Protokolle 25-29 (2015-2017)

Protokolle der 25. bis 29. Tagung aus den Jahren 2015 bis 2017:

Durch Anklicken des ent­spre­chen­den Links kön­nen Sie das Protokoll der zu­ge­hö­ri­gen Tagung auf­ru­fen.

25. Treffen am Lehrstuhl für die "Geschichte Japans" der Ruhr-Universität Bochum am 13. und 14. Juni 2015
26. Treffen im Siebold-Museum in Würzburg am 31. Oktober und 1. November 2015
27. Treffen an der Universität Halle-Wittenberg am 5./6. Juni 2016
28. Treffen an der Freien Universität Berlin am 12./13. November 2016
29. Treffen an der Katholischen Universität Leuven am 6./7. Mai 2017

favicon0225. Treffen am Lehrstuhl für die „Geschichte Japans“ der Ruhr-Universität Bochum am 13. und 14. Juni 2015:

Sobald er vor­liegt, wird der Bericht die­ser Tagung hier ver­öf­fent­licht.

(Protokoll: Jan Schmidt)

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26. Treffen im Siebold-Museum in Würzburg am 31. Oktober und 1. November 2015:

Anwesend wa­ren in Würzburg: Tenko Glenn Bauer (Heidelberg), Udo Beireis (Würzburg), David Chwila (Bochum), Sybille Girmond (Würzburg), Itô Tomohide (Wiesbaden), Nadja Kischka-Wellhäußer (Bonn), Till Knaudt (Heidelberg), Martha-Christine Menzel (Berlin/Heidelberg), Morikawa Yoshiko (Fukuoka), Cornelia Morper (Würzburg), Ulrike Nennstiel (Sapporo), Daniel Schley (München), Jan Schmidt (Leuven), Maik Hendrik Sprotte (Halle), Alexander Thomas (Regensburg), Reinhard Weth (Erfurt).

Der Kurzvorstellung der Teilnehmer folg­te ein ein­füh­ren­der Vortrag von Udo Beireis, dem 1. Vorsitzenden der Siebold-Gesellschaft e.V. (Würzburg), zum Siebold-Museum.

Vorträge:
Sybille Girmond (Universität Würzburg): Die "Ausstellung ja­pa­ni­scher Metallindustrie" in Nürnberg 1885: Rückblick nach 130 Jahren
In ih­rem Vortrag the­ma­ti­sier­te die Ostasien-Kunsthistorikerin Girmond die Teilnahme Japans an der in der heu­ti­gen hi­sto­ri­schen Forschung weit­ge­hend in Vergessenheit ge­ra­te­nen "Internationale[n] Ausstellung von Arbeiten aus ed­len Metallen und Legirungen [sic]" (Kinkô ban­ko­ku ha­ku­ran­kai), die un­ter der Schirmherrschaft des baye­ri­schen Königs Ludwig II. vom 15. Juni bis zum 30. September 1885 in der über Jahrhunderte für das ho­he Niveau ih­res Metallhandwerks be­kann­ten eu­ro­päi­schen Metropole Nürnberg ab­ge­hal­ten wur­de. In der "Kollektivausstellung ja­pa­ni­scher Metallindustrie, ver­an­stal­tet un­ter der Leitung der kai­serl. Japanischen Regierung" prä­sen­tier­ten 99 Aussteller an­nä­hernd ein­tau­send ja­pa­ni­sche Metall- und Emaillearbeiten. Unter den in Nürnberg ver­tre­te­nen Nationen stell­te Japan nach dem Deutschen Reich das zweit­größ­te Kontingent an Ausstellern. Ziel der Meiji-Regierung war es, durch die Teilnahme auf das ho­he Niveau des Kunstschmiede- und Emailhandwerks Japans auf­merk­sam zu ma­chen und auf die­sem Wege die ja­pa­ni­sche als ei­ne der dem zeit­ge­nös­si­schen Verständnis nach "füh­ren­den" kul­tur­schaf­fen­den Nationen gleich­wer­ti­ge Kulturnation mit ei­ner ei­gen­stän­di­gen und zu­gleich in­no­va­ti­ons­fä­hi­gen Tradition zu in­sze­nie­ren. Im Spiegel des da­ma­li­gen me­dia­len Interesses ein Ereignis, wel­ches für die wei­te­re Entwicklung von Kunst und Kunsthandwerk so­wohl in Japan als auch im zu­neh­mend vom Japonismus er­fass­ten Westen prä­gend ge­we­sen sei, von dem rich­tung­wei­sen­de Impulse spe­zi­ell auf die Metall- und Emailhandwerker aus­gin­gen. Die "Erfahrung Nürnberg" kön­ne da­her in der kunst­hi­sto­ri­schen Rückschau in Japan als ge­ne­ra­tio­nen­prä­gend und epo­che­ma­chend ein­ge­stuft wer­den.
Hinsichtlich der Erwartung, die Ausstellung sol­le zu ei­ner Plattform zur Demonstration der künst­le­ri­schen Leistungsfähigkeit Japans ge­rei­chen ("Kulturoffensive"), war den dort auf­tre­ten­den Exponenten des ja­pa­ni­schen Kunsthandwerks ein gro­ßer Erfolg be­schie­den: Ein Großteil der durch die Jury ver­lie­he­nen Auszeichnungen ent­fiel auf ja­pa­ni­sche Aussteller, und de­ren Exponate wur­den in der Tages- und Fachpresse mit en­thu­si­asti­schen Berichten be­dacht. Differenziertere Einschätzungen über den Gesamterfolg (auch wirt­schaft­lich) er­schlie­ßen sich aus der Analyse der zeit­ge­nös­si­schen Berichte, wo­bei ein of­fi­zi­el­ler Abschlussbericht zu Nürnberg nur in Japan pu­bli­ziert wur­de. Die Beteiligung Japans sei nicht le­dig­lich aus Prestige-Erwägungen er­folgt, son­dern es la­gen auch kon­kre­te wirt­schaft­li­che Interessen zu­grun­de: die Erzeugnisse des ja­pa­ni­schen Kunstschmiedehandwerks soll­ten kom­mer­zi­ell be­wor­ben und neue Absatzmärkte ge­won­nen wer­den. (Mit dem Zusammenbruch des in­län­di­schen Marktes zu Beginn der Meiji-Zeit – die Metallwerkstätten der Edo-Zeit hat­ten sich auf die Fertigung über­wie­gend von Kultgegenständen für Tempel und Prestigeobjekten für die Daimyô spe­zia­li­siert – stell­te sich die Notwendigkeit ein, in­no­va­tiv tä­tig zu wer­den.) Besonderes Potential wur­de u.a. in der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Japan erst­mals für grö­ße­re Gegenstände an­ge­wand­ten Technik des émail cloi­son­né ge­se­hen. Mit dem Japonismus-Boom, der im deutsch­spra­chi­gen Raum spä­te­stens mit der Wiener Weltausstellung 1873 los­brach, avan­cier­te Nagoya rasch zum Zentrum der ex­port­ori­en­tier­ten ja­pa­ni­schen Emaille-Produktion. Die in­ner­halb we­ni­ger Jahrzehnte über­aus in­no­va­ti­ons­rei­che Entwicklung ha­be be­reits in Nürnberg 1885 ein Niveau er­reicht, das den Beginn des "Goldenen Zeitalters" die­ser Kunst mar­kie­re. Auch im Metallhandwerk war der Innovationswille deut­lich, wur­de et­wa in den dort aus­ge­stell­ten Stücken erst­mals Bronze mit Porzellan kom­bi­niert, gleich­sam ei­ne hand­werks­tech­ni­sche – und kurz­le­bi­ge - tour de force. Die Regierung Japans hat­te 160.000 RM für die Teilnahme an der Ausstellung in­ve­stiert, doch wur­de die Investition nicht ein­mal an­nä­hernd durch Einnahmen aus Verkäufen kom­pen­siert. Grund wa­ren die für deut­sche Verhältnisse über­durch­schnitt­lich hoch an­ge­setz­ten Preise. Dennoch kön­ne, be­trach­te man die Folgewirkungen Nürnbergs, auch in Europa von Erfolg ge­spro­chen wer­den, ge­be es doch ein­zel­ne Künstler, die sich als di­rekt durch die ja­pa­ni­sche Ausstellung in Nürnberg in­spi­riert be­zeich­ne­ten.
Girmond ver­or­tet ih­re Arbeit im Schnittfeld der tra­di­ti­ons­rei­chen Japonismus-Forschung und den neu­er­lich stark an Aktualität ge­win­nen­den Untersuchungen zur Beteiligung Japans an den in­ter­na­tio­na­len Ausstellungen des aus­ge­hen­den 19. und frü­hen 20. Jahrhunderts.

Ulrike Nennstiel (Hokusei Gakuen Universität, Sapporo): Uemura Takashi und der "Trostfrauen"-Diskurs in der Asahi Shinbun
Die Soziologin Nennstiel pro­ble­ma­ti­sier­te den Umgang mit der "Trostfrauen"-Problemematik (ian­fu mon­dai) und fo­kus­sier­te da­bei auf die Rolle Uemura Takashis, ei­nes ehe­ma­li­gen Asahi Shimbun-Journalisten (u.a. Auslandskorrespondent), wel­cher im Jahre 1991 ei­nen der er­sten ja­pa­ni­schen Artikel auf der Grundlage von Aufzeichnungen des Interview mit ei­ner Betroffenen pu­bli­zier­te. Obwohl an­de­re Tageszeitungen ähn­lich be­rich­te­ten und nicht et­wa Uemura, son­dern das re­gio­na­le Blatt Hokkaidô shin­bun da­mals ein ei­ge­nes Interview ver­öf­fent­lich­te, rich­te­ten sich die Attacken ge­schichts­re­vi­sio­ni­sti­scher Kreise un­ter der Federführung von Nishioka Tsutomu und Sakura Yoshiko aus­schließ­lich ge­gen Uemura. Seit knapp zwei Jahren se­he sich die­ser mas­si­ven Anfeindungen, Schmähungen und Drohungen aus­ge­setzt, wel­che nicht mehr le­dig­lich auf sei­ne ei­ge­ne Person ab­ziel­ten, son­dern eben­so ge­gen sei­ne Familie und schließ­lich auch sei­nen Arbeitgeber.
Einen vor­läu­fi­gen Höhepunkt fan­den die­se Verleumdungs- und Hetzkampagnen in Bombendrohungen ge­gen die Hokusei Gakuen Universität (Hokuseidai kyôha­ku ji­ken) im Sommer 2014. Als Reaktion auf die­sen Angriff auf die Autonomie ei­ner aka­de­mi­schen Einrichtung wur­de im Oktober, dem Aufruf zahl­rei­cher Intellektueller und Anwälte fol­gend, die "Gib nicht auf, Hokusei-Uni!-Vereinigung" ("Makeruna Hokusei! no Kai") ge­grün­det, um für ei­ne Weiterbeschäftigung Uemuras ein­zu­tre­ten.
Einem kon­zi­sen und prä­gnan­ten Abriss zur Forschungsgeschichte schloss Nennstiel ei­ne aus­führ­li­che Chronologie des "Trostfrauen"-Diskurses an; da­bei wer­de im­mer wie­der Rekurs auf die Frage nach der (po­li­ti­schen) Korrektheit der Ausdrucksweise und Details Uemuras in sei­nem Zeitungsartikel der Ôsaka Ausgabe der Asahi shin­bun vom 11. August 1991 ge­nom­men, der auf den Erinnerungen der ehe­ma­li­gen ko­rea­ni­schen Zwangsprostituierten Kim Hak-sun ba­sier­te und in des­sen Nachgang sich im­mer mehr be­trof­fe­ne Frauen zu Wort mel­de­ten. Zwar be­ken­ne sich auch die Regierung un­ter Ministerpräsident Abe Shinzô for­mal zur Kôno-Erklärung (Kôno dan­wa) vom 4. August 1993, in der öf­fent­li­chen Debatte bre­che sich je­doch ein im­mer ag­gres­si­ver ge­bär­den­der Geschichtsrevisionismus Bahn, wel­cher be­reits zur Beginn der Kontroversen um Yoshida Seiji stark an Virulenz ge­won­nen ha­be und neu­er­lich im Widerruf von Zeitungsartikeln der Asahi shin­bun im August 2014 kul­mi­niert sei; zu­dem wur­de auf die Aussage Abes aus dem Jahr 2005 ver­wie­sen, "die Trostfrauen[-Debatte wer­de auf der Grundlage] fin­gier­ter Aussagen [ge­führt]“ ("Ianfu wa tsukur­a­re­ta ha­na­shi“). Dagegen ha­be der Historiker Yoshimi Yoshiaki da­für plä­diert, den zen­tra­len Begriff der "Zwangsverschleppung" (kyôsei ren­kô) wei­ter zu fas­sen, schie­den sich die Meinungen zu sehr an den Phänomenen tei­s­hin­tai und ian­fu, sei­en die Grenzen zwi­schen Freiwilligkeit und Zwang nicht un­be­dingt trenn­scharf. Nennstiel führ­te aus, der Fall Uemuras of­fen­ba­re die Notwendigkeit zu ver­stärk­tem so­li­da­ri­schen Engagement, dem rech­ten Druck nicht et­wa nach­zu­ge­ben, die aka­de­mi­sche wie jour­na­li­sti­sche Freiheit und Unabhängigkeit Japans zu schüt­zen und zu be­wah­ren. Abschließend ver­lieh sie ih­rer Sorge vor ei­ner Remilitarisierung der ja­pa­ni­schen Gesellschaft Ausdruck.
In der Diskussion wur­de zu­nächst auf die "Erklärung der Historiker- und Geschichtslehrerverbände Japans zur Trostfrauen-Frage" ("Ianfu mon­dai ni kan­su­ru Nihon no re­ki­shi gak­kai, re­ki­shi kyôi­ku­sha dan­tai no sei­mei") vom 25. Mai 2015 ver­wie­sen, durch wel­che die Existenz von zwangs­re­kru­tier­ten "Trostfrauen" als ein durch hi­sto­ri­sche Forschung hin­rei­chend ge­si­cher­tes Faktum an­er­kannt, die Gültigkeit der Kôno-Erklärung be­kräf­tigt wird. Alsdann wur­de die Frage nach der Singularität des "Trostfrauen"-Phänomens er­ör­tert, sei Zwangsprostitution in Kriegszeiten auch au­ßer­halb Japans sy­ste­ma­tisch be­trie­ben wor­den; dar­an schloss ei­ne Diskussion um die Frage der Vergleichbarkeit der "Trostfrauen"-Debatte mit dem deut­schen Historikerstreit an. Darüber hin­aus hieß es, es sei über­trie­ben zu be­haup­ten, das zeit­ge­nös­si­sche Japan wer­de im Zuge der Abe'schen Politik für ei­nen Militärstaat vor­be­rei­tet. Zuletzt wur­de über die Beurteilung der Oral History als ei­nem Instrument der hi­sto­ri­schen Arbeitsweise und de­ren Bedeutung für die zeit­ge­schicht­li­che Forschung dis­ku­tiert.

Martha-Christine Menzel (FU Berlin/ Universität Heidelberg): "Ich bin Künstler, kein Sozialist!‘ – Tayama Katais Erzählung "Tokoyo go­yo­mi" (1914) als li­te­ra­ri­scher Diskurs über Naturalismus, Sozialismus und die in­ne­re Sicherheitspolitik in­fol­ge der Hochverratsaffäre
In ih­rem Vortrag wid­me­te sich die Literaturwissenschaftlerin Menzel der Frage nach der li­te­ra­ri­schen Verarbeitung der "Hochverratsaffäre" (Taigyaku ji­ken, 1910/11), d.h. der Eskalation des Konfliktes zwi­schen der au­to­ri­tä­ren Meiji-Regierung und di­ver­sen links­ge­rich­te­ten Gruppierungen, in de­ren Nachgang die po­li­zei­li­che Überwachung mut­maß­lich po­li­tisch Subversiver wie auch die Pressezensur lan­des­weit ver­schärft wur­den. Dies hat­te auch star­ke Auswirkungen auf den Literaturbetrieb. Menzel the­ma­ti­sier­te in die­sem Zusammenhang die Erzählung "Tokoyo go­yo­mi" ("Der ewi­ge Kalender", 1914) des Schriftstellers Tayama Katai (1871-1930), ei­nes Hauptvertreters der li­te­ra­ri­schen Strömung des Naturalismus in Japan (Nihon shi­zens­hu­gi bung­aku).
Zunächst er­folg­te ei­ne hi­sto­ri­sche Verortung des Werks, wo­bei Menzel auf die Literatur- und Pressezensur und ins­be­son­de­re die Naturalismus-Kritik im Meiji-zeitlichen Japan ver­wies. Jene Maßnahmen hät­ten sich spe­zi­ell ge­gen das po­li­ti­sche Potential des Naturalismus ge­rich­tet, re­al­exi­stie­ren­de ge­sell­schaft­li­che Probleme authentisch-kritisch zu the­ma­ti­sie­ren. Auch die für den Naturalismus ty­pi­sche Forderung nach Individualismus sei als der öf­fent­li­chen Moral ab­träg­li­che, dem ko­ku­tai-Gedanken zu­wi­der­lau­fen­de und da­mit ver­meint­lich staats­zer­set­zen­de Idee an­ge­se­hen wor­den. Zum Inhalt der Erzählung: Der Protagonist Yamada Yûkichi wird von den Auswirkungen der Hochverratsaffäre er­fasst und steht nun­mehr im Verdacht, ein Sozialist zu sein. In Hokkaidô ver­sucht er, der stren­gen po­li­zei­li­chen Überwachung zu ent­ge­hen, schei­tert je­doch in sei­nem Bestreben, Unabhängigkeit in der bäu­er­li­chen Lebensweise zu fin­den. Menzel führt aus, die Figur des Yûkichi zei­ge deut­li­che Anspielungen und Parallelen zur Vita ei­nes Bekannten von Tayama Katai, der den Verfasser zu der Erzählung in­spi­riert ha­be. Fürderhin kon­zen­trier­te sich die Referentin auf ei­ne Analyse der dem Werk zu­grun­de­lie­gen­den er­zähl­tech­ni­schen Verfahren, die be­wusst da­zu dien­ten, Anspielungen auf rea­le Personen und Ereignisse zu ver­schlei­ern, gleich­zei­tig aber auch ei­ne neu­tra­le Position der Erzählinstanz be­ton­ten und es auf die­se Weise letzt­lich dem Leser selbst über­lie­ßen, über die Inhalte zu ur­tei­len. "Tokoyo go­yo­mi" lässt sich dem­nach als ei­ne heik­le Gratwanderung be­trach­ten zwi­schen dem na­tu­ra­li­sti­schen Authentizitätsanspruch und der not­wen­di­gen Verschleierung der Bezüge zu rea­len po­li­ti­schen und so­zia­len Vorgängen.
In der Diskussion kam zu­nächst die Frage auf, ob Katai nicht et­wa dar­an ge­le­gen ge­we­sen sein moch­te, we­ni­ger kon­kret die Hochverratsaffäre als viel ab­strak­ter die Paranoia der Meiji-Regierung vor links­ge­rich­te­ten Gruppierungen wie auch die Absurdität des Verdachts- und Überwachungsregimes zu the­ma­ti­sie­ren? Mori Ôgai ap­pel­lier­te bei­spiels­wei­se im Jahr 1911 an die Regierung, klar zwi­schen Naturalismus, Sozialismus und Anarchismus zu dif­fe­ren­zie­ren. Katai sei sich der po­li­ti­schen Brisanz des Themas durch­aus be­wusst ge­we­sen, wes­halb er sich ex­pli­zit for­mu­lier­ter Kritik ent­hielt. Abschließend kam die Frage nach der Wahl Hokkaidôs als Ort des Exils auf, ge­nau­er: Ob die­ser als ein Zufluchtsort ge­dacht wer­den, oder aber ob da­durch ei­ne Scheinloyalität ge­gen­über der den Norden des ja­pa­ni­schen Archipels kolonisieren-den Regierung sug­ge­riert und der Verdachtsmoment neu­tra­li­siert wer­den soll­te? Menzel ver­nein­te letz­te­re Interpretation mit Blick auf die Erzählung und ent­geg­ne­te, dass nach sub­jek­ti­vem Empfinden Hokkaidô fern­ab des po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Zentrums Tôkyô lag und da­her nicht sel­ten auch ei­ne Projektionsfläche für Autarkievorstellungen dar­stell­te, de fac­to je­doch mit am stärk­sten über­wacht wor­den sei.

Itô Tomohide (Wiesbaden): Das Buch "Der to­ta­le Krieg" von Erich Ludendorff und Japan
Der Historiker Itô re­fe­rier­te über sei­ne Forschungen zur Rezeptionsgeschichte des Ludendorff'schen wehr­kund­li­chen Traktats "Der to­ta­le Krieg" im Japan der aus­ge­hen­den 1930er Jahre, ge­nau­er: zu des­sen Einfluss auf Offizierskreise und die von die­sen be­för­der­ten wehr- und kriegs­wis­sen­schaft­li­chen Diskurse. Dank Itô liegt der zeit­hi­sto­ri­schen Forschung in Japan seit 2015 ei­ne text­kri­ti­sche Übersetzung nach der deutsch­spra­chi­gen Originalausgabe von 1935 vor, wel­che un­ter dem Titel "Rûdendorufu Sôryokusen‘ bei Hara Shobô er­schien, ei­ne Alternative zur ver­al­te­ten un­kom­men­tier­ten, von ei­ner von ideo­lo­gi­schen Färbungen stark durch­setz­ten Sprache ge­tra­ge­nen Ausgabe von 1939 zu bie­ten.
Im Hinblick auf den "to­ta­len Krieg" kehr­te Ludendorff das Clausewitz'sche Diktum, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik, ins Gegenteil: Die Politik ha­be der Kriegsführung zu die­nen, die Politik der Friedenszeit der Vorbereitung des "Lebenskampfes" ei­nes Volkes im Kriege; ent­spre­chend hät­ten sich al­le Kräfte ei­nes Volkes zur Kriegsführung zu bün­deln, stell­te das Verständnis der brei­ten Bevölkerung als eben­so der Industriellen um die Notwendigkeit des und de­ren Mitwirkung am "to­ta­len Krieg" ei­nen kriegs­ent­schei­den­den Faktor dar.
In Japan tra­ten Angehörige der so­ge­nann­ten Reformisten (kakushin-ha) des Heeres als Hauptexponenten der Ludendorff'schen Konzeption vom "to­ta­len Krieg" in Erscheinung, mein­ten dar­in ein ad­ap­ti­ons­wür­di­ges Vorbild zur Verwirklichung ei­nes als not­wen­dig ima­gi­nier­ten Systems der to­ta­len na­tio­na­len Mobilisierung für die Zwecke der Kriegsführung und des Empire-Building ent­deckt zu ha­ben. Die frü­he Ludendorff-Rezeption sei im Zuge der Auseinandersetzung ja­pa­ni­scher Militärs mit dem Ersten Weltkrieg er­folgt, so et­wa durch die "Außerordentliche Untersuchungskommission für mi­li­tä­ri­sche Angelegenheiten" ("Rinji Gunji Chôsa Iin"). Animiert durch die Kriegsvorbereitungen Japans im Fortschreiten der 1930er Jahre als spe­zi­ell vor dem Hintergrund des Ausbruchs des Zweiten Sino-Japanischen Krieges tat sich schließ­lich der Heeresoffizier Mano Toshio her­vor, ei­ne er­ste Übersetzung des Ludendorff'schen Traktats ins Japanische vor­zu­neh­men, wel­che 1939 bei Mikasa Shobô er­schien; Mano präg­te da­durch den ja­pa­nisch­spra­chi­gen Begriff "Kokka sô­ryo­ku­sen" ("to­ta­ler Krieg"). Mano und sei­ne Mitstreiter Takashima Tatsuhiko und Tada Hayao wa­ren der Überzeugung, ei­ne Entwicklung hin zu ei­ner "Staatsordnung des to­ta­len Krieges" sei an­ge­sichts der Kriegsvorbereitungen der an­de­ren Großmächte un­ab­ding­bar; ent­spre­chend in­iti­ier­ten sie ei­ne groß­an­ge­leg­te Propagandakampagne, pro­fi­tier­ten da­bei von ei­ner aus­ge­spro­che­nen Pluralität der Propagandamittel und - ka­nä­le, such­ten et­wa durch die Radiosendung "Rûdendorufu no kok­ka sô­ryo­ku­sen", wel­che zwi­schen November und Dezember 1939 in fünf Episoden aus­ge­strahlt wur­de, ei­ne Brücke zwi­schen den Ludendorff'schen Argumenten und der ak­tu­el­len Lage Japans her­zu­stel­len. Itô wies dar­auf hin, dass die­sen das Radio auf­grund des­sen ho­hen Verbreitungsgrades (1939: ca. 34% der Haushalte) als das ge­eig­net­ste Medium er­schien, ein Bewusstsein um die Notwendigkeit zur "to­ta­len" Kriegsführung in die Bevölkerung zu kom­mu­ni­zie­ren. Seine Fortführung er­fuhr das Konzept vom "to­ta­len Krieg" durch die Publikationen Takashimas, bei­spiels­wei­se des­sen Werk "Kôsen" ("Der kai­ser­li­che Krieg"), in­dem die­ser für ei­nen "to­ta­len Krieg des kai­ser­li­chen Weges" ("Kôdô sô­ryo­ku­sen“) plä­dier­te.
Der Referent schloss mit der These, an­hand von Selbstzeugnissen ja­pa­ni­scher Offiziere wer­de of­fen­bar, die Überführung des Paradigmas der "to­ta­len" Kriegsführung in die in Japan vor­herr­schen­den politisch-ideologischen Kontexte moch­te zwar auf ei­ner individuell-subjektiv wirk­sa­men Ebene er­folg­reich ge­we­sen sein, es je­doch auf strukturell-formaler Ebene nicht ge­lang, die ge­wünsch­te Massenwirkung zu er­zie­len, schei­ter­ten doch al­le Versuche, die dar­aus ab­ge­lei­te­te Programmatik auch in­sti­tu­tio­nell zu im­ple­men­tie­ren; ob­gleich be­deut­sam für die Weiterentwicklung der Wehrkunde je­ner Zeit, letzt­lich kön­ne man ei­nen le­dig­lich be­grenz­ten Einfluss auf das Heer kon­sta­tie­ren, das Streben um ei­ne Massenmobilisierung der Bevölkerung un­ter Takashimas Banner des "Kôdô sô­ryo­ku­sen" für ge­schei­tert er­klä­ren.
Die ab­schlie­ßen­de Diskussion dreh­te sich zu­nächst um die Frage nach der Rezeption der sô­ryo­ku­sen-Propagada in der ein­fa­chen Bevölkerung, setz­te sich in der Erörterung der be­son­de­ren Schwierigkeiten re­zep­ti­ons­ge­schicht­li­cher Studien fort. Auch wur­de hin­ter­fragt, wor­in das Bedürfnis zu ei­ner neu­er­li­chen Übersetzung be­stan­den ha­be; Itô ver­wies aber­mals auf die ten­den­ziö­se, stark ideo­lo­gisch ge­färb­te Sprache der Erstübersetzung durch Mano. Zuletzt wur­de dis­ku­tiert, wes­halb das Werk aus der Feder ei­nes Angehörigen aus­ge­rech­net ei­ner der Verlierernationen des Ersten Weltkriegs, nicht et­wa ein sol­ches fran­zö­si­scher oder bri­ti­scher Provenienz ei­nen doch re­la­tiv prä­gnan­ten Eingang in die wehr- und kriegs­wis­sen­schaft­li­chen Diskurse in Japan ge­fun­den ha­be, der ja­pa­ni­sche sô­ryo­ku­sen-Diskurs nicht even­tu­ell Querverschaltungen auch zu an­de­ren Analysen auf­wei­se.

Nadja Kischka-Wellhäußer (Universität Bonn): Soziale Netzwerke im Vergleich: Die frü­he deut­sche und ja­pa­ni­sche Frauenbewegung
Die Historikerin Kischka-Wellhäußer stell­te ihr ak­tu­el­les Projekt ei­ner so­zia­len Netzwerkanalyse als ei­nen hi­sto­ri­schen Vergleich der frü­hen Frauenbewegungen in Deutschland und Japan vor.
Zunächst be­leuch­te­te die Referentin die Entstehung un­ter­schied­li­cher Typen von Frauenvereinen so­wohl im Deutschen Reich als eben­so im Meiji-zeitlichen Japan; da­bei ver­wies sie auf die Ungleichzeitigkeit von Genderdebatten, Frauenrechtsdiskursen und Öffentlichkeit. So lie­ße sich die Entstehung von Frauenzeitungen und -ver­ei­nen, lie­ßen sich die Anfänge ei­ner Netzwerkbildung im Falle Deutschlands bis in den Vormärz hin­ein zu­rück­ver­fol­gen, in Japan ha­be sich ei­ne ver­gleich­ba­re Entwicklung erst seit Beginn der 1880er Jahre voll­zo­gen; bei­den sei je­doch ge­mein, dass Frauen um ei­ne Standortbestimmung in den je­weils in Entstehung be­grif­fe­nen Bürgergesellschaften ver­gleichs­wei­se jun­ger Nationalstaaten ran­gen. Auf bei­den Seiten kön­ne nicht von ei­ner ein­heit­li­chen, ge­schlos­se­nen Frauenbewegung aus­ge­gan­gen wer­den, re­prä­sen­tier­ten un­ter­schied­li­che Frauenvereine ein je­weils an­ders­ar­ti­ges so­zia­les Spektrum mit je­weils ei­ge­ner Programmatik und ei­ge­nen Klientelinteressen. Beiderorts ha­be sich die Entwicklung der Frauenbewegungen in Schüben voll­zo­gen, wel­che wie­der­um an ei­ne all­ge­mei­ner sich voll­zie­hen­de Konjunktur so­zia­ler Bewegungen ge­knüpft ge­we­sen sei­en, so ei­ner­seits et­wa je­ne der Märzrevolution als an­de­rer­seits zu­vör­derst je­ne der "Bewegung für Freiheit und Bürgerrechte" ("Jiyû Minken Undô"), wo­bei Vernetzungsprozesse von den Metrolpolregionen auf die Peripherie aus­ge­gan­gen sei­en.
Im Zentrum der Diskussion stand die Frage nach dem be­son­de­ren Erkenntnisgewinn, den sich Kischka-Wellhäußer ver­mit­tels ei­nes hi­sto­ri­schen Vergleichs er­hofft; ein sol­cher Vergleich zeich­ne sich in zeit­li­cher wie struk­tu­rel­ler Hinsicht pro­ble­ma­tisch, lie­ßen sich auch Parallelen und Divergenzen fest­stel­len, so sei es wohl nur schwer­lich mach­bar, über pro­gram­ma­ti­sche Aspekte hin­aus­rei­chen­de Kohärenzen zu spe­zi­fi­zie­ren, sei­en die an­ge­leg­ten Parameter und Kriterien viel zu un­be­stimmt, als dass sie der je­weils spe­zi­fi­schen Komplexität der gesellschaftlich-historischen Wirklichkeit ge­recht wür­den, hät­ten sich die Frauenbewegungen der bei­den Vergleichsländer im Grunde doch weit­ge­hend un­ab­hän­gig von­ein­an­der und in ih­rem je­wei­li­gen Eigenrhythmus ent­wickelt. Besonders in or­ga­ni­sa­to­ri­scher Hinsicht sei ein Vergleich schwer­lich sinn­voll, hät­te die Zahl der deut­scher Frauenvereine die der ja­pa­ni­schen deut­lich über­wo­gen, sei von ei­ner völ­lig an­ders­ar­ti­gen per­so­nel­len Zusammensetzung aus­zu­ge­hen, wi­chen da­bei die Faktoren Milieu und Bildungshintergrund all­zu stark von­ein­an­der ab; dar­an schloss ei­ne Diskussion um die Entstehung als eben­so die Charakteristika von Bürgergesellschaft im Deutschen Reich und im Meiji-zeitlichen Japan an. Aus dem Plenum er­folg­te schließ­lich der Vorschlag, von ei­nem hi­sto­ri­schen Vergleich ab­zu­se­hen, sich statt­des­sen dem Projekt ei­ner Gesamtdarstellung der Geschichte der Frauenbewegung in Japan zu­zu­wen­den, lie­ge ei­ne sol­che bis­lang noch nicht vor.

Abschluss: Kurz vor Tagungsschluss prä­sen­tier­te Jan Schmidt ei­ne auf der Grundlage der in den vor­aus­ge­gan­ge­nen fünf­und­zwan­zig Initiativetreffen er­ho­be­nen Daten ba­sie­ren­de sta­ti­sti­sche Auswertung über Teilnehmerzahlen, den – frei­lich in an­ony­mi­sier­ter Form (!) – aka­de­mi­schen Background der je­wei­li­gen Teilnehmer so­wie de­ren in­di­vi­du­el­le, eben­so ei­ne in­sti­tu­tio­nen­spe­zi­fisch dif­fe­ren­zie­ren­de Teilnahmefrequenz.
Die Tagung en­de­te mit ei­nem herz­li­chen Dank an die Organisatoren des Initiativetreffens zu Würzburg, Maik Hendrik Sprotte und Till Knaudt, als vor al­lem an Udo Beireis und die Belegschaft des Siebold-Museums für die den Teilnehmern dort zu­teil­ge­wor­de­ne Gastfreundschaft.

(Protokoll: David Chwila)

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27. Treffen an der Universität Halle-Wittenberg am 5./6. Juni 2016:

Am Wochenende des 4. und 5. Juni 2016 fand das 27. Treffen der Initiative zur hi­sto­ri­schen Japanforschung in Halle statt. Insgesamt wur­den vier Vorträge ge­hal­ten und leb­haft dis­ku­tiert. Zudem gab es Diskussionen zu ei­ner mög­li­chen Zusammenarbeit der Initiative mit ei­ner Fachkollegenorganisation in Japan.

Vorträge:
Raji Steineck (Zürich): Das Hikohohodemi no mi­ko­to ema­ki. Symbolische Konfiguration und so­zia­le Konstellation ei­nes Mythos im Wandel.
Der Vortrag geht der Fragestellung des Mythos als sym­bo­li­scher Form im ja­pa­ni­schen Mittelalter nach. Symbolische Konfiguration wird da­bei ver­stan­den als die Gestaltung der Instanzen der Kommunikation durch das Medium und sei­ne sym­bo­li­sche Form. Nach Ernst Cassierer meint sym­bo­li­sche Form nor­ma­tiv spe­zi­fi­sche und hi­sto­risch ent­wickel­te Arten der Sinngebung. Das be­deu­tet, dass Formen in ver­schie­de­nen Kontexten mit ver­schie­de­nen Sinngebungen ver­stan­den wer­den: Eine Linie auf ei­nem Bild in ei­nem Museum wird an­ders ver­stan­den als ei­ne Linie in ei­nem Koordinatensystem. Des Weiteren be­ein­flusst die so­zia­le Konstellation, al­so das Verhältnis der an der Kommunikation be­tei­lig­ten zu­ein­an­der, die Sinngebung.
Untersucht wird die­se Fragestellung an­hand ei­ner Bildrolle (ema­ki­mo­no), die als Hikohohodemi no mi­ko­to ema­ki in ei­ner Kopie aus dem 17. Jahrhundert über­lie­fert ist. Das Original wur­de in der zwei­ten Hälfte des 12. Jahrhunderts in der Werkstatt des ab­ge­dank­ten Kaisers Go-Shirakawa (1127-1192, Amtszeit 1155-1158) pro­du­ziert. Die Rolle greift ei­ne Geschichte aus der er­sten Reichschronik Nihon sho­ki über die gött­li­chen Vorfahren des Herrscherhauses auf. Die Rolle über­trägt sie nicht nur in ein neu­es Medium, son­dern wan­delt sie auch in we­sent­li­chen Punkten in­halt­lich ab: Vom Original im Nihon sho­ki zur Bildrolle des Hikohohodemi no mi­ko­to ema­ki wan­del­ten sich Medium und sym­bo­li­sche Form von der im­pe­ria­len Reichschronik (Recht) zur il­lu­strier­ten Handschrift (Kunst). Verändert wur­de auch die Konfiguration der Botschaft. So war im Original der Held kein „be­schäf­ti­gungs­lo­ser Prinz“ wie im ema­ki­mo­no, son­dern ein Jägerprinz. Sein Helfer im Original war der König des Meeres und die Prinzessin, nicht der Drachenkönig wie in der Bildrolle. Am Ende des Originals steht die Trennung der bei­den Protagonisten und nicht wie im ema­ki­mo­no ein Ende in völ­li­ger Harmonie wie in ei­nem Märchen.
Das ist auf­fäl­lig, denn das Nihon sho­ki stell­te im Altertum die ver­bind­li­che Fassung der Vor- und Frühgeschichte fest. Allerdings zeigt das ema­ki­mo­no, wie der Auftraggeber Go-Shirakawa mit der Bildrolle sei­ne ei­ge­ne Geschichte als ein jün­ge­rer, über­ra­schend auf den Thron ge­kom­me­ner Kaiser le­gi­ti­miert. Die Bildrolle soll die Kompetenz Go-Shirakawas für die Aufgabe dar­stel­len und sei­nen Ruf als Müßiggänger, den er in jun­gen Jahren hat­te, kon­ter­ka­rie­ren. Damit weist die Bildrolle auf spä­te­re Entwicklungen im Mittelalter hin, wo neue Mythologien ent­stan­den, die zwar äl­te­re Motive aus der Reichschronik auf­grei­fen, die­se aber durch Erweiterungen, Kürzungen, Umbesetzungen von Figuren und Kombinationen mit an­de­ren Traditionen ab­wan­deln. Es han­delt sich da­bei um ei­ne po­li­ti­sche Strategie, bei der das me­dia­le Spektrum und die Trägerschaft der Mythologie aus­ge­wei­tet wer­den. Mythen sind im Mittelalter nicht nur mehr wie im Altertum vor­nehm­lich genealogisch-historische Narrationen, son­dern wan­dern durch ver­schie­de­ne Regionen Japans und in den Genres der dar­stel­len­den Künste.
Das Beispiel zeigt die kon­trä­ren Befunde im mit­tel­al­ter­li­chen Mythenbegriff in Japan. Dort ko­exi­stiert der Mythos mit an­de­ren, ent­wickel­ten sym­bo­li­schen Formen. Die Mythen in­kor­po­rie­ren ela­bo­rier­te Produkte an­de­rer Formate, z.B. Theologie, Naturkunde und -wis­sen­schaft, Kunst oder Technik. Zudem wer­den Mythen ih­rer­seits in­kor­po­riert in my­tho­lo­gi­sche Techniken in Religion, Kunst, Wissenschaft.
In der Diskussion wur­de dann die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Mythen ge­stellt, die er­kenn­bar ab­ge­wan­delt wer­den. Die Frage da­nach, wel­che der Versionen als dann rich­tig an­ge­se­hen wer­den, wur­de da­hin­ge­hen­de be­ant­wor­tet, dass es bei der Abwandlung von Mythen im Mittelalter gang und gä­be war, bei ei­ner Narration ver­schie­de­ne Handlungsvarianten an­zu­bie­ten. Diese Varianten er­klä­ren, das was da ist und was oh­ne­hin schon gilt, ver­schie­de­ne Versionen wer­den nicht hin­ter­fragt, son­dern ne­ben­ein­an­der ak­zep­tiert.
Auf die Frage nach den Adressaten der Bildrolle wur­de auf die Herausstellung der Legitimation von Go-Shirakawa ge­gen­über der klei­nen Elite am Hof ver­wie­sen. Die Frage da­nach, ob der­ar­ti­ge Strategien häu­fi­ger von neu­en Herrschern an­ge­wandt wur­den, konn­te nicht ab­schlie­ßend ge­klärt wer­den, aber es ist zu be­ob­ach­ten, dass Instanzen, die ei­ne Statusveränderung an­streb­ten, da­bei auch mit dem Mittel von Mythenveränderungen ar­bei­te­ten.

Thorsten Kerp (Bonn): Zwischen Koketterie und Galanterie. Männlichkeitsbilder im Japan des frü­hen 19. Jahrhunderts.
Der Vortrag be­schäf­tigt sich mit Männlichkeitsbildern von Koketterie (iki) und Galanterie (kyô) im Japan des frü­hen 19. Jahrhunderts in Literatur, Theater und Farbholzschnitten und wie die­se im Zusammenhang mit Gruppen wie den Städtern (chô­nin), den „Kindern Edos“ (edok­ko), der zi­vi­len Brandwacht (ma­chi­bike­shi) und den Ehrbahren/Unruhestiftern (oto­ko­da­te) zu be­trach­ten sind.
Ende der ja­pa­ni­schen Frühneuzeit war die auf­stre­ben­de Bürgerkultur der Kriegermetropole Edo auf der Suche nach neu­en sub­ver­si­ven Instrumenten für den Widerstand ge­gen die Restriktionen von Seiten des Kriegerstandes. Im Kampf um Boden der so­zia­len und kul­tu­rel­len Felder ma­ni­fe­stie­ren sich da­bei zwei iko­ni­sche Männerbilder, wel­che den Diskurs der Zeit be­ein­flus­sen. Dabei stammt das er­ste Bild, das mit dem Begriff iki be­zeich­net wird, aus den Rotlichtvierteln, wo der Begriff als ei­ne Art end­lo­ser Flirt ver­stan­den wird. Iki wird als ei­ne Eigenschaft de­fi­niert, die den edok­ko ei­gen ist. Diese Koketterie be­inhal­te­te ei­ne ge­wis­se re­bel­li­sche Haltung, die sich ge­gen die Krieger rich­te­te. Der Begriff wird ver­wen­det für ei­nen vi­ri­len Mann, ur­sprüng­lich ent­stan­den im un­ver­bind­li­chen ero­ti­schen Spiel zwi­schen Prostituierten und Besuchern der Vergnügungsviertel. Er spie­gelt den von Männern er­sehn­ten weib­li­chen Habitus eben­so wi­der wie das männ­li­che Verhalten ge­gen­über dem an­de­ren Geschlecht.
Die Galanterie (kyô) ba­siert auf den kon­fu­zia­ni­schen Konzepten von ren (仁) und yi (儀). Sie wird ge­lebt von ehr­ba­ren Männern (oto­ko­da­te). Diese ehr­ba­ren Außenseiter wer­den in der Literatur und auf der Bühne ge­fei­ert und teils von den bunt tä­to­wier­ten Feuerwehrmännern ge­lebt. Diese Verhaltensform wur­de un­ter Männern kul­ti­viert, dien­te der Förderung von Männerbünden und war vom Geist der Rebellion durch­drun­gen.
Beide Ideale wa­ren hoch per­for­ma­ti­ve Aspekte bür­ger­li­cher Identität, ab­hän­gig von Status, Beziehung und Anlass. Sie tra­ten ent­we­der in all­täg­li­chen Begegnungen akut in Erscheinung oder blie­ben blo­ßes Gedankenspiel ei­nes schwei­fen­den Verstandes, ver­tieft in fan­ta­sie­vol­le Theaterstücke oder Romane. In al­len Fällen be­ein­flus­sen die­se bei­den halb­fik­tio­na­len Ideale zwi­schen he­te­ro­so­zi­al ero­ti­schem Spiel und ho­mo­so­zia­len Männerbünden das Bild des zi­vi­len Mannes von Edo und dien­ten als Werkzeug des Self-Empowerment in Antwort auf die die­sen Männern ver­wehr­ten Kriegerprivilegien.
In der Diskussion wur­de der Begriff des iki noch ein­mal be­leuch­tet: Iki ist et­was, das je­mand „hat“ und nicht „ist“, es ist ein Habitusbegriff. Weiterhin wur­de der im Vortrag ver­wen­de­te Begriff des Bürgers pro­ble­ma­ti­siert; denn chô­nin sind nicht gleich Bürger. Bemerkt wur­de, dass Quellen, die sich da­mit be­fas­sen, was in Traktaten über Kabuki als „männ­lich“ und „weib­lich“ be­zeich­net wird, sehr wei­ter­hel­fen kön­nen zur Definition des Begriffs iki.

K.-Ulrike Nennstiel: (Sapporo): Die Bedeutung von Wald als Erholungsquelle von der Meiji-Zeit bis heu­te
In die­sem Vortrag wur­de ein Projekt vor­ge­stellt, in dem das Thema Wald als Erholungsquelle an­hand ei­ner Analyse der Forstgesetzgebung der Meiji-Zeit so­wie der Aktivitäten des Amts für Wissenschaft und Technologie (科学技術庁) in den 1960er Jahren ex­em­pli­fi­ziert und in sei­nen Auswirkungen bis in die Gegenwart er­ör­tert wer­den.
Holz- und Forstwirtschaft spiel­te in Japan be­reits im Altertum ei­ne wich­ti­ge Rolle. Spätestens seit der Edo-Zeit dien­ten die Waldbestände in Schrein- und Tempelanlagen auch als „Erholungsquelle“. Andererseits stieg wäh­rend der Edo-Zeit der Holzverbrauch vor al­lem we­gen auf­wän­di­ger Hausbauten enorm an. Dies brach­te die Gefahren um­fang­rei­cher Abholzungen ins Bewusstsein.
Der Beginn neu­zeit­li­cher Forstadministration wird auf die Zeit der Meiji-Restauration da­tiert. 1897 wur­de das Forstgesetz (森林法) er­las­sen, das die Grundlage bil­de­te für die Ausweisung von 風致保安林(„landschaftlich at­trak­ti­ven Schutzwäldern“) und 公衆衛生林 („Wäldern für die öf­fent­li­che Gesundheit“). Seither lässt sich ein Tauziehen zwi­schen ver­schie­de­nen Ministerien und Interessengruppen um die Erholungsfunktion ja­pa­ni­scher Wälder be­ob­ach­ten. Eine Analyse der hi­sto­ri­schen Entwicklung über die Waldnutzung in Japan seit Ende des 19. Jahrhundert bis heu­te zeigt hier­bei, dass das zen­tra­le Anliegen der Forstwirtschaft die Holzwirtschaft ist, und für den Erholungstourismus nur ein nach­ge­ord­ne­ter Stellenwert bleibt.
Besonderes be­tont wer­den soll­te, dass sich mitt­ler­wei­le drei ver­schie­den Akteure bzw. Akteursgruppen ge­gen­über­ste­hen: 1. Das ri­n­yachô (na­tio­na­les Amt für Forst- und Landwirtschaft), 2. di­ver­se Ministerien (Transportministerium, Sozial- und Gesundheitsministerium, Bildungsministerium usw.), die „Walderholung“ im Sinne „tou­ri­sti­scher Erschließung“ ver­fol­gen, und 3. sog. „Naturschützer“, die den Wald in mög­lichst „na­tur­na­hem Zustand“ er­hal­ten wol­len.
In der Diskussion wur­den Fragen ge­stellt zur Definition von Waldbesitz, zum Akteur „Holzwirtschaft“, zum Begriff des eisei (衛生), al­so der öf­fent­li­chen Gesundheit im Zusammenhang mit der Erholungsfunktion des Waldes, nach Zeitpunkt und Intention der Errichtung von Nationalparks, und zur tou­ri­sti­schen Nutzung des Waldes. Generell wur­de da­bei fest­ge­stellt, dass die Tendenz zu Beginn der Meiji-Zeit war, so­viel Wald wie mög­lich in Staatsbesitz statt in Privatbesitz zu be­kom­men, zur Not mit Enteignungen. Die im Vortrag ver­ein­fa­chend „Holzwirtschaft“ ge­nann­ten Akteure sol­len im Projekt in ih­ren Partikularinteressen nä­her un­ter­sucht wer­den. Oft han­delt es sich da­bei um ein­fluss­rei­che Familien, die die öko­no­mi­sche Nutzung von seit lan­gem in ih­rem Besitz be­find­li­chem Wald durch po­li­ti­schen Lobbyismus ver­tei­dig­ten. Im Sinne der Schaffung von Erholungsraum, der tou­ri­stisch ge­nutzt wird, wur­den be­son­ders die Naturparks in der Nähe von Tokyo und die Naturparks auf Hokkaido er­wähnt, die heut­zu­ta­ge auch sehr stark von Touristen aus dem asia­ti­schen Ausland ge­nutzt wer­den.

Fynn Holm (Zürich): Japans kon­flikt­rei­cher Weg zur Walfangnation
Der Vortrag kon­zen­triert sich auf den Küstenwalfang be­son­ders in Ayukawa (in der Nähe von Sendai), wo es ei­ne Walfangstation gibt, die vom Tsunami 2011 zer­stört wur­de. Dort wur­de der Walfang erst 1906 ein­ge­führt, al­ler­dings ge­gen den star­ken Widerstand der ört­li­chen Fischer. Deshalb stellt sich die Frage, wie ei­ne Region, in der Walfang stark ab­ge­lehnt wur­de, spä­ter zu ei­nem Zentrum des ja­pa­ni­schen Walfangs wer­den konn­te. Die Dissertation, die in die­sem Vortrag vor­ge­stellt wur­de, stellt die Frage da­nach, wie sich die Sicht auf Wale und Walfang in den Fischereigemeinschaften der Sanrikuküste zwi­schen 1600 und 2011 ge­än­dert hat.
Während der Edo-Zeit bil­de­te der Walfang ei­nen fe­sten Bestandteil der west­ja­pa­ni­schen Fischerei. Alle Teile der Tiere wur­den ver­wer­tet. Walfleisch galt als wich­ti­ge Proteinquelle, Walknochen eig­ne­ten sich für das Düngen von Reisfeldern und Walöl war zu­dem das ein­zig be­kann­te wirk­sa­me Mittel ge­gen Schädlingsbefall auf den Feldern. Doch al­le Versuche, den Walfang auch im Nordosten des Landes ein­zu­füh­ren, schei­ter­ten. Zwar gab es in den nörd­li­chen Gewässern gro­ße Bestände an Meeressäugern, doch ge­fähr­li­che Strömungen ver­hin­der­ten de­ren Bewirtschaftung. Obwohl die Fischer die Wale von ih­ren Booten aus se­hen konn­ten, blie­ben die­se un­er­reich­bar. Des Weiteren glaub­ten sie, dass die Tiere Fische an die Küste trei­ben wür­den. Für die Fischer stell­te da­her der Wal die Inkarnation des wohl­stand­brin­gen­den Gottes Ebisu-sama dar. Deshalb galt des­sen Bejagung als Tabu.
Erst als in der Meiji-Zeit neue Technologien aus Europa im­por­tiert wur­den, wur­den die Walbestände im Nordosten für gro­ße Unternehmen aus Westjapan in­ter­es­sant. Doch die lo­ka­len Fischer pro­te­stier­ten ge­gen die Eröffnung von Walfangstationen in ih­ren Dörfern. Neben den re­li­giö­sen Gründen führ­te ins­be­son­de­re die Verschmutzung des Meeres durch Fabrikabfälle wie Walblut zu Unzufriedenheit. Die Situation es­ka­lier­te schließ­lich in Same bei Hachinohe im Jahr 1911, als ein Mob von über tau­send wü­ten­den Fischern die ge­ra­de ge­öff­ne­te Walfangstation in Brand setz­te. Für die Obrigkeit war die­ser Gewaltexzess ein Schock und sie be­müh­te sich in der Folge um ei­ne bes­se­re Integration der lo­ka­len Bevölkerung in die neue Industrie. Viele ar­beits­lo­se Fischer fan­den da­durch ei­ne neue Anstellung.
Nach dem Ende des tra­di­tio­nel­len Küstenwalfangs Ende des 19. Jahrhunderts ent­wickel­te sich näm­lich in Japan ein in­du­stri­el­ler Walfang in der er­sten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ei­ner­seits in Konkurrenz zu ame­ri­ka­ni­schen Walfängern, an­de­rer­seits als Ausdruck der ja­pa­ni­schen Regionalhegemonie mit Walfangstationen auch in Korea, Taiwan etc. Produkte aus Walen, ins­be­son­de­re Walöl, wur­den zu ei­nem wich­ti­gen Handelsgut mit Europa.
Nach dem Zweiten Weltkrieg eta­blier­ten die Unternehmen in den Dorfgemeinschaften jähr­li­che Walfestivals nach west­ja­pa­ni­schem Vorbild, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu stei­gern. Tatsächlich wur­de der Walfang in den 1950ern als Teil der re­gio­na­len Identität an­ge­se­hen, ver­ges­sen wa­ren die Konflikte aus der Anfangszeit. Insbesondere in Ayukawa auf der Oshika-Halbinsel setz­ten sich die Fischer in der Folge stark für ei­nen Erhalt des Walfanges ein. Dies ge­schah trotz sin­ken­der Erträge auf­grund der Überfischung und Protesten von Umweltverbänden aus Europa. Aus der an­fäng­lich Walfang ab­leh­nen­den Region im Nordosten Japans ent­wickel­te sich die am stärk­sten be­für­wor­ten­de Gegend. Sie war da­durch maß­geb­lich an der Bildung der ge­gen­wär­ti­gen ja­pa­ni­schen Walfangnation be­tei­ligt.
In der Diskussion wur­de dann be­spro­chen, wie die do­mi­nie­ren­den Familien in den ab­ge­schie­de­nen Dörfern an der Sanrikuküste in den in­du­stri­el­len Walfang in­te­griert wur­den, um die Ansiedlung von gro­ßen Walfangunternehmen zu er­mög­li­chen. Diese Unternehmen gin­gen im Verlauf des Zweiten Weltkriegs in der Regel zwar un­ter, aber man kann von ei­nem Wiederanfang des Walfangs an der Küste in­so­fern spre­chen, als dass die Akteure nach dem Zweiten Weltkrieg eben­falls aus der Walfangindustrie stamm­ten und ei­nen Aufschwung be­son­ders in den 1960er Jahren er­ziel­ten. An die­se Zeit den­ken die Menschen in Ayukawa heu­te mit Nostalgie zu­rück. Walfang ist dort heut­zu­ta­ge ei­ne Invented Tradition, die nicht nur durch die lo­ka­len Feste ge­pflegt wird. Es gibt ei­nen Film aus den 1950ern mit ei­nem Walfangthema, der Walfang taucht durch­weg po­si­tiv in den re­gio­na­len Schulbüchern auf und wird im Tourismus ver­mark­tet. Die Auswirkungen des Walfangs auf die Umwelt wer­den nur durch äu­ße­re Akteure wie Greenpeace und Sea Shepherd seit den 1990er Jahren pro­ble­ma­ti­siert, in Japan gibt es kei­ne of­fen auf­tre­ten­de Anti-Walfang-Lobby.
Weiterhin be­spro­chen wur­de die Frage nach den Quellen für die Dissertation. Hier taucht das Problem der Zerstörung von lo­ka­len Primärquellen durch den Tsunami 2011 auf. Die Arbeit stützt sich des­halb u.a. auf nach­ge­druck­te Quellen aus der Edo-Zeit, re­gio­na­le Zeitungen aus dem 20. Jahrhundert, Unterlagen aus der Dorfpolitik zur Errichtung von Walfangstationen und Interviews mit Akteuren aus der Region. Vorgeschlagen wur­de zu­sätz­lich bei der zu­stän­di­gen Industrie- und Handelskammer nach Quellen zu su­chen und der Frage nach­zu­ge­hen, ob in der Edo-Zeit in Nordostjapan nicht ein­fach das Kapital für den Walfang ge­fehlt hat.

Diskussion:
Im Anschluss an die Vorträge be­rich­te­te Wolfgang Seifert über ei­nen Vorschlag des ja­pa­ni­schen Kollegen Prof. Miyake Akimasa (Chiba dai­gaku). Er möch­te die Zusammenarbeit der Mitglieder der Dōjidai-shi gak­kai (同時代史学会, eng­li­scher Name: Japanese Association for Contemporary Historical Studies / JACHS) und deut­schen Japanhistorikern stär­ken. (Zu die­ser 2002 ge­grün­de­ten Vereinigung und ih­ren Forschungsthemen sie­he de­ren Internetseite) Konkret wird vor­ge­schla­gen, er­stens, dass in der jähr­lich er­schei­nen­den Zeitschrift der JACHS, im "Japanese Journal of Contemporary History", ein Artikel eines/r deutschen/r Japanhistoriker/in ver­öf­fent­licht wird, und zwar in ja­pa­ni­scher Übersetzung. Diese Übersetzung wird von JACHS über­nom­men. Umgekehrt soll­te ein ja­pa­ni­scher Beitrag in eng­li­scher Übersetzung in die­ser an­son­sten auf Japanisch pu­bli­zier­ten Zeitschrift er­schei­nen, wo­bei sich die deut­sche Seite um die Übersetzung küm­mert. Zweitens wird vor­ge­schla­gen, dass an der Jahrestagung der JACHS im Dezember ei­ne Person aus der deut­schen hi­sto­ri­schen Japanforschung als Referent oder als Kommentator teil­nimmt. (Es wur­de nicht er­wähnt, ob die Kosten von ja­pa­ni­scher Seite über­nom­men wer­den.) Die an­schlie­ßen­de Diskussion setz­te sich kon­tro­vers da­mit aus­ein­an­der, wie die­se Art des Austauschs prak­tisch um­ge­setzt wer­den könn­te. Die Idee ei­nes Austauschs wur­de ge­ne­rell be­grüßt, ver­wie­sen wur­de aber auch auf die prak­ti­schen Probleme, die ent­ste­hen, wenn je­mand ge­sucht wird, der ja­pa­ni­sche Artikel ins Englische über­setzt (Wer hat da­zu Zeit? Wie wird die Qualität der Übersetzung in die Fremdsprache Englisch si­cher­ge­stellt?). Deutlich wur­de, dass un­se­re locker or­ga­ni­sier­te "Initiative zur hi­sto­ri­schen Japanforschung" nicht als Pendant zu JACHS gel­ten kann. Da die Realisierung ei­nes sol­chen Austauschs nur durch per­sön­li­che Kontakte und per­sön­li­chen Einsatz er­reicht wer­den kann, en­de­te die Aussprache zum Thema da­mit, dass Wolfgang Seifert da­zu auf­rief, die Idee wei­ter zu ver­brei­ten und sich ggf. zur Mitarbeit in ei­nem sol­chen Austausch bei ihm zu mel­den.

(Protokoll: Anke Scherer)

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28. Treffen an der Freien Universität Berlin am 12./13. November 2016:

Am 12. und 13. November 2016 fand das 28. Treffen der Initiative zur hi­sto­ri­schen Japanforschung am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin statt. Die Initiative dankt der Gesellschaft für Japanforschung für die fi­nan­zi­el­le Unterstützung des Treffens sehr herz­lich.

Anwesend wa­ren in Berlin: Niels Bader (Berlin), Michael Facius (Berlin), Detlef Foljanty (Berlin), Maj Hartmann (Leuven), Oliver Hartmann (Berlin), Robert Kraft (Leipzig), Gerhard Krebs (Berlin), Martha Menzel (Berlin), Dolf-Alexander Neuhaus (Frankfurt), Alessa Peters (Berlin), Jakub Poprawa (Bochum/Berlin), Fabian Schäfer (Erlangen-Nürnberg), Katja Schmidtpott (Berlin), Tino Schölz (Halle-Wittenberg), Momoko Segawa (Berlin), Detlev Taranczewski (Bonn), Wolfgang Thiele (Berlin), Daniel Wollknik (Bochum), Urs Matthias Zachmann (Berlin), Dinah Zank (Berlin)

Das Treffen wur­de ein­ge­lei­tet durch Grußworte von Prof. Katja Schmidtpott und Prof. Urs Matthias Zachmann, die bei­de die ja­pa­ni­sche Geschichte am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin ver­tre­ten. Beide be­rich­te­ten kurz über den er­freu­li­chen Ausbau ge­schichts­be­zo­ge­ner Forschung an der lo­ka­len Japanologie in den letz­ten Jahren, der sich un­ter an­de­rem in stei­gen­den Zahlen von Abschlussarbeiten und dem Ausbau der hi­sto­ri­schen Bestände in der Bibliothek nie­der­schlägt. Ko-Veranstalter Michael Facius ließ Grüße von Prof. Sebastian Conrad und Jun.-Prof. Nadin Heé aus­rich­ten, die am Friedrich-Meinecke-Institut eben­falls un­ter an­de­rem zur ja­pa­ni­schen Geschichte for­schen, sich zum Zeitpunkt des Treffens aber nicht in Berlin auf­hiel­ten. Vor dem Einstieg in die Fachvorträge gab es wie in die­sem Format üb­lich ei­ne kur­ze Vorstellungsrunde.

Vorträge:
Daniel Wollnik (Bochum): Zur Frühgeschichte des Telefons in Japan - Der Diskurs um sei­ne Einführung in Politik und Medien im 19. Jahrhundert.
Zum Ausgangspunkt sei­nes Vortrags, der auf ei­ner kürz­lich ab­ge­schlos­se­nen Masterarbeit ba­siert, nahm Daniel Wollnik die in der Technikgeschichte ver­brei­te­te Irritation dar­über, dass Japan zwar von Beginn an mit der Technologie des Telefons ver­traut war (der Japaner Kaneko Kentarō be­such­te Alexander Graham Bells Vorlesungen), die­se aber erst um die Jahrhundertwende ernst­haf­te Verbreitung er­fuhr. Wollnik kri­ti­sier­te, dass dem ein stark ver­ein­fa­chen­des Fortschrittsnarrativ zu­grun­de lie­ge, das zu­dem häu­fig mit kul­tu­ra­li­sti­schen Erklärungsmustern ein­her­ge­he, die da­zu nei­gen, be­stimm­te Charakteristika der Japaner für den „Fehlstart“ ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Er ging statt­des­sen von der um­ge­kehr­ten Annahme aus: es reicht nicht aus, dass neue Technologien kom­ple­xer und mäch­ti­ger sind als ih­re Vorgänger. Um sich durch­zu­set­zen, ha­ben sie sich in ver­schie­de­nen Bereichen – po­li­tisch, öko­no­misch, kul­tu­rell, etc. zu be­wei­sen.
Um die Ursachen der ver­gleichs­wei­se spä­ten Verbreitung nu­an­cier­ter zu ver­ste­hen, wid­me­te sich Wollnik in sei­ner Masterarbeit ins­be­son­de­re zwei Quellenarten: bü­ro­kra­ti­scher Korrespondenz über das Telefon in den Ministerien und Artikel in den gro­ßen Tageszeitungen Asahi und Yomiuri Shinbun. In sei­nem Vortrag bet­te­te er die­se Quellenanalysen je­doch in viel­schich­ti­ge Überlegungen da­zu ein, wie ver­schie­de­ne Faktoren kul­tu­rel­ler, öko­no­mi­scher, tech­no­lo­gi­scher und po­li­ti­scher Natur in­ein­an­der­grif­fen. Eines sei­ner Kernergebnisse war, dass die Innovationsschwelle zur Verbreitung des Telefons in Japan hö­her war als an­ders­wo: die Kosten für den Aufbau ei­ner te­le­fon­ge­rech­ten Infrastruktur wa­ren hoch, wäh­rend der zu­sätz­li­che Nutzen ge­gen­über dem Telegrafen als ge­ring ein­ge­stuft wur­de. Wie die frü­he Bezeichnung den­wa dens­hin­ki (et­wa ge­sprächs­über­tra­gen­der Telegraf) an­deu­tet, wur­de es zu­erst eher als ein Telegraf 2.0 denn als ei­ne ei­gen­stän­di­ge Technologie wahr­ge­nom­men. Zudem war der Telegraf von Anfang an eng mit po­li­ti­schen und mi­li­tä­ri­schen Funktionen ver­knüpft, so dass po­ten­zi­el­le „ear­ly ad­op­ters“ in der Geschäftswelt oder den wohl­ha­ben­den Schichten fehl­ten.
Die Diskussion brach­te wei­te­re Facetten der Frühgeschichte des Telefons ins Spiel. So ka­men auch kul­tu­rel­le Einstellungen zum Telefon zur Sprache, wie et­wa die Angst, per Telefongespräch mit Cholera an­ge­steckt zu wer­den oder das Gerücht, Telefone wür­den Brände ver­ur­sa­chen. Solcherlei Sorgen wen­de­ten sich mit zu­neh­men­der Präsenz und wach­sen­dem so­zia­len Status der Technologie um die Jahrhundertwende in po­si­ti­ve Zuschreibungen, wie et­wa die Behauptung in nun erst­mals er­schei­nen­den hu­man in­te­rest sto­ries in der Zeitung, das Telefon sei ein Wundermittel ge­gen Ehebruch.

Alessa Peters (Berlin): Geschichte und Tourismus auf der Tōkaidō-Straße.
Alessa Peters be­rich­te­te aus­führ­lich von ih­rer Reise auf der Tōkaidō-Straße, des wich­tig­sten Landverkehrswegs der Tokugawa-Zeit. Auf ih­rem Fußmarsch von et­wa 100 Kilometern auf dem Straßenabschnitt zwi­schen Tokyo und Hakone spür­te sie den ma­te­ri­el­len Überbleibseln der ur­sprüng­li­chen Straße wie auch den Paraphernalia der heu­ti­gen Erinnerungskultur – Gedenksteine, Informationstafeln, ku­li­na­ri­sche Spezialitäten – nach. In ih­rem Vortrag schnitt sie ihr ge­wis­ser­ma­ßen eth­no­gra­fi­sches Material mit Informationen über die hi­sto­ri­schen Charakteristika der Straße ge­gen: auf der ei­nen Seite die Welt von Eilboten, Meilensteinen und Reiseerlaubnissen, auf der an­de­ren Seite Rekonstruktionen von Wachtürmen, Garagentore, die mit Bildern der be­rühm­ten Serie über die Straße von Hiroshige be­malt sind oder lo­kal or­ga­ni­sier­te Symposia von Anwohnern und Gewerbetreibenden.
Auffällig war da­bei, wie sehr der Zustand der Straße, Bemühungen zur Bewahrung ih­rer Geschichte und sei­ne kul­tu­rel­le und tou­ri­sti­sche Erschließung sich lo­kal un­ter­schie­den. Während Städte wie Hakone sich mit Nachbildungen gan­zer Gebäudegruppen (im Fall Hakones ei­ner der wich­tig­sten Grenzposten des Tokugawa-Staats) schmücken, ist in Teilen von Shinagawa nicht ein­mal ein Hinweisschild auf den ur­sprüng­li­chen Straßenverlauf zu fin­den. Um die­sen nach­zu­voll­zie­hen, nahm Frau Peters ei­nen der zahl­rei­chen Spezial-Reiseführer für hi­sto­ri­sche Spaziergänge zur Hand. Diese und an­de­re Medien mit Tokaidō-Bezug, dar­un­ter den Twitter-Account @kaido_now und ei­ne Smartphone-App, stell­te sie ab­schlie­ßend knapp vor.
Die Diskussion krei­ste haupt­säch­lich um die Frage, wie mit die­ser rei­chen Materialsammlung, die Frau Peters als Basis für ih­re BA-Arbeit die­nen wird, wei­ter zu ver­fah­ren sei. Ihre Teilnahme an ei­nem Symposium in Hodogaya und der Besuch zahl­rei­cher Begegnungszentren (kō­ryū­kan) leg­te ei­nen eth­no­lo­gi­schen Zugang na­he, bei dem et­wa die Frage im Vordergrund ste­hen könn­te, wie die Geschichte der Tokaidō-Straße lo­kal er­lebt und be­wahrt wird, wel­che Personengruppen mit wel­chen Interessenslagen dar­an be­tei­ligt sind und wie sie den Umgang mit dem hi­sto­ri­schen Erbe in kon­kre­ten kul­tu­rel­len Praxen von der Garagenbemalung bis zum Aufstellen von Hinweisschildern um­set­zen. Andere Diskussionsteilnehmer schlu­gen ei­nen kom­ple­men­tä­ren Zugang vor, der den Anschluss an re­zen­te Debatten zu ja­pa­ni­schen Geschichtsbildern su­chen wür­de und bei dem eher die dis­kur­si­ven und sym­bo­li­schen Funktionen der Edo-Zeit und der Tokaidō-Straße im Vordergrund stün­den.

Jakub Poprawa (Bochum/Berlin): Kōshin/Erneuerung? Der kon­fu­zia­ni­sche Gelehrtenverein Shibunkai nach dem Krieg, 1945-64
Jakub Poprawa brach­te den TeilnehmerInnen in sei­nem Vortrag, der eben­falls auf ei­ner kürz­lich ab­ge­schlos­se­nen Masterarbeit ba­siert, die Aktivitäten des Gelehrtenvereins Shibunkai und ins­be­son­de­re sei­ne Neuausrichtung nach der ja­pa­ni­schen Niederlage im zwei­ten Weltkrieg nä­her. Dazu warf er zu­erst ei­nen Blick auf die Gründungszeit des Vereins, der im Jahr 1918 aus dem Zusammenschluss sei­nes Vorgängers Shibun gak­kai mit wei­te­ren kon­fu­zia­ni­schen Vereinen her­vor­ging. Die 800–1000 Mitglieder re­kru­tier­ten sich aus Elitenkreisen von Adligen, Politikern und Industriellen bis hin zu Sinologen und Kanbun-Lehrern.
Die Staatsnähe der Shibunkai und der Einsatz kon­fu­zia­ni­scher Versatzstücke als ideo­lo­gi­sches Werkzeug in Japans im­pe­ria­ler Expansion und wäh­rend des zwei­ten Weltkriegs lie­ßen den Verein nach der ja­pa­ni­schen Niederlage in ei­nem schlech­ten Licht da­ste­hen. Anhand ei­nes ein­ge­hen­den Studiums der Nachkriegsausgaben der Vereinszeitschrift Shibun, die ab 1948 wie­der er­schien, ana­ly­sier­te Poprawa, wie die Mitglieder der Shibun mit die­sem Bruch um­ge­hen. Er kam da­bei zu dem Schluss, dass von ei­ner wirk­li­chen Erneuerung, die im Vereinsmagazin häu­fig be­schwo­ren wur­de, nur sehr ein­ge­schränkt die Rede sein konn­te. Zwar be­geg­net dem Leser ent­spre­chen­des Vokabular und zahl­rei­che Beschwörungen. Doch zu­gleich wie­sen die Mitglieder die Kriegsverantwortung von sich. Im Gegenteil per­p­etu­ier­ten sie noch den Missionsgedanken der Vorkriegszeit, dass es Japan zu­fal­le, in der Welt Frieden zu schaf­fen, und dass kon­fu­zia­ni­sche Moral das pas­sen­de Werkzeug da­zu sein kön­ne.
Dem aus­ge­präg­ten Missionsbewusstsein, das die Mitglieder in zahl­lo­sen Reden und Kommentaren er­ken­nen lie­ßen, stand ein in­sti­tu­tio­nel­ler Wandel ent­ge­gen, der die Shibunkai schritt­wei­se von ei­nem ein­fluss­rei­chen Interessensverband und Transmissionsriemen staat­lich ge­lenk­ter mo­ra­li­scher Erziehung schrump­fen ließ zum vor­nehm­lich lo­kal in Tokyo wirk­sa­men Sachwalter des sin­i­ti­schen kul­tu­rel­len Erbes, der haupt­säch­lich mit der Erhaltung der Heiligen Halle von Yushima, der Ausrichtung ei­ner kon­fu­zia­ni­schen Zeremonie und dem Anbieten von Kanbun-Kursen be­traut war.
Die Diskussion brach­te wei­te­re Aspekte her­vor, die den Begriff der Erneuerung in Frage stell­ten. Viele Mitglieder sa­hen un­ter Bezugnahme auf die vom Shōwa-Kaiser bei der ja­pa­ni­schen Kapitulation ge­spro­che­nen Worte die „Bewahrung des Volkskörpers“ als wich­tig­ste Aufgabe des Vereins an. Auf die Frage nach der in­ne­ren Organisation des Vereins in der Nachkriegszeit mach­te Poprawa deut­lich, dass hier kei­nes­wegs de­mo­kra­ti­sche Strukturen Einzug hiel­ten, son­dern bis auf die Entfernung ein­zel­ner be­son­ders kom­pro­mit­tier­ter Mitglieder aus den Leitungsorganen an der hier­ar­chi­schen Verfasstheit der Vorkriegszeit fest­ge­hal­ten wur­de.

Projektvorstellung und Organisatorisches:
Detlev Taranczewski (Bonn) stell­te die Themensetzung des Sonderforschungsbereichs 1167 „Macht und Herrschaft“ (sie­he Internetseite) vor, der vor Kurzem in Bonn sei­ne Arbeit auf­ge­nom­men hat. Taranczewski zeig­te sich er­freut, dass in dem SFB die Regionalwissenschaften und die Geschichtswissenschaften pro­duk­tiv zu­sam­men­kom­men. Er selbst ver­ant­wor­tet das ja­p­an­be­zo­ge­ne Projekt, dass zum Ziel hat, die Reproduktion von Eliten im Übergang von der spä­ten Heian- zur Kamakura-Zeit zu be­leuch­ten. Die er­ste gro­ße Aufgabe des Projekts ist es, die­se Eliten pro­so­po­gra­fisch, das heißt durch Ausleuchtung ih­rer Netzwerke und Beziehungen, zu er­fas­sen. Dazu wird in Kürze auch ein Workshop in Bonn statt­fin­den, bei dem KollegInnen aus Deutschland und Japan zu­sam­men­kom­men.
Robert Kraft (Leipzig) skiz­zier­te die Idee für sei­ne ge­ra­de be­gon­ne­ne Masterarbeit. Sie soll das Denken der ein­fluss­rei­chen Intellektuellen Miyake Setsurei und Uchimura Kanzō un­ter­su­chen. Kraft ist es ins­be­son­de­re um ihr, wie er es nennt, Missionsdenken zu tun, das heißt, ih­re Vorstellung da­von, was Japans Beitrag zur Welt sein kön­ne. Der er­ste Schritt in sei­ner dis­kurs­theo­re­tisch und ide­en­ge­schicht­lich be­grün­de­ten Arbeit wird dar­in be­stehen, ein re­le­van­tes Begriffskorpus zu er­stel­len.
Wolfgang Thiele (Berlin), der vor kur­zem von ei­nem Archivaufenthalt aus Tokyo zu­rück­ge­kehrt war, be­rich­te­te von sei­nem ge­ra­de lau­fen­den Masterprojekt. Dieses un­ter­sucht die Aktivitäten von Taiwanern, die sich in Opposition zur Herrschaft der Kuomintang be­fan­den und nach dem zwei­ten Weltkrieg und ins­be­son­de­re dem Beginn des „Weißen Terrors“ im Jahr 1947 aus Taiwan flo­hen und un­ter an­de­rem in Japan ins Exil gin­gen. Ein wich­ti­ger Quellenkorpus für Thiele ist die von Exiltaiwanern um Ong Iok-tek (Wang Yude) her­aus­ge­ge­be­ne Zeitschrift Taiwan sei­nen.

Im Herbst fand ein Wechsel der Betreuung des Internetauftritts der Initiative statt. Die Initiative dankt Maik H. Sprotte sehr herz­lich für sein lang­jäh­ri­ges und vor­bild­haf­tes Engagement beim Aufbau und der Betreuung der Homepage. Diese Aufgabe geht nach nun­mehr 14 Jahren an Tino Schölz über, der sich über die Mithilfe wei­te­rer Interessierter freu­en wür­de. Schölz rief au­ßer­dem die Bibliografie der deutsch­spra­chi­gen hi­sto­ri­schen Japanforschung (sie­he Internetseite) in Erinnerung, die in­zwi­schen 1700 Datensätze auf­weist und wei­ter­hin von Maik H. Sprotte be­treut wird, und bit­tet um Mitarbeit durch die Einsendung re­le­van­ter Titel.

Das näch­ste Treffen der Initiative wird am 6./7. Mai an der Katholischen Universität Leuven und da­mit zum er­sten Mal im na­hen nicht-deutschsprachigen Ausland statt­fin­den. Um po­ten­zi­el­len TeilnehmerInnen vor Ort ent­ge­gen­zu­kom­men, wird ein Teil des Treffens auf Englisch ab­ge­hal­ten wer­den. Die Organisation wird von Maj Hartmann ( majantonie.hartmann(AT)kuleuven.be ) und Jan Schmidt ( jan.schmidt(AT)kuleuven.be ) über­nom­men.

Führung
Der letz­te Programmpunkt des Treffens war ein ge­mein­sa­mer Besuch der Mori-Ōgai-Gedenkstätte (sie­he Internetseite) in Berlin-Mitte. Die Gedenkstätte be­fin­det sich ge­ra­de im Umbau und in der Vorbereitung auf ei­ne neue Dauerausstellung. Die Kuratorin, Beate Wonde, nahm sich viel Zeit, um in die Geschichte des Ortes und die dort statt­fin­den­den zahl­rei­chen Veranstaltungen ein­zu­füh­ren. Ihre Führung be­gann mit der Nutzung durch den be­deu­ten­den Mediziner, Intellektuellen und Schriftsteller Mori Ōgai (1862–1922) selbst, der ei­ni­ge Zeit in Berlin wohn­haft und tä­tig war und führ­te über die Gründung der Gedenkstätte zur Zeit der DDR bis hin zur fi­nan­zi­ell und or­ga­ni­sa­to­risch nicht im­mer ein­fa­chen Situation ei­ner „Nischen“-Gedenkstätte in der Gegenwart.
Wonde gab auch ei­nen Einblick in die Pläne für die Neugestaltung der Dauerausstellung, die durch ih­re Formatierung in Zukunft mehr auf die Bedürfnisse und Betrachtungsgewohnheiten ei­nes jün­ge­ren Publikums ein­ge­hen soll. Sie soll auch erst­mals kom­plett zwei­spra­chig in Deutsch und Japanisch an­ge­bo­ten wer­den und da­mit den in­ter­kul­tu­rel­len Dialog zwi­schen Deutschland und Japan, für den Mori Ōgai steht, in die Gegenwart fort­füh­ren.

(Protokoll: Michael Facius)

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favicon0429. Treffen an der Japanologie der Katholischen Universität Leuven am 6. und 7. Mai 2017:

Das 29. Treffen der Initiative zur hi­sto­ri­schen Japanforschung fand dies­mal am 6. und 7. Mai 2017 an der Japanologie der Katholischen Universität Leuven statt.

Anwesend wa­ren: Anja Batram (Bochum), Yannick Brack (Leuven), Francesco Campagnola (Ghent), Bert Collin (Leuven), David De Cuoman (Leuven), Felix Deuries (Leuven), Eva-Lotta Deveyler (Leuven), Leonardo Guerra (Leuven), Maj Hartmann (Leuven), Nadja Kischka-Wellhäuser (Bonn), Till Knaudt (Heidelberg), Stefan Köck (Wien), Jonathan Krautter (Berlin), Regine Mathias (CEEJA), Erich Pauer (CEEJA), Thorben Pelzer (Bochum), Anke Scherer (Köln), Daniel Schley (Bonn), Jan Schmidt (Leuven), Tino Schölz (Halle), Lieven Sommen (Leuven), Willi Vande Walle (Leu-ven), Dimitri Vanovenbeke (Leuven), Melina Wache (Bochum), Daniel Wollnik (Bochum), Shiro Yukawa (Bonn), Stephanie Zgouridi (Berkeley)

Vorträge:
Thorben Pelzer (Bochum): The School of Natural Justice. Chinese Anarchists in Tokyo in the First Decade of the Twentieth Century.
Nach ei­ner Vorstellungsrunde be­schäf­tig­te sich Thorben Pelzer im er­sten Vortrag mit der so­ge­nann­ten Schule der na­tür­li­chen Gerechtigkeit chi­ne­si­scher Anarchisten, die sich in der er­sten Dekade des 20. Jahrhunderts in Tokyo auf­ge­hal­ten ha­ben. Der Name der Gruppe geht zu­rück auf die Zeitschrift „Natürliche Gerechtigkeit“ (Tiānyì), die 1907-1908 von den bei­den chi­ne­si­schen Anarchisten Héyīn Zhèn (ca. 1884–ca. 1920) und ih­rem Mann Liú Shīpéi (1884–1919) in Tokyo her­aus­ge­ge­ben wur­de. Die Ideologie die­ser Schule ver­lang­te ei­ne Rückkehr zu ei­nem Zustand na­tür­li­cher Gerechtigkeit, bei der durch ei­ne Wiederherstellung der ur­sprüng­li­chen Natur Familie und Geschlechterunterschiede ab­ge­schafft wer­den soll­ten. Eine der bei­den Herausgeber von Tiānyì, Héyīn Zhèn, wur­de in den letz­ten Jahrzehnten von der Forschung als ei­ne Pionierin des sozio-konstruktiven Feminismus iden­ti­fi­ziert, ei­ne sy­ste­ma­ti­sche Analyse der in­tel­lek­tu­el­len Einflüsse auf die­se Denkrichtung wur­de aber noch nicht vor­ge­nom­men.
Diese Analyse hat Thorben Pelzer in sei­ner ge­ra­de ab­ge­schlos­se­nen Masterarbeit vor­ge­nom­men und da­bei u.a. die Einflüsse von Denkern wie den Sozialisten Kōtoku Shūsui (1871–1911) und Sakai Toshihiko (1871–1933) so­wie den bud­dhi­sti­schen Denkern Zhāng Tàiyán (1868–1936) und Sū Mànshū (1884–1918) aus­ge­macht. Insgesamt stell­te Thorben Pelzer fünf gro­ße Einflussfaktoren auf das Denken der Schule der na­tür­li­chen Gerechtigkeit fest: Sozialismus in sei­ner west­li­chen und ja­pa­ni­schen Ausprägung eben­so wie west­li­che und ja­pa­ni­sche Vorstellungen von Feminismus, li­te­ra­ri­sche Traditionen wie die Romantik, un­or­tho­do­xe Vorstellungen aus dem Bereich des Neokonfuzianismus der Ming-Zeit (z.B. Vergleiche von Wang Yangming mit Bakunin) und Konzepte aus der Kokusui-Schule.
Die Diskussion nach dem Vortrag be­gann mit der Frage da­nach, war­um die Autoren der Zeitschrift Tiānyì auf Traditionen zu­rück­grif­fen, um die Zerstörung von Traditionen zu ver­lan­gen. Dies führ­te Pelzer dar­auf zu­rück, dass Liú Shīpéi ei­ne klas­si­sche Bildung im kon­fu­zia­ni­schen Sinn ge­nos­sen hat­te. Schon in der chi­ne­si­schen Antike taucht die Vorstellung vom ei­nem lan­ge ver­gan­ge­nen Goldenen Zeitalter auf, in dem die Welt in ei­nem na­tur­be­las­se­nen Zustand in Ordnung war und zu dem die Anhänger der Schule zu­rück­keh­ren woll­ten. Es wird an­ge­merkt, dass die Anhänger auf hi­sto­ri­schen Fotos sehr tra­di­tio­nell und we­nig re­vo­lu­tio­när aus­se­hen.
Die in Tokyo le­ben­den Aktivisten hat­ten den vor­lie­gen­den Erkenntnissen nach kei­ne Verbindungen zu ko­rea­ni­schen Feministinnen. Einige der Artikel in der Zeitschrift Tiānyì be­fass­ten sich mit zeit­ge­nös­si­schen so­zia­len Fragen der ja­pa­ni­schen Gesellschaft, denn die Zeitschrift er­schien in ei­ner Zeit in Japan, in der vie­le ver­schie­de­ne so­zia­le Themen und Bewegungen die Öffentlichkeit be­schäf­tig­ten, so zum Beispiel ei­ne Diskussion über die Todesstrafe.
Weiterhin dis­ku­tiert wur­de, wie der mög­li­che Widerspruch zwi­schen Anarchismus und sehr ge­nau­en Plänen der Realisierung des­sel­bi­gen, wie zum Beispiel kol­lek­ti­ver Kindererziehung, zu ver­ste­hen sei. Diese Pläne ha­ben sehr kol­lek­ti­vi­sti­sche Vorgaben, die aber den mit Anarchismus oft as­so­zi­ier­ten in­di­vi­dua­li­sti­schen Ansprüchen wi­der­sprä­chen.

Jonathan Krautter (Berlin): Business-Government Interaction in Japan's High Growth Era, 1955-1973. The Industrial Politics of International Technology Transfer.
Den zwei­ten Vortrag hielt Jonathan Krautter über die von ihm ge­plan­te Dissertation, in der es um ja­pa­ni­schen Industriepolitik und die Interaktion zwi­schen der ja­pa­ni­schen Regierung und Firmen in der Hochwachstumsphase (1955-1973) ge­hen soll. Zu Beginn sei­nes Vortrags stell­te er den Forschungsstand vor. Viele Forscher se­hen ei­nen di­rek­ten Zusammenhang zwi­schen der Industriepolitik des Ministeriums für Internationalen Handel und Industrie (Ministry of International Trade and Industry/MITI) und dem wirt­schaft­li­chen Erfolg Japans in der Hochwachstumsphase. Bis vor kur­zem gab es zwei gro­ße Erklärungsansätze über die­sen Zusammenhang und da­mit die Auswirkungen der ja­pa­ni­schen Industriepolitik. Der Ansatz, der auf Chalmers Johnson zu­rück­geht, hat den so ge­nann­ten Entwicklungsstaat im Fokus. Hier greift der Staat (z.B. durch Lizenzvergabe, Zölle, Subventionen etc.) len­kend in die Wirtschaftsentwicklung ein und er­reicht da­mit ho­he Wachstumsraten. Diese Erklärung leh­nen ei­ni­ge Wirtschaftswissenschaftler aber mit dem Hinweis dar­auf­hin ab, dass das Eingreifen des Staates ver­tre­ten durch das MITI die Entwicklung in Wirklichkeit be­hin­dert hat.
Ein oft als ty­pisch ja­pa­nisch be­zeich­ne­tes Instrument der Industriepolitik ist die so ge­nann­te Administrative Guidance (gyōsei shi­dō), wo­mit recht­lich un­ver­bind­li­che Weisungen und Leitlinien ge­meint sind, die das MITI an ja­pa­ni­sche Firmen aus­ge­ge­ben hat. In ei­ni­gen Studien wur­den die die­sem Ansatz zu­grun­de­lie­gen­den Konzepte so­wie ih­re in­sti­tu­tio­nel­le Verankerung un­ter­sucht, aber der wich­ti­ge Aspekt der tat­säch­li­chen Durchführung die­ser Art von Industriepolitik auf der Firmenebene wur­de bis­lang von der Forschung ver­nach­läs­sigt. So ha­ben Volkswirtschaftler, die den quan­ti­ta­ti­ven Aspekt der Subventionen un­ter­sucht ha­ben, die schwer zu quan­ti­fi­zier­ba­ren Auswirkungen von Administrative Guidance meist igno­riert. Sozialwissenschaftler, die sich mit dem polit-ökonomischen System oder dem MITI be­schäf­ti­gen, ver­nach­läs­si­gen die Rolle der Unternehmen. In bei­den Fällen wer­den Unternehmen als ei­ne Art Black Box be­trach­tet, die ent­we­der als pas­si­ve Adressaten Industriepolitik aus-führen oder als Akteure Industriepolitik ak­tiv hin­ter­trei­ben. Da aber Firmen im ka­pi­ta­li­sti­schen ja­pa­ni­schen Wirtschaftssystem ei­ne wich­ti­ge Rolle als Grundeinheit der Produktion spie­len, kann Industriepolitik nur in Zusammenarbeit mit ih­nen um­ge­setzt wer­den. Ziel der vor­ge­stell­ten Dissertation soll es des­halb sein, die­se Forschungslücke zu fül­len und die Frage da­nach zu be­ant­wor­ten, wie die Umsetzung von Industriepolitik kon­kret auf der Firmenebene aus­sah und wel­chen Effekt die­se Umsetzung die Firmen hat­te. Vorgesehen sind um­fang­rei­che Archivstudien in Europa, den USA und Japan, bei de­nen Quellen zum Entscheidungsprozess in Firmen, die von der Industriepolitik des MITI be­trof­fen wa­ren, aus dem Bereich des Technologietransfers un­ter­sucht wer­den sol­len. Fallstudien an­hand die­ser Quellen sol­len Aufschluss dar­über ge­ben, wie kon­kre­te Vorgaben des MITI auf der Firmenebene um­ge­setzt wur­den.
In der Diskussion über das Dissertationsvorhaben ging es zu­erst um die Frage nach der Zugänglichkeit von Archiven, be­son­ders von Firmenarchiven, in Japan. Hier wur­de vor al­lem auf die Gesellschaft ja­pa­ni­scher Archivare ver­wie­sen, die Informationen über Zugangsmöglichkeiten zur Verfügung stel­len könn­te, so­wie auf Institutionen wie die Industrie- und Handelskammern oder an­de­re Industrieverbände, die bei der Quellensuche eben­falls be­hilf­lich sein kön­nen. Als ein ge­ne­rel­les Problem der Arbeit wur­de dann aber der Studienumfang be­spro­chen. Da schon ein­zel­ne Vorgänge in den Firmenakten er­fah­rungs­ge­mäß vie­le Quellen an ver­schie­de­nen Stellen hin­ter­las­sen, scheint ei­ne um­fas­sen­de Zusammenstellung vie­ler ver­schie­de­ner Vorgänge als zu am­bi­tio­niert im Rahmen ei­ner auf drei Jahre an­ge­leg­ten Studie. Auch Begrifflichkeiten kön­nen bei der Quellensuche zu Problemen füh­ren, da zum Bei-spiel der ins Zentrum der Studie ge­stell­te Begriff des Technologietransfers zwar in eu­ro­päi­schen Quellen ver­wen­det wird. In Japan aber wur­de durch das Devisenkontrollgesetz ge­steu­ert, wel­che Art von Technologie ein­ge­führt wer­den konn­te. Da hier das Hauptaugenmerk auf der Freigabe der zum Ankauf der Technologie not­wen­di­gen Devisen lag, wird Technologietransfer in ja­pa­ni­schen Quellen in der Regel un­ter dem Begriff Kapitalimport sub­su­miert.

Francesco Campagnola (Ghent): Brief in­tro­duc­tion of Conference Project "Paradigms of Change in Modernising Asia and America“
Als drit­ten Punkt am er­sten Tag des Treffens stell­te dann Francesco Campagnola ei­ne an der Universität Ghent für den Oktober 2017 ge­plan­te Tagung mit dem Titel „Paradigms of chan­ge in mo­der­ni­sing Asia and America“ vor. Ergebnisse der Tagung sol­len in der von Francesco Campagnola und Li Man ge­mein­sam her­aus­ge­ge­ben näch­sten Nummer der Zeitschrift Jour-nal of Global History ver­öf­fent­lich wer­den. Die Tagung will die Terminologie des Wandels im au­ßer­eu­ro­päi­schen Kontext un­ter­su­chen, weil die Organisatoren da­von aus­ge­hen, dass im 18. und 19. Jahrhundert au­ßer­halb von Europa durch die je­weils an­de­ren Umstände neue Bedeutungsfelder des Begriffes ent­stan­den sind. Beispiele sind Auffassungen von Revolution in China oder der ame­ri­ka­ni­sche Modernisierungsbegriff, aber auch die ja­pa­ni­schen Vorstellungen von Revolution, Restauration, Evolution usw. Zielsetzung der Konferenz ist die Erforschung von Begriffen und Narrativen, die von Intellektuellen und Politikern aus Nordamerika und Asien zur Diskussion über die in den je­wei­li­gen Ländern ein­ge­schla­gen Entwicklungswege be­nutzt wur­den. Als Keynote Speaker ein­ge­la­den sind Wang Hui von der Qinghua Universität und Jon Davidann von der Universität Hawai’i. Weitere Informationen über die Tagung be­fin­den sich auf der Internetseite.

Stefan Köck (Wien): "Grown wea­ry of Buddhism?" – A Report on the FWF Project Shintō-uke – Religious Control via Shintō-Shrines.
Den er­sten Vortrag am Sonntag hielt Stefan Köck zum Thema “Grown wea­ry of Buddhism?“, in dem er von ei­nem Projekt an der Universität Wien zur Erforschung der Praxis der Kontrolle von Religionszugehörigkeit durch Shinto-Schreine, dem so ge­nann­ten shintō-uke, be­rich­tet. Ausgangspunkt des Projekts ist die sy­ste­ma­ti­sche Verfolgung so ge­nann­ter hä­re­ti­scher Gruppen im frü­hen 17. Jahrhundert durch das Tokugawa-ba­ku­fu und die da­durch ent­stan­de­nen neu­en Elemente in der ja­pa­ni­schen Religions- und Politikgeschichte. Zu Beginn der Tokugawa-Zeit wur­den Maßnahmen ein­ge­führt, die vor al­lem der Überwachung von christ­li­chen Aktivitäten die­nen soll­ten. Diese ent­wickel­ten sich aber in der Mitte des 17. Jahrhunderts zu Maßnahmen, mit de­nen al­le re­li­giö­sen Aktivitäten kon­trol­liert wur­den. Das dar­aus re­sul­tie­ren­de Kontrollsystem, das auf Japanisch tera-uke ge­nannt wird (System der Tempel-Zertifikate, das durch die Zwangsmitgliedschaft in bud­dhi­sti­schen Tempelgemeinden ge­kenn­zeich­net war), führ­te in der Folge zu ei­ner stär­ke­ren Bindung bud­dhi­sti­scher Institutionen an das ba­ku­fu. Einige Zeit nach der Etablierung die­ses Kontrollmechanismus ist aber dann die Einführung ei­ner neu­en Praxis zu be­ob­ach­ten, bei der die­se Erfassung der Rechtgläubigkeit durch Shinto-Schreine an­statt in bud­dhi­sti­schen Tempeln statt­fand, das so ge­nann­te shintō-uke. Dieses wur­de von Mitte der 1660er Jahre bis in die spä­ten 1680er Jahre in min­de­stens drei be­deu­ten­den Daimyaten (Mito, Aizu und Okayama) sy­ste­ma­tisch an­ge­wandt. Allerdings wur­de die Praxis dann als Abweichung vom Standard kri­ti­siert und wie­der auf­ge­ge­ben.
Das Forschungsprojekt un­ter­sucht die bis­lang weit­ge­hend un­be­kann­te Praxis des shintō-uke. Dabei wur­den für sei­ne Entstehung ein neo-konfuzianisch in­for­mier­ter, stark anti-buddhistischer Diskurs aus­ge­macht. Dieser wur­de be­feu­ert durch die Kritik am Zugewinn von Reichtum und Macht bud­dhi­sti­scher Tempel und so­wie in­ner­bud­dhi­sti­sche Konflikte mit als „hä­re­tisch“ be­zeich­ne­ten Gruppen. Im Zuge der Einführung des shintō-uke wur­de die in­sti­tu­tio­nel­le Trennung von Tempeln und Schreinen vor­ge­nom­men, und es kam zu anti-buddhistischen Ausschreitungen, wie wir sie auch vom Beginn der Meiji-Zeit ken­nen. Stefan Köck zeig­te an ei­ni­gen Beispielen, wie nach der Zerstörung bud­dhi­sti­scher Tempel die zu­ge­hö­ri­gen Priester oh­ne Weiteres zu Kami-Priestern na­he­ge­le­ge­ner Shinto-Schreine ge­macht wur­den, was aber auch dar­auf hin­weist, dass es im 17. Jahrhundert kei­ne kla­re Trennung zwi­schen Buddhismus und dem, was heu­te Shinto ge­nannt wird, gab, son­dern dass man ent­spre­chend vor­ge­bil­de­ten Menschen die Ausübung re­li­giö­ser Praktiken in bei­den Bereichen zu­trau­te.
Insgesamt steht das Projekt im Zusammenhang mit der Frage, wie sich Shinto als ei­gen­stän­di­ge Religionsform eta­blier­te. Während z.B. vie­le heu­ti­ge Forscher die Meiji Zeit als den Zeitpunkt an­se­hen, zu dem Shinto als un­ab­hän­gi­ge Religion ent­stand, weist das Projekt auf Präzedenzfälle hin, die mehr als 200 Jahre da­vor statt­fan­den.
In der Diskussion ging es u.a. dar­um, wie sich der Wechsel der re­li­giö­sen Affiliation der Priester auf de­ren Alltagspraxis aus­wirk­te und in wie weit Shinto als Konzept zur frag­li­chen Zeit über­haupt schon greif­bar war. So fin­den sich in den Quellen vor al­lem Begrifflichkeiten aus dem Buddhismus und Neo-Konfuzianismus. Es wur­de an­ge­zwei­felt, dass der Begriff des shintō-uke aus der Zeit stammt. Vielmehr wird ei­ne spä­te­re Entstehung der Begrifflichkeit in Anlehnung an den Begriff des tera-uke ver­mu­tet.

Projektvorstellung und Nachrichtliches:
Im letz­ten län­ge­ren Vortrag des Treffens stell­te Regine Mathias die Japan-Bibliothek des Centre Européen d’Études Japonaises d’Alsace (CEEJA) vor. Das CEEJA ge­nann­te Institut geht auf ei­nen pri­va­ten Verein zu­rück, der sich die aka­de­mi­sche Japanforschung und die Verbreitung von Kenntnissen über ja­pa­ni­sche Kultur in Europa zur Aufgabe ge­macht hat. Es ist un­ter­ge­bracht in ei­nem Gebäude, das ei­ne Geschichte als re­li­giö­se Einrichtung und spä­ter als Mädcheninternat hat. Von 1986 bis 2006 wur­de das Gebäude als Internat für ja­pa­ni­sche Schüler ge­nutzt. Aus die­sem Zusammenhang her­aus wur­de 2001 das CEEJA ge­grün­det. Aus der Zeit als ja­pa­ni­sches Internat hat das Institut ei­ne Bibliothek mit eng­li­schen, fran­zö­si­schen und ja­pa­ni­schen Büchern über Japan. In die­se exi­stie­ren­de Bibliothek wer­den der­zeit die Privatbestände von Regine Mathias und Erich Pauer über­führt. Nach der Fertigstellung wird die Bibliothek um die 100.000 Büchern zu al­len ja­p­an­be­zo­ge­nen Themen ent­hal­ten, be­son­ders zur ja­pa­ni­schen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (Technikgeschichte, Bergbaugeschichte, Geschichte von Arbeit und Gewerkschaften, Biographien, hi­sto­ri­sche Karten, hi­sto­ri­sche Demographie, Bevölkerungsgeschichte und ja­pa­no­lo­gi­sche Fachzeitschiften, da­zu Spezialsammlungen wie Holzschnittdrucke aus der Edo-Zeit, die deutsch-japanischen Beziehungen und Japanliteratur). Ziel der Schenkung ist, dass sich die Bibliothek zu ei­nem Zentrum ent­wickelt, in dem sich wis­sen­schaft­li­che Aktivitäten wie Konferenzen zu Japan ent­wickeln. Das Institut bie­tet des­halb ne­ben der Bibliothek auch Unterkunftsmöglichkeiten für Symposien und Forschungsaufenthalte an.

Im Anschluss wies Willi Vande Walle, Gründer und Emeritus der Japanologie in Leuven, auf ei­ne Tagung der EAJRS (European Association of Japanese Resource Specialists) vom 13. bis 17. September in Oslo hin und er­läu­ter­te, wie wich­tig Kenntnisse über den Umgang mit al­len Arten von Quellen – der Fokus die­ser jähr­lich statt­fin­den­den Fachtagung – ge­ra­de auch für Japanhistoriker sind. Näheres fin­det sich un­ter Internetseite.

Die näch­ste, 30. Tagung der "Initiative zur hi­sto­ri­schen Japanforschung" fin­det am 25. & 26. November 2017 an der Ostasienabteilung der Staatsbibliothek Berlin und am Ostasiatischen Seminar bei der Japanologie der Freien Universität Berlin statt. Sie wird von Christian Dunkel (StaBi, Christian.Dunkel(AT)sbb.spk-berlin.de) und Maik Hendrik Sprotte (FU, maik(AT)sprotte.name) or­ga­ni­siert wer­den. Für die Treffen im Jahr 2018 gibt es be­reits Pläne, sich im Mai im CEEJA zu tref­fen und im November 2018 wie­der in Bochum zu ta­gen.

(Protokoll: Anke Scherer)

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