei denen die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in der Min­der­heit waren und kaum eine Rol­le spiel­ten. Dadurch wur­den die­se Ver­an­stal­tun­gen wich­ti­ge Ele­men­te einer loka­len Poli­tik, bei der die Nati­on kaum eine Rol­le spiel­te. Da bei die­sen Ver­an­stal­tun­gen und den von offi­zi­el­len Stel­len wie dem Kai­ser­li­chen Reser­vis­ten­ver­band errich­te­ten Gefal­le­nen­denk­mä­lern aber die Bedürf­nis­se der Fami­li­en zu kurz kamen, began­nen die­se dar­auf­hin zusätz­lich pri­va­te, zum Teil sehr gro­ße Denk­mä­ler für ihre gefal­le­nen Ange­hö­ri­gen zu bau­en. Spä­ter wur­den die Gefal­le­nen des Russisch-Japanischen Krie­ges dann in den Yasukuni-Schrein auf­ge­nom­men. Anläss­lich die­ser Ein­schei­nun­gen wur­den vie­le Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen zu Zere­mo­ni­en gela­den, bei denen die­sen Men­schen wie­der­um das Gefühl gege­ben wer­den soll­te, dass die Ange­hö­ri­gen für eine natio­na­le Sache gefal­len sind. An die­sem Bei­spiel lässt sich zei­gen, wel­che ver­schie­de­nen vor allem loka­len Akteu­re und wel­che ver­schie­de­nen Inter­es­sen in der Schaf­fung einer Erin­ne­rungs­kul­tur für die Gefal­le­ne des Russisch-Japanischen Krie­ges eine Rol­le spiel­ten und wie die natio­na­len Riten und das Pro­ze­de­re für japa­ni­sche Kriegs­to­te ent­stan­den, die im Zwei­ten Welt­krieg dann weit ver­brei­tet waren.

In der Rubrik der Kurz­vor­stel­lung lau­fen­der For­schungs­ar­bei­ten berich­te­te Lisa Nye über den Stand Ihrer geplan­ten Dok­tor­ar­beit, in der sie sich mit dem The­ma „Was ist Behin­de­rung bzw. was wur­de wie als Behin­de­rung in Japan wahr­ge­nom­men?“ vor­wie­gend für die Taishô- und frü­he Shôwa-Zeit befas­sen wird. Hol­ger Funk berich­te­te über sei­ne Recher­chen zu einem Text über den japa­ni­schen Wolf, der im Umkreis von Phil­ipp Franz von Sie­bold ent­stan­den ist und der Auf­schluss dar­über geben könn­te, ob es so etwas wie einen „japa­ni­schen“ Wolf über­haupt gege­ben hat.

Zum Abschluss des Tref­fens gab Nao­ko Shi­ma­zu noch einen Bericht über die For­schung zur Geschich­te Japans in Groß­bri­tan­ni­en. Da die dor­ti­gen Uni­ver­si­tä­ten mehr und mehr Stel­len über Stif­tun­gen und Fund­rai­sing finan­zie­ren müss­ten, sei der Ver­bleib sol­cher Stel­len, wenn sie denn mit einem/einer Japanhistoriker/in besetzt wür­den, nach Weg­gang des/der Stelleninhaber/in inner­halb der his­to­ri­schen Japan­for­schung nicht gesi­chert, da die­se Art von Stel­len dann häu­fig an Ver­tre­ter ande­rer For­schungs­schwer­punk­te über­gin­gen. Genau wie in Deutsch­land gibt es in Groß­bri­tan­ni­en weni­ge auf Japan aus­ge­rich­te­te Stel­len inner­halb der Geschichts­wis­sen­schaf­ten; die­je­ni­gen, die inner­halb der Geschichts­wis­sen­schaft ost­asia­ti­sche The­men beset­zen, wer­den häu­fig als Rand­er­schei­nung bzw. Zusatz betrach­tet. In Groß­bri­tan­ni­en fin­den alle sie­ben Jah­re Eva­lu­ie­run­gen aller For­schung jeder ein­zel­nen Uni­ver­si­täts­ab­tei­lung statt. Die­se Eva­lu­ie­run­gen füh­ren zu einem Ran­king von Uni­ver­si­tä­ten, die Spit­zen­for­schung pro­du­zie­ren. Von die­sem Ran­king ist die Ver­ga­be von Dritt­mit­teln, die auch in Groß­bri­tan­ni­en immer wich­ti­ger wer­den, abhän­gig. Die meis­ten Jap­an­his­to­ri­ker beschrän­ken sich bei der Bean­tra­gung von Dritt­mit­teln aller­dings auf japan­spe­zi­fi­sche Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten, nur weni­ge bean­tra­gen Gel­der aus den all­ge­mei­nen Dis­zi­pli­nen.

Aus den genann­ten Phä­no­me­nen lässt sich die Beob­ach­tung ablei­ten, dass ähn­lich wie in Deutsch­land die Ver­bin­dung zwi­schen Jap­an­his­to­ri­kern und All­ge­mein­his­to­ri­kern in Groß­bri­tan­ni­en nicht sehr eng ist. Die­se Fest­stel­lung, die als Topos bereits in der Panel­dis­kus­si­on am Sams­tag­abend auf­ge­taucht war, war bereits mehr­fach Gegen­stand der Dis­kus­si­on inner­halb der Initia­ti­ve für his­to­ri­sche Japan­for­schung und wird uns auch sicher­lich wei­ter­hin beschäf­ti­gen.

(Pro­to­koll: Tino Schölz & Anke Sche­rer)

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favicon0510. Tref­fen am Japan-Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität Mün­chen am 3. und 4. Novem­ber 2007:

Anwe­send in Mün­chen waren: Tobi­as Alten­beck (Mün­chen), Tho­mas Bütt­ner (Hei­del­berg), Kat­ja Ferstl (Mün­chen), Chris­ti­an Fiet­z­eck (Mün­chen), Simo­ne Fischer (Hei­del­berg), Judith Fröh­lich (Zürich), Veit Ham­mer (Hal­le), Hide­to Hira­matsu (Hal­le), Nina Holz­schnei­der (Bochum), Pierre Kem­per (Bochum), Hans Mar­tin Krä­mer (Bochum), Micha­el Matt­ner (Bochum), Hein­rich Rein­fried (Zürich), Susan­ne Rös­ka (Mün­chen), Danie­la Schaaf (Hei­del­berg), Anke Sche­rer (Köln), Ben­ja­min Schmal­of­ski (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Kat­ja Schmidtpott (Mar­burg), Wolf­gang Sei­fert (Hei­del­berg), Mari­sa Sper­lich (Mün­chen), Maik Hen­drik Sprot­te (Hei­del­berg), Mar­tin Stro­schein (Bochum), Det­lev Taran­c­zew­ski (Bonn), Klaus Voll­mer (Mün­chen), Tors­ten Weber (Lei­den), Robin Wei­chert (Hei­del­berg), Urs Mat­thi­as Zach­mann (Mün­chen), Jes­si­ca Zier (Bochum);

Auf dem Pro­gramm des Tref­fens stand nach der Begrü­ßung durch Mat­thi­as Zach­mann (Mün­chen) zunächst ein Vor­trag von Tors­ten Weber (Lei­den), der unter dem Titel »Ver­ges­se­ne Aspek­te des Asia­nis­mus? Kon­zept, Dis­kurs und Trans­na­tio­na­li­tät in der Taishô-Zeit« The­sen aus sei­ner in Arbeit befind­li­chen Dis­ser­ta­ti­on — eine zur Dis­kurs­ge­schich­te erwei­ter­te kon­tex­tua­li­sier­te Begriffs­ge­schich­te — vor­stell­te. Webers his­to­rio­gra­phie­kri­ti­scher Vor­trag nahm sei­nen Aus­gang an dem Befund, dass zum Asia­nis­mus der Taishô-Zeit wenig bekannt ist. Dem­ge­gen­über beton­te Weber, dass der Asia­nis­mus um 1914 in gewis­ser Wei­se aus der Peri­phe­rie (Kyûs­hû und Ôsa­ka, wo er in der spä­ten Meiji-Zeit ein Anlie­gen der poli­ti­schen Oppo­si­ti­on gewe­sen war) ins Zen­trum (Tôkyô, wo nun das poli­ti­sche Esta­blish­ment sowie die poli­ti­sche Jour­na­lis­tik des Main­streams sich mit ihm inten­siv und öffent­lich beschäf­tig­ten) ankam. Als kon­kre­te Bei­spie­le ver­wies Weber auf zahl­rei­che Affir­ma­tio­nen des Asia­nis­mus in Chûô Kôron und Taiyô sowie Schrif­ten des Par­la­men­ta­ri­ers Kode­ra Ken­ki­chi, auf den Sven Saa­ler in einem jüngst erschie­ne­nen Arti­kel als einen Aus­gangs­punkt des Asianismus-Diskurses der Taishô-Zeit hin­ge­wie­sen hat.

Das Kon­zept des Asia­nis­mus (Ajia­s­hu­gi) wäh­rend der Taishô-Zeit cha­rak­te­ri­sier­te Weber als kon­kret genug, um angreif­bar zu sein, aber zugleich all­ge­mein genug, um ver­schie­de­ne Posi­tio­nen zu umfas­sen. So habe es unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen dazu gege­ben, ob Asia­nis­mus bedeu­te, Chi­na und Japan müss­ten zusam­men gleich­be­rech­tigt gegen die Vor­herr­schaft des Wes­tens kämp­fen oder ob dies unter japa­ni­scher oder chi­ne­si­scher Füh­rung gesche­hen sol­le. Per­ma­nen­ten Wider­spruch gegen das Kon­zept über­haupt habe es sowohl von den Ver­tre­tern der Tais­hô demo­ku­ra­shii gege­ben als auch von eher kon­ser­va­ti­ver Sei­te, die argu­men­tier­te, Japan mache sich damit zum eige­nen Scha­den die Posi­ti­on der Schwa­chen in Asi­en zu eigen.

Ein wei­te­rer von Weber gesetz­ter Schwer­punkt war die trans­na­tio­na­le Betrach­tungs­ebe­ne. Er ver­wies dabei auf Chi­na als Haupt­fo­kus des japa­ni­schen Asianismus-Diskurses und unter­strich dies anhand zen­tra­ler Wer­ke von Kode­ra, Uki­ta Kazutami und Sawa­ya­nagi Masa­tarô. Ins Chi­ne­si­sche über­setzt, gaben sie den Anstoß zu kom­ple­xen Stel­lung­nah­men chi­ne­si­scher Dis­ku­tan­ten wie Li Daz­hao und Sun Wen. Die­se wie­der­um gewan­nen sowohl in Chi­na als auch in Japan (Sun) an Ein­fluss. über­dies zeigt eine trans­na­tio­na­le Betrach­tung, dass auch die yellow-peril-Diskurse des Wes­tens die japa­ni­sche Asianismus-Diskussion der Taishô-Zeit direkt und wesent­lich beein­fluss­ten. Weber hofft mit sei­ner Arbeit, das gän­gi­ge Bild des Asia­nis­mus als ent­we­der »gutem«, soli­da­ri­schen Asia­nis­mus »von unten« wäh­rend der Meiji-Zeit oder »schlech­tem«, impe­ria­lis­ti­schen Asia­nis­mus »von oben« wäh­rend der frü­hen Shôwa-Zeit mit­hil­fe sei­ner Betrach­tung der Taishô-Zeit als kon­sti­tu­ti­ve Pha­se des Asianismus-Diskurses über­win­den zu kön­nen.

Die auf hohem Niveau geführ­te Dis­kus­si­on kreis­te um meh­re­re zen­tra­le The­men. So ging es zunächst um die Fra­ge des Stel­len­wer­tes, den Korea für den Asianismus-Diskurs der Taishô-Zeit ein­nimmt. Korea taucht in den von Weber unter­such­ten Schrif­ten fast kaum auf. Auf­grund des Man­gels an ent­spre­chen­der japa­ni­scher, deut­scher und anglo­pho­ner For­schung zur moder­nen korea­ni­schen Geschich­te ist nicht klar, wel­chen Stel­len­wert in Korea selbst in den 1910er Jah­ren etwai­ge Dis­kus­sio­nen zum Asia­nis­mus hat­ten, obwohl dies für eine Ein­schät­zung der japa­ni­schen Dis­kus­sio­nen wich­tig sein könn­te.

Ein wei­te­rer Dis­kus­si­ons­strang betraf die Chro­no­lo­gie bzw. die brei­te­ren Zeit­um­stän­de. Das Auf­kom­men neu­er Dis­kus­sio­nen zum Kon­zept des Asia­nis­mus in Japan seit etwa 1914 steht in Zusam­men­hang mit der Anne­xi­on Koreas 1910, der Xinhai-Revolution in Chi­na 1911 und der Infra­ge­stel­lung der Bedeu­tung Euro­pas durch den Ers­ten Welt­krieg. Des Wei­te­ren wur­de die Rol­le ras­si­scher Vor­stel­lun­gen bei der Her­aus­bil­dung des japa­ni­schen Asia­nis­mus betont: Ras­si­sche Kri­te­ri­en und die Ein­fluss­zo­ne der chi­ne­si­schen Schrift dien­ten als ein­zi­ge zur Ver­fü­gung ste­hen­de imma­nen­te eini­gen­de Kri­te­ri­en für »Asi­en«. Dazu kommt, dass vie­le der Prot­ago­nis­ten des Dis­kur­ses um 1900 in Euro­pa gewe­sen waren. Dort mit ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­len kon­fron­tiert, sind sie — in Webers Wor­ten — gleich­sam „von Japa­nern zu Asia­ten gewor­den“. Dar­über hin­aus war der japa­ni­sche Asia­nis­mus auch eine Reak­ti­on auf die Monroe-Doktrin und kon­sti­tu­ier­te sich zunächst als asia­ti­sche Monroe-Doktrin.

Schließ­lich stell­te sich die Fra­ge nach der Anschluss­fä­hig­keit der taishô-zeitlichen Dis­kur­se an asia­nis­ti­sche Dis­kus­sio­nen der Gegen­wart. Die­ser fin­det zwar auch noch in Japan, aber ver­stärkt in Chi­na statt, das sich als neu­en poten­zi­el­len Füh­rer eines geei­nig­ten Asi­ens sieht, wie Japan zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts. Trei­ben­de Kraft sind heu­te frei­lich nicht Vor­stel­lun­gen von Ras­se und Kul­tur (außer bei Nati­vis­ten wie Ishiha­ra Shint­arô), son­dern ist ein öko­no­mi­scher Regio­na­lis­mus.

Im zwei­ten Block am Nach­mit­tag des 3. Novem­ber refe­rier­te Hans Mar­tin Krä­mer (Bochum) in Anschluss an den Vor­trag von Nao­ko Shi­ma­zu zur Situa­ti­on in Eng­land beim letz­ten Tref­fen in Bochum zum The­ma »Geschich­te und gegen­wär­ti­ger Zustand der his­to­ri­schen Japan­for­schung in den USA«. Krä­mer ver­glich zunächst die rela­ti­ve Bedeu­tung der japa­ni­schen Geschich­te inner­halb der jewei­li­gen Hoch­schul­land­schaf­ten. In den USA for­schen von ins­ge­samt etwa 18.000 His­to­ri­ke­rIn­nen an Hoch­schu­len 180 zu Japan; in Deutsch­land sind es etwa 30 von 2.000, damit über­ra­schen­der­wei­se rela­tiv andert­halb mal so viel wie in den USA.

Krä­mer zeich­ne­te dann die Ent­wick­lung der his­to­ri­schen Japan­for­schung in den USA von den Anfän­gen unter Hugh Bor­ton (Colum­bia) und Edwin O. Rei­schau­er (Har­vard) nach. Ins­be­son­de­re letz­te­rer hat­te zahl­rei­che Schü­ler, dar­un­ter die der sog. Kriegs­ge­ne­ra­ti­on, die aber uner­war­tet klein ist: An His­to­ri­kern bestand sie ledig­lich aus Tho­mas C. Smith, John W. Hall und Mari­us B. Jan­sen. Hall war es, der zunächst ab 1948 in Michi­gan und spä­ter dann in Yale am flei­ßigs­ten Schü­le­rIn­nen um sich schar­te, die spä­ter selbst Pro­fes­so­rIn­nen wer­den soll­ten. Hier sind u.a. zu nen­nen: Har­ry Haroo­tu­ni­an, Irwin Schei­ner, Susan B. Han­ley, Harold Boli­tho, Jef­frey P. Mass, James McC­lain. Alle Genann­ten sind außer Mass immer noch aktiv und haben zum Teil selbst wie­der­um eine gro­ße Zahl an Schü­le­rIn­nen her­vor­ge­bracht.

Insti­tu­tio­nell ent­wi­ckel­te sich die his­to­ri­sche Japan­for­schung in den USA ähn­lich lang­sam wie per­so­nell: Noch 1965 gab es erst an 13 Uni­ver­si­tä­ten Lehr­stüh­le für japa­ni­sche Geschich­te. Zum Wachs­tum wäh­rend der 1960er Jah­re trug die geziel­te finan­zi­el­le För­de­rung durch die Ford Foun­da­ti­on bei, die auch die Con­fe­ren­ces on Modern Japan finan­zi­ell ermög­lich­ten. Seit 1968 war es v.a. das Joint Com­mit­tee on Japa­ne­se Stu­dies unter dem Dach des Soci­al Sci­ence Rese­arch Coun­cil, das Kon­fe­ren­zen, lang­jäh­ri­ge For­schungs­vor­ha­ben und Sti­pen­di­en für den Nach­wuchs finan­zier­te. The­ma­tisch waren die 1960er Jah­re von der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie geprägt, die inner­halb der USA kaum umstrit­ten war. In der ers­ten Hälf­te der 1990er Jah­re führ­te ein Wech­sel der För­der­po­li­tik des Soci­al Sci­ence Rese­arch Coun­cil zur Auf­lö­sung des Joint Com­mit­tee on Japa­ne­se Stu­dies. Inspi­riert von der rational-choice-Theorie wur­den auf inten­si­ven Sprach- und Kul­tur­kennt­nis­sen basie­ren­de area stu­dies nicht mehr für för­de­rungs­wür­dig gehal­ten, was eine inten­si­ve Dis­kus­si­on inner­halb der Japa­ne­se stu­dies über die Sinn­haf­tig­keit des bis­her ver­folg­ten Ansat­zes aus­lös­te. Gegen­wär­tig, so Krä­mer, kön­ne man einen Kon­flikt zwi­schen area stu­dies und post­co­lo­ni­al theo­ry in der Japan­for­schung aus­ma­chen, der nun­mehr aus endo­ge­nen Moti­ven die area stu­dies in Fra­ge stel­le.

Krä­mer stell­te dann die quan­ti­ta­ti­ve Aus­wer­tung einer Daten­bank der etwa 180 der­zeit in den USA an Hoch­schu­len täti­gen Jap­an­his­to­ri­ke­rIn­nen vor. Dem­zu­fol­ge gab es noch 1990 nur 50 % der heu­te (2007) bestehen­den Lehr­stüh­le für japa­ni­sche Geschich­te. Fer­ner ergab eine Aus­wer­tung der aka­de­mi­schen Her­kunft der der­zei­ti­gen Lehr­stuhl­in­ha­be­rIn­nen, dass über 90 % von die­sen Absol­ven­tIn­nen von nur 13 ver­schie­de­nen Ph.D.-Programmen sind (an der Spit­ze Har­vard, Colum­bia, Chi­ca­go, Stan­ford und Prince­ton mit über 60 % Anteil). Etwa zwei Drit­tel der jap­an­his­to­ri­schen Lehr­stüh­le sind modern aus­ge­rich­tet, von letz­te­ren wie­der­um über die Hälf­te mit Schwer­punkt im 20. Jahr­hun­dert. Krä­mer schloss sei­nen Vor­trag mit einem kur­zen Hin­weis auf die Aus­bil­dung von Ph.D.-Studierenden in den Spit­zen­pro­gram­men. Von ihnen wird für eine Prü­fung in z.B. moder­ner japa­ni­scher Geschich­te nach den ers­ten zwei Jah­ren die Lek­tü­re von ca. 100 Mono­gra­phi­en erwar­tet. Durch die­ses Ver­fah­ren fin­det die inten­si­ve Bil­dung eines Kanons statt, der stark von US-amerikanischen Auto­rIn­nen domi­niert wird.

In der Dis­kus­si­on spiel­te die Aus­bil­dung der Ph.D.-Studierenden eine gro­ße Rol­le. Häu­fig haben die­se zu Beginn ihres Ph.D.-Programms noch gar kei­ne Japa­nisch­kennt­nis­se, was die Abwe­sen­heit japa­ni­scher Titel im Kanon erklärt. Insti­tu­tio­nell führt wie bei den noch grö­ße­ren Chi­na­wis­sen­schaf­ten der hohe Stel­len­wert von Japan für die US-amerikanische Geschich­te und Gesell­schaft zu einer sta­bi­le­ren uni­ver­si­tä­ren Ver­an­ke­rung, die weni­ger von (z.B. wirt­schaft­li­chen) Kon­junk­tu­ren abhän­gig ist als in Euro­pa.

Abschlie­ßend wur­de die Bedeu­tung eines USA-Aufenthaltes bzw. die Attrak­ti­vi­tät des Arbeits­mark­tes US-Hochschule für deut­sche Japa­no­lo­gIn­nen dis­ku­tiert. In deut­schen Beru­fungs­kom­mis­sio­nen spielt bis­lang ein USA-Aufenthalt an sich kei­ne Rol­le bei Ent­schei­dun­gen, so die Erfah­rung meh­re­rer Teil­neh­mer des Tref­fens. Die Situa­ti­on an den US-Hochschulen muss dif­fe­ren­ziert betrach­tet wer­den: Etwa die Hälf­te sind klei­ne­re regio­na­le Hoch­schu­len, in denen die Leh­re stark domi­niert, wäh­rend die gerüch­te­wei­se bekann­ten para­die­si­schen Arbeits­be­din­gun­gen mit wenig Leh­re, (v.a. für jün­ge­re assi­stant pro­fes­sors) wenig Ver­wal­tungs­ver­pflich­tun­gen und somit viel Gele­gen­heit zu For­schung nur an weni­gen Spit­zen­uni­ver­si­tä­ten anzu­tref­fen sind.

Ein gan­zer Block war am Vor­mit­tag des 4. Novem­ber für den Aus­tausch über aktu­el­le For­schungs­pro­jek­te und ande­re Infor­ma­tio­nen reser­viert. Von die­ser Gele­gen­heit wur­de inten­siv Gebrauch gemacht. Wolf­gang Sei­fert (Hei­del­berg) berich­te­te von einem in Pla­nung befind­li­chen For­schungs­pro­jekt zu »ost­asia­ti­scher Gemein­schaft« in his­to­ri­scher Dimen­si­on und unter dem Gesichts­punkt gegen­wär­ti­ger regio­na­lis­ti­scher Inte­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen sowie sei­nem Inter­es­se an der Fra­ge, war­um die Idee der Moder­ne in Japan nach 1945 so viel wich­ti­ger war als in Deutsch­land. Kat­ja Schmidtpott (Mar­burg) berich­te­te von ihrer Mit­ar­beit an einer Fir­men­ge­schich­te für die 1859 in Naga­sa­ki gegrün­de­te Han­dels­fir­ma Illies sowie von ihrem Habi­li­ta­ti­ons­pro­jekt zur Arbei­ter­kul­tur in Japan. Chris­ti­an Fiet­z­eck (Mün­chen) schreibt der­zeit sei­ne Magis­ter­ar­beit zu den US-japanischen Bezie­hun­gen zwi­schen 1907 und 1912. Anke Sche­rer (Köln) berich­te­te vom Nach­fol­ge­an­trag für die der­zeit in Tübin­gen und Bochum lau­fen­de For­scher­grup­pe »Monies, Mar­kets und Finan­ce in East Asia«; in dem jetzt zu bean­tra­gen­den asso­zi­ier­ten Pro­jekt soll es um den über­gang von vor­mo­der­ner zu moder­ner Indus­trie im Berg­bau in Aki­ta gehen.

Det­lev Taran­c­zew­ski (Bonn) hat­te 2004 in Bonn eine Tagung zum Ver­gleich des Mit­tel­al­ters in Japan und West­eu­ro­pa orga­ni­siert. Der japa­ni­sche Tagungs­band nähert sich der Fer­tig­stel­lung, eine deut­sche Über­set­zung soll fol­gen. Hein­rich Rein­fried (Zürich) war vor eini­gen Jah­ren Mit­glied einer Grup­pe Schwei­zer Japa­no­lo­gIn­nen, die sich mit japa­ni­schen Schweiz­for­sche­rIn­nen zu zwei Tref­fen in Tôkyô und Zürich zusam­men­fand. Die Resul­ta­te die­ser Tref­fen wur­den 2004 in »Asi­as­ti­sche Stu­di­en« und in einem japa­ni­schen Sam­mel­band ver­öf­fent­licht. Er berich­te­te fer­ner von einer in Arbeit befind­li­chen Stu­die zur Rezep­ti­on der Evo­lu­ti­ons­leh­re in Japan. Kat­ja Ferstl (Mün­chen) hat vor Kur­zem ihre Magis­ter­ar­beit zu All­tags­fo­to­gra­fie in Japan ein­ge­reicht. Tho­mas Bütt­ner (Hei­del­berg) arbei­tet an sei­ner Dis­ser­ta­ti­on zu Eli­ten in Japan am Bei­spiel der Tai­sei Yoku­s­an­kai. Er erzähl­te außer­dem von einer Fort­bil­dung, die der Ver­band der Geschichts­leh­rer in Hes­sen zum The­ma Japan weni­ge Tage vor dem Tref­fen ver­an­stal­tet hat­te. Maik Hen­drik Sprot­te (Hei­del­berg), der eben­falls an die­ser Tagung teil­ge­nom­men hat­te, berich­te­te von einer Kon­fe­renz in Kau­nas (Litau­en) zum The­ma »Image of Japan in Euro­pe«. Fer­ner ver­sprach er das bal­di­ge Erschei­nen des Tagungs­ban­des zum Russisch-Japanischen Krieg und erin­ner­te an die Biblio­gra­phie zur his­to­ri­schen Japan­for­schung.

Hans Mar­tin Krä­mer (Bochum) stell­te den teil­wei­se aus Dis­kus­sio­nen auf Tref­fen der Initia­ti­ve her­vor­ge­gan­ge­nen Sam­mel­band Geschichts­wis­sen­schaft in Japan vor. Er berich­te­te fer­ner vom Inter­na­tio­na­len Kol­leg für Geis­tes­wis­sen­schaf­ten »Dyna­mi­ken der Reli­gi­ons­ge­schich­te zwi­schen Asi­en und Euro­pa«, wel­ches das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung ab nächs­tem Jahr mit 12 Mil­lio­nen Euro för­dern wird und an dem auch der Lehr­stuhl Geschich­te Japans in Bochum betei­ligt ist. Er stell­te schließ­lich die biblio­gra­phi­sche Online-Datenbank »Japa­ni­sche Quel­len in Über­set­zung« vor, für deren Auf­bau die Uni­ver­si­tät Bochum eine Anschub­fi­nan­zie­rung zur Ein­stel­lung einer wis­sen­schaft­li­chen Hilfs­kraft zur Ver­fü­gung gestellt hat.

Veit Ham­mer (Hal­le) stell­te das Inter­na­tio­na­le Gra­du­ier­ten­kol­leg »Form­wa­n­del der Bür­ger­ge­sell­schaft«, das an den Uni­ver­si­tä­ten Hal­le und Tokyo durch­ge­führt wird, vor. Es gibt je zehn Kol­le­gia­tIn­nen auf deut­scher und japa­ni­scher Sei­te, die aus den Fach­be­rei­chen Geschich­te, Poli­tik, Theo­lo­gie und Japa­no­lo­gie kom­men. Die Arbeits­the­men der deut­schen Kol­le­gia­tIn­nen sind viel­fäl­tig und rei­chen von der Ana­ly­se des euro­päi­schen Jap­an­bil­des des 18. Jahr­hun­derts über ver­glei­chen­de Sozi­al­po­li­tik im Kai­ser­reich und der Meiji-Zeit bis zu inte­gra­ti­ons­po­li­ti­schen The­men. Judith Fröh­lich (Zürich) wies auf den Züri­cher Arbeits­ver­bund »Asi­en und Euro­pa« hin, in des­sen Rah­men auch Nach­wuchs­för­de­rungs­an­ge­bo­te zu Japan exis­tie­ren. Fröh­lich selbst über­legt, zur Rezep­ti­on der Mon­go­len­in­va­si­on in Japan zu habi­li­tie­ren. Simo­ne Fischer (Hei­del­berg) plant eine Magis­ter­ar­beit zu Uch­i­mu­ra Kan­zô und dem Majes­täts­be­lei­di­gungs­vor­fall von 1891. Tors­ten Weber (Lei­den) berich­te­te vom Lei­de­ner Pro­jekt »His­to­ri­cal Con­scious­ness and the Future of Modern in Chi­na and Japan«, das noch etwa ein Jahr lau­fe. Jan Schmidt (Bochum) stell­te kurz sein Pro­mo­ti­ons­pro­jekt zu wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges für das japa­ni­sche Kai­ser­reich ent­wi­ckel­ten Zukunfts­vi­sio­nen vor und berich­te­te von einer im nächs­ten Jahr in Spey­er statt­fin­den­den Aus­stel­lung »Samu­rai. Rit­ter des Ostens«. Er wies über­dies auf das aktu­el­le Pro­blem hin, dass ein Teil der staat­li­chen Uni­ver­si­tä­ten in Japan kei­ne DAAD-StipendiatInnen mehr auf­zu­neh­men bereit ist, solan­ge die­se noch kei­nen Bachelor-Titel erwor­ben haben. Dazu kommt eine Sen­kung des Sti­pen­di­en­sat­zes, der jetzt für Japan bei nur noch 550 Euro monat­lich für Stu­die­ren­de liegt.

Im letz­ten Block am 4. Novem­ber stell­te Danie­la Schaaf (Hei­del­berg) ihre in Bear­bei­tung befind­li­che Magis­ter­ar­beit mit dem Titel »Joseph Goeb­bels, der „tota­le Krieg“ und Japan. Der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter und sei­ne Kund­ge­bung im Ber­li­ner Sport­pa­last am 18. Febru­ar 1943 im Spie­gel zeit­ge­nös­si­scher japa­ni­scher Nach­rich­ten und Kom­men­ta­re« vor. Die Arbeit behan­delt die Per­son Joseph Goeb­bels?, das Goebbels-Bild in Japan, die Rede im Ber­li­ner Sport­pa­last und die Rezep­ti­on der Rede in Japan. Exis­tier­ten um 1934/35 noch hete­ro­ge­ne Dar­stel­lun­gen Goeb­bels? in der japa­ni­schen Pres­se, die häu­fig auf sei­nen Cha­rak­ter und sei­ne Phy­sio­gno­mie abho­ben, so domi­nier­te nach 1940 ein positiv-neutrales Bild ohne offe­ne Wer­tun­gen. Sei­ne Sportpalast-Rede ist von Bewun­de­rung und Respekt cha­rak­te­ri­siert; im Mit­tel­punkt der Zei­tungs­ar­ti­kel steht die Bedeu­tung der von Goeb­bels für Deutsch­land vor­ge­nom­me­nen Cha­rak­te­ri­sie­run­gen für Japan, dass also etwa Japan genau­so kamp­fes­wil­lig sei wie das Deutsch­land im tota­len Krieg.

Zu den zahl­rei­chen Hin­wei­sen, zu wel­chen wei­te­ren Mög­lich­kei­ten die Arbeit anregt, zähl­te die Fra­ge nach der Bedeu­tung der Beto­nung von Goeb­bels? phy­si­schem Äuße­ren; der Völ­ker­rechts­dis­kurs um 1942/43, der sich mit der Legi­ti­mi­tät von tota­len Kriegs­hand­lun­gen beschäf­tig­te; der Unter­schied zwi­schen der eige­nen Wahr­neh­mung der Jour­na­lis­ten und dem, was sie in der Zei­tung schrie­ben bzw. schrei­ben konn­ten; der Unter­schied zwi­schen den Publi­ka­ti­ons­be­din­gun­gen 1934 und 1943 (Zen­sur­pro­blem); dass die auf­fäl­li­ge Beto­nung der »Ehr­lich­keit« Goeb­bels? auch als ein ver­steck­ter Sei­ten­hieb auf die Unehr­lich­keit der eige­nen (japa­ni­schen) Poli­ti­ker ver­stan­den wer­den kann; dass man anhand von ver­öf­fent­lich­ten Oral-History-Quellen die Wir­kung der Rede auf brei­te­re Krei­se der Bevöl­ke­rung unter­su­chen könn­te; sowie dass die star­ke Beto­nung der von Goeb­bels beschwo­re­nen bol­sche­wis­ti­schen Gefahr in der japa­ni­schen Bericht­erstat­tung ange­sichts der Inter­es­sen des japa­ni­schen Mili­tärs, dem nicht an einer Pro­vo­ka­ti­on der Sowjet­uni­on gele­gen war, nicht selbst­ver­ständ­lich war.

(Pro­to­koll: Hans Mar­tin Krä­mer)

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favicon0311. Tref­fen am Inter­na­tio­na­len Gra­du­ier­ten­kol­leg „Form­wa­n­del der Bür­ger­ge­sell­schaft“ Halle-Tokyo, Uni­ver­si­tät Hal­le Wit­ten­berg, am 3. und 4. Mai 2008:

Anwe­send waren in Hal­le: Akiy­a­ma Yoko (Hal­le), Bion­ti­no, Jul­jan (Hei­del­berg), Born, Hein­rich (Bochum), Bütt­ner, Tho­mas (Hei­del­berg), Foljanty-Jost, Gesi­ne (Hal­le), Fröh­lich, Judith (Zürich), Gmür, Chris­ti­an (Hal­le), Graul, Susan­ne (Hal­le), Ham­mer, Veit (Hal­le), Hedin­ger, Dani­el (Ber­lin), Heé, Nadin (Ber­lin), Hira­matsu Hide­to (Hal­le), Holz­schnei­der, Nina (Bochum), Kirch­ner, Bernd (Hei­del­berg), Krä­mer, Hans Mar­tin (Bochum), Pom­sel, Anne (Hal­le), Rein­fried, Hein­rich (Zürich), Sche­rer, Anke (Köln), Schmal­of­ski, Ben­ja­min (Bochum), Schmidt, Jan (Bochum), Schölz, Tino (Hal­le), Schu­mann, Man­dy (Hal­le), Sei­del, Anne (Hal­le), Sprot­te, Maik Hen­drik (Hei­del­berg), Stef­fen, Fran­zis­ka (Hal­le), Stro­schein, Mar­tin (Bochum), Wandt, Mar­tin (Hal­le), Zach­mann, Urs Mat­thi­as (Mün­chen);

Den ers­ten Vor­trag hielt Hein­rich Rein­fried von der Uni­ver­si­tät Zürich zum The­ma „Woher kommt der Mensch? Zur Rezep­ti­on der Evo­lu­ti­ons­leh­re im Bil­dungs­we­sen Japans und der Schweiz“. Rein­fried unter­sucht dar­in wie sich die unter­schied­li­chen Her­an­ge­hens­wei­se an Reli­gi­on auf die Rezep­ti­on der Evo­lu­ti­ons­leh­re von Charles Dar­win im 19. Jahr­hun­dert in der Schweiz und in Japan aus­wirk­ten.
Wäh­rend die Prä­sen­ta­ti­on der Evo­lu­ti­ons­leh­re in aka­de­mi­schen Krei­sen in Zürich zu hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Ver­tre­tern einer auf der Bibel basie­ren­den Welt­sicht und den Ver­fech­tern einer empi­ri­schen Welt­erklä­rung führ­te, wur­den die ers­ten Vor­le­sun­gen des Bio­lo­gen Edward Mor­se in Tôkyô zu die­sem The­ma begeis­tert auf­ge­nom­men. Rein­fried erklärt dies mit einem ande­ren Umgang mit Reli­gi­on in Japan, der dazu führ­te, dass die Eli­te der Meiji-Zeit Bil­dung als nicht ver­ein­bar mit Reli­gi­on ansah und der dar­win­schen Evo­lu­ti­ons­leh­re daher kei­ne reli­giö­sen Vor­be­hal­te ent­ge­gen­brach­te.
In der Schweiz gin­gen die Dis­kus­sio­nen über die Deu­tungs­ho­heit über die Welt zuerst zu Guns­ten der Tra­di­ti­on aus, so dass die Evo­lu­ti­ons­leh­re nicht in die Lehr­plä­ne der Schu­len auf­ge­nom­men wur­de — die Schü­ler soll­ten die neu­en Erkennt­nis­se erst in den höhe­ren Schul­stu­fen ken­nen ler­nen. In Japan hin­ge­gen sieg­te zuerst die Empi­rie. So wur­de zum Bei­spiel Katô Hiroyu­ki stark von der Evo­lu­ti­ons­theo­rie beein-flusst und nann­te spä­ter Spen­cer, Dar­win und Haeckel — einen der Prot­ago­nis­ten der Aus­ein­an­der­set­zung über die Evo­lu­ti­ons­theo­rie in der Schweiz — als sei­ne wich­tigs­ten Quel­len für den Sozi­al­dar­wi­nis­mus, mit dem er 1893 das Recht des Stär­ke­ren recht­fer­tig­te und zum Befür­wor­ter japa­ni­scher Kolo­ni­al­an­stren­gun­gen wur­de.
Pro­ble­ma­tisch wur­de die japa­ni­sche Hin­wen­dung zur Empi­rie erst mit Kume Kuni­ta­ke, der auf empi­ri­scher Basis die His­to­ri­zi­tät des Koji­ki anzwei­felt; denn damit griff er die Legi­ti­mie­rung des Kai­ser­hau­ses an. In der Fol­ge wur­de die vor­her begeis­tert pro­pa­gier­te Empi­rie für die­ses The­ma aus­ge­klam­mert, da eine Unter­su­chung der Ursprün­ge des japa­ni­schen Kai­ser­hau­ses mit den glei­chen wis­sen­schaft­li­chen Metho­den wie die Suche nach dem Ursprung des Men­schen nicht zur Tennô-Ideologie pass­te, die sich in den letz­ten Deka­den des 19. Jahr­hun­dert ent­wi­ckel­te. [Die die­sem Vor­trag zugrun­de lie­gen­de Publi­ka­ti­on von Hein­rich Rein­fried befin­det sich in der Zeit­schrift Asia­ti­sche Stu­di­en 2008: LXII, 1.]

Den zwei­ten Teil des Sams­tag­nach­mit­tag bil­de­te eine Dis­kus­si­on über das Ver­hält­nis der Glo­bal Histo­ry und der his­to­ri­schen Japan­for­schung. Ein­ge­lei­tet wur­de die Dis­kus­si­on durch ein Input­re­fe­rat von Urs Mathi­as Zach­mann (LMU Mün­chen), in dem er zuerst die Begrif­fe World Histo­ry und Glo­bal Histo­ry erklär­te. Der älte­re Begriff World Histo­ry ent­stand in Reak­ti­on auf die Kri­tik an der euro­zen­tris­ti­sche Betrach­tungs­wei­sen und der Kon­zen­tra­ti­on auf Natio­nal­ge­schichts­schrei­bung. Gefor­dert wur­de dem­ge­gen­über eine stär­ke­re Beto­nung nicht-europäischer Ent­wick­lun­gen so-wie die Aus­wei­tung des Fokus auf grö­ße­re geo­gra­fi­sche Räu­me und län­ge­re Zeitab-schnitte. Die­se Betrach­tung soll­te über­grei­fen­de Inter­de­pen­den­zen unter­su­chen und sicht­bar machen. Idea­ler­wei­se soll­te so die „gan­ze Geschich­te der gan­zen Welt“ geschrie­ben wer­den, im enge­ren Sin­ne soll­te die Geschich­te der Inter­ak­ti­on von Akteu­ren in einem zeit­lich oder räum­lich weit gespann­ten his­to­ri­schen Pro­zess erforscht wer­den.
Der Begriff Glo­bal Histo­ry ist eine neue­rer Begriff, der die Dar­stel­lung und Ana­ly­se von his­to­ri­schen Vor­gän­gen benennt, die sach­ge­mäß nur in ihrer glo­ba­len Dimen­si­on (lokal, natio­nal, regio­nal) erfasst wer­den kön­nen. Glo­bal Histo­ry zeigt die Syn­chro­ni­tät und Inter­de­pen­denz von Aktio­nen auf der gan­zen Welt und trägt damit einer neu­en Lebens­wirk­lich­keit in einer glo­ba­li­sier­ten Welt Rech­nung. Der Zustand, in dem Raum und Zeit durch moder­ne Kommunikations- und Trans­port­tech­nik kom­pri­miert wer­den und neben Natio­nal­staa­ten und inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen eine Viel­zahl ande­rer Akteu­re berück­sich­tigt wer­den müs­sen, wur­de aller­dings erst nach dem zwei­ten Welt­krieg erreicht, so dass eine Aus­deh­nung eini­ger Ansät­ze der Glo­bal Histo­ry auf ande­re Epo­chen metho­disch frag­wür­dig ist.
Prak­tisch umge­setzt wird der Anspruch der Glo­bal Histo­ry durch Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät, Öff­nung der Dis­zi­pli­nen (ins­be­son­de­re der Geschichts­wis­sen­schaft) und die Schaf­fung und Pfle­ge von For­schungs­netz­wer­ken. Zach­mann stell­te eini­ge die­ser Netz­wer­ke, zum Bei­spiel The New Glo­bal Histo­ry, sowie ihre Publi­ka­ti­ons­or­ga­ne, zum Bei­spiel das Jour­nal of Glo­bal Histo­ry, vor.
In der anschlie­ßen­den leb­haf­ten Dis­kus­si­on ging es unter ande­rem um die Fra­ge wie sich Jap­an­his­to­ri­ker in dem durch den Ansatz der Glo­bal Histo­ry her­vor­ge­ru­fe­nen Span­nungs­feld von Genau­ig­keit ver­sus Ver­all­ge­mei­ne­rung posi­tio­nie­ren kön­nen. So wur­de ange­merkt, dass durch die für die Dis­kus­si­on gro­ßer Zusam­men­hän­ge not­wen­di­ge Abs­trak­ti­on sprach­li­che und kul­tu­rel­le Fein­hei­ten ver­lo­ren gin­gen oder dass durch die Vor­ga­be mög­lichst alle glo­ba­len Zusam­men­hän­ge in Betracht zie­hen zu wol­len unver­hält­nis­mä­ßi­ge Ver­glei­che ver­sucht wür­den. Der Ansatz der Glo­bal Histo­ry kon­kur­riert dabei mit ande­ren Kon­zep­ten wie der trans­na­tio­na­len Geschich­te und dem Ansatz der inter­kul­tu­rel­len Ver­glei­che, die eben­falls ver­su­chen von tra­di­tio­nel­ler Natio­nal­ge­schichts­schrei­bung weg­zu­kom­men. Kri­tisch ange­merkt wur­de wei­ter­hin, dass neben der Betrach­tung der gro­ßen Zusam­men­hän­ge auch wei­ter­hin klein­schrit­ti­ge Erfor­schung als Grund­la­ge für die über­ge­ord­ne­te Betrach­tungs­wei­sen unab­ding­bar sei. Eine Rück­kehr zum Ide­al des Uni­ver­sal­ge­lehr­ten, wie es im Extrem­fall der Ansatz der Glo­bal Histo­ry not­wen­dig macht, wur­de als Ana­chro­nis­mus bezeich­net.

Der Sonn­tag­mor­gen begann mit der Vor­stel­lung zwei­er Dis­se­ra­ti­ons­pro­jek­te und des Inter­na­tio­na­len Gra­du­ier­ten­kol­legs in Hal­le, in des­sen Räum­lich­kei­ten das Tref­fen der Initia­ti­ve statt­fand.
Zuerst stell­te Dani­el Hedin­ger (Humboldt-Universität Ber­lin) den Son­der­for­schungs­be­reich „Reprä­sen­ta­tio­nen sozia­ler Ord­nung im Wan­del“ vor, in dem es nicht nur um die Wider­spie­ge­lung sozia­ler Ord­nun­gen geht, son­dern auch dar­um, wie die Dar­stel­lung sol­cher Ord­nun­gen sich auf ihre Schaf­fung aus­wirkt. Inner­halb des Teil­pro­jek­tes „‚Zere­mo­ni­el­le Päd­ago­gik‘ in post-revolutionären Gesell­schaf­ten. öffent­li­che Insze­nie­rung und sozia­le Mobi­li­sie­rung in Meiji-Japan, in der frü­hen Sowjet­uni­on und im Mexi­ko der 1920er-1930er Jah­re.“ beschäf­tigt sich Hedin­ger dabei mit der zere­mo­ni­el­len Indok­tri­nie­rung des Vol­kes außer­halb von Schu­len und Kaser­nen, zum Bei­spiel durch Fes­te am Yasukuni-Schrein. Für sei­ne Dis­ser­ta­ti­on unter­sucht er Ord­nungs­vor­stel­lun­gen im Japan der Meiji-Zeit, die sich in der Kon­zep­ti­on von Aus­stel­lun­gen aus­drü­cken. Die­se Ord­nungs­vor­stel­lun­gen ana­ly­siert er unter fol­gen­den the­ma­ti­schen Schwer­punk­ten: Erzie­hung und Wis­sen, Zivi­li­sa­ti­on und Zukunft, Kunst und Kom­merz, Archi­tek­tur und Kon­sum, Kai­ser und Nati­on sowie Kolo­nia­lis­mus und Krieg. Um sei­ne Ergeb­nis­se mit den Ana­ly­sen zur UdSSR und zu Mexi­ko ver­glei­chen zu kön­nen, ist es aller­dings not­wen­dig dies auf einer sehr hohen Abs­trak­ti­ons­ebe­ne mit Meta-Begriffen wie zum Bei­spiel „Insze­nie­rung“ oder „poli­ti­sche Reprä­sen­ta­ti­on“ zu tun, da die sehr unter­schied­li­chen Ver­hält­nis­se in den drei unter­such­ten Län­dern kei­ne Ver­glei­che insti­tu­tio­nel­ler Struk­tu­ren zulas­sen. Das Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt „Wis­sen­schaft und Gewalt: Japans kolo­nia­le Herr­schaft in Tai­wan 1895–1945“ von Nadin Heé (Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin) ist im Teil­pro­jekt „Wis­sen und Herr­schaft: Sci­en­ti­fic Colo­nia­lism in deut­schen und japa­ni­schen Kolo­ni­en“ des Son­der­for­schungs­be­rei­ches „Gover­nan­ce in Räu­men begrenz­ter Staat­lich­keit“ ange­sie­delt. Sie unter­sucht dar­in die Ver­schrän­kung von wis­sen­schaft­li­chem Kolo­nia­lis­mus und die Aus­übung phy­si­scher Gewalt als Herr­schafts­pra­xis am Bei­spiel Tai­wans. Ihre zen­tra­len Fra­ge­stel­lung lau­ten: Inwie­fern hin­gen wis­sen­schaft­li­cher Kolo­nia­lis­mus und For­men von phy­si­scher Gewalt in der kolo­nia­len Herr­schaft zusam­men? Ver­lief die Hand­lungs­macht der Akteu­re, die phy­si­sche Gewalt aus­üb­ten, ent­lang wis­sen­schaft­li­cher Zuschrei­bun­gen? Inwie­fern wur­den sie ent­we­der als Res­sour­ce genutzt oder in Fra­ge gestellt und unter­lau­fen? Um die­se Fra­gen zu beant­wor­ten unter­sucht sie ver­schie­de­ne For­men von Gewalt im Rah­men der japa­ni­schen Kolo­ni­al­herr­schaft, z. B. Gue­ril­la­krie­ge, Bestra­fun­gen, all­täg­li­che Gewalt, Auf­stän­de oder die Gewalt im Zusam­men­hang mit medi­zi­ni­scher For­schung und ver­sucht auf­zu­zei­gen, inwie­fern die­se an „wis­sen­schaft­li­che“ Klas­si­fi­zie­rung der tai­wa­ne­si­schen Bevöl­ke­rung einer­seits und Legi­ti­ma­ti­ons­dis­kur­se der Aus­übung von Gewalt ande­rer­seits gekop­pelt ist. Zen­tral dabei ist, nicht nur „japa­ni­sche“ Gewalt zu unter­su­chen, son­dern zu ana­ly­sie­ren, Ange­hö­ri­ge wel­cher Bevöl­ke­rungs­grup­pen gere­gel­te phy­si­sche Gewalt im Rah­men von Bestra­fungs­in­sti­tu­tio­nen der Regie­rung aus­üb­ten und wer bei­spiels­wei­se in Auf­stän­den der tai­wa­ne­si­schen Bevöl­ke­rung gegen die kolo-niale Herr­schaft agier­te Anschlie­ßend gab Tino Schölz, der Wis­sen­schaft­li­che Koor­di­na­tor des Inter­na­tio­na­len Gra­du­ier­ten­kol­legs Halle-Tokyo „For­men­wan­del der Bür­ger­ge­sell­schaft Japan und Deutsch­land im Ver­gleich“ einen Ein­blick in die Kon­zep­tio­na­li­sie­rung und die Arbeits­wei­se die­ses ein­zig­ar­ti­gen Gra­du­ier­ten­kol­legs. Getra­gen wird das Gemein­schafts­pro­jekt von der Gra­dua­te School for Arts and Sci­ence der Uni­ver­si­tät Tôkyô und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sei­ne Lauf­zeit ist auf vier­ein­halb Jah­re ange­legt mit einer mög­li­chen Ver­län­ge­rung auf ins­ge­samt neun Jah­re. Betei­ligt sind die Fächer Japa­no­lo­gie, Deutsch­land­stu­di­en, Geschich­te, Poli­tik­wis­sen­schaf­ten, Geschich­te, Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie. Sowohl in Hal­le als auch in Tôkyô arbei­tet jeweils eine Kol­le­gia­ten­grup­pe von cir­ca zehn Dok­to­ran­den, die sich auf fol­gen­de fünf For­schungs­teil­be­rei­che ver­tei­len: Begriffs­ge­schich­te, Akteu­re und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, Bürger-Staat-Beziehungen, Bür­ger­ge­sell­schaft in trans­na­tio­na­len Bezü­gen und Gegen­be­we­gung zur Bür­ger­ge­sell­schaft. An bei­den Uni­ver­si­tä­ten fin­den for­schungs­be­zo­ge­ne inter­dis­zi­pli­nä­re Lehr­ver­an­stal­tun­gen statt. Stu­di­en­auf­ent­hal­te, der Aus­tausch von Leh­ren­den, ein Sys­tem des Co-Teachings mit dem Leh­ren­de bei­der Insti­tu­tio­nen in den Lehr­be­trieb der jeweils ande­ren Insti­tu­ti­on inte­griert wer­den kön­nen, sowie Sym­po­si­en, Work­shops und halb­jähr­li­che statt­fin­den­de Aka­de­mi­en in Hal­le und Tokyo bil­den die orga­ni­sa­to­ri­sche Grund­la­ge für den For­schungs­aus­tausch. Ziel des Gra­du­ier­ten­kol­legs ist es unter ande­rem einen Bei­trag zur Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Bür­ger­ge­sell­schafts­for­schung zu leis­ten, die Teil­neh­mer für trans­dis­zi­pli­nä­rer For­schungs­ko­ope­ra­ti­on zu qua­li­fi­zie­ren sowie neue For­men inter­na­tio­na­ler Betreu­ung und inter­kul­tu­rel­le Fähig­kei­ten in unter­schied­li­chen Wis­sen­schafts­kul­tu­ren ein­zu­üben. Im letz­ten Vor­trag des Tref­fens stell­te Jul­jan Bion­ti­no (Uni­ver­si­tät Hei­del­berg) sei­ne geplan­te Magis­ter­ar­beit zum The­ma „Gene­ral Uts­uno­miya Tarô (1861–1922) und die Bewe­gung vom 1. März 1919 in Korea“ vor. Gene­ral Uts­uno­miya sam­mel­te vor sei­ner Ver­set­zung nach Korea 1918 Erfah­run­gen in Indi­en und galt durch Rei­sen in Chi­na und Korea als Spe­zia­list für die­se Län­der. Er war wäh­rend der Unab­hän­gig­keits­be­we­gung im März 1919 als Kom­man­dant der japa­ni­schen Army in Seo­ul sta­tio­niert. Ende 2007 erschie­nen die Tage­bü­cher des 1922 ver­stor­be­nen Uts­uno­miya in drei Bän­den, von denen der drit­te Band die Jah­re 1918 bis 1921 abdeckt. Ange­regt durch die Mög­lich­kei­ten, die die­se nun erst­mal zugäng­li­che Quel­le bie­tet, plant Bion­ti­no eine Ana­ly­se der Per­zep­ti­on der 1.-März-Bewegung durch den Tage­buch­schrei­ber. Durch die Aus­wer­tung der Tage­buch­ein­trä­ge und deren Ein­ord­nung möch­te Bio­ti­no die Rol­le Uts­uno­miyas bei der japa­ni­schen Reak­ti­on auf die korea­ni­sche Unab­hän­gig­keits­be­we­gung sowie des­sen Ein­fluss auf die japa­ni­sche Sicht­wei­se der Ereig­nis­se unter­su­chen. In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on wur­de vor allem die Ver­wen­dung einer sol­chen Quel­len wie die lan­ge nach dem Tode des Ver­fas­sers her­aus­ge­ge­be­nen Tage­bü­cher kri­tisch hin­ter­fragt. Das Ver­fas­sen die­ser Tage­bü­cher geschah in der Regel mit der Absicht, der Nach­welt bestimm­te Sicht­wei­sen des Autors zu ver­mit­teln, was ihre Ver­wen­dung als Pri­mär­quel­len sehr pro­ble­ma­tisch macht.

Den Abschluss des Tref­fens bil­de­te eine Kurz­vor­stel­lung der vie­len stu­den­ti­schen Teil­neh­mer, die von ihren der­zei­ti­gen Stu­di­en­vor­ha­ben berich­te­ten. Wei­ter­hin wies Maik Hen­drik Sprot­te (Uni­ver­si­tät Hei­del­berg) dar­auf hin, dass der Tagungs­band der 2005 zum 100. Jah­res­tag des Russisch-Japanischen Krie­ges abge­hal­te­nen Kon­fe­renz nun erschie­nen sei: Sprot­te, Maik Hen­drik / Sei­fert, Wolf­gang / Löwe, Heinz-Dietrich (Hrsg.) Der Russisch-Japanische Krieg 1904/05. Anbruch einer neu­en Zeit? Wies­ba­den: Harr­as­so­witz. ISBN 978–3-447–05707-3, 302 Sei­ten, 39,80 Euro.

(Pro­to­koll: Anke Sche­rer)

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favicon0212. Tref­fen am Japan-Zentrum der Uni­ver­si­tät Mar­burg am 1. und 2. Novem­ber 2008:

Anwe­send waren in Mar­burg: Anja Batram (Bochum); Jul­jan Bion­ti­no (Hei­del­berg); Tho­mas Bütt­ner (Hei­del­berg); Micha­el Faci­us (Ber­lin); Cyn­a­ra Fro­bel (Bochum); Nuri Gök­du­man (Bochum); Teel­ka Gro­ene­veld (Bochum); Dani­el Hedin­ger (Ber­lin); Nadin Heé (Ber­lin); André Her­trich (Mar­burg); Jan Paul Hoga (Mar­burg); Nina Holz­schnei­der (Bochum); Micha­el Jür­gens (Mar­burg); Tho­mas Jür­gens (Mar­burg); Sebas­ti­an Karach (Mar­burg); Pierre Kem­per (Bochum); Bernd Kirch­ner (Hei­del­berg); Alex­an­der Knaak (Mar­burg); Till Knaudt (Bochum); Hans Mar­tin Krä­mer (Bochum); Mat­t­hieu Lein­we­ber (Mar­burg); Romi­na Maland­ri­no (Bochum); Regi­ne Mathi­as (Bochum); Micha­el Matt­ner (Bochum); Hein­rich Rein­fried (Zürich); Mathi­as Rockel (Mar­burg); Anke Sche­rer (Köln); Ben­ja­min Schmal­of­ski (Bochum); Fabi­an Schmidt (Bochum); Jan Schmidt (Bochum); Mer­lin Schmidt (Bochum); Kat­ja Schmidtpott (Mar­burg); Mar­tin Stro­schein (Bochum); Det­lev Taran­c­zew­ski (Bonn); Niko Till­mann (Bochum); Chie Wara­shi­na (Mar­burg); Anna Wie­mann (Mar­burg);

Im ers­ten Vor­trag des Sams­tag­nach­mit­tags „Die Batavia-Prozesse und ihre Rol­le in der Com­fort Women The­ma­tik“ the­ma­ti­sier­te André Her­trich (Cen­ter for Con­flict Studies/Universität Mar­burg und Inter­na­tio­na­les Gra­du­ier­ten­kol­leg Halle-Tôkyô) die Batavia-Prozesse, in denen als ein­zi­ge Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­se der Allier­ten Fäl­le von Zwangs­pro­sti­tu­ti­on durch die japa­ni­sche Armee ver­han­delt wur­den. Dazu stell­te André Her­trich zuerst die Hin­ter­grün­de des so genann­ten Semarang-Falles vor: Im 1942 von Japan besetz­ten Indo­ne­si­en wur­de der größ­te Teil der dort ansäs­si­gen Nie­der­län­der in Lagern inter­niert. In den Frau­en­la­gern in und um Semarang rekru­tier­te die japa­ni­sche Armee 1944 jun­ge Frau­en mehr oder weni­ger offen für die Pro­sti­tu­ti­on, manch­mal unter Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­schen, meist aber unter Zwang.
Nach eini­gen Mona­ten wur­den die Bor­del­le in Semarang, in die die Frau­en ver­schleppt wor­den waren, wie­der auf­ge­löst. Die Zwangs­pro­sti­tu­ier­ten wur­den zusam­men mit ihren Ange­hö­ri­gen in ande­re Inter­nie­rungs­la­ger ver­bracht und bedroht, dass sie nichts über die Gescheh­nis­se erzäh­len durf­ten. Laut Quel­len gab es in Indo­ne­si­en ins­ge­samt 200 bis 300 euro­päi­sche Pro­sti­tu­ier­te, davon ca. 65, die von der japa­ni­schen Armee unter Zwang rekru­tiert wor­den waren.
In den Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen nach dem Zwei­ten Welt­krieg klag­ten die Nie­der­län­der als Kolo­ni­al­macht in Indo­ne­si­en mehr als 1.000 Men­schen an, ca. 93% von ihnen wur­den ver­ur­teilt. Im Semarang-Fall fan­den drei Pro­zes­se im Febru­ar und März 1948 bzw. Febru­ar 1949 statt. Major Oka­da, der direkt mit der zwangs­wei­sen Rekru­tie­rung der Frau­en befasst war, wur­de zum Tode ver­ur­teilt, sein Vor­ge­setz­ter erhielt eine Gefäng­nis­stra­fe, weil er die Kon­trol­le sei­nes Unter­ge­be­nen ver­säumt hat­te. Die Ver­ur­teil­ten wur­den aller­dings nach dem Ver­fah­ren ins Kriegs­ver­bre­cher­ge­fäng­nis nach Suga­mo (Tôkyô) gebracht, von wo sie nach drei oder vier Jah­ren ent­las­sen wur­den.
Der Semarang-Fall gilt für die einen als Beleg dafür, dass die japa­ni­sche Armee Frau­en in die Pro­sti­tu­ti­on gezwun­gen hat. Japa­ni­sche Kon­ser­va­ti­ve argu­men­tie­ren aber dem­ge­gen­über, dass der Semarang Fall ein Ein­zel­fall sei. Er zei­ge zudem, dass Zwangs­pro­sti­tu­ti­on die Schuld eini­ger Indi­vi­du­en wie Oka­da sei, der von sei­nem Haupt­quar­tier gestoppt wur­de, weil er das vom Haupt­quar­tier anfangs aus­ge­ge­be­ne Gebot der Frei­wil­lig­keit miss­ach­te­te und Frau­en gegen ihren Wil­len ver­schlepp­te.
In der Dis­kus­si­on wur­de neben dem in eini­gen Lagern gezeig­ten Wider­stand gegen die Zwangs­re­kru­tie­rung die The­ma­tik der „Frei­wil­lig­keit“ der­je­ni­gen, die sich bewusst für die Arbeit in japa­ni­schen Mili­tär­bor­del­len anwer­ben lie­ßen, dis­ku­tiert. Wie auch die Gerich­te spä­ter fest­stell­ten, kann in einer Situa­ti­on, in der ein von der Ernäh­rungs­la­ge, Hygie­ne, etc. her aus­ge­spro­chen schlech­tes Lager­le­ben gegen ein Leben als Pro­sti­tu­ier­te ein­ge­tauscht wur­den, nicht von Frei­wil­lig­keit gespro­chen wer­den. Den­noch ent­stand aus der Klas­si­fi­zie­rung in „frei­wil­li­ge“ und „zwangs­re­kru­tier­te“ Frau­en spä­ter eine Unter­schei­dung in „gute“ (zwangs­re­kru­tier­te) und „schlech­te“ (frei­wil­li­ge) Pro­sti­tu­ier­te.
Eine Schwie­rig­keit, die für die Unter­su­chung vie­ler Kriegs­ver­bre­chen gilt, ist die Abwe­sen­heit schrift­li­cher Befeh­le, hier zur Zwangs­re­kru­tie­rung von Frau­en für Mili­tär­bor­del­le. Schuld kann und wird des­halb hier auf Indi­vi­du­en abge­wälzt. In den Batavia-Prozessen muss­ten sich die Nie­der­län­der aus Man­gel an Doku­men­ten auf Zeu­gen­aus­sa­gen ver­las­sen. Gene­rell besteht die Not­wen­dig­keit, die Zwangs­pro­sti­tu­ti­on in Indo­ne­si­en ein­zu­ord­nen in die Pro­ble­ma­tik der Zwangs­pro­sti­tu­ti­on in Asi­en all­ge­mein wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges um sinn­vol­le Aus­sa­gen über die Ver­stri­ckung des japa­ni­schen Mili­tärs zu machen.

Anschlie­ßend lei­te­te Hans Mar­tin Krä­mer (Ruhr-Universität Bochum) mit einem Input­re­fe­rat die Dis­kus­si­on zum The­ma „Der Ein­fluss von Groß­for­schungs­pro­jek­ten auf die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten“ ein. Der­zeit gibt es fünf Groß­pro­jek­te in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten mit Betei­li­gung von Japa­no­lo­gi­en, näm­lich in Ber­lin, Bochum, Hal­le und Hei­del­berg. Durch die Ein­bin­dung in ein Groß­pro­jekt steigt der Auf­wand für die Kom­mu­ni­ka­ti­on der am Pro­jekt betei­lig­ten For­scher unter­ein­an­der stark an. Dies ist nicht nur sehr zeit­auf­wen­dig, son­dern führt auch dazu, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­on in ande­ren Zusam­men­hän­gen redu­ziert wird.
Ein beson­ders inten­siv dis­ku­tier­tes The­ma war der Aspekt der Ein­schrän­kung bzw. Len­kung und Kana­li­sie­rung von For­schung durch die Vor­ga­ben von Groß­pro­jek­ten. Durch die Aus­rich­tung auf Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät und die not­wen­di­gen the­ma­ti­schen Vor­ga­ben durch Pro­jekt­an­trä­ge müs­sen sich mehr und mehr For­scher mit The­men befas­sen, die sie sich nicht selbst aus­ge­sucht haben. Pro­fes­so­ren stel­len Anträ­ge nach eige­nen Inter­es­sen und vor allem danach, dass die Anträ­ge in grö­ße­re Zusam­men­hän­ge pas­sen und Erfolg ver­spre­chend sind. Die Nach­wuchs­for­scher, die die Pro­jek­te dann tat­säch­lich bear­bei­ten, müs­sen sich dann auf die­se The­men ein­stel­len. In der Dis­kus­si­on wur­de der gegen­wär­ti­ge Trend ver­glei­chend einer gegen­läu­fi­gen Ent­wick­lung im Tier­schutz gegen­über­ge­stellt: Wäh­rend in der Tier­hal­tung der Trend weg von der Käfig- zur Frei­land­hal­tung gehe, füh­re die „Pro­jek­ti­sie­rung“ der For­schung in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten dazu, dass die indi­vi­du­ell durch die For­schungs­land­schaft strei­fen­den Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler mehr und mehr in die wohl­ge­ord­ne­ten Boxen der Dritt­mit­tel­for­schung ein­ge­glie­dert wür­den, wo man die Früch­te ihrer Arbeit leich­ter ern­ten, ver­pa­cken und ver­kau­fen kön­ne.
Ein wei­te­res Dis­kus­si­ons­the­ma waren die Beden­ken, dass durch die in den For­schungs­an­trä­gen vor­de­fi­nier­ten Begriff­lich­kei­ten, die dann inner­halb der For­schungs­ar­bei­ten zu ver­wen­den sind, Zir­kel­schlüs­se zustan­de kom­men, da die Ergeb­nis­se wie­der­um den im Antrag geäu­ßer­ten Erwar­tun­gen zu ent­spre­chen haben. Dazu wur­de wei­ter­füh­rend dis­ku­tiert, dass die For­schung im Rah­men gro­ßer Pro­jek­te, die Erfolg haben, weil sie Mainstream-Themen behan­deln, ande­re The­men an den Rand drückt. Dies hat vor allem nega­ti­ve Fol­gen für Inno­va­ti­on und unkon­ven­tio­nel­le Her­an­ge­hens­wei­sen.

Der letz­te offi­zi­el­le Pro­gramm­punkt des Sams­tags war der Besuch aller Teil­neh­mer im Forschungs- und Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum für Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­se (ICWC = Inter­na­tio­nal Cen­ter for War Cri­mes). Der Lei­ter des Zen­trums Wolf­gang Form hat­te sich bereit erklärt, einen gene­rel­len Ein­blick in die Quel­len­be­stän­de und die Arbeit des Zen­trums zu geben. Dabei stell­te sich her­aus, dass durch das Zen­trum, sei­ne welt­wei­te Ver­net­zung und sei­ne tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten vie­le Quel­len für die Bear­bei­tung japa­ni­scher Kriegs­ver­bre­chen im Zwei­ten Welt­krieg genutzt wer­den kön­nen. Allei­ne im asia­ti­schen Raum sind mehr als 5.500 Ver­fah­ren wegen Kriegs­ver­bre­chen bekannt. Form stell­te eini­ge aus­ge­wähl­te Quel­len in sei­nem Vor­trag vor, eini­ge hand­schrift­lich, ande­re in edi­tier­ter Form (z.B. aus Chi­na). Die­se Quel­len wer­den in eine recher­chier­ba­re Daten­bank auf­ge­nom­men, so dass For­scher bestimm­te Per­so­nen, Ver­fah­ren, Regio­nen, etc. recher­chie­ren kön­nen. Der ers­te Pro­gramm­punkt am Sonn­tag­mor­gen war die Vor­stel­lung eige­ner Pro­jek­te und Arbei­ten. Da hier auch auf Sei­ten der zahl­reich anwe­sen­den Stu­die­ren­den vie­le inter­es­san­te The­men vor­ge­stellt wur­de, ent­stand der Vor­schlag über die Home­page der Initia­ti­ve zur his­to­ri­schen Japan­for­schung die The­men stu­den­ti­scher Abschluss­ar­bei­ten in Bear­bei­tung zu sam­meln um so die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Bear­bei­tern ähn­li­cher The­men zu ver­bes­sern. Zudem stell­te Hein­rich Rein­fried sein gera­de erschie­ne­nes Lehr­werk für den Japa­nisch­un­ter­richt vor, dass der­zeit in der Schweiz mit gro­ßem Erfolg ein­ge­setzt wird. Inter­es­sen­ten am Kon­zept des Lehr­bu­ches emp­fiehlt er die Web­site http://www.asiaintensiv.ch/asiaintensiv/kompaktlehrgang.htm. Wei­te­re Hin­wei­se folg­ten auf die Biblio­gra­phie zur deutsch­spra­chi­gen his­to­ri­schen Japan­for­schung, für die jeder sei­ne deutsch­spra­chi­gen Publi­ka­tio­nen zur japa­ni­schen Geschich­te mel­den soll­te, und die Daten­bank von Über­set­zun­gen japa­ni­scher Quel­len in euro­päi­sche Spra­chen , zu der eben­falls jeder Hin­wei­se auf ent­spre­chen­de Über­set­zun­gen bei­tra­gen kann.

Im abschlie­ßen­den Vor­trag befass­te sich Dani­el Hedin­ger mit dem The­ma „Die Welt als Aus­stel­lung: Ord­nungs­vor­stel­lung im Japan der Meiji-Zeit (1868–1912)“, sei­nem Dissertations-projekt im Rah­men des Son­der­for­schungs­be­reichs „Reprä­sen­ta­tio­nen sozia­ler Ord­nun­gen im Wan­del“. Hedin­gers Dis­ser­ta­ti­on geht der Fra­ge nach, wel­che Ord­nungs­vor­stel­lun­gen sowohl japa­ni­sche Teil­nah­men an Welt­aus­stel­lun­gen als auch in Japan durch­ge­führ­te natio­na­le Aus­stel­lun­gen trans­por­tier­ten und wie die­se sich wan­del­ten. Zu Beginn wies er auf die Gefahr der Exo­ti­sie­rung bzw. Ori­en­ta­li­sie­rung der japa­ni­schen Aus­stel­lungs­kon­zep­te im Erfor­schungs­pro­zess hin, die beson­ders dann gege­ben ist, wenn wie bis­lang in der For­schung bevor­zugt die japa­ni­sche Teil­nah­me an gro­ßen, inter­na­tio­na­len Aus­stel­lun­gen im Fokus steht.
Um die­ser Pro­ble­ma­tik zu begeg­nen unter­sucht Hedin­ger neben Welt­aus­stel­lun­gen auch die inner­ja­pa­ni­schen, natio­na­len Indus­trie­aus­stel­lun­gen sowie die zahl­lo­sen regio­na­len Aus­stel­lun­gen der Meiji-Zeit. Im Zen­trum der Arbeit steht die Ent­wick­lung und Umset­zung eines moder­nen Aus­stel­lungs­kon­zep­tes in Japan, das in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den west­li­chen Kon­zep­ten der Welt­aus­stel­lun­gen ent­stand. Die Dis­ser­ta­ti­on ist in zwei Tei­le unter­teilt, von denen der ers­te einen chro­no­lo­gi­schen Über­blick über die Aus­stel­lun­gen der Meiji-Zeit ent­hält. Der zwei­te Teil geht davon aus, dass es die Auf­ga­be von Aus­stel­lun­gen ist, Ord­nung zu schaf­fen. Er unter­sucht des­halb die Aus­stel­lungs­kon­zep­te hin­sicht­lich ihres Bei­tra­ges zu drei gro­ßen The­men­kom­ple­xen: Visio­nen einer zivi­li­sier­ten Zukunft (Kapi­tel „Erzie­hung und Wis­sen“; „Zivi­li­sa­ti­on und Zukunft“), Kon­sum­vi­sio­nen (Kapi­tel „Kunst und Kom­merz“; „Archi­tek­tur und Kon­sum“) und natio­na­le bzw. impe­ria­le Visio­nen (Kapi­tel „Kai­ser und Nati­on“; „Kolo­nia­lis­mus und Krieg“).
In den ers­ten Aus­stel­lun­gen in Japan fand eine Kon­fron­ta­ti­on des neu­en Kon­zepts Aus­stel­lung mit der über­kom­men, durch den Kon­fu­zia­nis­mus vor­ge­ge­be­nen Ord­nung statt, so bei einer Aus­stel­lung 1872 im Yushima-Schrein in Tokyo, deren Kon­zep­ti­on vie­le zeit­ge­nös­si­sche Beob­ach­ter ver­stör­te. Bei der ers­ten Indus­trie­aus­stel­lung 1877 im Ueno-Park wur­den dann bereits das Aus­stel­lungs­ge­län­de nach west­li­chen Ord­nungs­vor­stel­lun­gen in Pavil­lons unter­teilt, eine Kon­zep­ti­on, die bei den wei­te­ren Indus­trie­aus­stel­lun­gen bei­be­hal­ten wur­de. Eine wei­te­re Pro­ble­ma­tik der Anfangs­zeit war die Fra­ge, ob die Güter nach Her­kunfts­pro­vin­zen oder nach Güter­ka­te­go­ri­en prä­sen­tiert wer­den soll­ten. Beob­ach­ter bezeich­ne­ten den frü­hen japa­ni­schen Aus­stel­lungs­auf­bau als chao­tisch und kon­zept­los, dies änder­te sich aber durch einen star­ken Wan­del in der Prä­sen­ta­ti­on der Aus­stel­lungs­stü­cke in den ers­ten Jahr­zehn­ten der Meiji-Zeit rasch. So tru­gen die Aus­stel­lun­gen dazu bei, das Bild einer zivi­li­sier­ten Zukunft in Japan zu ver­brei­ten.
Ein wei­te­rer Bei­trag der Aus­stel­lun­gen fand auf dem Gebiet der Vor­stel­lun­gen von Kon­sum statt. Anfangs führ­te die Aus­stel­lung von gol­de­nen Fischen, die als sakra­le Sym­bo­le in der Tokugawa-Zeit auf den Gie­bel öffent­li­cher Gebäu­de plat­ziert wor­den waren, zu hef­ti­gen Reak­tio­nen von Besu­chern, die die­se Aus­stel­lungs­stü­cke noch immer als sakra­le Sym­bo­le ver-ehrten. Bei der Aus­stel­lung sol­cher Sym­bo­le im inter­na­tio­na­len Kon­text der Welt­aus­stel­lun­gen wur­den die­se Gegen­stän­de hin­ge­gen schnell als ver­käuf­li­che Kunst­wer­ke betrach­tet und von japa­ni­scher Sei­te als Ein­nah­me­quel­le ent­deckt. Japan nutz­te das west­li­che Inter­es­se für sei­ne Selbst­re­prä­sen­ta­ti­on aus und präg­te damit das Bild des­sen, was auch heu­te noch als japa­ni­sche Kunst gilt. Ein wei­te­rer Zusam­men­hang zwi­schen Aus­stel­lun­gen und Kom­mer­zia­li­sie­rung zeigt sich dar­in, dass Pro­duk­te, die bei Aus­stel­lun­gen Prei­se gewon­nen hat­ten, danach mit die­sen Prei­sen bewor­ben wur­den.
Der drit­te Aspekt betrifft die Ver­brei­tung natio­na­ler und impe­ria­ler Visio­nen durch die Aus­stel­lun­gen. So wur­den alle Lan­des­aus­stel­lun­gen vom Kai­ser per­sön­lich eröff­net, die­ser wur­de in den Aus­stel­lun­gen zusam­men mit ande­ren natio­na­len Sym­bo­len sicht­bar. Welt­aus­stel­lun­gen prä­sen­tier­ten „das Frem­de“, und Japa­ner stell­ten sich dabei auch selbst als „Frem­de“ aus. Spä­ter wur­de von japa­ni­scher Sei­te das eige­ne „Frem­de“ in Form von Men­schen aus Hok­kai­do oder der Kolo­nie Tai­wan aus­ge­stellt. So tru­gen Aus­stel­lun­gen dazu bei „Zivi­li­sa­ti­on“ bzw. den Grad der Zivi­li­siert­heit zu defi­nie­ren und durch die Dar­stel­lung von Exo­ti­schem den Anspruch auf die eige­nen Kolo­ni­en zu mani­fes­tie­ren. So prä­sen­tier­te sich Japan außer­halb des Lan­des als eine zivi­li­sier­te und moder­ne Nati­on, im Lan­des­in­ne­ren dien­ten die Aus­stel­lun­gen der Ver­brei­tung von Ord­nungs­vor­stel­lun­gen über Kul­tur, Kon­sum und natio­na­le Iden­ti­tät.

(Pro­to­koll: Anke Sche­rer)

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