Protokolle 25–29 (2015–2017)

Protokolle der 25. bis 29. Tagung aus den Jahren 2015 bis 2017:

Durch Ankli­cken des ent­spre­chen­den Links kön­nen Sie das Pro­to­koll der zuge­hö­ri­gen Tagung auf­ru­fen.

25. Tref­fen am Lehr­stuhl für die „Geschich­te Japans“ der Ruhr-Universität Bochum am 13. und 14. Juni 2015
26. Tref­fen im Siebold-Museum in Würz­burg am 31. Okto­ber und 1. Novem­ber 2015
27. Tref­fen an der Uni­ver­si­tät Halle-Wittenberg am 5./6. Juni 2016
28. Tref­fen an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin am 12./13. Novem­ber 2016
29. Tref­fen an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Leu­ven am 6./7. Mai 2017

favicon0225. Tref­fen am Lehr­stuhl für die „Geschich­te Japans“ der Ruhr-Universität Bochum am 13. und 14. Juni 2015:

Sobald er vor­liegt, wird der Bericht die­ser Tagung hier ver­öf­fent­licht.

(Pro­to­koll: Jan Schmidt)

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26. Tref­fen im Siebold-Museum in Würz­burg am 31. Okto­ber und 1. Novem­ber 2015:

Anwe­send waren in Würz­burg: Ten­ko Glenn Bau­er (Hei­del­berg), Udo Bei­reis (Würz­burg), David Chwi­la (Bochum), Sybil­le Gir­mond (Würz­burg), Itô Tomohi­de (Wies­ba­den), Nad­ja Kischka-Wellhäußer (Bonn), Till Knaudt (Hei­del­berg), Martha-Christine Men­zel (Berlin/Heidelberg), Mori­ka­wa Yoshi­ko (Fuku­o­ka), Cor­ne­lia Mor­per (Würz­burg), Ulri­ke Nenn­stiel (Sap­po­ro), Dani­el Schley (Mün­chen), Jan Schmidt (Leu­ven), Maik Hen­drik Sprot­te (Hal­le), Alex­an­der Tho­mas (Regens­burg), Rein­hard Weth (Erfurt).

Der Kurz­vor­stel­lung der Teil­neh­mer folg­te ein ein­füh­ren­der Vor­trag von Udo Bei­reis, dem 1. Vor­sit­zen­den der Siebold-Gesellschaft e.V. (Würz­burg), zum Siebold-Museum.

Vor­trä­ge:
Sybil­le Gir­mond (Uni­ver­si­tät Würz­burg): Die „Aus­stel­lung japa­ni­scher Metall­in­dus­trie“ in Nürn­berg 1885: Rück­blick nach 130 Jah­ren
In ihrem Vor­trag the­ma­ti­sier­te die Ostasien-Kunsthistorikerin Gir­mond die Teil­nah­me Japans an der in der heu­ti­gen his­to­ri­schen For­schung weit­ge­hend in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen „Internationale[n] Aus­stel­lung von Arbei­ten aus edlen Metal­len und Legi­run­gen [sic]“ (Kin­kô ban­ko­ku haku­ran­kai), die unter der Schirm­herr­schaft des baye­ri­schen Königs Lud­wig II. vom 15. Juni bis zum 30. Sep­tem­ber 1885 in der über Jahr­hun­der­te für das hohe Niveau ihres Metall­hand­werks bekann­ten euro­päi­schen Metro­po­le Nürn­berg abge­hal­ten wur­de. In der „Kol­lek­tiv­aus­stel­lung japa­ni­scher Metall­in­dus­trie, ver­an­stal­tet unter der Lei­tung der kai­serl. Japa­ni­schen Regie­rung“ prä­sen­tier­ten 99 Aus­stel­ler annä­hernd ein­tau­send japa­ni­sche Metall- und Email­le­ar­bei­ten. Unter den in Nürn­berg ver­tre­te­nen Natio­nen stell­te Japan nach dem Deut­schen Reich das zweit­größ­te Kon­tin­gent an Aus­stel­lern. Ziel der Meiji-Regierung war es, durch die Teil­nah­me auf das hohe Niveau des Kunstschmiede- und Email­hand­werks Japans auf­merk­sam zu machen und auf die­sem Wege die japa­ni­sche als eine der dem zeit­ge­nös­si­schen Ver­ständ­nis nach „füh­ren­den“ kul­tur­schaf­fen­den Natio­nen gleich­wer­ti­ge Kul­tur­na­ti­on mit einer eigen­stän­di­gen und zugleich inno­va­ti­ons­fä­hi­gen Tra­di­ti­on zu insze­nie­ren. Im Spie­gel des dama­li­gen media­len Inter­es­ses ein Ereig­nis, wel­ches für die wei­te­re Ent­wick­lung von Kunst und Kunst­hand­werk sowohl in Japan als auch im zuneh­mend vom Japo­nis­mus erfass­ten Wes­ten prä­gend gewe­sen sei, von dem rich­tung­wei­sen­de Impul­se spe­zi­ell auf die Metall- und Email­hand­wer­ker aus­gin­gen. Die „Erfah­rung Nürn­berg“ kön­ne daher in der kunst­his­to­ri­schen Rück­schau in Japan als gene­ra­tio­nen­prä­gend und epo­che­ma­chend ein­ge­stuft wer­den.
Hin­sicht­lich der Erwar­tung, die Aus­stel­lung sol­le zu einer Platt­form zur Demons­tra­ti­on der künst­le­ri­schen Leis­tungs­fä­hig­keit Japans gerei­chen („Kul­tur­of­fen­si­ve“), war den dort auf­tre­ten­den Expo­nen­ten des japa­ni­schen Kunst­hand­werks ein gro­ßer Erfolg beschie­den: Ein Groß­teil der durch die Jury ver­lie­he­nen Aus­zeich­nun­gen ent­fiel auf japa­ni­sche Aus­stel­ler, und deren Expo­na­te wur­den in der Tages- und Fach­pres­se mit enthu­si­as­ti­schen Berich­ten bedacht. Dif­fe­ren­zier­te­re Ein­schät­zun­gen über den Gesamt­er­folg (auch wirt­schaft­lich) erschlie­ßen sich aus der Ana­ly­se der zeit­ge­nös­si­schen Berich­te, wobei ein offi­zi­el­ler Abschluss­be­richt zu Nürn­berg nur in Japan publi­ziert wur­de. Die Betei­li­gung Japans sei nicht ledig­lich aus Prestige-Erwägungen erfolgt, son­dern es lagen auch kon­kre­te wirt­schaft­li­che Inter­es­sen zugrun­de: die Erzeug­nis­se des japa­ni­schen Kunst­schmie­de­hand­werks soll­ten kom­mer­zi­ell bewor­ben und neue Absatz­märk­te gewon­nen wer­den. (Mit dem Zusam­men­bruch des inlän­di­schen Mark­tes zu Beginn der Meiji-Zeit – die Metall­werk­stät­ten der Edo-Zeit hat­ten sich auf die Fer­ti­gung über­wie­gend von Kult­ge­gen­stän­den für Tem­pel und Pres­ti­ge­ob­jek­ten für die Dai­myô spe­zia­li­siert – stell­te sich die Not­wen­dig­keit ein, inno­va­tiv tätig zu wer­den.) Beson­de­res Poten­ti­al wur­de u.a. in der zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts in Japan erst­mals für grö­ße­re Gegen­stän­de ange­wand­ten Tech­nik des émail clo­i­son­né gese­hen. Mit dem Japonismus-Boom, der im deutsch­spra­chi­gen Raum spä­tes­tens mit der Wie­ner Welt­aus­stel­lung 1873 los­brach, avan­cier­te Nago­ya rasch zum Zen­trum der export­ori­en­tier­ten japa­ni­schen Emaille-Produktion. Die inner­halb weni­ger Jahr­zehn­te über­aus inno­va­ti­ons­rei­che Ent­wick­lung habe bereits in Nürn­berg 1885 ein Niveau erreicht, das den Beginn des „Gol­de­nen Zeit­al­ters“ die­ser Kunst mar­kie­re. Auch im Metall­hand­werk war der Inno­va­ti­ons­wil­le deut­lich, wur­de etwa in den dort aus­ge­stell­ten Stü­cken erst­mals Bron­ze mit Por­zel­lan kom­bi­niert, gleich­sam eine hand­werks­tech­ni­sche – und kurz­le­bi­ge — tour de force. Die Regie­rung Japans hat­te 160.000 RM für die Teil­nah­me an der Aus­stel­lung inves­tiert, doch wur­de die Inves­ti­ti­on nicht ein­mal annä­hernd durch Ein­nah­men aus Ver­käu­fen kom­pen­siert. Grund waren die für deut­sche Ver­hält­nis­se über­durch­schnitt­lich hoch ange­setz­ten Prei­se. Den­noch kön­ne, betrach­te man die Fol­ge­wir­kun­gen Nürn­bergs, auch in Euro­pa von Erfolg gespro­chen wer­den, gebe es doch ein­zel­ne Künst­ler, die sich als direkt durch die japa­ni­sche Aus­stel­lung in Nürn­berg inspi­riert bezeich­ne­ten.
Gir­mond ver­or­tet ihre Arbeit im Schnitt­feld der tra­di­ti­ons­rei­chen Japonismus-Forschung und den neu­er­lich stark an Aktua­li­tät gewin­nen­den Unter­su­chun­gen zur Betei­li­gung Japans an den inter­na­tio­na­len Aus­stel­lun­gen des aus­ge­hen­den 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts.

Ulri­ke Nenn­stiel (Hokus­ei Gaku­en Uni­ver­si­tät, Sap­po­ro): Uemu­ra Taka­shi und der „Trostfrauen“-Diskurs in der Asahi Shin­bun
Die Sozio­lo­gin Nenn­stiel pro­ble­ma­ti­sier­te den Umgang mit der „Trostfrauen“-Problemematik (ian­fu mon­dai) und fokus­sier­te dabei auf die Rol­le Uemu­ra Taka­shis, eines ehe­ma­li­gen Asahi Shimbun-Journalisten (u.a. Aus­lands­kor­re­spon­dent), wel­cher im Jah­re 1991 einen der ers­ten japa­ni­schen Arti­kel auf der Grund­la­ge von Auf­zeich­nun­gen des Inter­view mit einer Betrof­fe­nen publi­zier­te. Obwohl ande­re Tages­zei­tun­gen ähn­lich berich­te­ten und nicht etwa Uemu­ra, son­dern das regio­na­le Blatt Hok­kai­dô shin­bun damals ein eige­nes Inter­view ver­öf­fent­lich­te, rich­te­ten sich die Atta­cken geschichts­re­vi­sio­nis­ti­scher Krei­se unter der Feder­füh­rung von Nishio­ka Tsu­to­mu und Saku­ra Yoshi­ko aus­schließ­lich gegen Uemu­ra. Seit knapp zwei Jah­ren sehe sich die­ser mas­si­ven Anfein­dun­gen, Schmä­hun­gen und Dro­hun­gen aus­ge­setzt, wel­che nicht mehr ledig­lich auf sei­ne eige­ne Per­son abziel­ten, son­dern eben­so gegen sei­ne Fami­lie und schließ­lich auch sei­nen Arbeit­ge­ber.
Einen vor­läu­fi­gen Höhe­punkt fan­den die­se Verleumdungs- und Hetz­kam­pa­gnen in Bom­ben­dro­hun­gen gegen die Hokus­ei Gaku­en Uni­ver­si­tät (Hoku­s­ei­dai kyôha­ku jiken) im Som­mer 2014. Als Reak­ti­on auf die­sen Angriff auf die Auto­no­mie einer aka­de­mi­schen Ein­rich­tung wur­de im Okto­ber, dem Auf­ruf zahl­rei­cher Intel­lek­tu­el­ler und Anwäl­te fol­gend, die „Gib nicht auf, Hokusei-Uni!-Vereinigung“ („Makeru­na Hokus­ei! no Kai“) gegrün­det, um für eine Wei­ter­be­schäf­ti­gung Uemu­ras ein­zu­tre­ten.
Einem kon­zi­sen und prä­gnan­ten Abriss zur For­schungs­ge­schich­te schloss Nenn­stiel eine aus­führ­li­che Chro­no­lo­gie des „Trostfrauen“-Diskurses an; dabei wer­de immer wie­der Rekurs auf die Fra­ge nach der (poli­ti­schen) Kor­rekt­heit der Aus­drucks­wei­se und Details Uemu­ras in sei­nem Zei­tungs­ar­ti­kel der Ôsa­ka Aus­ga­be der Asahi shin­bun vom 11. August 1991 genom­men, der auf den Erin­ne­run­gen der ehe­ma­li­gen korea­ni­schen Zwangs­pro­sti­tu­ier­ten Kim Hak-sun basier­te und in des­sen Nach­gang sich immer mehr betrof­fe­ne Frau­en zu Wort mel­de­ten. Zwar beken­ne sich auch die Regie­rung unter Minis­ter­prä­si­dent Abe Shin­zô for­mal zur Kôno-Erklärung (Kôno dan­wa) vom 4. August 1993, in der öffent­li­chen Debat­te bre­che sich jedoch ein immer aggres­si­ver gebär­den­der Geschichts­re­vi­sio­nis­mus Bahn, wel­cher bereits zur Beginn der Kon­tro­ver­sen um Yoshi­da Sei­ji stark an Viru­lenz gewon­nen habe und neu­er­lich im Wider­ruf von Zei­tungs­ar­ti­keln der Asahi shin­bun im August 2014 kul­mi­niert sei; zudem wur­de auf die Aus­sa­ge Abes aus dem Jahr 2005 ver­wie­sen, „die Trostfrauen[-Debatte wer­de auf der Grund­la­ge] fin­gier­ter Aus­sa­gen [geführt]“ („Ian­fu wa tsukur­a­re­ta hana­shi“). Dage­gen habe der His­to­ri­ker Yoshi­mi Yoshia­ki dafür plä­diert, den zen­tra­len Begriff der „Zwangs­ver­schlep­pung“ (kyôsei ren­kô) wei­ter zu fas­sen, schie­den sich die Mei­nun­gen zu sehr an den Phä­no­me­nen teis­hintai und ian­fu, sei­en die Gren­zen zwi­schen Frei­wil­lig­keit und Zwang nicht unbe­dingt trenn­scharf. Nenn­stiel führ­te aus, der Fall Uemu­ras offen­ba­re die Not­wen­dig­keit zu ver­stärk­tem soli­da­ri­schen Enga­ge­ment, dem rech­ten Druck nicht etwa nach­zu­ge­ben, die aka­de­mi­sche wie jour­na­lis­ti­sche Frei­heit und Unab­hän­gig­keit Japans zu schüt­zen und zu bewah­ren. Abschlie­ßend ver­lieh sie ihrer Sor­ge vor einer Remi­li­ta­ri­sie­rung der japa­ni­schen Gesell­schaft Aus­druck.
In der Dis­kus­si­on wur­de zunächst auf die „Erklä­rung der Historiker- und Geschichts­leh­rer­ver­bän­de Japans zur Trostfrauen-Frage“ („Ian­fu mon­dai ni kan­su­ru Nihon no reki­shi gak­kai, reki­shi kyôi­ku­sha dan­tai no sei­mei“) vom 25. Mai 2015 ver­wie­sen, durch wel­che die Exis­tenz von zwangs­re­kru­tier­ten „Trost­frau­en“ als ein durch his­to­ri­sche For­schung hin­rei­chend gesi­cher­tes Fak­tum aner­kannt, die Gül­tig­keit der Kôno-Erklärung bekräf­tigt wird. Als­dann wur­de die Fra­ge nach der Sin­gu­la­ri­tät des „Trostfrauen“-Phänomens erör­tert, sei Zwangs­pro­sti­tu­ti­on in Kriegs­zei­ten auch außer­halb Japans sys­te­ma­tisch betrie­ben wor­den; dar­an schloss eine Dis­kus­si­on um die Fra­ge der Ver­gleich­bar­keit der „Trostfrauen“-Debatte mit dem deut­schen His­to­ri­ker­streit an. Dar­über hin­aus hieß es, es sei über­trie­ben zu behaup­ten, das zeit­ge­nös­si­sche Japan wer­de im Zuge der Abe’schen Poli­tik für einen Mili­tär­staat vor­be­rei­tet. Zuletzt wur­de über die Beur­tei­lung der Oral Histo­ry als einem Instru­ment der his­to­ri­schen Arbeits­wei­se und deren Bedeu­tung für die zeit­ge­schicht­li­che For­schung dis­ku­tiert.

Martha-Christine Men­zel (FU Berlin/ Uni­ver­si­tät Hei­del­berg): „Ich bin Künst­ler, kein Sozia­list!‘ – Tay­a­ma Kata­is Erzäh­lung „Toko­yo goyo­mi“ (1914) als lite­ra­ri­scher Dis­kurs über Natu­ra­lis­mus, Sozia­lis­mus und die inne­re Sicher­heits­po­li­tik infol­ge der Hoch­ver­rats­af­fä­re
In ihrem Vor­trag wid­me­te sich die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Men­zel der Fra­ge nach der lite­ra­ri­schen Ver­ar­bei­tung der „Hoch­ver­rats­af­fä­re“ (Tai­gya­ku jiken, 1910/11), d.h. der Eska­la­ti­on des Kon­flik­tes zwi­schen der auto­ri­tä­ren Meiji-Regierung und diver­sen links­ge­rich­te­ten Grup­pie­run­gen, in deren Nach­gang die poli­zei­li­che Über­wa­chung mut­maß­lich poli­tisch Sub­ver­si­ver wie auch die Pres­se­zen­sur lan­des­weit ver­schärft wur­den. Dies hat­te auch star­ke Aus­wir­kun­gen auf den Lite­ra­tur­be­trieb. Men­zel the­ma­ti­sier­te in die­sem Zusam­men­hang die Erzäh­lung „Toko­yo goyo­mi“ („Der ewi­ge Kalen­der“, 1914) des Schrift­stel­lers Tay­a­ma Katai (1871–1930), eines Haupt­ver­tre­ters der lite­ra­ri­schen Strö­mung des Natu­ra­lis­mus in Japan (Nihon shi­zens­hu­gi bungaku).
Zunächst erfolg­te eine his­to­ri­sche Ver­or­tung des Werks, wobei Men­zel auf die Literatur- und Pres­se­zen­sur und ins­be­son­de­re die Naturalismus-Kritik im Meiji-zeitlichen Japan ver­wies. Jene Maß­nah­men hät­ten sich spe­zi­ell gegen das poli­ti­sche Poten­ti­al des Natu­ra­lis­mus gerich­tet, real­exis­tie­ren­de gesell­schaft­li­che Pro­ble­me authentisch-kritisch zu the­ma­ti­sie­ren. Auch die für den Natu­ra­lis­mus typi­sche For­de­rung nach Indi­vi­dua­lis­mus sei als der öffent­li­chen Moral abträg­li­che, dem koku­tai-Gedan­ken zuwi­der­lau­fen­de und damit ver­meint­lich staats­zer­set­zen­de Idee ange­se­hen wor­den. Zum Inhalt der Erzäh­lung: Der Prot­ago­nist Yama­da Yûki­chi wird von den Aus­wir­kun­gen der Hoch­ver­rats­af­fä­re erfasst und steht nun­mehr im Ver­dacht, ein Sozia­list zu sein. In Hok­kai­dô ver­sucht er, der stren­gen poli­zei­li­chen Über­wa­chung zu ent­ge­hen, schei­tert jedoch in sei­nem Bestre­ben, Unab­hän­gig­keit in der bäu­er­li­chen Lebens­wei­se zu fin­den. Men­zel führt aus, die Figur des Yûki­chi zei­ge deut­li­che Anspie­lun­gen und Par­al­le­len zur Vita eines Bekann­ten von Tay­a­ma Katai, der den Ver­fas­ser zu der Erzäh­lung inspi­riert habe. Für­der­hin kon­zen­trier­te sich die Refe­ren­tin auf eine Ana­ly­se der dem Werk zugrun­de­lie­gen­den erzähl­tech­ni­schen Ver­fah­ren, die bewusst dazu dien­ten, Anspie­lun­gen auf rea­le Per­so­nen und Ereig­nis­se zu ver­schlei­ern, gleich­zei­tig aber auch eine neu­tra­le Posi­ti­on der Erzählin­stanz beton­ten und es auf die­se Wei­se letzt­lich dem Leser selbst über­lie­ßen, über die Inhal­te zu urtei­len. „Toko­yo goyo­mi“ lässt sich dem­nach als eine heik­le Grat­wan­de­rung betrach­ten zwi­schen dem natu­ra­lis­ti­schen Authen­ti­zi­täts­an­spruch und der not­wen­di­gen Ver­schleie­rung der Bezü­ge zu rea­len poli­ti­schen und sozia­len Vor­gän­gen.
In der Dis­kus­si­on kam zunächst die Fra­ge auf, ob Katai nicht etwa dar­an gele­gen gewe­sen sein moch­te, weni­ger kon­kret die Hoch­ver­rats­af­fä­re als viel abs­trak­ter die Para­noia der Meiji-Regierung vor links­ge­rich­te­ten Grup­pie­run­gen wie auch die Absur­di­tät des Verdachts- und Über­wa­chungs­re­gimes zu the­ma­ti­sie­ren? Mori Ôgai appel­lier­te bei­spiels­wei­se im Jahr 1911 an die Regie­rung, klar zwi­schen Natu­ra­lis­mus, Sozia­lis­mus und Anar­chis­mus zu dif­fe­ren­zie­ren. Katai sei sich der poli­ti­schen Bri­sanz des The­mas durch­aus bewusst gewe­sen, wes­halb er sich expli­zit for­mu­lier­ter Kri­tik ent­hielt. Abschlie­ßend kam die Fra­ge nach der Wahl Hok­kai­dôs als Ort des Exils auf, genau­er: Ob die­ser als ein Zufluchts­ort gedacht wer­den, oder aber ob dadurch eine Schein­loya­li­tät gegen­über der den Nor­den des japa­ni­schen Archi­pels kolonisieren-den Regie­rung sug­ge­riert und der Ver­dachts­mo­ment neu­tra­li­siert wer­den soll­te? Men­zel ver­nein­te letz­te­re Inter­pre­ta­ti­on mit Blick auf die Erzäh­lung und ent­geg­ne­te, dass nach sub­jek­ti­vem Emp­fin­den Hok­kai­dô fern­ab des poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Zen­trums Tôkyô lag und daher nicht sel­ten auch eine Pro­jek­ti­ons­flä­che für Aut­ar­kie­vor­stel­lun­gen dar­stell­te, de fac­to jedoch mit am stärks­ten über­wacht wor­den sei.

Itô Tomohi­de (Wies­ba­den): Das Buch „Der tota­le Krieg“ von Erich Luden­dorff und Japan
Der His­to­ri­ker Itô refe­rier­te über sei­ne For­schun­gen zur Rezep­ti­ons­ge­schich­te des Ludendorff’schen wehr­kund­li­chen Trak­tats „Der tota­le Krieg“ im Japan der aus­ge­hen­den 1930er Jah­re, genau­er: zu des­sen Ein­fluss auf Offi­zier­s­krei­se und die von die­sen beför­der­ten wehr- und kriegs­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­se. Dank Itô liegt der zeit­his­to­ri­schen For­schung in Japan seit 2015 eine text­kri­ti­sche Über­set­zung nach der deutsch­spra­chi­gen Ori­gi­nal­aus­ga­be von 1935 vor, wel­che unter dem Titel „Rûden­do­ru­fu Sôryo­ku­sen‘ bei Hara Sho­bô erschien, eine Alter­na­ti­ve zur ver­al­te­ten unkom­men­tier­ten, von einer von ideo­lo­gi­schen Fär­bun­gen stark durch­setz­ten Spra­che getra­ge­nen Aus­ga­be von 1939 zu bie­ten.
Im Hin­blick auf den „tota­len Krieg“ kehr­te Luden­dorff das Clausewitz’sche Dik­tum, der Krieg sei die Fort­set­zung der Poli­tik, ins Gegen­teil: Die Poli­tik habe der Kriegs­füh­rung zu die­nen, die Poli­tik der Frie­dens­zeit der Vor­be­rei­tung des „Lebens­kamp­fes“ eines Vol­kes im Krie­ge; ent­spre­chend hät­ten sich alle Kräf­te eines Vol­kes zur Kriegs­füh­rung zu bün­deln, stell­te das Ver­ständ­nis der brei­ten Bevöl­ke­rung als eben­so der Indus­tri­el­len um die Not­wen­dig­keit des und deren Mit­wir­kung am „tota­len Krieg“ einen kriegs­ent­schei­den­den Fak­tor dar.
In Japan tra­ten Ange­hö­ri­ge der soge­nann­ten Refor­mis­ten (kakushin-ha) des Hee­res als Haupt­ex­po­nen­ten der Ludendorff’schen Kon­zep­ti­on vom „tota­len Krieg“ in Erschei­nung, mein­ten dar­in ein adap­ti­ons­wür­di­ges Vor­bild zur Ver­wirk­li­chung eines als not­wen­dig ima­gi­nier­ten Sys­tems der tota­len natio­na­len Mobi­li­sie­rung für die Zwe­cke der Kriegs­füh­rung und des Empire-Building ent­deckt zu haben. Die frü­he Ludendorff-Rezeption sei im Zuge der Aus­ein­an­der­set­zung japa­ni­scher Mili­tärs mit dem Ers­ten Welt­krieg erfolgt, so etwa durch die „Außer­or­dent­li­che Unter­su­chungs­kom­mis­si­on für mili­tä­ri­sche Ange­le­gen­hei­ten“ („Rin­ji Gun­ji Chô­sa Iin“). Ani­miert durch die Kriegs­vor­be­rei­tun­gen Japans im Fort­schrei­ten der 1930er Jah­re als spe­zi­ell vor dem Hin­ter­grund des Aus­bruchs des Zwei­ten Sino-Japanischen Krie­ges tat sich schließ­lich der Hee­res­of­fi­zier Mano Toshio her­vor, eine ers­te Über­set­zung des Ludendorff’schen Trak­tats ins Japa­ni­sche vor­zu­neh­men, wel­che 1939 bei Mika­sa Sho­bô erschien; Mano präg­te dadurch den japa­nisch­spra­chi­gen Begriff „Kok­ka sôryo­ku­sen“ („tota­ler Krieg“). Mano und sei­ne Mit­strei­ter Taka­shi­ma Tatsu­hi­ko und Tada Hayao waren der Über­zeu­gung, eine Ent­wick­lung hin zu einer „Staats­ord­nung des tota­len Krie­ges“ sei ange­sichts der Kriegs­vor­be­rei­tun­gen der ande­ren Groß­mäch­te unab­ding­bar; ent­spre­chend initi­ier­ten sie eine groß­an­ge­leg­te Pro­pa­gan­da­kam­pa­gne, pro­fi­tier­ten dabei von einer aus­ge­spro­che­nen Plu­ra­li­tät der Pro­pa­gan­da­mit­tel und — kanä­le, such­ten etwa durch die Radio­sen­dung „Rûden­do­ru­fu no kok­ka sôryo­ku­sen“, wel­che zwi­schen Novem­ber und Dezem­ber 1939 in fünf Epi­so­den aus­ge­strahlt wur­de, eine Brü­cke zwi­schen den Ludendorff’schen Argu­men­ten und der aktu­el­len Lage Japans her­zu­stel­len. Itô wies dar­auf hin, dass die­sen das Radio auf­grund des­sen hohen Ver­brei­tungs­gra­des (1939: ca. 34% der Haus­hal­te) als das geeig­nets­te Medi­um erschien, ein Bewusst­sein um die Not­wen­dig­keit zur „tota­len“ Kriegs­füh­rung in die Bevöl­ke­rung zu kom­mu­ni­zie­ren. Sei­ne Fort­füh­rung erfuhr das Kon­zept vom „tota­len Krieg“ durch die Publi­ka­tio­nen Taka­shi­mas, bei­spiels­wei­se des­sen Werk „Kôsen“ („Der kai­ser­li­che Krieg“), indem die­ser für einen „tota­len Krieg des kai­ser­li­chen Weges“ („Kôdô sôryo­ku­sen“) plä­dier­te.
Der Refe­rent schloss mit der The­se, anhand von Selbst­zeug­nis­sen japa­ni­scher Offi­zie­re wer­de offen­bar, die Über­füh­rung des Para­dig­mas der „tota­len“ Kriegs­füh­rung in die in Japan vor­herr­schen­den politisch-ideologischen Kon­tex­te moch­te zwar auf einer individuell-subjektiv wirk­sa­men Ebe­ne erfolg­reich gewe­sen sein, es jedoch auf strukturell-formaler Ebe­ne nicht gelang, die gewünsch­te Mas­sen­wir­kung zu erzie­len, schei­ter­ten doch alle Ver­su­che, die dar­aus abge­lei­te­te Pro­gram­ma­tik auch insti­tu­tio­nell zu imple­men­tie­ren; obgleich bedeut­sam für die Wei­ter­ent­wick­lung der Wehr­kun­de jener Zeit, letzt­lich kön­ne man einen ledig­lich begrenz­ten Ein­fluss auf das Heer kon­sta­tie­ren, das Stre­ben um eine Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung der Bevöl­ke­rung unter Taka­shi­mas Ban­ner des „Kôdô sôryo­ku­sen“ für geschei­tert erklä­ren.
Die abschlie­ßen­de Dis­kus­si­on dreh­te sich zunächst um die Fra­ge nach der Rezep­ti­on der sôryo­ku­sen-Pro­pa­ga­da in der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung, setz­te sich in der Erör­te­rung der beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten rezep­ti­ons­ge­schicht­li­cher Stu­di­en fort. Auch wur­de hin­ter­fragt, wor­in das Bedürf­nis zu einer neu­er­li­chen Über­set­zung bestan­den habe; Itô ver­wies aber­mals auf die ten­den­ziö­se, stark ideo­lo­gisch gefärb­te Spra­che der Erst­über­set­zung durch Mano. Zuletzt wur­de dis­ku­tiert, wes­halb das Werk aus der Feder eines Ange­hö­ri­gen aus­ge­rech­net einer der Ver­lie­rer­na­tio­nen des Ers­ten Welt­kriegs, nicht etwa ein sol­ches fran­zö­si­scher oder bri­ti­scher Pro­ve­ni­enz einen doch rela­tiv prä­gnan­ten Ein­gang in die wehr- und kriegs­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­se in Japan gefun­den habe, der japa­ni­sche sôryo­ku­sen-Dis­kurs nicht even­tu­ell Quer­ver­schal­tun­gen auch zu ande­ren Ana­ly­sen auf­wei­se.

Nad­ja Kischka-Wellhäußer (Uni­ver­si­tät Bonn): Sozia­le Netz­wer­ke im Ver­gleich: Die frü­he deut­sche und japa­ni­sche Frau­en­be­we­gung
Die His­to­ri­ke­rin Kischka-Wellhäußer stell­te ihr aktu­el­les Pro­jekt einer sozia­len Netz­werk­ana­ly­se als einen his­to­ri­schen Ver­gleich der frü­hen Frau­en­be­we­gun­gen in Deutsch­land und Japan vor.
Zunächst beleuch­te­te die Refe­ren­tin die Ent­ste­hung unter­schied­li­cher Typen von Frau­en­ver­ei­nen sowohl im Deut­schen Reich als eben­so im Meiji-zeitlichen Japan; dabei ver­wies sie auf die Ungleich­zei­tig­keit von Gen­der­de­bat­ten, Frau­en­rechts­dis­kur­sen und Öffent­lich­keit. So lie­ße sich die Ent­ste­hung von Frau­en­zei­tun­gen und -ver­ei­nen, lie­ßen sich die Anfän­ge einer Netz­werk­bil­dung im Fal­le Deutsch­lands bis in den Vor­märz hin­ein zurück­ver­fol­gen, in Japan habe sich eine ver­gleich­ba­re Ent­wick­lung erst seit Beginn der 1880er Jah­re voll­zo­gen; bei­den sei jedoch gemein, dass Frau­en um eine Stand­ort­be­stim­mung in den jeweils in Ent­ste­hung begrif­fe­nen Bür­ger­ge­sell­schaf­ten ver­gleichs­wei­se jun­ger Natio­nal­staa­ten ran­gen. Auf bei­den Sei­ten kön­ne nicht von einer ein­heit­li­chen, geschlos­se­nen Frau­en­be­we­gung aus­ge­gan­gen wer­den, reprä­sen­tier­ten unter­schied­li­che Frau­en­ver­ei­ne ein jeweils anders­ar­ti­ges sozia­les Spek­trum mit jeweils eige­ner Pro­gram­ma­tik und eige­nen Kli­en­tel­in­ter­es­sen. Bei­der­orts habe sich die Ent­wick­lung der Frau­en­be­we­gun­gen in Schü­ben voll­zo­gen, wel­che wie­der­um an eine all­ge­mei­ner sich voll­zie­hen­de Kon­junk­tur sozia­ler Bewe­gun­gen geknüpft gewe­sen sei­en, so einer­seits etwa jene der März­re­vo­lu­ti­on als ande­rer­seits zuvör­derst jene der „Bewe­gung für Frei­heit und Bür­ger­rech­te“ („Jiyû Min­ken Undô“), wobei Ver­net­zungs­pro­zes­se von den Metrol­pol­re­gio­nen auf die Peri­phe­rie aus­ge­gan­gen sei­en.
Im Zen­trum der Dis­kus­si­on stand die Fra­ge nach dem beson­de­ren Erkennt­nis­ge­winn, den sich Kischka-Wellhäußer ver­mit­tels eines his­to­ri­schen Ver­gleichs erhofft; ein sol­cher Ver­gleich zeich­ne sich in zeit­li­cher wie struk­tu­rel­ler Hin­sicht pro­ble­ma­tisch, lie­ßen sich auch Par­al­le­len und Diver­gen­zen fest­stel­len, so sei es wohl nur schwer­lich mach­bar, über pro­gram­ma­ti­sche Aspek­te hin­aus­rei­chen­de Kohä­ren­zen zu spe­zi­fi­zie­ren, sei­en die ange­leg­ten Para­me­ter und Kri­te­ri­en viel zu unbe­stimmt, als dass sie der jeweils spe­zi­fi­schen Kom­ple­xi­tät der gesellschaftlich-historischen Wirk­lich­keit gerecht wür­den, hät­ten sich die Frau­en­be­we­gun­gen der bei­den Ver­gleichs­län­der im Grun­de doch weit­ge­hend unab­hän­gig von­ein­an­der und in ihrem jewei­li­gen Eigen­rhyth­mus ent­wi­ckelt. Beson­ders in orga­ni­sa­to­ri­scher Hin­sicht sei ein Ver­gleich schwer­lich sinn­voll, hät­te die Zahl der deut­scher Frau­en­ver­ei­ne die der japa­ni­schen deut­lich über­wo­gen, sei von einer völ­lig anders­ar­ti­gen per­so­nel­len Zusam­men­set­zung aus­zu­ge­hen, wichen dabei die Fak­to­ren Milieu und Bil­dungs­hin­ter­grund all­zu stark von­ein­an­der ab; dar­an schloss eine Dis­kus­si­on um die Ent­ste­hung als eben­so die Cha­rak­te­ris­ti­ka von Bür­ger­ge­sell­schaft im Deut­schen Reich und im Meiji-zeitlichen Japan an. Aus dem Ple­num erfolg­te schließ­lich der Vor­schlag, von einem his­to­ri­schen Ver­gleich abzu­se­hen, sich statt­des­sen dem Pro­jekt einer Gesamt­dar­stel­lung der Geschich­te der Frau­en­be­we­gung in Japan zuzu­wen­den, lie­ge eine sol­che bis­lang noch nicht vor.

Abschluss: Kurz vor Tagungs­schluss prä­sen­tier­te Jan Schmidt eine auf der Grund­la­ge der in den vor­aus­ge­gan­ge­nen fünf­und­zwan­zig Initia­ti­ve­tref­fen erho­be­nen Daten basie­ren­de sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung über Teil­neh­mer­zah­len, den – frei­lich in anony­mi­sier­ter Form (!) – aka­de­mi­schen Back­ground der jewei­li­gen Teil­neh­mer sowie deren indi­vi­du­el­le, eben­so eine insti­tu­tio­nen­spe­zi­fisch dif­fe­ren­zie­ren­de Teil­nah­me­fre­quenz.
Die Tagung ende­te mit einem herz­li­chen Dank an die Orga­ni­sa­to­ren des Initia­ti­ve­tref­fens zu Würz­burg, Maik Hen­drik Sprot­te und Till Knaudt, als vor allem an Udo Bei­reis und die Beleg­schaft des Siebold-Museums für die den Teil­neh­mern dort zuteil­ge­wor­de­ne Gast­freund­schaft.

(Pro­to­koll: David Chwi­la)

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27. Tref­fen an der Uni­ver­si­tät Halle-Wittenberg am 5./6. Juni 2016:

Am Wochen­en­de des 4. und 5. Juni 2016 fand das 27. Tref­fen der Initia­ti­ve zur his­to­ri­schen Japan­for­schung in Hal­le statt. Ins­ge­samt wur­den vier Vor­trä­ge gehal­ten und leb­haft dis­ku­tiert. Zudem gab es Dis­kus­sio­nen zu einer mög­li­chen Zusam­men­ar­beit der Initia­ti­ve mit einer Fach­kol­le­gen­or­ga­ni­sa­ti­on in Japan.

Vor­trä­ge:
Raji Stein­eck (Zürich): Das Hiko­hoho­de­mi no miko­to ema­ki. Sym­bo­li­sche Kon­fi­gu­ra­ti­on und sozia­le Kon­stel­la­ti­on eines Mythos im Wan­del.
Der Vor­trag geht der Fra­ge­stel­lung des Mythos als sym­bo­li­scher Form im japa­ni­schen Mit­tel­al­ter nach. Sym­bo­li­sche Kon­fi­gu­ra­ti­on wird dabei ver­stan­den als die Gestal­tung der Instan­zen der Kom­mu­ni­ka­ti­on durch das Medi­um und sei­ne sym­bo­li­sche Form. Nach Ernst Cas­sie­rer meint sym­bo­li­sche Form nor­ma­tiv spe­zi­fi­sche und his­to­risch ent­wi­ckel­te Arten der Sinn­ge­bung. Das bedeu­tet, dass For­men in ver­schie­de­nen Kon­tex­ten mit ver­schie­de­nen Sinn­ge­bun­gen ver­stan­den wer­den: Eine Linie auf einem Bild in einem Muse­um wird anders ver­stan­den als eine Linie in einem Koor­di­na­ten­sys­tem. Des Wei­te­ren beein­flusst die sozia­le Kon­stel­la­ti­on, also das Ver­hält­nis der an der Kom­mu­ni­ka­ti­on betei­lig­ten zuein­an­der, die Sinn­ge­bung.
Unter­sucht wird die­se Fra­ge­stel­lung anhand einer Bild­rol­le (ema­ki­mo­no), die als Hiko­hoho­de­mi no miko­to ema­ki in einer Kopie aus dem 17. Jahr­hun­dert über­lie­fert ist. Das Ori­gi­nal wur­de in der zwei­ten Hälf­te des 12. Jahr­hun­derts in der Werk­statt des abge­dank­ten Kai­sers Go-Shirakawa (1127–1192, Amts­zeit 1155–1158) pro­du­ziert. Die Rol­le greift eine Geschich­te aus der ers­ten Reichs­chro­nik Nihon sho­ki über die gött­li­chen Vor­fah­ren des Herr­scher­hau­ses auf. Die Rol­le über­trägt sie nicht nur in ein neu­es Medi­um, son­dern wan­delt sie auch in wesent­li­chen Punk­ten inhalt­lich ab: Vom Ori­gi­nal im Nihon sho­ki zur Bild­rol­le des Hiko­hoho­de­mi no miko­to ema­ki wan­del­ten sich Medi­um und sym­bo­li­sche Form von der impe­ria­len Reichs­chro­nik (Recht) zur illus­trier­ten Hand­schrift (Kunst). Ver­än­dert wur­de auch die Kon­fi­gu­ra­ti­on der Bot­schaft. So war im Ori­gi­nal der Held kein „beschäf­ti­gungs­lo­ser Prinz“ wie im ema­ki­mo­no, son­dern ein Jäger­prinz. Sein Hel­fer im Ori­gi­nal war der König des Mee­res und die Prin­zes­sin, nicht der Dra­chen­kö­nig wie in der Bild­rol­le. Am Ende des Ori­gi­nals steht die Tren­nung der bei­den Prot­ago­nis­ten und nicht wie im ema­ki­mo­no ein Ende in völ­li­ger Har­mo­nie wie in einem Mär­chen.
Das ist auf­fäl­lig, denn das Nihon sho­ki stell­te im Alter­tum die ver­bind­li­che Fas­sung der Vor- und Früh­ge­schich­te fest. Aller­dings zeigt das ema­ki­mo­no, wie der Auf­trag­ge­ber Go-Shirakawa mit der Bild­rol­le sei­ne eige­ne Geschich­te als ein jün­ge­rer, über­ra­schend auf den Thron gekom­me­ner Kai­ser legi­ti­miert. Die Bild­rol­le soll die Kom­pe­tenz Go-Shirakawas für die Auf­ga­be dar­stel­len und sei­nen Ruf als Müßig­gän­ger, den er in jun­gen Jah­ren hat­te, kon­ter­ka­rie­ren. Damit weist die Bild­rol­le auf spä­te­re Ent­wick­lun­gen im Mit­tel­al­ter hin, wo neue Mytho­lo­gi­en ent­stan­den, die zwar älte­re Moti­ve aus der Reichs­chro­nik auf­grei­fen, die­se aber durch Erwei­te­run­gen, Kür­zun­gen, Umbe­set­zun­gen von Figu­ren und Kom­bi­na­tio­nen mit ande­ren Tra­di­tio­nen abwan­deln. Es han­delt sich dabei um eine poli­ti­sche Stra­te­gie, bei der das media­le Spek­trum und die Trä­ger­schaft der Mytho­lo­gie aus­ge­wei­tet wer­den. Mythen sind im Mit­tel­al­ter nicht nur mehr wie im Alter­tum vor­nehm­lich genealogisch-historische Nar­ra­tio­nen, son­dern wan­dern durch ver­schie­de­ne Regio­nen Japans und in den Gen­res der dar­stel­len­den Küns­te.
Das Bei­spiel zeigt die kon­trä­ren Befun­de im mit­tel­al­ter­li­chen Mythen­be­griff in Japan. Dort koexis­tiert der Mythos mit ande­ren, ent­wi­ckel­ten sym­bo­li­schen For­men. Die Mythen inkor­po­rie­ren ela­bo­rier­te Pro­duk­te ande­rer For­ma­te, z.B. Theo­lo­gie, Natur­kun­de und -wis­sen­schaft, Kunst oder Tech­nik. Zudem wer­den Mythen ihrer­seits inkor­po­riert in mytho­lo­gi­sche Tech­ni­ken in Reli­gi­on, Kunst, Wis­sen­schaft.
In der Dis­kus­si­on wur­de dann die Fra­ge nach der Glaub­wür­dig­keit von Mythen gestellt, die erkenn­bar abge­wan­delt wer­den. Die Fra­ge danach, wel­che der Ver­sio­nen als dann rich­tig ange­se­hen wer­den, wur­de dahin­ge­hen­de beant­wor­tet, dass es bei der Abwand­lung von Mythen im Mit­tel­al­ter gang und gäbe war, bei einer Nar­ra­ti­on ver­schie­de­ne Hand­lungs­va­ri­an­ten anzu­bie­ten. Die­se Vari­an­ten erklä­ren, das was da ist und was ohne­hin schon gilt, ver­schie­de­ne Ver­sio­nen wer­den nicht hin­ter­fragt, son­dern neben­ein­an­der akzep­tiert.
Auf die Fra­ge nach den Adres­sa­ten der Bild­rol­le wur­de auf die Her­aus­stel­lung der Legi­ti­ma­ti­on von Go-Shirakawa gegen­über der klei­nen Eli­te am Hof ver­wie­sen. Die Fra­ge danach, ob der­ar­ti­ge Stra­te­gi­en häu­fi­ger von neu­en Herr­schern ange­wandt wur­den, konn­te nicht abschlie­ßend geklärt wer­den, aber es ist zu beob­ach­ten, dass Instan­zen, die eine Sta­tus­ver­än­de­rung anstreb­ten, dabei auch mit dem Mit­tel von Mythen­ver­än­de­run­gen arbei­te­ten.

Thors­ten Kerp (Bonn): Zwi­schen Koket­te­rie und Galan­te­rie. Männ­lich­keits­bil­der im Japan des frü­hen 19. Jahr­hun­derts.
Der Vor­trag beschäf­tigt sich mit Männ­lich­keits­bil­dern von Koket­te­rie (iki) und Galan­te­rie (kyô) im Japan des frü­hen 19. Jahr­hun­derts in Lite­ra­tur, Thea­ter und Farb­holz­schnit­ten und wie die­se im Zusam­men­hang mit Grup­pen wie den Städ­tern (chô­nin), den „Kin­dern Edos“ (edok­ko), der zivi­len Brand­wacht (machi­bike­shi) und den Ehrbahren/Unruhestiftern (oto­ko­da­te) zu betrach­ten sind.
Ende der japa­ni­schen Früh­neu­zeit war die auf­stre­ben­de Bür­ger­kul­tur der Krie­ger­me­tro­po­le Edo auf der Suche nach neu­en sub­ver­si­ven Instru­men­ten für den Wider­stand gegen die Restrik­tio­nen von Sei­ten des Krie­ger­stan­des. Im Kampf um Boden der sozia­len und kul­tu­rel­len Fel­der mani­fes­tie­ren sich dabei zwei iko­ni­sche Män­ner­bil­der, wel­che den Dis­kurs der Zeit beein­flus­sen. Dabei stammt das ers­te Bild, das mit dem Begriff iki bezeich­net wird, aus den Rot­licht­vier­teln, wo der Begriff als eine Art end­lo­ser Flirt ver­stan­den wird. Iki wird als eine Eigen­schaft defi­niert, die den edok­ko eigen ist. Die­se Koket­te­rie beinhal­te­te eine gewis­se rebel­li­sche Hal­tung, die sich gegen die Krie­ger rich­te­te. Der Begriff wird ver­wen­det für einen viri­len Mann, ursprüng­lich ent­stan­den im unver­bind­li­chen ero­ti­schen Spiel zwi­schen Pro­sti­tu­ier­ten und Besu­chern der Ver­gnü­gungs­vier­tel. Er spie­gelt den von Män­nern ersehn­ten weib­li­chen Habi­tus eben­so wider wie das männ­li­che Ver­hal­ten gegen­über dem ande­ren Geschlecht.
Die Galan­te­rie (kyô) basiert auf den kon­fu­zia­ni­schen Kon­zep­ten von ren (仁) und yi (儀). Sie wird gelebt von ehr­ba­ren Män­nern (oto­ko­da­te). Die­se ehr­ba­ren Außen­sei­ter wer­den in der Lite­ra­tur und auf der Büh­ne gefei­ert und teils von den bunt täto­wier­ten Feu­er­wehr­män­nern gelebt. Die­se Ver­hal­tens­form wur­de unter Män­nern kul­ti­viert, dien­te der För­de­rung von Män­ner­bün­den und war vom Geist der Rebel­li­on durch­drun­gen.
Bei­de Idea­le waren hoch per­for­ma­ti­ve Aspek­te bür­ger­li­cher Iden­ti­tät, abhän­gig von Sta­tus, Bezie­hung und Anlass. Sie tra­ten ent­we­der in all­täg­li­chen Begeg­nun­gen akut in Erschei­nung oder blie­ben blo­ßes Gedan­ken­spiel eines schwei­fen­den Ver­stan­des, ver­tieft in fan­ta­sie­vol­le Thea­ter­stü­cke oder Roma­ne. In allen Fäl­len beein­flus­sen die­se bei­den halb­fik­tio­na­len Idea­le zwi­schen hete­ro­so­zi­al ero­ti­schem Spiel und homo­so­zia­len Män­ner­bün­den das Bild des zivi­len Man­nes von Edo und dien­ten als Werk­zeug des Self-Empowerment in Ant­wort auf die die­sen Män­nern ver­wehr­ten Krie­ger­pri­vi­le­gi­en.
In der Dis­kus­si­on wur­de der Begriff des iki noch ein­mal beleuch­tet: Iki ist etwas, das jemand „hat“ und nicht „ist“, es ist ein Habi­tus­be­griff. Wei­ter­hin wur­de der im Vor­trag ver­wen­de­te Begriff des Bür­gers pro­ble­ma­ti­siert; denn chô­nin sind nicht gleich Bür­ger. Bemerkt wur­de, dass Quel­len, die sich damit befas­sen, was in Trak­ta­ten über Kabu­ki als „männ­lich“ und „weib­lich“ bezeich­net wird, sehr wei­ter­hel­fen kön­nen zur Defi­ni­ti­on des Begriffs iki.

K.-Ulrike Nenn­stiel: (Sap­po­ro): Die Bedeu­tung von Wald als Erho­lungs­quel­le von der Meiji-Zeit bis heu­te
In die­sem Vor­trag wur­de ein Pro­jekt vor­ge­stellt, in dem das The­ma Wald als Erho­lungs­quel­le anhand einer Ana­ly­se der Forst­ge­setz­ge­bung der Meiji-Zeit sowie der Akti­vi­tä­ten des Amts für Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie (科学技術庁) in den 1960er Jah­ren exem­pli­fi­ziert und in sei­nen Aus­wir­kun­gen bis in die Gegen­wart erör­tert wer­den.
Holz- und Forst­wirt­schaft spiel­te in Japan bereits im Alter­tum eine wich­ti­ge Rol­le. Spä­tes­tens seit der Edo-Zeit dien­ten die Wald­be­stän­de in Schrein- und Tem­pel­an­la­gen auch als „Erho­lungs­quel­le“. Ande­rer­seits stieg wäh­rend der Edo-Zeit der Holz­ver­brauch vor allem wegen auf­wän­di­ger Haus­bau­ten enorm an. Dies brach­te die Gefah­ren umfang­rei­cher Abhol­zun­gen ins Bewusst­sein.
Der Beginn neu­zeit­li­cher Forst­ad­mi­nis­tra­ti­on wird auf die Zeit der Meiji-Restauration datiert. 1897 wur­de das Forst­ge­setz (森林法) erlas­sen, das die Grund­la­ge bil­de­te für die Aus­wei­sung von 風致保安林(„landschaftlich attrak­ti­ven Schutz­wäl­dern“) und 公衆衛生林 („Wäl­dern für die öffent­li­che Gesund­heit“). Seit­her lässt sich ein Tau­zie­hen zwi­schen ver­schie­de­nen Minis­te­ri­en und Inter­es­sen­grup­pen um die Erho­lungs­funk­ti­on japa­ni­scher Wäl­der beob­ach­ten. Eine Ana­ly­se der his­to­ri­schen Ent­wick­lung über die Wald­nut­zung in Japan seit Ende des 19. Jahr­hun­dert bis heu­te zeigt hier­bei, dass das zen­tra­le Anlie­gen der Forst­wirt­schaft die Holz­wirt­schaft ist, und für den Erho­lungs­tou­ris­mus nur ein nach­ge­ord­ne­ter Stel­len­wert bleibt.
Beson­de­res betont wer­den soll­te, dass sich mitt­ler­wei­le drei ver­schie­den Akteu­re bzw. Akteurs­grup­pen gegen­über­ste­hen: 1. Das rin­yachô (natio­na­les Amt für Forst- und Land­wirt­schaft), 2. diver­se Minis­te­ri­en (Trans­port­mi­nis­te­ri­um, Sozial- und Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um, Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um usw.), die „Wal­d­er­ho­lung“ im Sin­ne „tou­ris­ti­scher Erschlie­ßung“ ver­fol­gen, und 3. sog. „Natur­schüt­zer“, die den Wald in mög­lichst „natur­na­hem Zustand“ erhal­ten wol­len.
In der Dis­kus­si­on wur­den Fra­gen gestellt zur Defi­ni­ti­on von Wald­be­sitz, zum Akteur „Holz­wirt­schaft“, zum Begriff des eisei (衛生), also der öffent­li­chen Gesund­heit im Zusam­men­hang mit der Erho­lungs­funk­ti­on des Wal­des, nach Zeit­punkt und Inten­ti­on der Errich­tung von Natio­nal­parks, und zur tou­ris­ti­schen Nut­zung des Wal­des. Gene­rell wur­de dabei fest­ge­stellt, dass die Ten­denz zu Beginn der Meiji-Zeit war, soviel Wald wie mög­lich in Staats­be­sitz statt in Pri­vat­be­sitz zu bekom­men, zur Not mit Ent­eig­nun­gen. Die im Vor­trag ver­ein­fa­chend „Holz­wirt­schaft“ genann­ten Akteu­re sol­len im Pro­jekt in ihren Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen näher unter­sucht wer­den. Oft han­delt es sich dabei um ein­fluss­rei­che Fami­li­en, die die öko­no­mi­sche Nut­zung von seit lan­gem in ihrem Besitz befind­li­chem Wald durch poli­ti­schen Lob­by­is­mus ver­tei­dig­ten. Im Sin­ne der Schaf­fung von Erho­lungs­raum, der tou­ris­tisch genutzt wird, wur­den beson­ders die Natur­parks in der Nähe von Tokyo und die Natur­parks auf Hok­kai­do erwähnt, die heut­zu­ta­ge auch sehr stark von Tou­ris­ten aus dem asia­ti­schen Aus­land genutzt wer­den.

Fynn Holm (Zürich): Japans kon­flikt­rei­cher Weg zur Wal­fang­na­ti­on
Der Vor­trag kon­zen­triert sich auf den Küs­ten­wal­fang beson­ders in Ayu­ka­wa (in der Nähe von Sen­dai), wo es eine Wal­fang­sta­ti­on gibt, die vom Tsu­na­mi 2011 zer­stört wur­de. Dort wur­de der Wal­fang erst 1906 ein­ge­führt, aller­dings gegen den star­ken Wider­stand der ört­li­chen Fischer. Des­halb stellt sich die Fra­ge, wie eine Regi­on, in der Wal­fang stark abge­lehnt wur­de, spä­ter zu einem Zen­trum des japa­ni­schen Wal­fangs wer­den konn­te. Die Dis­ser­ta­ti­on, die in die­sem Vor­trag vor­ge­stellt wur­de, stellt die Fra­ge danach, wie sich die Sicht auf Wale und Wal­fang in den Fische­r­ei­ge­mein­schaf­ten der San­ri­ku­küs­te zwi­schen 1600 und 2011 geän­dert hat.
Wäh­rend der Edo-Zeit bil­de­te der Wal­fang einen fes­ten Bestand­teil der west­ja­pa­ni­schen Fische­rei. Alle Tei­le der Tie­re wur­den ver­wer­tet. Wal­fleisch galt als wich­ti­ge Pro­te­in­quel­le, Wal­kno­chen eig­ne­ten sich für das Dün­gen von Reis­fel­dern und Wal­öl war zudem das ein­zig bekann­te wirk­sa­me Mit­tel gegen Schäd­lings­be­fall auf den Fel­dern. Doch alle Ver­su­che, den Wal­fang auch im Nord­os­ten des Lan­des ein­zu­füh­ren, schei­ter­ten. Zwar gab es in den nörd­li­chen Gewäs­sern gro­ße Bestän­de an Mee­res­säu­gern, doch gefähr­li­che Strö­mun­gen ver­hin­der­ten deren Bewirt­schaf­tung. Obwohl die Fischer die Wale von ihren Boo­ten aus sehen konn­ten, blie­ben die­se uner­reich­bar. Des Wei­te­ren glaub­ten sie, dass die Tie­re Fische an die Küs­te trei­ben wür­den. Für die Fischer stell­te daher der Wal die Inkar­na­ti­on des wohl­stand­brin­gen­den Got­tes Ebisu-sama dar. Des­halb galt des­sen Beja­gung als Tabu.
Erst als in der Meiji-Zeit neue Tech­no­lo­gi­en aus Euro­pa impor­tiert wur­den, wur­den die Wal­be­stän­de im Nord­os­ten für gro­ße Unter­neh­men aus West­ja­pan inter­es­sant. Doch die loka­len Fischer pro­tes­tier­ten gegen die Eröff­nung von Wal­fang­sta­tio­nen in ihren Dör­fern. Neben den reli­giö­sen Grün­den führ­te ins­be­son­de­re die Ver­schmut­zung des Mee­res durch Fabrik­ab­fäl­le wie Wal­blut zu Unzu­frie­den­heit. Die Situa­ti­on eska­lier­te schließ­lich in Same bei Hachi­no­he im Jahr 1911, als ein Mob von über tau­send wüten­den Fischern die gera­de geöff­ne­te Wal­fang­sta­ti­on in Brand setz­te. Für die Obrig­keit war die­ser Gewalt­ex­zess ein Schock und sie bemüh­te sich in der Fol­ge um eine bes­se­re Inte­gra­ti­on der loka­len Bevöl­ke­rung in die neue Indus­trie. Vie­le arbeits­lo­se Fischer fan­den dadurch eine neue Anstel­lung.
Nach dem Ende des tra­di­tio­nel­len Küs­ten­wal­fangs Ende des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te sich näm­lich in Japan ein indus­tri­el­ler Wal­fang in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts, einer­seits in Kon­kur­renz zu ame­ri­ka­ni­schen Wal­fän­gern, ande­rer­seits als Aus­druck der japa­ni­schen Regio­nal­he­ge­mo­nie mit Wal­fang­sta­tio­nen auch in Korea, Tai­wan etc. Pro­duk­te aus Walen, ins­be­son­de­re Wal­öl, wur­den zu einem wich­ti­gen Han­dels­gut mit Euro­pa.
Nach dem Zwei­ten Welt­krieg eta­blier­ten die Unter­neh­men in den Dorf­ge­mein­schaf­ten jähr­li­che Wal­fes­ti­vals nach west­ja­pa­ni­schem Vor­bild, um die Akzep­tanz in der Bevöl­ke­rung zu stei­gern. Tat­säch­lich wur­de der Wal­fang in den 1950ern als Teil der regio­na­len Iden­ti­tät ange­se­hen, ver­ges­sen waren die Kon­flik­te aus der Anfangs­zeit. Ins­be­son­de­re in Ayu­ka­wa auf der Oshika-Halbinsel setz­ten sich die Fischer in der Fol­ge stark für einen Erhalt des Wal­fan­ges ein. Dies geschah trotz sin­ken­der Erträ­ge auf­grund der Über­fi­schung und Pro­tes­ten von Umwelt­ver­bän­den aus Euro­pa. Aus der anfäng­lich Wal­fang ableh­nen­den Regi­on im Nord­os­ten Japans ent­wi­ckel­te sich die am stärks­ten befür­wor­ten­de Gegend. Sie war dadurch maß­geb­lich an der Bil­dung der gegen­wär­ti­gen japa­ni­schen Wal­fang­na­ti­on betei­ligt.
In der Dis­kus­si­on wur­de dann bespro­chen, wie die domi­nie­ren­den Fami­li­en in den abge­schie­de­nen Dör­fern an der San­ri­ku­küs­te in den indus­tri­el­len Wal­fang inte­griert wur­den, um die Ansied­lung von gro­ßen Wal­fang­un­ter­neh­men zu ermög­li­chen. Die­se Unter­neh­men gin­gen im Ver­lauf des Zwei­ten Welt­kriegs in der Regel zwar unter, aber man kann von einem Wie­der­an­fang des Wal­fangs an der Küs­te inso­fern spre­chen, als dass die Akteu­re nach dem Zwei­ten Welt­krieg eben­falls aus der Wal­fang­in­dus­trie stamm­ten und einen Auf­schwung beson­ders in den 1960er Jah­ren erziel­ten. An die­se Zeit den­ken die Men­schen in Ayu­ka­wa heu­te mit Nost­al­gie zurück. Wal­fang ist dort heut­zu­ta­ge eine Inven­ted Tra­di­ti­on, die nicht nur durch die loka­len Fes­te gepflegt wird. Es gibt einen Film aus den 1950ern mit einem Wal­fang­the­ma, der Wal­fang taucht durch­weg posi­tiv in den regio­na­len Schul­bü­chern auf und wird im Tou­ris­mus ver­mark­tet. Die Aus­wir­kun­gen des Wal­fangs auf die Umwelt wer­den nur durch äuße­re Akteu­re wie Green­peace und Sea She­pherd seit den 1990er Jah­ren pro­ble­ma­ti­siert, in Japan gibt es kei­ne offen auf­tre­ten­de Anti-Walfang-Lobby.
Wei­ter­hin bespro­chen wur­de die Fra­ge nach den Quel­len für die Dis­ser­ta­ti­on. Hier taucht das Pro­blem der Zer­stö­rung von loka­len Pri­mär­quel­len durch den Tsu­na­mi 2011 auf. Die Arbeit stützt sich des­halb u.a. auf nach­ge­druck­te Quel­len aus der Edo-Zeit, regio­na­le Zei­tun­gen aus dem 20. Jahr­hun­dert, Unter­la­gen aus der Dorf­po­li­tik zur Errich­tung von Wal­fang­sta­tio­nen und Inter­views mit Akteu­ren aus der Regi­on. Vor­ge­schla­gen wur­de zusätz­lich bei der zustän­di­gen Industrie- und Han­dels­kam­mer nach Quel­len zu suchen und der Fra­ge nach­zu­ge­hen, ob in der Edo-Zeit in Nord­ost­ja­pan nicht ein­fach das Kapi­tal für den Wal­fang gefehlt hat.

Dis­kus­si­on:
Im Anschluss an die Vor­trä­ge berich­te­te Wolf­gang Sei­fert über einen Vor­schlag des japa­ni­schen Kol­le­gen Prof. Miya­ke Aki­ma­sa (Chi­ba dai­gaku). Er möch­te die Zusam­men­ar­beit der Mit­glie­der der Dōjidai-shi gak­kai (同時代史学会, eng­li­scher Name: Japa­ne­se Asso­cia­ti­on for Con­tem­pora­ry His­to­ri­cal Stu­dies / JACHS) und deut­schen Jap­an­his­to­ri­kern stär­ken. (Zu die­ser 2002 gegrün­de­ten Ver­ei­ni­gung und ihren For­schungs­the­men sie­he deren Inter­net­sei­te) Kon­kret wird vor­ge­schla­gen, ers­tens, dass in der jähr­lich erschei­nen­den Zeit­schrift der JACHS, im „Japa­ne­se Jour­nal of Con­tem­pora­ry Histo­ry“, ein Arti­kel eines/r deutschen/r Japanhistoriker/in ver­öf­fent­licht wird, und zwar in japa­ni­scher Über­set­zung. Die­se Über­set­zung wird von JACHS über­nom­men. Umge­kehrt soll­te ein japa­ni­scher Bei­trag in eng­li­scher Über­set­zung in die­ser ansons­ten auf Japa­nisch publi­zier­ten Zeit­schrift erschei­nen, wobei sich die deut­sche Sei­te um die Über­set­zung küm­mert. Zwei­tens wird vor­ge­schla­gen, dass an der Jah­res­ta­gung der JACHS im Dezem­ber eine Per­son aus der deut­schen his­to­ri­schen Japan­for­schung als Refe­rent oder als Kom­men­ta­tor teil­nimmt. (Es wur­de nicht erwähnt, ob die Kos­ten von japa­ni­scher Sei­te über­nom­men wer­den.) Die anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on setz­te sich kon­tro­vers damit aus­ein­an­der, wie die­se Art des Aus­tauschs prak­tisch umge­setzt wer­den könn­te. Die Idee eines Aus­tauschs wur­de gene­rell begrüßt, ver­wie­sen wur­de aber auch auf die prak­ti­schen Pro­ble­me, die ent­ste­hen, wenn jemand gesucht wird, der japa­ni­sche Arti­kel ins Eng­li­sche über­setzt (Wer hat dazu Zeit? Wie wird die Qua­li­tät der Über­set­zung in die Fremd­spra­che Eng­lisch sicher­ge­stellt?). Deut­lich wur­de, dass unse­re locker orga­ni­sier­te „Initia­ti­ve zur his­to­ri­schen Japan­for­schung“ nicht als Pen­dant zu JACHS gel­ten kann. Da die Rea­li­sie­rung eines sol­chen Aus­tauschs nur durch per­sön­li­che Kon­tak­te und per­sön­li­chen Ein­satz erreicht wer­den kann, ende­te die Aus­spra­che zum The­ma damit, dass Wolf­gang Sei­fert dazu auf­rief, die Idee wei­ter zu ver­brei­ten und sich ggf. zur Mit­ar­beit in einem sol­chen Aus­tausch bei ihm zu mel­den.

(Pro­to­koll: Anke Sche­rer)

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28. Tref­fen an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin am 12./13. Novem­ber 2016:

Am 12. und 13. Novem­ber 2016 fand das 28. Tref­fen der Initia­ti­ve zur his­to­ri­schen Japan­for­schung am Friedrich-Meinecke-Institut der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin statt. Die Initia­ti­ve dankt der Gesell­schaft für Japan­for­schung für die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung des Tref­fens sehr herz­lich.

Anwe­send waren in Ber­lin: Niels Bader (Ber­lin), Micha­el Faci­us (Ber­lin), Det­lef Fol­jan­ty (Ber­lin), Maj Hart­mann (Leu­ven), Oli­ver Hart­mann (Ber­lin), Robert Kraft (Leip­zig), Ger­hard Krebs (Ber­lin), Mar­tha Men­zel (Ber­lin), Dolf-Alexander Neu­haus (Frank­furt), Ales­sa Peters (Ber­lin), Jakub Popra­wa (Bochum/Berlin), Fabi­an Schä­fer (Erlangen-Nürnberg), Kat­ja Schmidtpott (Ber­lin), Tino Schölz (Halle-Wittenberg), Momo­ko Sega­wa (Ber­lin), Det­lev Taran­c­zew­ski (Bonn), Wolf­gang Thie­le (Ber­lin), Dani­el Woll­knik (Bochum), Urs Mat­thi­as Zach­mann (Ber­lin), Dinah Zank (Ber­lin)

Das Tref­fen wur­de ein­ge­lei­tet durch Gruß­wor­te von Prof. Kat­ja Schmidtpott und Prof. Urs Mat­thi­as Zach­mann, die bei­de die japa­ni­sche Geschich­te am Ost­asia­ti­schen Semi­nar der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin ver­tre­ten. Bei­de berich­te­ten kurz über den erfreu­li­chen Aus­bau geschichts­be­zo­ge­ner For­schung an der loka­len Japa­no­lo­gie in den letz­ten Jah­ren, der sich unter ande­rem in stei­gen­den Zah­len von Abschluss­ar­bei­ten und dem Aus­bau der his­to­ri­schen Bestän­de in der Biblio­thek nie­der­schlägt. Ko-Veranstalter Micha­el Faci­us ließ Grü­ße von Prof. Sebas­ti­an Con­rad und Jun.-Prof. Nadin Heé aus­rich­ten, die am Friedrich-Meinecke-Institut eben­falls unter ande­rem zur japa­ni­schen Geschich­te for­schen, sich zum Zeit­punkt des Tref­fens aber nicht in Ber­lin auf­hiel­ten. Vor dem Ein­stieg in die Fach­vor­trä­ge gab es wie in die­sem For­mat üblich eine kur­ze Vor­stel­lungs­run­de.

Vor­trä­ge:
Dani­el Woll­nik (Bochum): Zur Früh­ge­schich­te des Tele­fons in Japan — Der Dis­kurs um sei­ne Ein­füh­rung in Poli­tik und Medi­en im 19. Jahr­hun­dert.
Zum Aus­gangs­punkt sei­nes Vor­trags, der auf einer kürz­lich abge­schlos­se­nen Mas­ter­ar­beit basiert, nahm Dani­el Woll­nik die in der Tech­nik­ge­schich­te ver­brei­te­te Irri­ta­ti­on dar­über, dass Japan zwar von Beginn an mit der Tech­no­lo­gie des Tele­fons ver­traut war (der Japa­ner Kaneko Ken­tarō besuch­te Alex­an­der Gra­ham Bells Vor­le­sun­gen), die­se aber erst um die Jahr­hun­dert­wen­de ernst­haf­te Ver­brei­tung erfuhr. Woll­nik kri­ti­sier­te, dass dem ein stark ver­ein­fa­chen­des Fort­schritts­nar­ra­tiv zugrun­de lie­ge, das zudem häu­fig mit kul­tu­ra­lis­ti­schen Erklä­rungs­mus­tern ein­her­ge­he, die dazu nei­gen, bestimm­te Cha­rak­te­ris­ti­ka der Japa­ner für den „Fehl­start“ ver­ant­wort­lich zu machen. Er ging statt­des­sen von der umge­kehr­ten Annah­me aus: es reicht nicht aus, dass neue Tech­no­lo­gi­en kom­ple­xer und mäch­ti­ger sind als ihre Vor­gän­ger. Um sich durch­zu­set­zen, haben sie sich in ver­schie­de­nen Berei­chen – poli­tisch, öko­no­misch, kul­tu­rell, etc. zu bewei­sen.
Um die Ursa­chen der ver­gleichs­wei­se spä­ten Ver­brei­tung nuan­cier­ter zu ver­ste­hen, wid­me­te sich Woll­nik in sei­ner Mas­ter­ar­beit ins­be­son­de­re zwei Quel­len­ar­ten: büro­kra­ti­scher Kor­re­spon­denz über das Tele­fon in den Minis­te­ri­en und Arti­kel in den gro­ßen Tages­zei­tun­gen Asahi und Yomi­uri Shin­bun. In sei­nem Vor­trag bet­te­te er die­se Quel­len­ana­ly­sen jedoch in viel­schich­ti­ge Über­le­gun­gen dazu ein, wie ver­schie­de­ne Fak­to­ren kul­tu­rel­ler, öko­no­mi­scher, tech­no­lo­gi­scher und poli­ti­scher Natur inein­an­der­grif­fen. Eines sei­ner Kern­er­geb­nis­se war, dass die Inno­va­ti­ons­schwel­le zur Ver­brei­tung des Tele­fons in Japan höher war als anders­wo: die Kos­ten für den Auf­bau einer tele­fon­ge­rech­ten Infra­struk­tur waren hoch, wäh­rend der zusätz­li­che Nut­zen gegen­über dem Tele­gra­fen als gering ein­ge­stuft wur­de. Wie die frü­he Bezeich­nung den­wa dens­hin­ki (etwa gesprächs­über­tra­gen­der Tele­graf) andeu­tet, wur­de es zuerst eher als ein Tele­graf 2.0 denn als eine eigen­stän­di­ge Tech­no­lo­gie wahr­ge­nom­men. Zudem war der Tele­graf von Anfang an eng mit poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Funk­tio­nen ver­knüpft, so dass poten­zi­el­le „ear­ly adop­ters“ in der Geschäfts­welt oder den wohl­ha­ben­den Schich­ten fehl­ten.
Die Dis­kus­si­on brach­te wei­te­re Facet­ten der Früh­ge­schich­te des Tele­fons ins Spiel. So kamen auch kul­tu­rel­le Ein­stel­lun­gen zum Tele­fon zur Spra­che, wie etwa die Angst, per Tele­fon­ge­spräch mit Cho­le­ra ange­steckt zu wer­den oder das Gerücht, Tele­fo­ne wür­den Brän­de ver­ur­sa­chen. Sol­cher­lei Sor­gen wen­de­ten sich mit zuneh­men­der Prä­senz und wach­sen­dem sozia­len Sta­tus der Tech­no­lo­gie um die Jahr­hun­dert­wen­de in posi­ti­ve Zuschrei­bun­gen, wie etwa die Behaup­tung in nun erst­mals erschei­nen­den human inte­rest sto­ries in der Zei­tung, das Tele­fon sei ein Wun­der­mit­tel gegen Ehe­bruch.

Ales­sa Peters (Ber­lin): Geschich­te und Tou­ris­mus auf der Tōkaidō-Straße.
Ales­sa Peters berich­te­te aus­führ­lich von ihrer Rei­se auf der Tōkaidō-Straße, des wich­tigs­ten Land­ver­kehrs­wegs der Tokugawa-Zeit. Auf ihrem Fuß­marsch von etwa 100 Kilo­me­tern auf dem Stra­ßen­ab­schnitt zwi­schen Tokyo und Hako­ne spür­te sie den mate­ri­el­len Über­bleib­seln der ursprüng­li­chen Stra­ße wie auch den Para­pher­na­lia der heu­ti­gen Erin­ne­rungs­kul­tur – Gedenk­stei­ne, Infor­ma­ti­ons­ta­feln, kuli­na­ri­sche Spe­zia­li­tä­ten – nach. In ihrem Vor­trag schnitt sie ihr gewis­ser­ma­ßen eth­no­gra­fi­sches Mate­ri­al mit Infor­ma­tio­nen über die his­to­ri­schen Cha­rak­te­ris­ti­ka der Stra­ße gegen: auf der einen Sei­te die Welt von Eil­bo­ten, Mei­len­stei­nen und Rei­se­er­laub­nis­sen, auf der ande­ren Sei­te Rekon­struk­tio­nen von Wach­tür­men, Gara­gen­to­re, die mit Bil­dern der berühm­ten Serie über die Stra­ße von Hiro­shi­ge bemalt sind oder lokal orga­ni­sier­te Sym­po­sia von Anwoh­nern und Gewer­be­trei­ben­den.
Auf­fäl­lig war dabei, wie sehr der Zustand der Stra­ße, Bemü­hun­gen zur Bewah­rung ihrer Geschich­te und sei­ne kul­tu­rel­le und tou­ris­ti­sche Erschlie­ßung sich lokal unter­schie­den. Wäh­rend Städ­te wie Hako­ne sich mit Nach­bil­dun­gen gan­zer Gebäu­de­grup­pen (im Fall Hako­nes einer der wich­tigs­ten Grenz­pos­ten des Tokugawa-Staats) schmü­cken, ist in Tei­len von Shina­ga­wa nicht ein­mal ein Hin­weis­schild auf den ursprüng­li­chen Stra­ßen­ver­lauf zu fin­den. Um die­sen nach­zu­voll­zie­hen, nahm Frau Peters einen der zahl­rei­chen Spezial-Reiseführer für his­to­ri­sche Spa­zier­gän­ge zur Hand. Die­se und ande­re Medi­en mit Tokaidō-Bezug, dar­un­ter den Twitter-Account @kaido_now und eine Smartphone-App, stell­te sie abschlie­ßend knapp vor.
Die Dis­kus­si­on kreis­te haupt­säch­lich um die Fra­ge, wie mit die­ser rei­chen Mate­ri­al­samm­lung, die Frau Peters als Basis für ihre BA-Arbeit die­nen wird, wei­ter zu ver­fah­ren sei. Ihre Teil­nah­me an einem Sym­po­si­um in Hodo­ga­ya und der Besuch zahl­rei­cher Begeg­nungs­zen­tren (kōryū­kan) leg­te einen eth­no­lo­gi­schen Zugang nahe, bei dem etwa die Fra­ge im Vor­der­grund ste­hen könn­te, wie die Geschich­te der Tokaidō-Straße lokal erlebt und bewahrt wird, wel­che Per­so­nen­grup­pen mit wel­chen Inter­es­sens­la­gen dar­an betei­ligt sind und wie sie den Umgang mit dem his­to­ri­schen Erbe in kon­kre­ten kul­tu­rel­len Pra­xen von der Gara­gen­be­ma­lung bis zum Auf­stel­len von Hin­weis­schil­dern umset­zen. Ande­re Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer schlu­gen einen kom­ple­men­tä­ren Zugang vor, der den Anschluss an rezen­te Debat­ten zu japa­ni­schen Geschichts­bil­dern suchen wür­de und bei dem eher die dis­kur­si­ven und sym­bo­li­schen Funk­tio­nen der Edo-Zeit und der Tokaidō-Straße im Vor­der­grund stün­den.

Jakub Popra­wa (Bochum/Berlin): Kōshin/Erneuerung? Der kon­fu­zia­ni­sche Gelehr­ten­ver­ein Shib­unkai nach dem Krieg, 1945–64
Jakub Popra­wa brach­te den Teil­neh­me­rIn­nen in sei­nem Vor­trag, der eben­falls auf einer kürz­lich abge­schlos­se­nen Mas­ter­ar­beit basiert, die Akti­vi­tä­ten des Gelehr­ten­ver­eins Shib­unkai und ins­be­son­de­re sei­ne Neu­aus­rich­tung nach der japa­ni­schen Nie­der­la­ge im zwei­ten Welt­krieg näher. Dazu warf er zuerst einen Blick auf die Grün­dungs­zeit des Ver­eins, der im Jahr 1918 aus dem Zusam­men­schluss sei­nes Vor­gän­gers Shi­bun gak­kai mit wei­te­ren kon­fu­zia­ni­schen Ver­ei­nen her­vor­ging. Die 800‑1000 Mit­glie­der rekru­tier­ten sich aus Eli­ten­krei­sen von Adli­gen, Poli­ti­kern und Indus­tri­el­len bis hin zu Sino­lo­gen und Kanbun-Lehrern.
Die Staats­nä­he der Shib­unkai und der Ein­satz kon­fu­zia­ni­scher Ver­satz­stü­cke als ideo­lo­gi­sches Werk­zeug in Japans impe­ria­ler Expan­si­on und wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs lie­ßen den Ver­ein nach der japa­ni­schen Nie­der­la­ge in einem schlech­ten Licht daste­hen. Anhand eines ein­ge­hen­den Stu­di­ums der Nach­kriegs­aus­ga­ben der Ver­eins­zeit­schrift Shi­bun, die ab 1948 wie­der erschien, ana­ly­sier­te Popra­wa, wie die Mit­glie­der der Shi­bun mit die­sem Bruch umge­hen. Er kam dabei zu dem Schluss, dass von einer wirk­li­chen Erneue­rung, die im Ver­eins­ma­ga­zin häu­fig beschwo­ren wur­de, nur sehr ein­ge­schränkt die Rede sein konn­te. Zwar begeg­net dem Leser ent­spre­chen­des Voka­bu­lar und zahl­rei­che Beschwö­run­gen. Doch zugleich wie­sen die Mit­glie­der die Kriegs­ver­ant­wor­tung von sich. Im Gegen­teil per­p­etu­ier­ten sie noch den Mis­si­ons­ge­dan­ken der Vor­kriegs­zeit, dass es Japan zufal­le, in der Welt Frie­den zu schaf­fen, und dass kon­fu­zia­ni­sche Moral das pas­sen­de Werk­zeug dazu sein kön­ne.
Dem aus­ge­präg­ten Mis­si­ons­be­wusst­sein, das die Mit­glie­der in zahl­lo­sen Reden und Kom­men­ta­ren erken­nen lie­ßen, stand ein insti­tu­tio­nel­ler Wan­del ent­ge­gen, der die Shib­unkai schritt­wei­se von einem ein­fluss­rei­chen Inter­es­sens­ver­band und Trans­mis­si­ons­rie­men staat­lich gelenk­ter mora­li­scher Erzie­hung schrump­fen ließ zum vor­nehm­lich lokal in Tokyo wirk­sa­men Sach­wal­ter des sin­i­ti­schen kul­tu­rel­len Erbes, der haupt­säch­lich mit der Erhal­tung der Hei­li­gen Hal­le von Yushi­ma, der Aus­rich­tung einer kon­fu­zia­ni­schen Zere­mo­nie und dem Anbie­ten von Kanbun-Kursen betraut war.
Die Dis­kus­si­on brach­te wei­te­re Aspek­te her­vor, die den Begriff der Erneue­rung in Fra­ge stell­ten. Vie­le Mit­glie­der sahen unter Bezug­nah­me auf die vom Shōwa-Kaiser bei der japa­ni­schen Kapi­tu­la­ti­on gespro­che­nen Wor­te die „Bewah­rung des Volks­kör­pers“ als wich­tigs­te Auf­ga­be des Ver­eins an. Auf die Fra­ge nach der inne­ren Orga­ni­sa­ti­on des Ver­eins in der Nach­kriegs­zeit mach­te Popra­wa deut­lich, dass hier kei­nes­wegs demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren Ein­zug hiel­ten, son­dern bis auf die Ent­fer­nung ein­zel­ner beson­ders kom­pro­mit­tier­ter Mit­glie­der aus den Lei­tungs­or­ga­nen an der hier­ar­chi­schen Ver­fasst­heit der Vor­kriegs­zeit fest­ge­hal­ten wur­de.

Pro­jekt­vor­stel­lung und Orga­ni­sa­to­ri­sches:
Det­lev Taran­c­zew­ski (Bonn) stell­te die The­men­set­zung des Son­der­for­schungs­be­reichs 1167 „Macht und Herr­schaft“ (sie­he Inter­net­sei­te) vor, der vor Kur­zem in Bonn sei­ne Arbeit auf­ge­nom­men hat. Taran­c­zew­ski zeig­te sich erfreut, dass in dem SFB die Regio­nal­wis­sen­schaf­ten und die Geschichts­wis­sen­schaf­ten pro­duk­tiv zusam­men­kom­men. Er selbst ver­ant­wor­tet das jap­an­be­zo­ge­ne Pro­jekt, dass zum Ziel hat, die Repro­duk­ti­on von Eli­ten im Über­gang von der spä­ten Heian- zur Kamakura-Zeit zu beleuch­ten. Die ers­te gro­ße Auf­ga­be des Pro­jekts ist es, die­se Eli­ten pro­so­po­gra­fisch, das heißt durch Aus­leuch­tung ihrer Netz­wer­ke und Bezie­hun­gen, zu erfas­sen. Dazu wird in Kür­ze auch ein Work­shop in Bonn statt­fin­den, bei dem Kol­le­gIn­nen aus Deutsch­land und Japan zusam­men­kom­men.
Robert Kraft (Leip­zig) skiz­zier­te die Idee für sei­ne gera­de begon­ne­ne Mas­ter­ar­beit. Sie soll das Den­ken der ein­fluss­rei­chen Intel­lek­tu­el­len Miya­ke Set­s­u­rei und Uch­i­mu­ra Kan­zō unter­su­chen. Kraft ist es ins­be­son­de­re um ihr, wie er es nennt, Mis­si­ons­den­ken zu tun, das heißt, ihre Vor­stel­lung davon, was Japans Bei­trag zur Welt sein kön­ne. Der ers­te Schritt in sei­ner dis­kurs­theo­re­tisch und ide­en­ge­schicht­lich begrün­de­ten Arbeit wird dar­in bestehen, ein rele­van­tes Begriffs­kor­pus zu erstel­len.
Wolf­gang Thie­le (Ber­lin), der vor kur­zem von einem Archiv­auf­ent­halt aus Tokyo zurück­ge­kehrt war, berich­te­te von sei­nem gera­de lau­fen­den Mas­ter­pro­jekt. Die­ses unter­sucht die Akti­vi­tä­ten von Tai­wa­nern, die sich in Oppo­si­ti­on zur Herr­schaft der Kuomin­tang befan­den und nach dem zwei­ten Welt­krieg und ins­be­son­de­re dem Beginn des „Wei­ßen Ter­rors“ im Jahr 1947 aus Tai­wan flo­hen und unter ande­rem in Japan ins Exil gin­gen. Ein wich­ti­ger Quel­len­kor­pus für Thie­le ist die von Exil­tai­wa­nern um Ong Iok-tek (Wang Yude) her­aus­ge­ge­be­ne Zeit­schrift Tai­wan sei­nen.

Im Herbst fand ein Wech­sel der Betreu­ung des Inter­net­auf­tritts der Initia­ti­ve statt. Die Initia­ti­ve dankt Maik H. Sprot­te sehr herz­lich für sein lang­jäh­ri­ges und vor­bild­haf­tes Enga­ge­ment beim Auf­bau und der Betreu­ung der Home­page. Die­se Auf­ga­be geht nach nun­mehr 14 Jah­ren an Tino Schölz über, der sich über die Mit­hil­fe wei­te­rer Inter­es­sier­ter freu­en wür­de. Schölz rief außer­dem die Biblio­gra­fie der deutsch­spra­chi­gen his­to­ri­schen Japan­for­schung (sie­he Inter­net­sei­te) in Erin­ne­rung, die inzwi­schen 1700 Daten­sät­ze auf­weist und wei­ter­hin von Maik H. Sprot­te betreut wird, und bit­tet um Mit­ar­beit durch die Ein­sen­dung rele­van­ter Titel.

Das nächs­te Tref­fen der Initia­ti­ve wird am 6./7. Mai an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Leu­ven und damit zum ers­ten Mal im nahen nicht-deutschsprachigen Aus­land statt­fin­den. Um poten­zi­el­len Teil­neh­me­rIn­nen vor Ort ent­ge­gen­zu­kom­men, wird ein Teil des Tref­fens auf Eng­lisch abge­hal­ten wer­den. Die Orga­ni­sa­ti­on wird von Maj Hart­mann ( majantonie.hartmann(AT)kuleuven.be ) und Jan Schmidt ( jan.schmidt(AT)kuleuven.be ) über­nom­men.

Füh­rung
Der letz­te Pro­gramm­punkt des Tref­fens war ein gemein­sa­mer Besuch der Mori-Ōgai-Gedenkstätte (sie­he Inter­net­sei­te) in Berlin-Mitte. Die Gedenk­stät­te befin­det sich gera­de im Umbau und in der Vor­be­rei­tung auf eine neue Dau­er­aus­stel­lung. Die Kura­to­rin, Bea­te Won­de, nahm sich viel Zeit, um in die Geschich­te des Ortes und die dort statt­fin­den­den zahl­rei­chen Ver­an­stal­tun­gen ein­zu­füh­ren. Ihre Füh­rung begann mit der Nut­zung durch den bedeu­ten­den Medi­zi­ner, Intel­lek­tu­el­len und Schrift­stel­ler Mori Ōgai (1862–1922) selbst, der eini­ge Zeit in Ber­lin wohn­haft und tätig war und führ­te über die Grün­dung der Gedenk­stät­te zur Zeit der DDR bis hin zur finan­zi­ell und orga­ni­sa­to­risch nicht immer ein­fa­chen Situa­ti­on einer „Nischen“-Gedenkstätte in der Gegen­wart.
Won­de gab auch einen Ein­blick in die Plä­ne für die Neu­ge­stal­tung der Dau­er­aus­stel­lung, die durch ihre For­ma­tie­rung in Zukunft mehr auf die Bedürf­nis­se und Betrach­tungs­ge­wohn­hei­ten eines jün­ge­ren Publi­kums ein­ge­hen soll. Sie soll auch erst­mals kom­plett zwei­spra­chig in Deutsch und Japa­nisch ange­bo­ten wer­den und damit den inter­kul­tu­rel­len Dia­log zwi­schen Deutsch­land und Japan, für den Mori Ōgai steht, in die Gegen­wart fort­füh­ren.

(Pro­to­koll: Micha­el Faci­us)

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favicon0429. Tref­fen an der Japa­no­lo­gie der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Leu­ven am 6. und 7. Mai 2017:

Das 29. Tref­fen der Initia­ti­ve zur his­to­ri­schen Japan­for­schung fand dies­mal am 6. und 7. Mai 2017 an der Japa­no­lo­gie der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Leu­ven statt.

Anwe­send waren: Anja Batram (Bochum), Yan­nick Brack (Leu­ven), Fran­ces­co Cam­pa­gno­la (Ghent), Bert Col­lin (Leu­ven), David De Cuo­man (Leu­ven), Felix Deu­ries (Leu­ven), Eva-Lotta Devey­ler (Leu­ven), Leo­nar­do Guer­ra (Leu­ven), Maj Hart­mann (Leu­ven), Nad­ja Kischka-Wellhäuser (Bonn), Till Knaudt (Hei­del­berg), Ste­fan Köck (Wien), Jona­than Kraut­ter (Ber­lin), Regi­ne Mathi­as (CEEJA), Erich Pau­er (CEEJA), Thor­ben Pel­zer (Bochum), Anke Sche­rer (Köln), Dani­el Schley (Bonn), Jan Schmidt (Leu­ven), Tino Schölz (Hal­le), Lie­ven Som­men (Leu­ven), Wil­li Van­de Wal­le (Leu-ven), Dimi­tri Vano­ven­be­ke (Leu­ven), Meli­na Wache (Bochum), Dani­el Woll­nik (Bochum), Shiro Yuka­wa (Bonn), Ste­pha­nie Zgou­ridi (Ber­ke­ley)

Vor­trä­ge:
Thor­ben Pel­zer (Bochum): The School of Natu­ral Jus­ti­ce. Chi­ne­se Anar­chists in Tokyo in the First Deca­de of the Twen­tieth Cen­tu­ry.
Nach einer Vor­stel­lungs­run­de beschäf­tig­te sich Thor­ben Pel­zer im ers­ten Vor­trag mit der soge­nann­ten Schu­le der natür­li­chen Gerech­tig­keit chi­ne­si­scher Anar­chis­ten, die sich in der ers­ten Deka­de des 20. Jahr­hun­derts in Tokyo auf­ge­hal­ten haben. Der Name der Grup­pe geht zurück auf die Zeit­schrift „Natür­li­che Gerech­tig­keit“ (Tiānyì), die 1907–1908 von den bei­den chi­ne­si­schen Anar­chis­ten Héyīn Zhèn (ca. 1884–ca. 1920) und ihrem Mann Liú Shīpéi (1884–1919) in Tokyo her­aus­ge­ge­ben wur­de. Die Ideo­lo­gie die­ser Schu­le ver­lang­te eine Rück­kehr zu einem Zustand natür­li­cher Gerech­tig­keit, bei der durch eine Wie­der­her­stel­lung der ursprüng­li­chen Natur Fami­lie und Geschlech­ter­un­ter­schie­de abge­schafft wer­den soll­ten. Eine der bei­den Her­aus­ge­ber von Tiānyì, Héyīn Zhèn, wur­de in den letz­ten Jahr­zehn­ten von der For­schung als eine Pio­nie­rin des sozio-konstruktiven Femi­nis­mus iden­ti­fi­ziert, eine sys­te­ma­ti­sche Ana­ly­se der intel­lek­tu­el­len Ein­flüs­se auf die­se Denk­rich­tung wur­de aber noch nicht vor­ge­nom­men.
Die­se Ana­ly­se hat Thor­ben Pel­zer in sei­ner gera­de abge­schlos­se­nen Mas­ter­ar­beit vor­ge­nom­men und dabei u.a. die Ein­flüs­se von Den­kern wie den Sozia­lis­ten Kōtoku Shūsui (1871–1911) und Sakai Toshi­hi­ko (1871–1933) sowie den bud­dhis­ti­schen Den­kern Zhāng Tàiyán (1868–1936) und Sū Mànshū (1884–1918) aus­ge­macht. Ins­ge­samt stell­te Thor­ben Pel­zer fünf gro­ße Ein­fluss­fak­to­ren auf das Den­ken der Schu­le der natür­li­chen Gerech­tig­keit fest: Sozia­lis­mus in sei­ner west­li­chen und japa­ni­schen Aus­prä­gung eben­so wie west­li­che und japa­ni­sche Vor­stel­lun­gen von Femi­nis­mus, lite­ra­ri­sche Tra­di­tio­nen wie die Roman­tik, unor­tho­do­xe Vor­stel­lun­gen aus dem Bereich des Neo­kon­fu­zia­nis­mus der Ming-Zeit (z.B. Ver­glei­che von Wang Yang­ming mit Baku­nin) und Kon­zep­te aus der Kokusui-Schule.
Die Dis­kus­si­on nach dem Vor­trag begann mit der Fra­ge danach, war­um die Auto­ren der Zeit­schrift Tiānyì auf Tra­di­tio­nen zurück­grif­fen, um die Zer­stö­rung von Tra­di­tio­nen zu ver­lan­gen. Dies führ­te Pel­zer dar­auf zurück, dass Liú Shīpéi eine klas­si­sche Bil­dung im kon­fu­zia­ni­schen Sinn genos­sen hat­te. Schon in der chi­ne­si­schen Anti­ke taucht die Vor­stel­lung vom einem lan­ge ver­gan­ge­nen Gol­de­nen Zeit­al­ter auf, in dem die Welt in einem natur­be­las­se­nen Zustand in Ord­nung war und zu dem die Anhän­ger der Schu­le zurück­keh­ren woll­ten. Es wird ange­merkt, dass die Anhän­ger auf his­to­ri­schen Fotos sehr tra­di­tio­nell und wenig revo­lu­tio­när aus­se­hen.
Die in Tokyo leben­den Akti­vis­ten hat­ten den vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen nach kei­ne Ver­bin­dun­gen zu korea­ni­schen Femi­nis­tin­nen. Eini­ge der Arti­kel in der Zeit­schrift Tiānyì befass­ten sich mit zeit­ge­nös­si­schen sozia­len Fra­gen der japa­ni­schen Gesell­schaft, denn die Zeit­schrift erschien in einer Zeit in Japan, in der vie­le ver­schie­de­ne sozia­le The­men und Bewe­gun­gen die Öffent­lich­keit beschäf­tig­ten, so zum Bei­spiel eine Dis­kus­si­on über die Todes­stra­fe.
Wei­ter­hin dis­ku­tiert wur­de, wie der mög­li­che Wider­spruch zwi­schen Anar­chis­mus und sehr genau­en Plä­nen der Rea­li­sie­rung des­sel­bi­gen, wie zum Bei­spiel kol­lek­ti­ver Kin­der­er­zie­hung, zu ver­ste­hen sei. Die­se Plä­ne haben sehr kol­lek­ti­vis­ti­sche Vor­ga­ben, die aber den mit Anar­chis­mus oft asso­zi­ier­ten indi­vi­dua­lis­ti­schen Ansprü­chen wider­sprä­chen.

Jona­than Kraut­ter (Ber­lin): Business-Government Inter­ac­tion in Japan’s High Growth Era, 1955–1973. The Indus­tri­al Poli­tics of Inter­na­tio­nal Tech­no­lo­gy Trans­fer.
Den zwei­ten Vor­trag hielt Jona­than Kraut­ter über die von ihm geplan­te Dis­ser­ta­ti­on, in der es um japa­ni­schen Indus­trie­po­li­tik und die Inter­ak­ti­on zwi­schen der japa­ni­schen Regie­rung und Fir­men in der Hoch­wachs­tums­pha­se (1955–1973) gehen soll. Zu Beginn sei­nes Vor­trags stell­te er den For­schungs­stand vor. Vie­le For­scher sehen einen direk­ten Zusam­men­hang zwi­schen der Indus­trie­po­li­tik des Minis­te­ri­ums für Inter­na­tio­na­len Han­del und Indus­trie (Minis­try of Inter­na­tio­nal Tra­de and Industry/MITI) und dem wirt­schaft­li­chen Erfolg Japans in der Hoch­wachs­tums­pha­se. Bis vor kur­zem gab es zwei gro­ße Erklä­rungs­an­sät­ze über die­sen Zusam­men­hang und damit die Aus­wir­kun­gen der japa­ni­schen Indus­trie­po­li­tik. Der Ansatz, der auf Chal­mers John­son zurück­geht, hat den so genann­ten Ent­wick­lungs­staat im Fokus. Hier greift der Staat (z.B. durch Lizenz­ver­ga­be, Zöl­le, Sub­ven­tio­nen etc.) len­kend in die Wirt­schafts­ent­wick­lung ein und erreicht damit hohe Wachs­tums­ra­ten. Die­se Erklä­rung leh­nen eini­ge Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler aber mit dem Hin­weis dar­auf­hin ab, dass das Ein­grei­fen des Staa­tes ver­tre­ten durch das MITI die Ent­wick­lung in Wirk­lich­keit behin­dert hat.
Ein oft als typisch japa­nisch bezeich­ne­tes Instru­ment der Indus­trie­po­li­tik ist die so genann­te Admi­nis­tra­ti­ve Gui­d­ance (gyōsei shi­dō), womit recht­lich unver­bind­li­che Wei­sun­gen und Leit­li­ni­en gemeint sind, die das MITI an japa­ni­sche Fir­men aus­ge­ge­ben hat. In eini­gen Stu­di­en wur­den die die­sem Ansatz zugrun­de­lie­gen­den Kon­zep­te sowie ihre insti­tu­tio­nel­le Ver­an­ke­rung unter­sucht, aber der wich­ti­ge Aspekt der tat­säch­li­chen Durch­füh­rung die­ser Art von Indus­trie­po­li­tik auf der Fir­men­ebe­ne wur­de bis­lang von der For­schung ver­nach­läs­sigt. So haben Volks­wirt­schaft­ler, die den quan­ti­ta­ti­ven Aspekt der Sub­ven­tio­nen unter­sucht haben, die schwer zu quan­ti­fi­zier­ba­ren Aus­wir­kun­gen von Admi­nis­tra­ti­ve Gui­d­ance meist igno­riert. Sozi­al­wis­sen­schaft­ler, die sich mit dem polit-ökonomischen Sys­tem oder dem MITI beschäf­ti­gen, ver­nach­läs­si­gen die Rol­le der Unter­neh­men. In bei­den Fäl­len wer­den Unter­neh­men als eine Art Black Box betrach­tet, die ent­we­der als pas­si­ve Adres­sa­ten Indus­trie­po­li­tik aus-führen oder als Akteu­re Indus­trie­po­li­tik aktiv hin­ter­trei­ben. Da aber Fir­men im kapi­ta­lis­ti­schen japa­ni­schen Wirt­schafts­sys­tem eine wich­ti­ge Rol­le als Grund­ein­heit der Pro­duk­ti­on spie­len, kann Indus­trie­po­li­tik nur in Zusam­men­ar­beit mit ihnen umge­setzt wer­den. Ziel der vor­ge­stell­ten Dis­ser­ta­ti­on soll es des­halb sein, die­se For­schungs­lü­cke zu fül­len und die Fra­ge danach zu beant­wor­ten, wie die Umset­zung von Indus­trie­po­li­tik kon­kret auf der Fir­men­ebe­ne aus­sah und wel­chen Effekt die­se Umset­zung die Fir­men hat­te. Vor­ge­se­hen sind umfang­rei­che Archiv­stu­di­en in Euro­pa, den USA und Japan, bei denen Quel­len zum Ent­schei­dungs­pro­zess in Fir­men, die von der Indus­trie­po­li­tik des MITI betrof­fen waren, aus dem Bereich des Tech­no­lo­gie­trans­fers unter­sucht wer­den sol­len. Fall­stu­di­en anhand die­ser Quel­len sol­len Auf­schluss dar­über geben, wie kon­kre­te Vor­ga­ben des MITI auf der Fir­men­ebe­ne umge­setzt wur­den.
In der Dis­kus­si­on über das Dis­ser­ta­ti­ons­vor­ha­ben ging es zuerst um die Fra­ge nach der Zugäng­lich­keit von Archi­ven, beson­ders von Fir­men­ar­chi­ven, in Japan. Hier wur­de vor allem auf die Gesell­schaft japa­ni­scher Archi­va­re ver­wie­sen, die Infor­ma­tio­nen über Zugangs­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung stel­len könn­te, sowie auf Insti­tu­tio­nen wie die Industrie- und Han­dels­kam­mern oder ande­re Indus­trie­ver­bän­de, die bei der Quel­len­su­che eben­falls behilf­lich sein kön­nen. Als ein gene­rel­les Pro­blem der Arbeit wur­de dann aber der Stu­di­en­um­fang bespro­chen. Da schon ein­zel­ne Vor­gän­ge in den Fir­men­ak­ten erfah­rungs­ge­mäß vie­le Quel­len an ver­schie­de­nen Stel­len hin­ter­las­sen, scheint eine umfas­sen­de Zusam­men­stel­lung vie­ler ver­schie­de­ner Vor­gän­ge als zu ambi­tio­niert im Rah­men einer auf drei Jah­re ange­leg­ten Stu­die. Auch Begriff­lich­kei­ten kön­nen bei der Quel­len­su­che zu Pro­ble­men füh­ren, da zum Bei-spiel der ins Zen­trum der Stu­die gestell­te Begriff des Tech­no­lo­gie­trans­fers zwar in euro­päi­schen Quel­len ver­wen­det wird. In Japan aber wur­de durch das Devi­sen­kon­troll­ge­setz gesteu­ert, wel­che Art von Tech­no­lo­gie ein­ge­führt wer­den konn­te. Da hier das Haupt­au­gen­merk auf der Frei­ga­be der zum Ankauf der Tech­no­lo­gie not­wen­di­gen Devi­sen lag, wird Tech­no­lo­gie­trans­fer in japa­ni­schen Quel­len in der Regel unter dem Begriff Kapi­tal­im­port sub­su­miert.

Fran­ces­co Cam­pa­gno­la (Ghent): Brief intro­duc­tion of Con­fe­rence Pro­ject „Para­digms of Chan­ge in Moder­ni­sing Asia and Ame­ri­ca“
Als drit­ten Punkt am ers­ten Tag des Tref­fens stell­te dann Fran­ces­co Cam­pa­gno­la eine an der Uni­ver­si­tät Ghent für den Okto­ber 2017 geplan­te Tagung mit dem Titel „Para­digms of chan­ge in moder­ni­sing Asia and Ame­ri­ca“ vor. Ergeb­nis­se der Tagung sol­len in der von Fran­ces­co Cam­pa­gno­la und Li Man gemein­sam her­aus­ge­ge­ben nächs­ten Num­mer der Zeit­schrift Jour-nal of Glo­bal Histo­ry ver­öf­fent­lich wer­den. Die Tagung will die Ter­mi­no­lo­gie des Wan­dels im außer­eu­ro­päi­schen Kon­text unter­su­chen, weil die Orga­ni­sa­to­ren davon aus­ge­hen, dass im 18. und 19. Jahr­hun­dert außer­halb von Euro­pa durch die jeweils ande­ren Umstän­de neue Bedeu­tungs­fel­der des Begrif­fes ent­stan­den sind. Bei­spie­le sind Auf­fas­sun­gen von Revo­lu­ti­on in Chi­na oder der ame­ri­ka­ni­sche Moder­ni­sie­rungs­be­griff, aber auch die japa­ni­schen Vor­stel­lun­gen von Revo­lu­ti­on, Restau­ra­ti­on, Evo­lu­ti­on usw. Ziel­set­zung der Kon­fe­renz ist die Erfor­schung von Begrif­fen und Nar­ra­ti­ven, die von Intel­lek­tu­el­len und Poli­ti­kern aus Nord­ame­ri­ka und Asi­en zur Dis­kus­si­on über die in den jewei­li­gen Län­dern ein­ge­schla­gen Ent­wick­lungs­we­ge benutzt wur­den. Als Key­note Speaker ein­ge­la­den sind Wang Hui von der Qing­hua Uni­ver­si­tät und Jon Davi­dann von der Uni­ver­si­tät Hawai’i. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen über die Tagung befin­den sich auf der Inter­net­sei­te.

Ste­fan Köck (Wien): „Grown wea­ry of Bud­dhism?“ – A Report on the FWF Pro­ject Shintō-uke – Reli­gious Con­trol via Shintō-Shrines.
Den ers­ten Vor­trag am Sonn­tag hielt Ste­fan Köck zum The­ma “Grown wea­ry of Bud­dhism?“, in dem er von einem Pro­jekt an der Uni­ver­si­tät Wien zur Erfor­schung der Pra­xis der Kon­trol­le von Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit durch Shinto-Schreine, dem so genann­ten shintō-uke, berich­tet. Aus­gangs­punkt des Pro­jekts ist die sys­te­ma­ti­sche Ver­fol­gung so genann­ter häre­ti­scher Grup­pen im frü­hen 17. Jahr­hun­dert durch das Tokugawa-baku­fu und die dadurch ent­stan­de­nen neu­en Ele­men­te in der japa­ni­schen Religions- und Poli­tik­ge­schich­te. Zu Beginn der Tokugawa-Zeit wur­den Maß­nah­men ein­ge­führt, die vor allem der Über­wa­chung von christ­li­chen Akti­vi­tä­ten die­nen soll­ten. Die­se ent­wi­ckel­ten sich aber in der Mit­te des 17. Jahr­hun­derts zu Maß­nah­men, mit denen alle reli­giö­sen Akti­vi­tä­ten kon­trol­liert wur­den. Das dar­aus resul­tie­ren­de Kon­troll­sys­tem, das auf Japa­nisch tera-uke genannt wird (Sys­tem der Tempel-Zertifikate, das durch die Zwangs­mit­glied­schaft in bud­dhis­ti­schen Tem­pel­ge­mein­den gekenn­zeich­net war), führ­te in der Fol­ge zu einer stär­ke­ren Bin­dung bud­dhis­ti­scher Insti­tu­tio­nen an das baku­fu. Eini­ge Zeit nach der Eta­blie­rung die­ses Kon­troll­me­cha­nis­mus ist aber dann die Ein­füh­rung einer neu­en Pra­xis zu beob­ach­ten, bei der die­se Erfas­sung der Recht­gläu­big­keit durch Shinto-Schreine anstatt in bud­dhis­ti­schen Tem­peln statt­fand, das so genann­te shintō-uke. Die­ses wur­de von Mit­te der 1660er Jah­re bis in die spä­ten 1680er Jah­re in min­des­tens drei bedeu­ten­den Dai­mya­ten (Mito, Aizu und Oka­y­a­ma) sys­te­ma­tisch ange­wandt. Aller­dings wur­de die Pra­xis dann als Abwei­chung vom Stan­dard kri­ti­siert und wie­der auf­ge­ge­ben.
Das For­schungs­pro­jekt unter­sucht die bis­lang weit­ge­hend unbe­kann­te Pra­xis des shintō-uke. Dabei wur­den für sei­ne Ent­ste­hung ein neo-konfuzianisch infor­mier­ter, stark anti-buddhistischer Dis­kurs aus­ge­macht. Die­ser wur­de befeu­ert durch die Kri­tik am Zuge­winn von Reich­tum und Macht bud­dhis­ti­scher Tem­pel und sowie inner­bud­dhis­ti­sche Kon­flik­te mit als „häre­tisch“ bezeich­ne­ten Grup­pen. Im Zuge der Ein­füh­rung des shintō-uke wur­de die insti­tu­tio­nel­le Tren­nung von Tem­peln und Schrei­nen vor­ge­nom­men, und es kam zu anti-buddhistischen Aus­schrei­tun­gen, wie wir sie auch vom Beginn der Meiji-Zeit ken­nen. Ste­fan Köck zeig­te an eini­gen Bei­spie­len, wie nach der Zer­stö­rung bud­dhis­ti­scher Tem­pel die zuge­hö­ri­gen Pries­ter ohne Wei­te­res zu Kami-Priestern nahe­ge­le­ge­ner Shinto-Schreine gemacht wur­den, was aber auch dar­auf hin­weist, dass es im 17. Jahr­hun­dert kei­ne kla­re Tren­nung zwi­schen Bud­dhis­mus und dem, was heu­te Shin­to genannt wird, gab, son­dern dass man ent­spre­chend vor­ge­bil­de­ten Men­schen die Aus­übung reli­giö­ser Prak­ti­ken in bei­den Berei­chen zutrau­te.
Ins­ge­samt steht das Pro­jekt im Zusam­men­hang mit der Fra­ge, wie sich Shin­to als eigen­stän­di­ge Reli­gi­ons­form eta­blier­te. Wäh­rend z.B. vie­le heu­ti­ge For­scher die Mei­ji Zeit als den Zeit­punkt anse­hen, zu dem Shin­to als unab­hän­gi­ge Reli­gi­on ent­stand, weist das Pro­jekt auf Prä­ze­denz­fäl­le hin, die mehr als 200 Jah­re davor statt­fan­den.
In der Dis­kus­si­on ging es u.a. dar­um, wie sich der Wech­sel der reli­giö­sen Affi­lia­ti­on der Pries­ter auf deren All­tags­pra­xis aus­wirk­te und in wie weit Shin­to als Kon­zept zur frag­li­chen Zeit über­haupt schon greif­bar war. So fin­den sich in den Quel­len vor allem Begriff­lich­kei­ten aus dem Bud­dhis­mus und Neo-Konfuzianismus. Es wur­de ange­zwei­felt, dass der Begriff des shintō-uke aus der Zeit stammt. Viel­mehr wird eine spä­te­re Ent­ste­hung der Begriff­lich­keit in Anleh­nung an den Begriff des tera-uke ver­mu­tet.

Pro­jekt­vor­stel­lung und Nach­richt­li­ches:
Im letz­ten län­ge­ren Vor­trag des Tref­fens stell­te Regi­ne Mathi­as die Japan-Bibliothek des Cent­re Euro­péen d’Études Japo­nai­ses d’Alsace (CEEJA) vor. Das CEEJA genann­te Insti­tut geht auf einen pri­va­ten Ver­ein zurück, der sich die aka­de­mi­sche Japan­for­schung und die Ver­brei­tung von Kennt­nis­sen über japa­ni­sche Kul­tur in Euro­pa zur Auf­ga­be gemacht hat. Es ist unter­ge­bracht in einem Gebäu­de, das eine Geschich­te als reli­giö­se Ein­rich­tung und spä­ter als Mäd­chen­in­ter­nat hat. Von 1986 bis 2006 wur­de das Gebäu­de als Inter­nat für japa­ni­sche Schü­ler genutzt. Aus die­sem Zusam­men­hang her­aus wur­de 2001 das CEEJA gegrün­det. Aus der Zeit als japa­ni­sches Inter­nat hat das Insti­tut eine Biblio­thek mit eng­li­schen, fran­zö­si­schen und japa­ni­schen Büchern über Japan. In die­se exis­tie­ren­de Biblio­thek wer­den der­zeit die Pri­vat­be­stän­de von Regi­ne Mathi­as und Erich Pau­er über­führt. Nach der Fer­tig­stel­lung wird die Biblio­thek um die 100.000 Büchern zu allen jap­an­be­zo­ge­nen The­men ent­hal­ten, beson­ders zur japa­ni­schen Sozial- und Wirt­schafts­ge­schich­te (Tech­nik­ge­schich­te, Berg­bau­ge­schich­te, Geschich­te von Arbeit und Gewerk­schaf­ten, Bio­gra­phi­en, his­to­ri­sche Kar­ten, his­to­ri­sche Demo­gra­phie, Bevöl­ke­rungs­ge­schich­te und japa­no­lo­gi­sche Fach­zeit­schif­ten, dazu Spe­zi­al­samm­lun­gen wie Holz­schnitt­dru­cke aus der Edo-Zeit, die deutsch-japanischen Bezie­hun­gen und Jap­an­li­te­ra­tur). Ziel der Schen­kung ist, dass sich die Biblio­thek zu einem Zen­trum ent­wi­ckelt, in dem sich wis­sen­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten wie Kon­fe­ren­zen zu Japan ent­wi­ckeln. Das Insti­tut bie­tet des­halb neben der Biblio­thek auch Unter­kunfts­mög­lich­kei­ten für Sym­po­si­en und For­schungs­auf­ent­hal­te an.

Im Anschluss wies Wil­li Van­de Wal­le, Grün­der und Eme­ri­tus der Japa­no­lo­gie in Leu­ven, auf eine Tagung der EAJRS (Euro­pean Asso­cia­ti­on of Japa­ne­se Resour­ce Spe­cia­lists) vom 13. bis 17. Sep­tem­ber in Oslo hin und erläu­ter­te, wie wich­tig Kennt­nis­se über den Umgang mit allen Arten von Quel­len – der Fokus die­ser jähr­lich statt­fin­den­den Fach­ta­gung – gera­de auch für Jap­an­his­to­ri­ker sind. Nähe­res fin­det sich unter Inter­net­sei­te.

Die nächs­te, 30. Tagung der „Initia­ti­ve zur his­to­ri­schen Japan­for­schung“ fin­det am 25. & 26. Novem­ber 2017 an der Ost­asi­en­ab­tei­lung der Staats­bi­blio­thek Ber­lin und am Ost­asia­ti­schen Semi­nar bei der Japa­no­lo­gie der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin statt. Sie wird von Chris­ti­an Dun­kel (Sta­Bi, Christian.Dunkel(AT)sbb.spk-berlin.de) und Maik Hen­drik Sprot­te (FU, maik(AT)sprotte.name) orga­ni­siert wer­den. Für die Tref­fen im Jahr 2018 gibt es bereits Plä­ne, sich im Mai im CEEJA zu tref­fen und im Novem­ber 2018 wie­der in Bochum zu tagen.

(Pro­to­koll: Anke Sche­rer)

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