Protokolle 19-24 (2012-2014)

Protokolle der 19. bis 24. Tagung aus den Jahren 2012 bis 2014:

Durch Anklicken des ent­spre­chen­den Links kön­nen Sie das Protokoll der zu­ge­hö­ri­gen Tagung auf­ru­fen.

19. Treffen an der Universität Tübingen am 5. und 6. Mai 2012
20. Treffen an der Universität Heidelberg am 3. und 4. November 2012
21. Treffen an der Universität Hamburg am 1. und 2. Juni 2013
22. Treffen an der Universität Tübingen am 2. und 3. November 2013
23. Treffen an der Universität Halle-Wittenberg am 24. und 25. Mai 2014
24. Treffen am Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin am 22. und 23. November 2014

favicon0219. Treffen an der Universität Tübingen am 5. und 6. Mai 2012:

Anwesend wa­ren in Tübingen: Tomonori Akashi (Bochum/Fukuoka), Klaus Antoni (Tübingen), Ulrich Brandenburg (Zürich), Michael Facius (Berlin), Yoshimi von Felbert (München), Ursula Flache (Berlin), Harald Fuess (Heidelberg), Eva Habereder (Tübingen), Unsuk Han (Tübingen), Till Knaudt (Heidelberg), Robert Kramm-Masaoka (Tübingen), Thomas Niess (Augsburg), Seon-Young Lee (Tübingen), You Jae Lee (Tübingen), Anna Rihlmann (Tübingen), Anke Scherer (Köln), Lars Schladitz (Erfurt), Jan Schmidt (Bochum), Natascha Schröter (Hamburg), Seiya Takemura (Hamburg), Carola Wanke (Heidelberg), David Weiß (Tübingen), Johannes Wilhelm (Wien), Shiro Yukawa (Bonn);

Vor den Vorträgen gab es ei­ne Vorstellungsrunde, bei der al­le Teilnehmenden knapp aus ih­ren ak­tu­el­len Projekten be­rich­ten konn­ten. Lars SCHLADITZ (Erfurt) pro­mo­viert zur Verflechtungsgeschichte des ja­pa­ni­schen Walfangs in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts aus um­welt­ge­schicht­li­cher Perspektive. Till KNAUDT (Heidelberg) pro­mo­viert zum Thema Studentenbewegung, Antiimperialismus und Linksterrorismus. Er be­rich­te­te von ei­nem Forschungsaufenthalt in Hawaii am Takazawa-Archiv, das um­fang­rei­che Bestände zur ja­pa­ni­schen Studentenbewegung be­her­bergt. Carola WANKE (Heidelberg) am Institut für Ostasiatische Kunstgeschichte pro­mo­viert zu fe­mi­ni­sti­scher Kunst in Japan. Aktuelle me­di­en­ge­schicht­li­che Projekte von Shiro YUKAWA (Bonn) be­we­gen sich un­ter an­de­rem im Bereich Film im ko­lo­nia­len Kontext und Medienpolitik in Manchukuo. Yoshimi VON FELBERT (München) schreibt ak­tu­ell an ih­rer Doktorarbeit über Japanreiseberichte von der Meiji-Zeit bis zum 2. Weltkrieg. Seiya TAKEMURA (Hamburg) ver­fasst ei­ne Masterarbeit zu Jenseitsbildern in der ja­pa­ni­schen mit­tel­al­ter­li­chen Literatur. David WEISS (Tübingen) hat ge­ra­de sei­ne Masterarbeit zur früh­ge­schicht­li­chen Mythologie ein­ge­reicht und plant nun ei­ne Promotion im glei­chen Themenbereich. Tomonori AKASHI (Bochum/Fukuoka) pro­mo­viert zur Einführung des mo­der­nen Gefängniswesens in Japan. Jan SCHMIDT (Bochum) pro­mo­viert zur Revision des Einflusses des 1. Weltkriegs auf Japan. Er stell­te sei­nen Plan vor, ei­ne eu­ro­päi­sche Forschungsgruppe zur ja­pa­ni­schen Mediengeschichte zu grün­den und freut sich über wei­te­re Interessentinnen und Interessenten. Johannes WILHELM (Wien), ar­bei­tet ak­tu­ell zur Katastrophe in Tôhoku. Anke SCHERER (Köln), ar­bei­tet zur ja­pa­ni­schen "con­ve­ni­ence cul­tu­re" und kul­tu­rel­len Konzepten der "con­ve­ni­ence" und bricht da­zu bald zu ei­ner Forschungsreise nach Japan und Taiwan auf. Ursula FLACHE (Berlin), Fachreferentin für Japan an der Staatsbibliothek Berlin be­rich­te­te über ak­tu­el­le Dienstleistungen und Entwicklungen der Fachbestände. Sie stell­te in Aussicht, dass der Zettelkatalog zu äl­te­ren ja­p­an­be­zo­ge­nen Beständen bis zum Ende des Jahres zu et­wa 80% di­gi­tal in NACSIS ein­ge­speist sein wird. Sie weist zu­dem auf die lau­fen­de Digitalisierung von et­wa 4000 west­lich­spra­chi­gen und 500 ja­pa­ni­schen Titeln über ein DFG-Projekt hin. Klaus ANTONI (Tübingen), ar­bei­tet zu ja­pa­ni­scher Religion, ins­be­son­de­re Shintô und sei­ner Beziehung zur po­li­ti­schen Ideenwelt. Er kün­digt das bal­di­ge Erscheinen ei­ner kom­men­tier­ten Übersetzung des ko­ji­ki bei Suhrkamp an. Ulrich BRANDENBURG (Zürich), pro­mo­viert zur Geschichte der Konversion von Japanern zum Islam. Michael FACIUS (Berlin) pro­mo­viert zum Thema "Chinesisches Wissen und Globalisierung in Japan im 19. Jahrhundert". Robert KRAMM-MASAOKA (Tübingen) forscht zu Hygiene und Prostitution wäh­rend der ame­ri­ka­ni­schen Besatzung nach dem zwei­ten Weltkrieg.

Den er­sten Vortrag be­stritt CAROLA WANKE (Heidelberg) zum Thema "NinPu. Partnerschaftliche Rollenverteilung im Werk der Künstlerin Okada Hiroko". Dem Vortrag liegt ei­ne kunst­ge­schicht­li­che Dissertation zu­grun­de. Deren Ziel ist ei­ne Überblicksdarstellung zur Geschichte ja­pa­ni­scher fe­mi­ni­sti­scher Kunst.Wanke ord­ne­te ih­re Arbeit in den Kontext fe­mi­ni­sti­scher Kunstkritik ein. In Japan, so Wanke, gibt es die­se erst seit den mitt­le­ren 1990er-Jahren, mit Chino Kaori und Wakakuwa Midori als Vorreiterinnen. Anfänge fe­mi­ni­sti­scher Kunst - dar­un­ter ver­stand sie nicht nur Kunst of­fen fe­mi­ni­sti­scher Kunstschaffender, son­dern auch Kunst, die Gender/Geschlecht the­ma­ti­siert - ver­folg­te sie bis in die 1980er-Jahre zu­rück.
Der Hauptteil des Vortrags war ei­ner aus­führ­li­chen Besprechung der Video-Installation "The de­li­very by ma­le pro­ject" von Okada Hiroko ge­wid­met. Die Installation setzt sich aus zwei par­al­lel ab­lau­fen­den Videos zu­sam­men. Im er­sten Video ist die Geschichte ei­nes Mannes zu se­hen, der nach ei­nem Lotteriegewinn sei­nen Job kün­digt und ein Kind ge­bärt. Man sieht ihn un­ter an­de­rem beim Test von Spielzeugen und wäh­rend ei­ner gy­nä­ko­lo­gi­schen Untersuchung. Im zwei­ten Video gibt die "Soziologin Mutô Kaori" Kommentare und me­di­zi­ni­sche Erklärungen zur Funktionsweise der männ­li­chen Schwangerschaft ab.
Anhand der Video-Installation stell­te Wanke ih­re Analyse zu Humor und Parodie als fe­mi­ni­sti­scher Strategie vor. Humor, so Wanke, er­leich­tert dem Publikum die Auseinandersetzung mit der frem­den oder auch ab­sto­ßen­den Wirkung der Bilder von Menschen, die die Grenzen der Geschlechterbinarität über­schrei­ten. Der Titel der Installation, NinPu ("Schwangerer Mann") ist ein Wortspiel zu "Schwangere Frau", das bei glei­cher Aussprache mit ei­nem an­de­ren Schriftzeichen ge­schrie­ben wird. Titel und Kunstwerk de­kon­stru­ie­ren spie­le­risch den Geschlechterdualismus. Zugleich ver­wei­sen sie auf ja­pa­ni­sche Diskurse über Verantwortung von Männern im Ehe- und Familienleben.
In der an­schlie­ßen­den Diskussion wur­den Zweifel an­ge­mel­det, ob Anfänge fe­mi­ni­sti­scher Bewegung und Kunst in Japan tat­säch­lich erst um 1990 zu ver­or­ten sei­en, bzw. wel­che Relevanz und Sichtbarkeit frü­he, "pro­to­fe­mi­ni­sti­sche" Kunst und Aktion hat­te, et­wa im Kontext der Studierendenbewegung. Zudem wur­de das Verhältnis von west­li­cher fe­mi­ni­sti­scher Theorie und ja­pa­ni­schen Anknüpfungspunkten in ja­pa­ni­scher fe­mi­ni­sti­scher Kunst all­ge­mein und spe­zi­ell in Okadas Installation dis­ku­tiert, et­wa in li­te­ra­ri­schen und volks­re­li­giö­sen Monsterfiguren (bak­e­mo­no), die mit­un­ter Verwandlungen vom Mann zur Frau voll­zie­hen, oder in schau­spie­le­ri­schen Praktiken des cross-dressing (on­na­ga­ta).

DAVID WEISS (Tübingen) hielt ei­nen Vortrag zum Thema "Susanoo. Ein Kulturheros aus Korea?" auf Grundlage sei­ner Masterarbeit zur Mythenforschung. Darin setz­te Weiss sich kri­tisch mit der von James Grayson auf­ge­stell­ten These aus­ein­an­der, dass es sich bei der Gottheit Susanoo aus den frü­hen ja­pa­ni­schen Mythensammlungen um ei­nen "Kulturheros" (á la Prometheus) aus Korea ge­han­delt ha­be. (1)
Weiss ana­ly­sier­te die Figur, wie sie in den Mythensammlungen des frü­hen ach­ten Jahrhunderts, ko­ji­ki und Nihon sho­ki, in Erscheinung tritt. Dabei zeig­te er, dass Susanoo durch­aus am­bi­va­len­tes Verhalten an den Tag leg­te. So gilt er zwar als Schutzgottheit des Ackerbaus, zer­stör­te aber an­de­rer­seits die Reisfelder sei­ner Schwester, der Sonnengöttin Amaterasu. Weiss in­ter­pre­tier­te Susanoo da­her eher als ei­ne "Trickster"-Figur, die zwar nicht durch­weg bös­ar­tig ist, aber ge­gen Normen ver­stößt, un­zu­ver­läs­sig ist, oder schei­tert und oft auch ko­mi­sche Charakterzüge trägt.
Im zwei­ten Teil des Vortrags be­leuch­te­te Weiss die Frage der Herkunft von Susanoo. Der Name der Gottheit und sei­ne Wohnorte ste­hen auf viel­fäl­ti­ge Art und Weise mit Korea in Verbindung, teils auch sprach­lich, wie ver­glei­chen­de lin­gu­isti­sche Untersuchungen zei­gen. Weiss schloss sich aber der Einschätzung des Mythenforschers Mishima Akihide an, es sei heu­te un­mög­lich her­aus­zu­fin­den, auf wel­chen rea­len Ort die Texte ver­wei­sen. Wichtiger sei­en oh­ne­hin die my­thi­schen Vorstellungen, die da­mit ver­bun­den sind.
Die Diskussion er­brach­te ei­ni­ge kri­ti­sche Rückmeldungen und Hinweise: So gäl­te es, die na­tio­na­len Einheiten "Korea" und "Japan" als Analyserahmen zu hin­ter­fra­gen, da die po­li­ti­sche und kul­tu­rel­le Konfiguration Nordostasiens im Altertum die Rede von "Japan" und "Korea" ana­chro­ni­stisch er­schei­nen las­se. Zudem sei der Blick auf das Altertum, auch der hi­sto­rio­gra­fi­sche, in Japan und Korea stark na­tio­na­li­stisch auf­ge­la­den. Ebenfalls sei­en die ver­schie­de­nen Rollen von Susanoo zu pro­ble­ma­ti­sie­ren, da die Quellen, in de­nen Susanoo auf­taucht, auch vor dem Hintergrund zu le­sen sei­en, dass sie dem Yamato-Staat durch Rückprojektion und Vergöttlichung kai­ser­li­cher Genealogien der Legitimierung von Herrschaft dien­ten. Ein Vergleich mit ko­rea­ni­schen Werken wie dem sam­guk sa­gi und sam­guk yu­sa aus dem 12./13. Jahrhundert sei hier auf­schluss­reich. Auch wur­de ge­fragt, was sich aus der Analyse über das klas­si­sche Japan und sei­ne Beziehungen zu Korea ler­nen lässt, wenn man ei­nen Schritt aus der Mythenforschung her­aus­tritt. Weiss be­ton­te al­ler­dings, dass sei­ne Absicht haupt­säch­lich in ei­ner ver­glei­chen­den struk­tu­ra­li­sti­schen Literaturanalyse lie­ge.

YOSHIMI VON FELBERT (München) prä­sen­tier­te den näch­sten Vortrag, "'Chrysanthemum and the Word' - John Morris' kul­tu­rel­le Musterungen in 'Traveller from Tokyo'". John Morris (1895-1980) war Soldat im er­sten Weltkrieg, stu­dier­te Sozialanthropologie in Cambridge und ging 1938 nach Japan, um an der Keiô-Universität eng­li­sche Literatur zu un­ter­rich­ten. Nach dem Krieg war er bei der British Broadcast Company im Klassikprogramm tä­tig. Morris war auf Anraten der ja­pa­ni­schen Regierung nach Japan ge­kom­men und er­le­dig­te Korrekturarbeiten für das Außenministerium. Er lehr­te noch bis acht Monate nach dem ja­pa­ni­schen Angriff auf Pearl Harbor, be­vor er plötz­lich aus­rei­ste. Nach sei­ner Rückkehr schrieb er ei­nen Reisebericht, "Traveller from Tokyo" (2); er hat­te je­doch kei­ne Notizen mit­neh­men dür­fen und muss­te da­her al­les aus ei­ge­ner Erinnerung auf­schrei­ben, wo­durch dem Text ei­ne li­te­ra­ri­sche Qualität eig­net. Der Reisebericht ist un­po­li­tisch und nicht-militärisch, mit ei­nem Fokus auf dem täg­li­chen Leben.
Von Felbert wähl­te in ih­rem Vortrag den Zugang, den "Traveller" mit Ruth Benedicts klas­si­schem Werk "The chry­san­the­mum and the sword" zu ver­glei­chen. Benedict hat­te das Buch wäh­rend des Zweiten Weltkriegs als Handbuch im Auftrag der US-Regierung ver­fasst, um den Feind ver­ständ­lich zu ma­chen. Im Vergleich ar­bei­te­te von Felbert her­aus, dass Morris an­ders als Benedict nicht von ei­ner ge­nu­in ja­pa­ni­schen Volksseele aus­ging, son­dern zwi­schen Staat und Militär ei­ner­seits, Studierenden und Englisch-Lehrenden usw. aus sei­nem täg­li­chen Umfeld an­de­rer­seits un­ter­schied. Mit die­ser dif­fe­ren­zier­ten Betrachtung stell­te er ei­ne gro­ße Ausnahme un­ter den west­li­chen Beobachtern je­ner Zeit dar.
In der Diskussion kam die Frage auf, wie man Morris in Japan nach dem Krieg sah. Da er ei­ne Trennung zwi­schen sei­ner aka­de­mi­schen Tätigkeit und po­li­ti­schem Engagement auf­rechter­hielt und sich als neu­tra­ler Beobachter ver­stand, wur­de er nach dem Krieg nicht ge­ring­ge­schätzt, so von Felbert. Im Gegensatz zu Benedicts Buch sei der Reisebericht von Morris je­doch in Japan ver­gleichs­wei­se un­be­kannt.

Den letz­ten Vortrag des Treffens hielt MICHAEL FACIUS (Berlin) zum Thema "Katastrophen und Emotionen in Japan. Ein hi­sto­ri­scher Problemaufriss". Facius wies ein­gangs dar­auf hin, dass die Projektidee vor der Katastrophe in Nordostjapan vom März 2011 ent­wickelt wur­de und be­dau­er­te, dass sie nun auf die­se Art an Aktualität ge­won­nen ha­be.
Einleitend stell­te Facius die Forschungskontexte des Projekts vor: er­stens die neue­re hi­sto­ri­sche Katastrophenforschung, die Katastrophen als so­zia­le Konstrukte ver­steht und et­wa nach kul­tu­rel­len Deutungs- und Reaktionsmustern fragt; zwei­tens die Emotionsgeschichte, die die Geschichtlichkeit von Emotionen po­stu­liert und die­se un­ter an­de­rem in Form "emo­tio­na­ler Regimes" oder "emo­tio­na­ler Gemeinschaften" un­ter­sucht, al­so als ge­sell­schaft­lich wirk­sa­me Phänomene; und schließ­lich die Globalgeschichte, die in dem Projekt ins Spiel kommt, um zu durch­den­ken, wie hi­sto­ri­sche Globalisierung oder auch die glo­ba­le Medienberichterstattung von heu­te den emo­tio­na­len Umgang mit Katastrophen ver­än­dert hat.
Als Fallbeispiel wähl­te Facius die Umweltverschmutzung in der Ashio-Kupfermine in den 1890er-Jahren und stell­te die Reaktionen des Politikers und Aktivisten Tanaka Shôzô vor. Er zeig­te, wie Tanaka in un­ter­schied­li­chen Kontexten un­ter­schied­li­che emo­tio­na­le Stile ein­setz­te, bei­spiels­wei­se ei­nen ra­tio­nal­po­li­ti­schen Diskurs im Parlament, per­sön­li­che Sorge um den emo­tio­na­len Zustand der be­trof­fe­nen Bevölkerung in ei­nem Brief an ei­nen be­freun­de­ten Aktivisten oder ei­nen kon­fu­zia­nisch ge­präg­ten Aufruf zum Mitgefühl in ei­ner di­rek­ten Petition an den Kaiser. Das Projekt, so Facius, soll zu ei­nem sy­ste­ma­ti­schen Verständnis von emo­tio­na­len Umgangsformen mit Katastrophen in der ja­pa­ni­schen Geschichte bei­tra­gen.
Die Diskussion ver­wies auf ei­ni­ge der Problemfälle, mit dem die hi­sto­ri­sche Emotionsforschung als Ganzes zu kämp­fen hat: Welche Definition von Emotionen bringt man zum Anschlag und wie fin­det man die­se in den Quellen? Verweisen Schriftzeichen mit Herz-Radikal ge­ra­de­wegs auf Emotionen? Wie be­han­delt man die nicht­sprach­li­chen und kör­per­li­chen Aspekte von Emotionen, al­so "emo­tio­na­le Praxen" wie Tränen, Gesten und Rituale? Zur Frage nach dem ja­pa­ni­schen Forschungsstand ant­wor­te­te Facius, die­ser bie­te ei­ne frucht­ba­re Grundlage in Bereichen wie der Ideengeschichte, der Religionsforschung oder Volkskunde, wo man auf Studien zu Katastrophenvorstellungen oder kon­fu­zia­ni­sche Affekttheorien zu­rück­grei­fen kön­ne; Emotionalität als sy­ste­ma­ti­scher Forschungsgegenstand sei je­doch noch we­nig er­schlos­sen.

Eine Podiumsdiskussion zum Wert glo­bal­ge­schicht­li­cher Ansätze für die ja­pa­ni­sche oder ost­asia­ti­sche Geschichte er­wei­ter­te schließ­lich die Perspektive von den Fallstudien hin zu grund­sätz­li­che­ren Fragen der Geschichtsschreibung. Den Einstieg mach­te ROBERT KRAMM-MASAOKA (Tübingen) mit ei­nem Übersichtsreferat zu Themen und Perspektiven glo­bal­ge­schicht­li­cher Forschung.
HARALD FUESS (Heidelberg) be­rich­te­te so­dann aus sei­ner ei­ge­nen Forschung über ei­ne Geschichte der Hafenstadt Yokohama in der Zeit der un­glei­chen Verträge ab den 1860er-Jahren. Darin un­ter­sucht er trans­kul­tu­rel­le recht­li­che Konflikte - Vertragsstreitigkeiten zwi­schen ei­nem Russen und ei­nem Japaner et­wa ? die sich aus dem System der Konsulargerichtsbarkeit er­ga­ben. Ausgehend da­von plä­dier­te Fuess da­für, Globalgeschichte von ei­ner Verankerung in der Mikroebene aus zu schrei­ben und die­se mit grö­ße­ren Entwicklungen zu ver­knüp­fen. Globalgeschichtliche Ansätze müss­ten auch da­zu die­nen, über­kom­me­ne in­tel­lek­tu­el­le Vorgaben der Japanologie zu hin­ter­fra­gen, in­dem bei­spiels­wei­se Vergleiche und Vernetzungen der ja­pa­ni­schen Geschichte stär­ker be­ar­bei­tet wür­den. Gleichzeitig warn­te er da­vor, dass Globalgeschichte nicht in "in­tel­lek­tu­el­len Imperialismus" aus­ar­ten dür­fe, in­dem et­wa west­li­che Globalhistoriker asia­ti­sche Kolleginnen und Kollegen da­für kri­ti­sie­ren, dass sie "noch" Nationalgeschichte schrei­ben.
Danach sprach UNSUK HAN (Seoul, Gastprofessor in Tübingen) über Globalisierung und Globalgeschichte aus asia­ti­scher Sicht. Er be­rich­te­te, dass in Korea et­wa seit dem Jahr 2000 Interesse an glo­bal­ge­schicht­li­chen Ansätzen zu be­mer­ken sei. So gab es 2006 ei­ne Tagung der Historiker für west­li­che Geschichte mit dem Titel "Was ist für uns das Abendland ? Jenseits der eu­ro­zen­tri­schen Okzidentgeschichte". Daran zei­ge sich, dass nicht die Geschichte der Globalisierung oder trans­na­tio­na­le Geschichte den Ausgangspunkt bil­de­ten für ei­ne ko­rea­ni­sche Beschäftigung mit der Globalgeschichte, son­dern viel­mehr die Kritik an eu­ro­zen­tri­schen Perspektiven. Dieses Interesse sei nicht zu­letzt der ei­ge­nen Erfahrung der Kolonialisierung durch Japan ge­schul­det. Han mach­te in Japan bes­se­re Vorbedingungen für glo­bal­ge­schicht­li­che Ansätze aus, da es dort ei­ne stär­ke­re Tradition em­pi­ri­scher Forschung ge­be. Zum Vergleich eu­ro­päi­scher und asia­ti­scher Versionen von Globalgeschichtsschreibung emp­fahl Han Dominic Sachsenmaiers Buch "Global per­spec­tives on glo­bal hi­sto­ry" (3).
Die Podiumsvorträge lei­te­ten ei­ne leb­haf­te Diskussion ein, die ei­ne Vielzahl von Fragen zur in­tel­lek­tu­el­len wie zur in­sti­tu­tio­nel­len Seite der Globalgeschichte an­sprach. Eine streit­ba­re These war et­wa, dass Globalgeschichte auch Nationalgeschichte in neu­em Gewand sein kön­ne, wenn et­wa ko­rea­ni­sche Geldgeber Projekte in Deutschland för­dern, die ei­ne Dezentrierung Europas zu­gun­sten Koreas be­trei­ben. Daraus er­gab sich die Frage, ob Globalgeschichte mit ih­rem ho­hen kon­zep­tio­nel­len Anspruch an ei­ne mul­ti­zen­tri­sche und mit­hin anti-nationalistische Geschichte noch "un­schul­dig" sei? Wo hat sie in ih­rer Praxis der letz­ten zwan­zig Jahre und ih­rer zu­neh­men­den Bedeutung be­reits neue, ei­ge­ne Ausschlussmechanismen pro­du­ziert - durch ih­ren Zugang (Was ge­schieht mit den nicht-verflochtenen, nicht­trans­na­tio­na­len, mit den "nur" deut­schen oder eu­ro­päi­schen Themen?), aber auch in­sti­tu­tio­nell: So hat die Universität Erfurt vor ei­ni­gen Jahren die Ostasien-Fächer ab­ge­wickelt, rich­tet nun aber ei­nen Lehrstuhl für "Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts" ein.
Wie man die ak­tu­el­len Forschungstrends im Ganzen auch be­ur­tei­len mag - die Vorträge der Tagung deu­ten an: Auch oh­ne dass je­des Projekt aus­drück­lich als "glo­bal­ge­schicht­lich" eti­ket­tiert wä­re, scheint der wis­sen­schaft­li­che Nachwuchs (denn es wur­den ja Postdoc-, Promotions- und Masterprojekte vor­ge­stellt) bei Zugang und Themenwahl de­ren Leitideen der Verflechtung, des Anti-Eurozentrismus, des trans­na­tio­na­len, re­gio­na­len, und glo­ba­len Blicks be­reits als ei­nen maß­geb­li­chen "Denkstil" zu ver­in­ner­li­chen.

(1) James H. Grayson, Susa-no-o: a cul­tu­re he­ro from Korea, in: Japan Forum 14,3 (2002), S. 465-487 zu­rück zum Text.
(2) John Morris, Traveller from Tokyo, London 1943 zu­rück zum Text.
(3) Dominic Sachsenmaier, Global per­spec­tives on glo­bal hi­sto­ry: theo­ries and ap­proa­ches in a con­nec­ted world, Cambridge 2011 zu­rück zum Text.

Tagungsbericht 19. Treffen der Initiative zur hi­sto­ri­schen Japanforschung. 05.05.2012-06.05.2012, Tübingen, in: H-Soz-u-Kult, 19.09.2012.

(Protokoll: Michael Facius)

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favicon0120. Treffen an der Universität Heidelberg am 3. und 4. November 2012:

Anwesend wa­ren in Heidelberg: Baba Akira (Universität Tôkyô, ge­ra­de Bonn), Christiane Banse (Heidelberg), Anja Batram (Bochum), Christian Dunkel (Staatsbibliothek Berlin), Jonas Gerlach (Köln), Lisa Hammeke (Bochum), Itô Kaori (Universität Kyûshû, ge­ra­de Bochum), Rebecca Mak (Heidelberg), Anica Katzberg (Bonn), Daria Kupis (Bochum), Hans-Martin Krämer (Heidelberg), Till Knaudt (Heidelberg), Robert Kramm-Masaoka (Zürich), Madeleine Maier (Bochum), Martha Menzel (Heidelberg), Morikawa Takemitsu (Luzern), Christian Schimanski (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Shigemoto Yuki (Universität Kyûshû, ge­ra­de Bochum), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Nora Stifter (Bochum), Detlev Taranczewski (Bonn), Friederike Turowski (Bochum), Melina Wache (Bochum), Yamaguchi Teruomi (Universität Kyûshû, ge­ra­de Bochum), Yukawa Shiro (Bonn);

1. Vorstellungsrunde:
Christian DUNKEL von der Staatsbibliothek Berlin wies aber­mals auf das Digitalisierungsprojekt der StaBi hin und reg­te an, Wünsche für Testzugänge be­stimm­ter Datenbänke bit­te an die StaBi wei­ter­zu­lei­ten. Detlev TARANCZEWSKI be­schäf­tigt sich wei­ter­hin mit dem Projekt "Wasser in Asien", und ar­bei­tet dar­über hin­aus zu "Macht und Herrschaft im trans­kul­tu­rel­len Vergleich in der Vormoderne" und den bu­ra­ku­min und de­ren Vorläufern. Jan SCHMIDT wies auf die "Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung" hin, der er zu­sam­men mit Maik Hendrik SPROTTE be­treibt. Inzwischen wur­de die "Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung" in das Datenbank-Informationssystem (DBIS) auf­ge­nom­men, was uns als Zeichen der Anerkennung un­se­rer Arbeit be­son­ders freut. Im November 2012 konn­te zu­dem der 1100. Datensatz in die Datenbank ein­ge­ar­bei­tet wer­den. Es steht auf der Seite der Bibliographie un­ter ein Formular zur Verfügung um ei­ge­ne neue oder all­ge­mein noch in der Datenbank feh­len­de Titel zu mel­den.

2. Vorträge:
Der Vortrag von Jonas GERLACH (Köln) "Baugedanke und Missionspolitisches Kalkül der Jôdo shins­hû zu Beginn des 20. Jahrhunderts" be­fass­te sich im Rahmen sei­ner Dissertation mit den bud­dhi­sti­schen Tempelanlagen in Japan ab der Meiji-Zeit. Das Ziel des Vortrags war es, die her­aus­ge­ar­bei­te­ten Hintergründe für die­se neu­en Formen der Gestaltung von Tempeln der Jôdo shins­hû zu prä­sen­tie­ren und die Folgen, die sich nach Meinung GERLACHS aus der Aufnahme der neu­en Elemente er­ge­ben ha­ben, zur Diskussion zu stel­len.
In sei­nem Vortrag gab GERLACH zu­nächst ei­nen Überblick über die bau­hi­sto­ri­schen Entwicklungen bud­dhi­sti­scher Tempel ab der Meiji-Zeit bis zum 2. Weltkrieg. In die­sem Zuge ging er auch auf wich­ti­ge Personen, wie den Architekten Itô Chûta (1867-1954) und den 22. Hôshu der Jôdo shins­hû Nishihonganji-ha, Ôtani Kôzui (1876-1948), ein, die hin­ter den Tempelbauprojekten steck­ten, bei de­nen eu­ro­päi­sche Bautechniken und Materialien, aber auch in­di­sche Stilelemente ge­nutzt wor­den sei­en. Zuletzt kam GERLACH auf die Motivation bzw. Hintergründe für die Gestaltung die­ser Bauten und die Folgen zu spre­chen, die sich sei­nes Erachtens aus den neu­en Entwicklungen er­ga­ben.
Als Hintergründe für die Referenzen zu in­di­scher und süd­ost­asia­ti­scher Architektur in den neu­en Tempelanlagen nann­te GERLACH er­stens das Selbstverständnis der Jôdo shins­hû von sich als uni­ver­sel­len Buddhismus, was auch die Tempelbauten wi­der­spie­geln soll­ten. Außerdem ha­be die Jôdo shins­hû auch in an­de­ren Bereichen stets ih­re Verwurzelung auf dem asia­ti­schen Festland be­tont, um auf ih­re Nähe zum "ur­sprüng­li­chen" Buddhismus hin­zu­wei­sen. Teilweise spie­gel­ten GERLACH zu­fol­ge die Tempel auch die po­li­ti­schen Ambitionen der Zeit wie­der, wie zum Beispiel durch den Bau der zwei­flü­ge­li­gen Tempelanlage Nishi-honganji Tsukiji-betsuin von Itô Chûta aus dem Jahr 1934, die an westlich-imperialistische Bauten er­in­ne­re.
Die Veränderungen am Tempelbau - mit dem Tempelbegriff sei je­weils ein ge­sam­tes Tempelgebiet ge­meint - sei­en al­so kei­nem re­li­giö­sen Programm ge­schul­det ge­we­sen, son­dern hät­ten, so GERLACH am Schluss, po­li­ti­sche, welt­li­che und tak­ti­sche Hintergründe. Als Folge sei der re­li­giö­se Sinn die­ser Bauten ver­schwun­den und nur so hät­ten bud­dhi­sti­sche Bauformen auch an nicht re­li­giö­sen Bauten er­schei­nen kön­nen, zum Beispiel die Stûpa auf dem Bahnhof von Nara.
Eine der Rückfragen war die nach dem Neuen in der Übernahme von Elementen. Darauf ant­wor­te­te GERLACH, dass das Neue im Verlorengehen der ri­tu­el­len Dimension ge­le­gen ha­be ("Bei der Stûpa auf dem Bahnhof kann man nicht mehr um sie her­um­ge­hen."). Neben den Rückfragen zum Inhalt des Vortrags gab es die Anregung nach­zu­for­schen, ob es, wie bei den Nihon-ga, auch in der Architektur nicht nur zu ei­ner ein­sei­ti­gen Übernahme, son­dern auch zu Austauschprozessen zwi­schen Japan und Indien ge­kom­men sei.

Robert KRAMM-MASAOKA (Zürich) stell­te mit sei­nem Vortrag "VD con­tact tra­cing und hy­bri­de Toiletten: Diskurse und Praktiken der Regulierung von Geschlechtskrankheiten und Intimität wäh­rend der US-Okkupation Japans" ei­nen Teil sei­nes Dissertationsprojekts vor. In Anlehnung an die und un­ter Anwendung von Methoden und Begriffen der post­ko­lo­nia­len Studien un­ter­sucht er kon­kre­te Techniken der Regulierung von Prostitution, Sexualität, Intimität und Geschlechtskrankheiten und de­ren Umsetzung in den all­täg­li­chen Praktiken, um die Komplexität der be­sat­zungs­zeit­li­chen Begegnungen zwi­schen dem Besatzungspersonal und der ja­pa­ni­schen Gesellschaft zu ver­deut­li­chen. Eine Untersuchung kon­kre­ter Regulierungspraktiken zei­ge, er­stens, dass die Macht- und Herrschaftsverhältnisse, in de­nen die­se Begegnungen statt­fin­den, de­nen in frü­he­ren ko­lo­nia­len Formationen äh­nel­ten, je­doch zu­neh­mend durch die neo­ko­lo­nia­len Machtverhältnisse wäh­rend des Kalten Krieges ge­prägt sei­en. Zweitens, kön­ne durch den Gegenstand ver­an­schau­licht wer­den, dass wäh­rend der Besatzungszeit auch in Bereichen (wie z.B. sa­ni­tä­re Praktiken der Besatzungstruppen), in de­nen es we­ni­ger zu ver­mu­ten ist, kein ein­deu­ti­ges, ein­di­men­sio­na­les Herrschaftsgefälle be­stand, son­dern eben auch hier be­stimm­te Handlungsräume und -kom­pe­ten­zen der Besetzten be­stan­den ha­ben sol­len.

Anica KATZBERG (Bonn) be­han­delt in ih­rer MA-Arbeit, die sie mit ih­rem Vortrag "Der Filmerklärer - Vergleich zwi­schen Europa und Japan" vor­stell­te, Beruf und Funktion des Filmerklärers, ein nicht nur auf Japan be­schränk­tes Phänomen, das in den 1970er Jahren in­ter­na­tio­nal als Teil der Filmaufführungskultur der er­sten Hälfte des 20. Jahrhunderts be­kannt wur­de. Sie ver­such­te da­bei die Stellung des Filmerklärers als Institution im Vergleich zwi­schen Japan und Deutschland zu er­läu­tern. Neben den hi­sto­ri­schen Ursprüngen ver­schie­de­ner Projektionstechniken und der Filmerklärer so­wohl in Japan als auch in Europa ging KATZBERG nä­her auf die Funktion des Filmerklärers (jap. ben­shi) ein. Diese er­gab sich da­durch, dass in den zum gro­ßen Teil aus Europa im­por­tier­ten Filmen eu­ro­päi­sche Sitten und Gepflogenheiten dar­ge­stellt wur­den, die dem ja­pa­ni­schen Publikum nicht ge­läu­fig wa­ren. Zudem wur­den durch den ben­shi Informationen zum Medium Film an sich und zur Technik der Darstellungsform ge­ge­ben. Da die ben­shi zum Teil sehr gro­ße Popularität ge­nos­sen und durch ih­re Erklärungen Einfluss auf den Charakter des Films neh­men konn­ten, geht KATZBERG da­von aus, dass da­durch der Film in den Hintergrund ge­drängt und das Rezeptionsverhalten des Publikums be­ein­flusst wur­de.

YUKAWA Shiro (Bonn) be­fass­te sich in sei­nem Vortrag "Medialität von Quellen aus dem Zeitalter ih­rer tech­ni­schen Reproduzierbarkeit" mit der Reproduktion ei­ner Quelle als Gegenteil des Originals und der da­mit ein­her­ge­hen­den Minderwertigkeit die­ser Dokumentationsmedien. Ausgehend von ei­nem Aufsatz von Walter Benjamin ("Das Kunstwerk im Zeitalter sei­ner tech­ni­schen Reproduzierbarkeit", 1936 (franz.), 1955 (de.)), in dem der sprach­li­che Niederschlag epi­ste­mi­scher Grundeinstellungen zu tech­ni­schen Medien seit dem 20. Jh. und die "Echtheit ei­ner Sache" be­han­delt wer­den, stell­te YUKAWA die Frage, was mit ei­nem Medium ge­schieht, wenn nur noch die Reproduktion sel­bi­ger exi­stiert. Vor dem Hintergrund der ra­pi­de an­wach­sen­den Anzahl von Medien und der pro­ble­ma­ti­schen Dauerhaftigkeit sel­bi­ger stell­te YUKAWA ei­ni­ge Problemfelder vor. 1) Die Rekonstruktion der Herkunft ist bei vom Original ent­kop­pel­tem Besitz ei­ner Reproduktion pro­ble­ma­tisch. 2) Bei Verfall von Medien ist ab ei­nem ge­wis­sen Zeitpunkt nicht mehr be­ur­teil­bar, ob es als Unikat vor­liegt. 3) Die Dokumentation von Medien (Was liegt wo?) ist nicht voll­stän­dig.
Als Ideal stellt YUKAWA vor, dass so viel wie mög­lich di­gi­ta­li­siert, kon­ser­viert, ar­chi­viert und so­mit tra­diert wür­de. Jedoch man­ge­le es an ei­ner Sensibilität für die Problematik, Geld und Zeit für die Umsetzung ent­spre­chen­der Maßnahmen, an Interesse, Netzwerken, Fachwissen für Archivierung, Wille und Geduld. Als Problemlösung regt YUKAWA da­zu an, ei­ne in­ten­si­ve­re Beschäftigung mit Theoremen und Methoden zur Nutzbarmachung von Bildquellen usw. zu ent­wickeln und Materialien, Interessen und Interessierte bes­ser zu ver­net­zen. YUKAWA zog als Beispiel sei­ne Bemühungen in der Bonner Japanologie um den Nachlass von Friedrich M. Trautz her­an.
In der an­schlie­ßen­den Diskussion ka­men zu­nächst Fragen zur Realisierbarkeit auf (Wo an­fan­gen? Was auf­he­ben? Alles, was heu­te exi­stiert könn­te ir­gend­wann von hi­sto­ri­schem Interesse sein). Es wur­de vor­ge­schla­gen, auch Finanzierungsmöglichkeiten von ja­pa­ni­scher Seite ins Auge zu fas­sen und da­zu an­ge­regt, dass zu­nächst ein Überblick über Quellen/Medienbestände in Deutschland ge­schafft wer­den soll­te. Auch ei­ne Schärfung für die Bedeutung der Materialien soll­te an­ge­strebt wer­den, da nur ei­ne stei­gen­de Bedeutung de­rer als Schlüssel für Finanzierungsmöglichkeiten die­ne. Zudem wur­de über die Vereinbarkeit des "Nostalgischen des Auratischen" ei­nes Mediums mit ei­nem für ein sol­ches Großprojekt doch not­wen­di­gen Pragmatismus dis­ku­tiert.

Christiane BANSE (Heidelberg) be­fasst sich in ih­rer MA-Arbeit, die sie mit ih­rem Vortrag "Christentumkritik im Japan des spä­ten 19. Jahrhunderts am Beispiel der Jôdo-Shinshû" vor­stell­te, mit den Gründen und Strategien der Christentumkritik der Jôdo-Shinshû (im Folgenden JS) im spä­ten 19. Jahrhunderts mit Fokus auf die Person Shimaji Mokurai (1838-1911). Die Möglichkeit, dass an die Christentumskritik des 17. Jh (1690 Ha da­isu, 1639 Kirishitan mo­no­ga­ta­ri, 1642 Ha ki­ris­hit­an) an­ge­knüpft wur­de, ver­wirft BANSE mit Hinweis auf nicht vor­han­de­ne Schriften der JS un­ter den er­hal­te­nen Kritikschriften. Stattdessen wer­den von Shimaji fol­gen­de, auf Aussagen des JS-Priesters Gesshô (1603-1868) ba­sie­ren­de, Kritikpunkte an­ge­führt: Das Christentum be­dro­he das Land, der Buddhismus die­ne als gei­sti­ges Bollwerk. Der im Zuge der Meiji-Restauration an Bedeutung ver­lo­ren ha­ben­de Buddhismus wird so durch die Christentumskritik in sei­ner exi­sten­zi­el­len Rolle be­stärkt. Shimajis Involvierung in den chri­sten­ten­feind­li­chen Verlag Tetsugaku shô­en las­sen laut Banse da­bei an­neh­men, dass sein Einfluss grö­ßer war als bis­her an­ge­nom­men. BANSE sprach im Weiteren so­wohl ei­ni­ge in­halt­li­che Punkte von Shimajis Kritik an, die ei­ne ge­wis­se Kontinuität zu der des 17. Jhs. auf­wei­sen als auch sei­ne Rezeption west­li­cher Denker wie Henry Ball und Ernest Renaud an.
In der Diskussion merk­te Wolfgang SEIFERT zu­nächst an, dass die Christentumskritik auch als Ideologiekritik ge­wer­tet wer­den könn­te. Das Christentum wür­de in dem Kontext als Vorwand der west­li­chen Mächte gel­ten, um in Japan Fuß fas­sen zu kön­nen. Einem ähn­li­chen Argumentationsmuster folg­ten schon Denker im 19. Jh. wie Aizawa Seishisai. Martha MENZEL reg­te an, auch nach ei­ner Veränderung in Shimajis Einstellungen zu sei­nem Lebensende hin su­chen, da ab 1911 die Gefahr ei­ner Christianisierung Japans ge­bannt war. Till KNAUDT frag­te nach dem Verständnis der JS der Konzepte Staat und Religion, da für Shimaji Lehre und Politik zwar zu­sam­men ge­hö­ren soll­ten, die Gründung des Religionsministeriums 1872, das ei­ne Trennung eben je­ner bei­den Bereiche durch­setz­te, je­doch durch ihn mit­ge­tra­gen wur­de. Hans Martin KRÄMER in­ter­es­sier­te sich für den Unterschied der Rezeption der ka­tho­li­schen und pro­te­stan­ti­schen Kirche bei Shimaji, wor­auf­hin BANSE ant­wor­te­te, dass Shimaji die pro­te­stan­ti­schen Strömungen ten­den­zi­ell be­für­wor­te­te, die ka­tho­li­schen je­doch kri­ti­sier­te (ri­tu­ell, aber­gläu­bisch usw.). YAMAGUCHI Teruomi, der selbst ge­ra­de an ei­ner Biographie Shimajis ar­bei­tet, merk­te an, dass Shimaji in ver­gleichs­wei­se ge­rin­gem Maße Gessho re­zi­piert ha­be und die Kritik im­mer in ih­rer Funktion, näm­lich der Aufwertung der ei­ge­nen Lehre, ge­se­hen wer­den müs­se. Zudem ha­be Shimaji 1872 in Deutschland ge­lebt, was ihm den Ruf ei­nes "Christenkenners" ein­brach­te und bei ei­ner Einordnung der Bedeutung sei­ner Person be­rück­sich­tigt wer­den müs­se.

MORIKAWA Takemitsu (Luzern) be­han­delt in sei­nem Vortrag "Ren'ai / Irokoi. Entdifferenzierung der Liebessemantik und ver­stärk­te Stratifizierung der Gesellschaft in der Meiji- und Taishô-Zeit" das Begriffspaar iro-koi und ren'ai, des­sen Entsprechung in der Stratifizierung der Gesellschaft der Meiji- und Taishô-Zeit an­zu­fin­den sei. Er be­ruft sich da­bei auf die Liebesdefinition nach Niklas Luhmann, der Liebe als Medium ne­ben Macht und Geld sieht, das für be­stimm­te Kommunikationsprozesse in der Gesellschaft vor­ge­se­hen und nur in be­stimm­ten Bereichen ein­setz­bar ist. Diese Medien dür­fen nicht im fal­schen Umfeld an­ge­wandt wer­den, z.B. füh­re Geld in der Politik zu Korruption, Geld in der Beziehung zu Prostitution usw. Die Familienreformen der Meiji-Zeit, die un­ter dem Leitsatz bun­mei kai­ka ("Zivilisation und Aufklärung") stan­den, wur­den von Meiji-Intellektuellen wie Mori Arinori ge­tra­gen, die das Ende der Edo-Zeit als Phase des mo­ra­li­schen Verfalls wer­te­ten. Andere wie Kitamura Tôkoku spra­chen sich für die Vernunft und ge­gen die Lust aus und führ­ten im Rahmen des­sen als Negativbeispiel die iro-koi-Liebe der Edo-Zeit an. Der ren'ai-Boom der Meiji-Zeit, der sich laut MORIKAWA vor al­lem in der Literatur wi­der­spie­gel­te (Passion hat kei­ne Sprungkraft im Begriffsfeld der Zivilisation, kei­ne Kraft, die Grenzen des seg­men­tä­ren Systems der Familie zu über­win­den), zeigt da­bei im­mer wie­der das Gefälle von ren'ai zu iro-koi auf, wo­bei der Geist über dem Körper, das Denken über dem Fühlen steht und so­mit ren'ai als nicht uni­ver­sell prak­ti­zier­ba­res Ideal pro­du­ziert, das sich in der Stratifizierung der Gesellschaft wi­der­spie­gelt. Dies zeigt sich auch geo­gra­fisch, wenn der Yamanote-Bezirk Tokyos mit ai, der Shitamachi-Bezirk mit iro iden­ti­fi­zeirt wird.
Hans Martin KRÄMER frag­te in der an­schlie­ßen­den Diskussion, was in 20 Jahren zwi­schen den Diskussionen um den Zivilisationsgedanken, der die Ausbreitung ei­nes Passionsgedanken ver­hin­der­te (z.B. in der Meiroku zas­shi) und den Romanen ge­schah. MORIKAWA ant­wor­te­te, dass auch in den Romanen der bun­mei-Begriff noch zen­tral, die Semantik von 20 Jahren zu­vor al­so noch ein­fluss­reich war. Robert KRAMM merk­te an, dass Liebe und Sex als Semantikpaar zu funk­tio­nal ge­dacht sei, da Prostitution in der Moderne nicht il­le­gi­tim war. Hier ei­ne mo­ra­li­sche Konstante zu kon­sta­tie­ren se­he er als pro­ble­ma­tisch an. Jan SCHMIDT reg­te da­zu an, die Quellenbasis aus­zu­wei­ten und auch Zeitungen mit in die Analyse ein­zu­be­zie­hen, wor­auf­hin MORIKAWA auf die ho­hen Leserzahlen der Romane und so­mit auf ih­re aus­rei­chen­de Repräsentativität ver­wies.

3. Abschlussdiskussion:
Auf der Tagesordnung der Abschlusssitzung am Sonntag stan­den vor al­lem fol­gen­de drei Punkte:

1. Klärung ob der halb­jähr­li­che Turnus der Initiativetreffen fort­ge­setzt wer­den soll;
2. Frage nach der Transparenz in der Organisation der Initiativetreffen;
3. Soll sich die Initiative "pro­fes­sio­na­li­sie­ren", d.h. stär­ker be­stimm­te Leitthemen in den Vordergrund stel­len, oder bei der bis­he­ri­gen locke­ren Themenwahl blei­ben?

Zu Beginn wur­de nach der ent­spre­chen­den Frage fest­ge­stellt, dass die mei­sten Anwesenden den halb­jähr­li­chen Turnus ger­ne bei­be­hal­ten wol­len. Jan Schmidt er­öff­ne­te dann die Diskussion mit der Feststellung, dass wohl ver­schie­dent­lich von au­ßen der Eindruck ent­stan­den sei, dass sich in der Initiative ein "in­ner cir­cle" eta­bliert ha­be bzw. die­se von ei­nem sol­chen ge­lei­tet wür­de. Es sei dem ge­gen­über na­tür­lich wich­tig, die Organisation der Initiativetreffen so trans­pa­rent und ba­sis­de­mo­kra­tisch wie mög­lich zu ge­stal­ten. Dazu soll­ten die schon vor­han­de­nen Infrastrukturen, wie z.B. die Homepage, noch stär­ker ge­nutzt wer­den, als es in letz­ter Zeit der Fall war. Schmidt wies aber auch dar­auf hin, dass al­lei­ne ein Blick in die Liste der bis­he­ri­gen OrganisatorInnen und der TeilnehmerInnen der ver­gan­ge­nen Treffen zei­ge, dass die Initiative nach der Gründung durch Thomas Büttner, Hans Martin Krämer, Tino Schölz, Maik Hendrik Sprotte und ihn selbst sehr schnell und kon­ti­nu­ier­lich auf sehr vie­len Schultern ge­ruht ha­be und dass die Entscheidungen im Konsens der Teilnehmenden ent­stan­den sei­en, ei­ne Dominanz Einzelner al­so eher ein Problem der Wahrnehmung von au­ßen sei. Kritiker wa­ren und sei­en auch wei­ter­hin im­mer will­kom­men, nur soll­ten die­se dann im Gegenzug auch re­gel­mä­ßig bzw. über­haupt an den Treffen teil­neh­men und sich or­ga­ni­sa­to­risch ent­spre­chend ein­brin­gen, da die ein­zi­ge Bedingung, die für ei­ne Mitsprache stets von al­len Beteiligten im Konsens ak­zep­tiert wur­de, die wie­der­hol­te Teilnehme und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Mitarbeit sei. Die Möglichkeit, sich in­halt­lich ein­zu­brin­gen be­stehe da­bei über die Mailingliste der Initiative, "Initiative-Nihonshi", zu der sich al­le Interessierten je­der­zeit an­mel­den könn­ten, oh­ne da­durch ir­gend­wel­che Verpflichtungen ein­zu­ge­hen (der­zeit 71 Abonnenten; die Liste ist le­dig­lich mo­de­riert, um Spam-Mails zu ver­hin­dern, al­le an­de­ren Beiträge wer­den zeit­nah frei­ge­schal­tet). Weiter sei es wich­tig, auch "Nicht-Japanologen" in die Organisation der Initiative zu in­te­grie­ren. Es sei bei­spiels­wei­se schon vor­ge­schla­gen wor­den, den Austragungsort in Museen zu ver­le­gen be­zie­hungs­wei­se mit Museen stär­ker zu ko­ope­rie­ren. Zudem müs­se im­mer wie­der be­tont wer­den, dass die Initiative kein al­lei­ni­ges Treffen von Japanologen sei, son­dern sich prin­zi­pi­ell an al­le rich­te, die zu Facetten der ja­pa­ni­schen Geschichte, in wel­cher Disziplin auch im­mer be­hei­ma­tet, ar­bei­te­ten. Es wur­de auch ei­ne stär­ke­re Betonung von "Themenblöcken" vor­ge­schla­gen. Zum Thema "Themenblock" schlug Christiane Banse ein Mischsystem aus Theorie- und Vortragsblöcken vor. Dieses Mischsystem sei al­ler­dings oh­ne ei­ne strin­gen­te Organisationsdisziplin nicht mög­lich. Eher kri­tisch sah Marta Menzel die Festlegung auf be­stimm­te Themenblöcke, da so leicht ein Trend zu Themenkonstruktion ent­ste­hen kön­ne. Robert Kramm-Masaoka schlug vor, eher ein System ei­nes Werkstattberichts von Forschungsprojekten mit be­glei­ten­der Textlektüre ein­zu­füh­ren. Jan Schmidt ent­geg­ne­te, dass die vor­be­rei­ten­de Lektüre zu ja­pa­no­lo­gi­schen Werkstattberichten zwar an sich ei­ne gu­te Idee, aber we­nig prak­ti­ka­bel sei. Hans Martin Krämer fass­te die Methode der Organisation der er­sten Initiativetreffen zu­sam­men, wo­nach die Initiative we­sent­lich we­ni­ger ?kon­fe­renz­la­stig? ge­we­sen sei, ei­ne Zielsetzung, die, das zeig­te die Zustimmung wäh­rend der Diskussion, nach wie vor den Interessen der Mehrheit der TeilnehmerInnen zu ent­spre­chen scheint. So ha­be es ur­sprüng­lich nur vier 90-Minutenblöcke ge­ge­ben, wo­von ein Block be­reits für die Inforrunde ver­braucht wor­den sei. Einer die­ser Blöcke sei für ein Inputreferat re­ser­viert ge­we­sen, das ei­ne Diskussion ha­be an­sto­ßen sol­len, wor­auf drei wei­te­re Vorträge ge­folgt sei­en, für die man sich aber mehr Zeit ha­be neh­men kön­ne. Lisa Hammke be­ton­te die Notwendigkeit der Integration von B.A.-Studierenden in die Initiative, so­wie die Möglichkeit des Austauschs der Studierenden un­ter­ein­an­der. Jan Schmidt be­ton­te den Willen, für das näch­ste Treffen ei­nen ei­ge­nen, der Initiative vor­ge­schal­te­ten "Youngster-Workshop" zu or­ga­ni­sie­ren, was be­reits beim 19. Treffen in Tübingen Harald Fuess vor­ge­schla­gen hat­te. Kritische Argumente wa­ren sei­tens ei­ni­ger Studierender, dass man nicht in ei­nen se­pa­ra­ten Workshop weg­kom­pli­men­tiert wer­den wol­le. Außerdem, so Adrian Gärtner, sei das Spezialistenfeedback und die Vortragssituation ei­ne gu­te Gelegenheit, um ein­mal in den ?ech­ten? aka­de­mi­schen Betrieb rein­zu­schnup­pern. Yamaguchi Teruomi be­ton­te ab­schlie­ßend, dass ein er­folg­rei­cher Austausch der Generationen nur durch die Integration von jun­gen Mitgliedern in die Initiative mög­lich sei. Die jun­gen Mitglieder könn­ten dann ein­mal das Erbe der jet­zi­gen Initiative an­tre­ten. Die Anwesenden be­schlos­sen hier­auf, die Diskussion um das Profil der Initiative erst ein­mal in Ruhe fort­zu­set­zen um ei­nen mög­lichst ba­sis­de­mo­kra­ti­schen Konsens er­zeu­gen zu kön­nen.

(Protokoll: Christiane Banse, Anja Batram, Till Knaudt, Robert Kramm-Masaoka, Jan Schmidt)

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favicon0421. Treffen an der Universität Hamburg am 1. und 2. Juni 2013:

Anwesend wa­ren in Hamburg: Antje Bieberstein (Hamburg), Ulrich Brandenburg (Zürich), Johannes Budkiewitz (Hamburg), Maximilian Josef Duchow (Hamburg), Ursula Flache (Berlin), Adrian Gärtner (Heidelberg), Eike Großmann (Hamburg), Charlotte Ickler (Hamburg), Kaori Itô (Bochum/Fukuoka), Ivo Ivanov (Bochum), Lennart Jacob (Hamburg), Anne-Sophie König (Hamburg), Robert Kramm-Masaoka (Zürich), Oliver E. Kühne (Tübingen), Simone Lechner (Hamburg), Florian Lüneburg (Hamburg), Yuko Maezawa (Bayreuth), Martha-Christine Menzel (Heidelberg), Berenice Möller (Hamburg), Takemitsu Morikawa (Luzern), Anke Scherer (Köln), Jan Schmidt (Bochum), Tino Schölz (Halle), Marcus Schöne (Hamburg), Stefanie Schwarte (Hamburg), Maik Hendrik Sprotte (Halle), Anja Strömer (Hamburg), Herbert Worm (Hamburg);

1. Interessen, Neuigkeiten und Projekte:
Ulrich Brandenburg (Zürich) pro­mo­viert zu "Träumen von ei­nem is­la­mi­schen Orient: Arabisch-japanische Sichtweisen vom Beginn des 20. Jahrhunderts und ih­re Verwurzelung in west­li­chen Diskursen" (sie­he Vortrag un­ten). Die Interessenschwerpunkte von Johannes Budkiewitz (Hamburg) lie­gen im Bereich des de­mo­gra­phi­schen Wandels, des Kulturtourismus und der Revitalisierung von Regionen. Maximilian Josef Duchow (Hamburg) be­schäf­tigt sich mit Nordkoreanern in Japan. Ursula Flache (Berlin) wies in ih­rer Funktion als Fachreferentin für Japan an der Staatsbibliothek Berlin er­neut auf die viel­fäl­ti­gen Möglichkeiten der Nutzung ih­rer Bibliothek (Internetportal www.crossasia.org, Fernleihe) hin. Sei auch die Digitalisierung der Zettelkataloge schon weit fort­ge­schrit­ten, be­stehe im­mer die Möglichkeit, ei­ne Fernleihe über den "blau­en Leihverkehr" zu be­stel­len, da der Titel, wenn viel­leicht auch (noch) nicht di­gi­tal ver­zeich­net, vor­han­den sein könn­te. Eike Großmann (Hamburg) be­schäf­tigt sich im Rahmen ih­rer Forschungen zur vor­mo­der­nen Literatur Japans mit der Konstruktion von Kindheit und Kindheitsvorstellungen. Kaori Itô (Bochum/Fukuoka) ar­bei­tet im Bereich der Diplomatiegeschichte über die Interparlamentarische Union und die Rolle Deutschlands in die­ser. Lennart Jacob (Hamburg) be­schäf­tigt sich mit Maßnahmen zur mut­maß­li­chen Stärkung des Patriotismus in Schulen und Gegenbewegungen des Lehrpersonals. Robert Kramm-Masaoka (Zürich) un­ter­sucht als Globalhistoriker die Regulation von Prostitution im Japan un­ter der al­li­ier­ten Besatzung. Die Interessen von Florian Lüneburg (Hamburg) lie­gen im Bereich der Binnengärten (tsub­o­ni­wa) und ih­rer Symbolik. Yuko Maezawa (Bayreuth) hat mit ei­ner Arbeit zu "Mikronesien im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Kulturkontakte und Kulturkonfrontation zwi­schen Mikronesiern, Japanern und Deutschen" (sie­he Vortrag un­ten) an der dor­ti­gen Universität pro­mo­viert. Martha-Christine Menzel (Heidelberg) un­ter­sucht die "Entdeckung Hokkaidôs als Ort der ja­pa­ni­schen Literatur". Takemitsu Morikawa (Luzern) wies auf die Drucklegung sei­ner Habilitationsschrift hin, die 2013 un­ter dem Titel "Japanizität aus dem Geist der eu­ro­päi­schen Romantik. Der in­ter­kul­tu­rel­le Vermittler Mori Ôgai und die Reorganisation des ja­pa­ni­schen "Selbstbildes" in der Weltgesellschaft um 1900" im tran­script Verlag (Bielefeld) er­schie­nen ist. Anke Scherer (Köln) un­ter­sucht die kul­tu­rel­le Kategorie der Sauberkeit (sie­he Kurzvortrag un­ten "Abschließendes"). Jan Schmidt (Bochum) hat sei­ne Promotionsverfahren mit ei­ner Dissertation zu "Nach dem Krieg ist vor dem Krieg - Der Erste Weltkrieg in Japan: Medialisierte Kriegserfahrung, Nachkriegsinterdiskurs und Politik, 1914-1918/19" an der dor­ti­gen Universität ab­ge­schlos­sen, hält sich ab August für 6 Monate als Gastwissenschaftler an der Kyôto-Universität auf und plant ge­mein­sam mit Katja Schmidtpott für Ende 2014 in Bochum oder Berlin ei­ne Konferenz zu Japan und Deutschland im 1. Weltkrieg. Tino Schölz (Halle) hat sei­ne Forschungen zu "Die Gefallenen be­sänf­ti­gen und ih­re Taten rüh­men. Gefallenenkult und po­li­ti­sche Verfasstheit in Japan seit der Mitte des 19. Jahrhunderts" eben­falls er­folg­reich be­en­det. Seine Forschungsinteressen lie­gen im Bereich der Militärgeschichte und der Bürgergesellschaft von der bakumatsu-Zeit bis in die Gegenwart. Marcus Schöne (Hamburg) be­schäf­tigt sich mit Sakaguchi Ango (sie­he Vortrag un­ten), der bud­dhi­sti­schen Dialektik und zeit­ge­nös­si­schen Diskursen, vor­nehm­lich in li­te­ra­ri­schen Texten der Shôwa-Zeit. Maik Hendrik Sprotte (Halle) mach­te auf die Publikation sei­nes Arbeitspapieres "Zivilgesellschaft als staat­li­che Veranstaltung? Eine Spurensuche im Japan vor 1945" (2012) auf­merk­sam, die un­ter www.sprotte.name/zivilgesellschaft zum Download im PDF-Format zur Verfügung steht. Eine Übersetzung in die ja­pa­ni­sche Sprache sei in Vorbereitung. Andere Arbeitspapiere des Internationalen Graduiertenkollegs "Formenwandel der Bürgergesellschaft. Japan und Deutschland im Vergleich" an der Universität Halle-Wittenberg, von de­nen sich glei­cher­ma­ßen ei­ni­ge mit Fragstellungen aus der ja­pa­ni­schen Geschichte be­fas­sen, wer­den un­ter http://www.igk-buergergesellschaft.uni-halle.de/publikationen/arbeitspapiere/ zum Download an­ge­bo­ten; Anja Strömer (Hamburg) un­ter­sucht die Attraktivität des ja­pa­ni­schen Marktes und be­schäf­tigt sich dar­über hin­aus mit Unternehmensfusionen und Firmenübernahmen;

2. Vorträge:
Marcus Schöne (Hamburg): Analyse des Begriffes ken­kô in Sakaguchi Angos Nihon bun­ka shi­kan, 1942
Nach ei­ner all­ge­mei­nen Einführung zu Leben und Werk Sakaguchi Angos (1906-55) und sei­ner Verortung in­ner­halb der li­te­ra­ri­schen Szene un­ter­such­te Schöne an­hand ei­nes der Hauptwerke Angos, der "Persönlichen Sicht auf die ja­pa­ni­sche Kultur", die Begriffe "Alltagsleben" (sei­kat­su 生活) und "ge­sund" (ken­kô 健康). Er tat dies im Kontext der Haltung Sakaguchis zum Umgang mit der Moderne und des­sen Sicht auf die na­tio­na­le bzw. kul­tu­rel­le Identität Japans. Als Teil ei­ner "la­tent fa­schi­sto­iden Gegenkultur", das zei­ge ei­ne Untersuchung ent­spre­chen­der Diskurse, ver­wei­se der Terminus ken­kô bei Ango auf ein Ideal, das nicht rück­wärts­ge­wandt, im Gegensatz zur Moderne, be­stehe, wohl aber im Kontext der bud­dhi­sti­schen Sicht auf Endlichkeit und Erneuerung der Existenz zu ver­ste­hen sei und auf "ei­nem Leben, das auf den Bedürfnissen des Alltags" ba­sie­re.
Neben der Frage ei­ner mög­li­chen Kategorisierung Angos schlicht als "Nationalist" wur­de die Diskussion von den Gesichtspunkten der Ursprünge, Grundlage und Vorbildern von Angos Gesundheitsbegriff ge­prägt, wei­se die­ser doch in der Konzeptbildung durch­aus auch auf ei­nen glo­ba­le­ren Kontext im Rahmen des Kolonialismus.

Yuko Maezawa (Bayreuth): Mikronesien im Ersten Weltkrieg. Kulturkontakte und Kulturkonfrontationen zwi­schen Japanern, Deutschen und Mikronesiern
Ohne Widerstand der Deutschen und der Insulaner be­setz­te Japan im Verlauf des Ersten Weltkriegs die Marshallinseln, Karolinen und Marianen und er­hielt 1919 die Inseln als Mandatsgebiet des Völkerbundes. Somit stieg Japan zu ei­ner re­gio­na­len Kolonialmacht auf. Maezawa kon­sta­tier­te, daß für die ja­pa­ni­sche Kolonialherrschaft eher der Gesichtspunkt der Gleichrassigkeit von Japanern und Inselbewohnern, im Sinne von Ähnlichkeit, aber nicht glei­cher Abstammung, das ko­lo­ni­al­ad­mi­ni­stra­ti­ve Handeln be­stimm­te. Versuchte man auch hö­her­ge­stell­ten Mikronesiern durch Reisen in das ja­pa­ni­sche Mutterland die Kultur und den Einfluß Japans nä­her zu brin­gen, blie­ben die Inselvölker eher frü­he­ren Kolonisatoren zu­ge­neigt. Aufgrund der christ­li­chen Missionen hat­te die Shintô-Mission kei­nen Erfolg.
Gesichtspunkte der Diskussion fo­kus­sier­ten sich auf die Kodierung des "Fremden" durch die deut­schen und ja­pa­ni­schen Kolonialherren, auf ei­nen Vergleich der Assimilierungspolitik der ver­schie­de­nen Kolonisatoren, wie sie sich z.B. in der Schulbildung (Sprachwahl, Trennung von Schul- und Religionserziehung etc.) aus­drück­te, und auf die Frage, ob nicht al­lei­ne schon der Gebrauch der geo­gra­phi­schen Beschreibung "Mikronesien" ein Fortschreiben des Kolonialismus be­deu­te.

Maik Hendrik Sprotte (Halle): "Alte groß­asia­ti­sche Träume le­ben un­ter der Oberfläche wei­ter." - Egon Bahr und ei­ne mög­li­che ja­pa­ni­sche Atombewaffnung 1969
Im Zentrum die­ses Vortrags stand die hi­sto­ri­sche Einordnung und ge­gen­warts­be­zo­ge­ne Analyse der in­nen­po­li­ti­schen Instrumentalisierung ei­ner streng ge­hei­mem "Aufzeichnung", die 1969 vom da­ma­li­gen Leiter des Planungsstabes des Auswärtigen Amtes, Egon Bahr (SPD), nach den er­sten Konsultationen der Planungsstäbe der Außenämter Japans und der Bundesrepublik ver­fasst wor­den war. In die­sem Dokument un­ter­stell­te Bahr der ja­pa­ni­schen Seite die Absicht, ei­ne ei­gen­stän­di­ge Atombewaffnung an­zu­stre­ben, um den Status ei­ner Supermacht zu er­lan­gen. Sprotte ver­or­te­te die­se mög­li­chen ja­pa­ni­schen Bemühungen im Kontext der Entstehungsphase der "Drei nicht-nuklearen Prinzipien", der kon­tro­vers ge­führ­ten Diskussion über den Beitritt Japans zum "Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen" und des dau­er­haft schwie­ri­gen Verhältnisses Japans zum US-amerikanischen Bündnispartner in Verteidigungsfragen vor dem Hintergrund der si­cher­heits­po­li­ti­schen Lage in Ostasien. Er be­wer­te­te die mög­li­chen Überlegungen zu ja­pa­ni­schen Atomwaffen am Ende der 1960er Jahre als wei­te­ren Beleg ei­nes seit Jahrzehnten von der ja­pa­ni­schen Regierung be­trie­be­nen "nu­clear hedging".
Die Diskussion kon­zen­trier­te sich auf Fragestellungen hin­sicht­lich der Rolle und Funktion des ja­pa­ni­schen Außenministeriums bzw. un­ter­schied­li­cher Interessengruppen in­ner­halb die­ser Organisationseinheit im Zusammenhang mit der po­li­ti­schen Gestaltung ei­ner sich ver­än­dern­den ja­pa­ni­schen Sicherheitskonzeption.

Ulrich Brandenburg (Zürich): Säkularismus als Sonderfall: Japan und die Religion 1904-1912
Wurde der Anstoß zu ei­ner Debatte über ei­ne ja­pa­ni­sche Konversion zum Islam, al­so des­sen Erhebung zur Staatsreligion, im Untersuchungszeitraum mus­li­mi­schen Kreisen zu­ge­schrie­ben, war sie durch­aus auch ein durch Europäer dis­ku­tier­tes Thema. Generell war die Diskussion ei­ner Konversion ein wie­der­keh­ren­des Motiv, sah man doch die in­ter­na­tio­na­le Stellung Japans durch den Gegensatz der ja­pa­ni­schen Kombination von Säkularismus und Kaiserkult mit dem in­ter­na­tio­nal vor­herr­schen­den Christentum be­rührt. Mithin war Japan Teil und Objekt ei­ner in­ter­na­tio­na­len Debatte über Religion. Ursachen la­gen, so Brandenburg, vor al­lem in ei­nem Bedürfnis nach ei­ner grö­ße­ren Sichtbarkeit von Religionen. Die in der Hoffnung auf ei­ne Christianisierung Japans häu­fig vor­ge­brach­te Erkenntnis ei­nes "Mangels an Moral" wur­de auch ja­pa­ni­schen Intellektuellen be­wußt.
Gleichwohl mach­ten Vortrag und die sich an­schlie­ßen­de Diskussion deut­lich, daß durch die Funktionszuweisung für die Religion als Korrektiv der Folgen des Industrialisierungsprozesses und als Integrationsbasis der Nation weit we­ni­ger Fragen des Glaubens als ei­ne mög­li­che Instrumentalisierung der Religion die Erörterungen be­herrsch­te.

Oliver Kühne (Tübingen): Der Zweite Weltkrieg in der fik­tio­na­len Gegenwartsliteratur Japans und Okinawas - Zwischen hi­sto­ri­scher Amnesie und re­pe­ti­ti­ver Traumaverarbeitung?
In post­ko­lo­nia­ler Lesart nä­her­te sich Kühne der Rolle des Zweiten Weltkriegs in der Okinawa-Literatur. In der klas­si­schen Widerstandsliteratur Okinawas wid­me man sich den in der Schlacht von Okinawa ver­ur­sach­ten Traumata, den Jahren nach dem Krieg und der Besatzungsproblematik, wo­bei in Abweichung zur bis­her gel­ten­den Sichtweise kei­nes­falls die per­sön­li­che Kriegserfahrung des Autors ei­ne Vorbedingung sei, son­dern durch­aus die ima­gi­nier­te Aufarbeitung ein Werk als Teil der Widerstandsliteratur qua­li­fi­zie­re. In sei­nem Vortrag stell­te Kühne ex­em­pla­risch zwei Werke - Okuizumi Hikarus "Ishi no rai­re­ki" und Medoruma Shuns "Mabui-gumi" ne­ben­ein­an­der. Beiden Werken sei­en ein aukt­oria­ler Erzähler, ei­ne trau­ma­ti­sche Vergangenheit der Protagonisten und die Unfähigkeit der Protagonisten, die Vergangenheit zu über­win­den, ge­mein. Vor al­lem kenn­zeich­ne die Werke ein sub­ver­si­ver, magisch-realer Erzählmodus, der die un­ter­drück­ten und un­aus­ge­spro­che­nen Erinnerungen der ja­pa­ni­schen Gesellschaft her­aus­for­de­re.
Im Vortrag wie in der Diskussion zeig­te sich, daß die Okinawa-Literatur un­ge­ach­tet ih­rer Kanonisierung als re­gio­na­les Literaturphänomen kaum Gegenstand der Forschung sei. Der Begriff des "Traumas" als psy­cho­ana­ly­ti­sche Kategorie führ­te zu der Frage, ob an­ge­sichts der gro­ßen zeit­li­chen Distanz zu den Ereignissen des Krieges die­ser Begriff ge­ne­rell nutz­bar sei.

3. Abschließendes:
Anke Scherer (Köln) nutz­te die­se Runde, um in ei­nem Kurzvortrag ihr Projekt "Cleanliness is next to god­li­ness: The cul­tu­re of clea­ning in Japan" vor­zu­stel­len, in dem sie die Aktivitäten ei­ner NPO na­mens "Nihon o uts­ukus­hi­ku su­ru kai" und de­ren Reinigungsaktivitäten im öf­fent­li­chen Raum un­ter­sucht und das in ei­ner so­zi­al­an­thro­po­lo­gi­schen Studie über die kul­tu­rel­len Konzepte von Sauberkeit und Ordnung in Japan im öf­fent­li­chen und pri­va­ten Raum, in Schulen, Firmen, Familien und in der öf­fent­li­chen Diskussion auf­ge­hen soll. Sie nutz­te da­zu die auf Prägnanz aus­ge­rich­te­te Präsentationsform Pechakucha (ぺちゃくちゃ, 20 Bilder ei­ner Präsentation mit je­weils 20 Sekunden Präsentationszeit, Vortragszeit so­mit: 6 Min. 40 Sek.) und das sie er­folg­reich an der Cologne Business School ein­setzt.

Hinsichtlich des Studierendenworkshops, der par­al­lel zur Tagung der Initiative statt­fand, be­stand nach ei­nem kur­zen Bericht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer Einigkeit dar­über, daß es sich um ein Vorhaben han­de­le, das auch auf spä­te­ren Tagungen der Initiative wei­ter­ver­folgt wer­den soll­te.

Die Tagung en­de­te mit ei­nem herz­li­chen Dank an die Organisatorinnen die­ses Treffens, Eike Großmann und Martha-Christine Menzel, für ih­ren Einsatz und an die Abteilung für Sprache und Kultur Japans im Afrika-Asien-Zentrum der Universität Hamburg für die fi­nan­zi­el­le Unterstützung der Tagung.

(Protokoll: Maik Hendrik Sprotte)

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favicon0522. Treffen an der Universität Tübingen am 2. und 3. November 2013:

Anwesend wa­ren in Tübingen: Klaus Antoni (Tübingen), Katrin Endres (Heidelberg), Adrian Gärtner (Heidelberg), Benjamin Hoffmann (Tübingen), Julia Mariko Jacoby (Freiburg), Constantin Künzl (Heidelberg), Robert Kramm-Masaoka (Zürich), Wolfgang Lehnert (Esslingen), Martha-Christine Menzel (Heidelberg), Philippe Möller (Tübingen), Jonas Rüegg (Zürich), Hans-Joachim Schmidt (Heusweiler-Kutzhof), Tobias Scholl (Tübingen), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Maik Hendrik Sprotte (Halle), Takata Azusa (Tôkyô), David Weiß (Tübingen).;

1. Interessen, Neuigkeiten und Projekte:
Klaus Antoni (Tübingen) be­treibt hi­sto­ri­sche und kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Forschungen zu ja­pa­ni­scher Religion. Katrin Endres (Heidelberg) be­treibt Forschungen zum ja­pa­ni­schen Tänzer Kuni Masami und zum ja­pa­ni­schen zeit­ge­nös­si­schen Tanz. Adrian Gärtner (Heidelberg) stu­diert Japanologie mit Nebenfach Geschichte. Benjamin Hoffmann (Tübingen) stu­diert Japanologie. Julia-Mariko Jacoby (Freiburg) hat Geschichte und Latein stu­diert und be­treibt hi­sto­ri­sche Katastrophenforschung so­wie Forschungen zur Mediengeschichte. Constantin Künzl (Heidelberg) schrieb sei­ne Magisterarbeit über den ja­pa­ni­schen Ethnologen Yanagita Kunio. Robert Kramm-Masaoka (Zürich) schreibt sei­ne Dissertation zur Regulation von Prostitution und Hygiene im Japan un­ter der al­li­ier­ten Besatzung. Wolfgang Lehnert (Architekt aus Esslingen) hat sei­ne Dissertation „Die Wände der bür­ger­li­chen Wochenarchitektur im Wandel der ja­pa­ni­schen Edo-Zeit“ an der Universität Stuttgart ver­öf­fent­licht. Seine Forschungen be­fas­sen sich mit Veränderungen und Modernität, die sich seit dem 17. Jahrhundert in der ja­pa­ni­schen Architektur voll­zo­gen hat. Martha-Christine Menzel (Heidelberg) un­ter­sucht die „Entdeckung Hokkaidôs als Ort der ja­pa­ni­schen Literatur“. Philippe Möller (Tübingen) stu­diert Anglistik und Japanologie. Jonas Rüegg (Zürich) be­treibt hi­sto­ri­sche Forschungen zu Japan. Hans-Joachim Schmidt (ehem. Referatsleiter im Kultusministerium des Saarlands) un­ter­sucht deut­sche Kriegsgefangenenlager in Japan im Ersten Weltkrieg. Unter http://www.tsingtau.info prä­sen­tiert er sei­ne Ergebnisse. Tobias Scholl (Tübingen) ist wis­sen­schaft­li­cher Mitarbeiter in der Koreanistik. Er ver­fasst sei­ne Dissertation über den Diskurs über die ge­mein­sa­men Ursprünge von Japanern und Koreanern wäh­rend der Zeit der ja­pa­ni­schen Annexion Koreas. Wolfgang Seifert pro­mo­vier­te mit ei­ner Dissertation zum Nachkriegsnationalismus in Japan, die 1977 als Buch in der Reihe "Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Hamburg) er­schien. Er pu­bli­zier­te au­ßer­dem 1997 sei­ne Habilitationsschrift zum Thema "Gewerkschaften in der ja­pa­ni­schen Politik von 1970 bis 1990. Der drit­te Partner?" im Westdeutschen Verlag, ei­nem so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Verlag (heu­te: VS-Verlag). Maik Hendrik Sprotte (Halle) ist wei­ter­hin mit sei­ner Forschung zu den Nachbarschaftsguppen (to­na­ri­gu­mi 隣組) nach 1940 be­schäf­tigt. Sprotte wies auf die Möglichkeit der Verlinkung von Projektskizzen über die Internetpräsenz der Initiative un­ter http://www.japanische-geschichte.de (Mail mit Titel und Link an maik@sprotte.name) und auf die „Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung“ hin, für die wei­ter­hin ger­ne Meldungen deutsch­spra­chi­ger Publikationen ent­ge­gen­ge­nom­men wer­den. David Weiß (Tübingen) forscht zu den ko­rea­ni­schen Einflüssen auf die ja­pa­ni­sche Mythologie.

2. Vorträge:
Wolfgang Seifert (Heidelberg): „Wissenschaftliches Publizieren im Bereich der Geschichte Ostasiens, ins­be­son­de­re Japans“
Der Referent be­han­del­te in sei­nem Vortrag drei Fragen, die im Zusammenhang mit wis­sen­schaft­li­chen Publikationen im Bereich der Geschichte Ostasiens und Japans von Bedeutung sind: 1. Welche Arbeiten kön­nen wo und in wel­cher Form ver­öf­fent­licht wer­den? 2. Wie kön­nen Doktorarbeiten ver­öf­fent­licht wer­den? 3. Wen möch­te man mit sei­ner Veröffentlichung er­rei­chen?
Zur Beantwortung der er­sten Frage gab Seifert ei­nen Überblick über die Möglichkeiten der Veröffentlichung wis­sen­schaft­li­cher Arbeiten in haus­ei­ge­nen Reihen wis­sen­schaft­li­cher Verlage und Gesellschaften.
- Beispiele für BA- und Masterarbeiten: die Reihe mit BA- und Master-Arbeiten in der Münchner Japanologie; dies ist ei­ne haus­ei­ge­ne Reihe, die Veröffentlichung er­folgt in elek­tro­ni­scher Form.
- Für Dissertationen: (1) Dissertationsverlage, z.B. Tectum; (2) geschichts- oder ost­asi­en­wis­sen­schaft­li­che Reihen be­stimm­ter Verlage (Beispiele: a) Reihe "Monographien des DIJ Tokyo" im Iudicium Verlag; b) Reihe Monographien c) ein­zel­ne Dissertationen auch im Oldenburg-Verlag oder im Franz-Steiner-Verlag.
- Für Habilitationsschriften, z.B. ei­ne spe­zi­el­le Reihe "Studien zur Geschichte des Völkerrechts" (Nomos-Verlag), in der ge­ra­de U.M. Zachmanns "Völkerrechtsdenken und Außenpolitik in Japan, 1919-1960" er­schie­nen ist.
Anschließend gab er ei­nen Überblick über die Kosten ei­ner Publikation und über Möglichkeiten zur Finanzierung von Dissertationen (Druckkostenzuschuss) am Beispiel der dem­nächst be­gin­nen­den Reihe "Japan in Ostasien" im Nomos-Verlag. Zuletzt wid­me­te er sich der drit­ten Frage, näm­lich, wel­che Öffentlichkeit man mit Hilfe der Publikation der Dissertation er­rei­chen möch­te: die wis­sen­schaft­li­che (Fach-)Öffentlichkeit, be­grenzt, ent­spre­chend dem Thema; oder ei­ne brei­te­re in­ter­es­sier­te Öffentlichkeit. Von der Antwort hier­auf hän­gen die Wahl des Verlages und Form so­wie Stil der Veröffentlichung ab.
In der an­schlie­ßen­den Diskussion brach­ten die Anwesenden ei­ge­ne Erfahrungen zur Sprache und er­ör­ter­ten ge­mein­sam Schwierigkeiten und Möglichkeiten im Zusammenhang mit der Veröffentlichung wis­sen­schaft­li­cher Arbeiten.

Wolfgang Lehnert (Esslingen): „Japanische Räume im Wandel der Edo-Zeit“
Wolfgang Lehnert the­ma­ti­sier­te in sei­nem Vortrag die Wohnräume ja­pa­ni­scher Wohnhäuser (min­ka 民家) der Edo-Zeit und den Wandel, dem sie im Laufe der Zeit un­ter­wor­fen wa­ren. Der min­ka-Baustil ent­wickel­te sich ab dem 11. und 12. Jahrhundert und er­hielt wäh­rend der Genroku-Zeit (1688-1704) we­sent­li­che Veränderungen. Ursprünglich be­stan­den ein­fa­che ja­pa­ni­sche Häuser aus ei­nem ein­zi­gen Raum oh­ne Unterteilungen, in dem auch al­le Familienmitglieder schlie­fen. Mit der Unterteilung des Hauses in Schlaf- und Wohnbereiche ent­stan­den Räume mit spe­zi­el­len Funktionen. Der Schlafraum (nan­do 納戸o­der nak­ano­ma 中の間) hat­te zu­nächst fe­ste Wände und dien­te als Zuflucht bei Plünderungen Gleichzeitig war er ein Lagerraum für Wertvolles. Wenn Reisende nach Übernachtungsmöglichkeiten such­ten, wur­de ih­nen die­ser Raum zur Verfügung ge­stellt. Lehnert gab im Folgenden ei­ne Übersicht über den Wandel der Lage, des Aufbaus, der Nutzung und Benennung der Schlafräume in Land- und Stadthäusern aus ver­schie­de­nen Regionen wäh­rend der letz­ten feu­da­len Epoche Japans.
Im Anschluss an die­sen Vortrag stell­ten die Anwesenden Fragen zum in­ner­ja­pa­ni­schen Vergleich der Baustile, zum Vergleich von chi­ne­si­schen und ja­pa­ni­schen Bauweisen und ei­ni­gen Kernbegriffen des Vortrags.

Jonas Rüegg (Zürich) : „Aimé Humbert – Wertevorstellungen ei­nes Bourgeois und das Japan der Bakumatsu-Zeit. Eine Untersuchung an­hand pri­va­ter Korrespondenzen wäh­rend sei­nes Aufenthaltes 1863-64“
Jonas Rüegg be­han­del­te in sei­nem Vortrag die Ziele und Wertvorstellungen von Aimé Humbert, der 1863-64 in Japan war, um ei­nen Handelsvertrag zwi­schen Japan und der Schweiz aus­zu­han­deln und ab­zu­schlie­ßen. Er sah sich als Vertreter ei­ner klei­nen Binnennation oh­ne Möglichkeit, mi­li­tä­ri­schen oder po­li­ti­schen Druck auf Japan aus­zu­üben, und be­dien­te sich der nie­der­län­di­schen Kontakte vor Ort. Seine Bewunderung der ja­pa­ni­schen Kunst und sein Selbstbild als Freund des ja­pa­ni­schen Volkes führ­ten da­zu, dass Humberts Einstellung und Motive ge­gen­über Japan in spä­te­ren Jahren po­si­tiv ge­wer­tet wur­den.
Rüegg wer­te­te die Korrespondenz Humberts aus und nahm ei­ne Diskursanalyse auf der Grundlage von Edward Saids Orientalismus-Begriff vor. Humbert ver­öf­fent­lich­te 1870 den il­lu­strier­ten Bildband „Le Japon Illustré“, der ein durch­aus po­si­ti­ves Japanbild re­prä­sen­tier­te, zu­wei­len aber auch Kritik an der Gesellschaft Nippons üb­te. Humbert heg­te, wenn­gleich er sich lo­bend über Kunst und Kultur Japans äu­ßer­te, ein ge­wis­ses Überlegenheitsgefühl ge­gen­über Japan. Er ver­miss­te ei­ne christ­li­che Moral und kri­ti­sier­te den Buddhismus als Hindernis auf dem Weg des Fortschritts. Er über­trug po­li­ti­sche und so­zia­le Entwicklungen Europas und der Schweiz auf Japan und hielt die Übernahme von west­li­cher Religion, Kultur und Bildung für ei­ne Voraussetzung für die Entwicklung Japans, das oh­ne Hilfe von den Industrienationen zur Stagnation ver­ur­teilt sei.
Im Anschluss an Rüeggs Vortrag wur­den ver­schie­de­ne Diskussionspunkte er­ör­tert, so zum Beispiel die Frage nach Humberts Schulung im Vorfeld sei­ner Japanreise, den Begriff der Bourgeoisie und sei­ne Bedeutung im Zusammenhang mit Humberts Beobachtungen und Sichtweisen so­wie Edward Saids Orientalismusbegriff und sei­ne Einbindung in die Forschungen zu Aimé Humbert.

Hans-Joachim Schmidt (Heusweiler-Kutzhof): „Die Gefangenschaft der "Tsingtauer" in Japan 1914-1920“
Anlass für Hans-Joachim Schmidts Forschung zu den deut­schen Kriegsgefangenen in Japan im Ersten Weltkrieg war ein Dachbodenfund von Dokumenten von Andreas Mailänder, der 1914 als Soldat in China war. Dem folg­ten in­ten­si­ve Recherchen nach 4700 wei­te­ren Personen, die in Japan in Kriegsgefangenschaft wa­ren, die Eröffnung ei­nes Internetportals und ei­ne Reise nach Japan.
Schmidt gab ei­nen Überblick über die welt­po­li­ti­sche Lage vor dem Ersten Weltkrieg und über die po­li­ti­schen Motive je­ner Zeit in Japan und dem Deutschen Reich. Er be­schrieb die Kämpfe zwi­schen Japanern und Deutschen wie auch de­ren Verarbeitung der Ereignisse in Japan und Deutschland. Dem folg­te ein Überblick über Unterbringung und Versorgung der Kriegsgefangenen in Japan. Schmidt sprach Probleme an, die in der Literatur kaum oder gar nicht be­han­delt wer­den, wie Gewalt, die Enge der Unterbringung, Alkoholismus, Sexualität und Spannungen zwi­schen Offizieren und Mannschaften an und äu­ßer­te sich zur Verarbeitung der Ereignisse in den fol­gen­den Jahrzehnten. Die Gefangenschaft der deut­schen Soldaten in Japan spiel­te vor und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kei­ne Rolle in den deutsch-japanischen Beziehungen. Bis in die 1960er Jahre wur­de sie kaum auf­ge­ar­bei­tet. Heute hin­ge­gen wird die­se Zeit in vie­len Fällen ver­klärt dar­ge­stellt und die re­la­tiv mil­de Behandlung der Deutschen in den Kontext ei­ner kon­ti­nu­ier­li­chen deutsch-japanischen Freundschaft ge­stellt.
Im Anschluss an Schmidts Vortrag er­ör­ter­ten die Anwesenden in ge­mein­sa­mer Diskussion ver­schie­de­ne Punkte wie die so­zi­al­psy­cho­lo­gi­schen Ansätze, mit de­nen die Aufarbeitung der Ereignisse er­klärt wer­den kann, oder die Rolle von Erinnerungsorten wie dem Lager von Bandô und der sehr ein­sei­ti­gen Darstellung der Realität des Kriegsgefangenendaseins.

Julia Mariko Jacoby (Freiburg): „Die Katastrophe als Medienereignis. Die ja­pa­ni­schen „Katastrophenpublikationen“ im ge­sell­schaft­li­chen Umbruch 1855-1923“
Julia-Mariko Jacoby teil­te ih­ren Vortag in zwei Teile auf. Im er­sten Teil stell­te sie das Genre der „Katastrophenpublikationen“ und die Ergebnisse ih­rer MA-Arbeit vor. Im zwei­ten Teil be­han­del­te sie wei­ter­füh­ren­de Fragestellungen. Katastrophen wer­den in Jacobys Arbeit vor al­lem als ge­sell­schaft­li­che Konstrukte auf­ge­fasst, an de­nen Medien ei­nen gro­ßen Anteil ha­ben. Für die Wahrnehmung ei­nes Naturereignisses als Katastrophe sind Auswirkungen auf ei­ne mensch­li­che Gesellschaft und das Wissen über sie Voraussetzung. Das Fassen des ka­ta­stro­pha­len Ereignisses in Bildern, Erzählungen und Statistiken, z.B. in Form ei­ner Zeitschrift, bie­tet ei­ne Möglichkeit, die chao­ti­schen Zustände wäh­rend ei­ner Katastrophe be­herrsch­bar zu ma­chen und so kol­lek­tiv zu ver­ar­bei­ten. Die Katastrophenpublikationen er­schei­nen ei­nen bis meh­re­re Monate nach dem Ereignis und er­he­ben Anspruch auf ei­ne Berichterstattung über die Gesamtheit der Katastrophe. Sie be­inhal­ten Bilder, Statistiken und Opferzahlen so­wie Berichte über Einzelschicksale und Schauplätze. Sie be­sit­zen zu­dem ei­ne lan­ge Kontinuität, die sich bis zu dem Kanazôshi "Kanameishi" von 1663 zu­rück­ver­fol­gen lässt. Heute fin­det man sie vor al­lem in Form von Hochglanz-Fotomagazinen.
Jacoby stell­te im Folgenden Publikationen zu ver­schie­de­nen Katastrophen vor, so zum Beispiel das Ansei Kenmonshi von 1855 von Kanagaki Robun, wel­ches die Auswirkungen des Ansei-Erdbebens je­nes Jahres be­schrieb, oder das Taishô Daishinsai Daikaisai, das 1923 an­läss­lich des Kantô-Erdbebens er­schien. Durch das Aufkommen neu­er Publikationsformen im Lauf der Meiji-Zeit än­der­te sich die Form der Katastrophenberichte, ih­re Funktion blieb al­ler­dings die­sel­be. Auch die Darstellungsmotive, so­wie das Anführen von Einzelschicksalen in Form von Episoden und Anekdoten blie­ben wei­test­ge­hend gleich.. Es bil­de­ten sich al­ler­dings di­ver­se Gattungen der Erzählung, wie Heldengeschichten (bi­dan 美談) oder tra­gi­sche Geschichten (ai­wa 哀話), die es in die­ser klar de­fi­nier­ten Form in der Edo-Zeit noch nicht ge­ge­ben hat­te. Doch sie die­nen noch heu­te als Möglichkeit für Betroffene, ih­re Erfahrungen zu ver­ar­bei­ten und zur Erweckung ei­nes Gefühls des. Katastrophenpublikationen prä­gen auch nach­hal­tig die hi­sto­ri­sche Wahrnehmung der je­wei­li­gen Ereignisse, da sie von vie­len Lesern als Erinnerungsstücke ar­chi­viert wer­den.
Im Anschluss an den Vortrag lie­fer­ten die Anwesenden vie­le Fragen und Anregungen, vor al­lem zur Methodik ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Erarbeitung des Genres der Katastrophenpublikationen aus me­di­en­wis­sen­schaft­li­cher, dis­kurs­ana­ly­ti­scher, hi­sto­ri­scher und kunst­hi­sto­ri­scher Sicht.

Katrin Endres (Heidelberg): „Der Tänzer Kuni Masami (1908-2007) – die Berliner Jahre (1936-1945). Ein Japaner als Zeitzeuge des NS-Regimes und sei­ne Rolle in­ner­halb der deutsch-japanischen Kulturbeziehungen.“
Katrin Endres be­schrieb in ih­rem Vortrag den Aufenthalt des ja­pa­ni­schen Tänzers Kuni Masami in Berlin von 1936 bis 1945 und sei­ne Erfahrungen vor dem Hintergrund des Krieges und des NS-Regimes. Kuni Masami kam nach Deutschland, um Kontakt zu Vertretern pro­gres­si­ver Strömungen in Kunst und Kultur zu su­chen und den ja­pa­ni­schen Tanz zu er­neu­ern. Er hat­te vie­le deut­sche Bekannte, un­ter ih­nen auch vie­le Gegner des NS-Regimes, die ihm die Möglichkeit ga­ben, sich auf ih­ren Treffen von der po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Realität je­ner Zeit zu di­stan­zie­ren. Kuni war als Tänzer in die NS-Kulturpropaganda ein­ge­bun­den, er gab je­doch an, zu­nächst nichts vom Rassenhass und den Kriegsvorbereitungen Deutschlands ge­wusst zu ha­ben. Selbst der Krieg war für ihn an­fangs ein Problem an­de­rer Leute. Die Luftangriffe auf Berlin be­stärk­ten ihn in sei­ner Verbundenheit zu der Stadt, Konzerte und Kulturveranstaltungen wa­ren für ihn in die­ser Zeit Ablenkungen von den phy­si­schen und psy­chi­schen Belastungen des Alltags. Kuni ver­ließ Berlin im Februar 1945, wur­de von der Roten Armee auf­ge­grif­fen und nach Japan re­pa­tri­iert.
Die Diskussion zu Frau Endres‘ Vortrag be­han­del­te vor al­lem Kuni Masamis an­geb­li­che Unwissenheit ge­gen­über Verfolgung und Rassismus in NS-Deutschland, so­wie über Möglichkeiten zur Erschließung von Quellen, die Licht auf Kunis Rolle wäh­rend der NS-Zeit wer­fen könn­ten.

3. Abschließendes:
Martha-Christine Menzel (Heidelberg) mach­te auf das Treffen des Arbeitskreises für vor­mo­der­ne Literatur auf­merk­sam, das vom 27. bis 29. Juni 2014 in Göttingen statt­fin­den wird. Das Thema wird „Literatur und Ritual“ sein.

Klaus Antoni (Tübingen) in­for­mier­te über das kom­men­de Treffen des Arbeitskreises „Japanische Religionen“, das vom 08. bis 10. Mai 2014 in Tübingen statt­fin­den wird. Der Arbeitskreis wird in dem Jahr sein zwan­zig­jäh­ri­ges Bestehen fei­ern; aus die­sem Anlass ist ei­ne Publikation ge­plant.

Im Anschluss wur­de über Sinn und Möglichkeiten ei­nes stu­den­ti­schen Workshops im Rahmen der Treffen der Initiative dis­ku­tiert, so­wie über die Schwierigkeiten, Studierende für ei­ne sol­che Veranstaltung zu mo­ti­vie­ren.

Wolfgang Seifert (Heidelberg) und Klaus Antoni (Tübingen) spra­chen über das Verhältnis von Ostasienwissenschaften und Geschichtswissenschaften. Um ei­ne grö­ße­re wis­sen­schaft­li­che Sichtbarkeit her­stel­len zu kön­nen, muss man ja­pa­no­lo­gi­sche Schriften bei­spiels­wei­se in ge­schichts­wis­sen­schaft­li­chen Fachzeitschriften ver­öf­fent­li­chen oder Mitglied in ge­schichts­wis­sen­schaft­li­chen Forschungskreisen wer­den.

Die Tagung en­de­te mit ei­nem herz­li­chen Dank an die Organisatorin die­ses Treffens, Martha-Christine Menzel, an die Vertreter der Fachschaft der Japanologie Tübingen für ih­ren Einsatz und an Klaus Antoni für die Gastfreundschaft bei der Abteilung für Japanologie am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen.

(Protokoll: Constantin Künzl)

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favicon0323. Treffen an der Universität Halle-Wittenberg am 24. und 25. Mai 2014:

Anwesend wa­ren in Halle: Oleg Benesch (York), Lilli Buschmin (Bochum), Aline Dreher (Bochum), Christian Droszdiok (Halle), Farina Fabricius (Bochum), Adrian Gärtner (Heidelberg), Aileen Gerloff (Berlin), Maj Hartmann (Bochum), Frank Käser (Berlin), Karsten Kenklies (Jena), Till Knaudt (Heidelberg), Matthias Koch (Halle), Hiromi Kora (Jena), Constantin Künzl (Heidelberg), Daria Kupis (Bochum), Martha-Christine Menzel (Berlin), Christoph Mittmann (Zürich), Moritz Munderloh (Hamburg), Julian Plenefisch (Berlin), Vanessa Schaar (Bochum), Anke Scherer (Köln), Juliane Schlag (Halle), Daniel Schley (München), Fabian Schmidt (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Tino Schölz (Halle), Mandy Schumann (Halle), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Maik Hendrik Sprotte (Halle), Julia Streubel (Halle), Melina Wache (Bochum), Daniel Wollnik (Bochum), Rita Zobel (Berlin).

Vorträge:
Daniel Schley (München): Vorstellungen sa­kra­ler Herrschaft im mit­tel­al­ter­li­chen Japan
In sei­nem Vortrag stell­te Daniel Schley die Ergebnisse sei­ner kürz­lich in Buchform im LIT Verlag er­schie­nen Dissertation „Herrschaftssakralität im mit­tel­al­ter­li­chen Japan“ vor. Darin un­ter­such­te er die politisch-religiöse Vorstellungswelt des mit­tel­al­ter­li­chen Japan. In sei­nem Vortrag the­ma­ti­sier­te er zu­erst den Zusammenhang von Politik und Religion bzw. die Benutzung re­li­giö­ser Symbole zur po­li­ti­schen Machtdemonstration an­hand von Beispielen so­wohl aus dem ja­pa­ni­schen als auch aus dem eu­ro­päi­schen Mittelalter.
Gegenwärtig gilt der ja­pa­ni­sche Kaiser als Symbol des Staates und der Einheit des ja­pa­ni­schen Volkes, was auf die Trennung von (öf­fent­li­cher) Politik und (pri­va­ter) Religion hin­weist. Der Tennô agiert zwar als höch­ster Priester des Shintô, tue dies aber in pri­va­ter Funktion. Publikationen wie die Manga von Kobayashi Yoshinori oder po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­che Diskussionen ja­pa­ni­scher Mediävisten über die Funktionen des Tennô be­le­gen ein ak­tu­ell gro­ßes Interesse an der Thematik in der Gesellschaft.
Daniel Schley wies al­ler­dings dar­auf hin, dass in die­ser Diskussion die Funktion des Tennô im ja­pa­ni­schen Mittelalter auch von der ja­pa­ni­schen Forschung häu­fig zu ein­di­men­sio­nal dar­ge­stellt wird. Hier ist der Konsens, dass die Institution des Tennô in Japan an­dau­ern konn­te, weil sich ei­ne Trennung der Herrschaft in Autorität (Tennô) und Regentschaft für den Tennô her­aus­bil­de­te, bei der der Monarch zur ide­el­len Legitimation wech­seln­der Machthaber (Hofadel, Krieger) dien­te. Allerdings war die tat­säch­li­che Ausprägung von Herrschaft im ja­pa­ni­schen Mittelalter im Spannungsverhältnis von gött­li­cher Unterstützung und po­li­ti­scher Forderung er­heb­lich viel­schich­ti­ger.
So wur­de po­li­ti­sche Macht im 13. Jahrhundert in Japan nicht nur über die my­tho­lo­gisch fun­dier­ten und bü­ro­kra­tisch aus­ge­bau­ten Herrschaftsstrukturen mit dem Hof und sei­nen Monarchen im Zentrum de­fi­niert. Daneben gab es al­ter­na­ti­ve Ansätze, mit de­nen selbst lo­ka­le Verwalter durch di­rek­te, nicht vom Tennô oder dem Hof ver­mit­tel­ten Bezügen auf die gött­li­che Unterstützung der Buddha und ka­mi ei­ne ide­el­le Sanktionierung ih­rer Machtposition er­rei­chen konn­ten.
Im Verlauf der Diskussion über die tu­gend­haf­te Regierung des Monarchen kri­stal­li­sier­te sich im 13. Jahrhundert ei­ne Vorstellung her­aus, nach der ein­zel­ne Herrscher sehr wohl fehl­bar sein konn­ten und da­für durch gött­li­che Kontrolle – so­wohl aus dem Bereich des Shintô wie auch des Buddhismus – be­straft wer­den kön­nen. Allerdings wur­de die Vorstellung, dass ein Herrscher oder ei­ne Dynastie das Mandat des Himmels ver­lie­ren und da­nach er­setzt wer­den könn­te, nicht aus China über­nom­men. Innerhalb der herr­schen­den Elite konn­te sich die Vorstellung nicht durch­set­zen, dass ei­ne Familie sich über die be­stehen­de po­li­ti­sche und so­zia­le Hierarchie hin­weg an die höch­ste Machtposition set­zen darf. Krisenhaften Situationen wie z.B. Naturkatastrophen und krie­ge­ri­sche Auseinandersetzungen wur­de be­geg­net, in dem durch ri­tu­el­le Handlungen das bud­dhi­sti­sche Gesetz und das kö­nig­li­ches Gesetz wie­der­her­ge­stellt wur­de.

Christoph Mittmann (Zürich): Yamagata Bantô (1748-1821) und des­sen Werk Yume no shiro 夢の代 [Anstelle von Träumen]
In sei­nem Werk Yume no shiro ana­ly­siert und kri­ti­siert Yamagata Bantô das zu sei­ner Zeit in Japan vor­han­de­ne Wissen in Bezug auf Wissenschaft, Tradition und Religion. Danach ver­such­te er, ein ei­ge­nes Wissenschaftssystem auf­zu­bau­en, um da­mit sei­ne Wahrheit zu eta­blie­ren und da­durch auch die ja­pa­ni­sche Gesellschaft und de­ren Missstände an­zu­pran­gern. In sei­ner der­zeit in Arbeit be­find­li­chen Dissertation an der Universität Zürich im UFSP Asien und Europa stellt Christoph Mittmann vor al­lem die Frage, wie Yamagata die vie­len ver­schie­de­nen Aspekte und Einflüsse auf sei­ne Person in die­sem Werk ver­bin­det und wel­cher Aufbau bzw. wel­che Definition von Wissen und Wahrheit dar­in von ihm auf­ge­stellt wer­den, um ihm als Grundlage sei­ner Kritik zu die­nen.
Yamagata Bantô hat die er­sten zwei Drittel sei­nes Lebens als Händler ge­ar­bei­tet und dann an der Kaitokudô Akademie stu­diert. Die Gründung die­ser Einrichtung war u.a. da­zu ge­dacht die ge­sell­schaft­li­che Stellung der Händler auf­zu­wer­ten und ih­nen Wissen zu ih­rem Aufgabengebiet zu ver­mit­teln. Innerhalb der Akademie herrsch­te ei­ne sehr li­be­ra­le Diskussionskultur oh­ne Standesunterschiede; die ein­zi­ge Einschränkung be­stand dar­in, dass dort Diskutiertes nicht da­zu ein­ge­setzt wer­den durf­te um der Gesellschaft zu scha­den.
In sei­ner Dissertation möch­te Christoph Mittmann zu­erst den gro­ßen Rahmen, dann die in­ne­re Struktur/den Aufbau des Werkes und schließ­lich die Verknüpfung des Werkes mit an­de­ren Autoren ana­ly­sie­ren. Beim er­sten die­ser Aspekte stellt sich die Frage da­nach, was Yamagata in sein Werk auf­nimmt und was er aus­schließt um dar­aus ab­lei­ten zu kön­nen, was er als Wissen bzw. Wahrheit be­trach­tet. Themen der in­ne­ren Struktur sind Weltbild, Kosmologie, Astronomie und die Frage was als ord­nen­des Prinzip die­ses Weltbilds dar­ge­stellt wird. Weiterhin stellt sich die Frage nach dem Umgang mit den Zeitschichten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) im Werk. Hier hin­ter­fragt Yamagata die klas­si­schen Werke kri­tisch, in de­nen die Vergangenheit als Quell des Wissens dar­ge­stellt wird. Schließlich soll das Wissensnetzwerk Yamagatas ana­ly­siert wer­den. Dieses Netzwerk be­steht aus Beziehungen zu an­de­ren Händlern, an­de­ren Gelehrten und der Tradierung von Quellen, be­son­ders aus ei­nem Kulturkreis in ei­nen an­de­ren. Christoph Mittmann stellt in sei­ner Arbeit die Forschungsfrage nach den Möglichkeiten, Formen und Praktiken von Studium im Allgemeinen in der spä­ten Edo-Zeit so­wie nach der Art und Weise, in der Kritik am ba­ku­fu ge­übt wird.
Yamagata Bantô be­nutz­te für sei­ne Studien vie­le eu­ro­päi­sche Quellen, die von Jesuiten oder auf Befehl des ba­ku­fu über­setzt wor­den wa­ren. So be­ruft er sich z.B. auf ei­ne Kosmologie John Keills als ei­ne der Quellen für sein he­lio­zen­tri­sches Weltbild.
In der an den Vortrag an­schlie­ßen­den Diskussion wur­den u.a. die Frage er­ör­tert, in wie weit die Ansätze zu Wissen und Herrschaft von Foucault zur Analyse bei­tra­gen kön­nen, ob und war­um das Werk von Yamagata zur Veröffentlichung ge­dacht war, ob Standesunterschiede in der spä­ten Edo-Zeit in Gelehrtenkreisen in Japan noch wich­tig wa­ren und was Yamagata ge­nau am ba­ku­fu kri­ti­siert hat.

Constantin Künzl (Heidelberg): Japans Panasianismus und der Islam. Brührungspunkte zwi­schen der frü­hen Meiji-Zeit und 1945
In die­sem Vortrag stell­te Constantin Künzl er­ste Überlegungen zu sei­nem Promotionsvorhaben vor. Im Zentrum soll da­bei der Begriff des Panasiasmus ste­hen. Asien selbst ist nicht ein­fach zu de­fi­nie­ren, weil es kein rein geo­gra­phi­scher Begriff son­dern mehr ei­ne ideo­lo­gisch ge­präg­te Fremdzuschreibung ist. So wur­de „Asien“ im 19. Jahrhundert zur Gegenüberstellung mit dem „Westen“ ver­wen­det und wird auch heu­te noch nach Belieben und po­li­ti­schem Zusammenhang de­fi­niert. Panasianismus ent­hält die Idee ei­ner all­ge­mein gül­ti­gen Identität, die ih­re Wurzeln in ei­ner kul­tu­rel­len, eth­ni­schen, re­li­giö­sen und geo­gra­phi­schen Gemeinsamkeit asia­ti­scher Völker hat. Der Begriff ist ent­stan­den in ei­nem Kontext von „Pan“- Bewegungen und ein Produkt der Moderne als Kontrapunkt zum Zivilisationsanspruch des Westens.
In all die­sen Definitionen ist der Islam nicht ent­hal­ten, ob­wohl es in Asien z.B. in Indonesien und Malaysia gro­ße mus­li­mi­sche Bevölkerungsteile gibt. Dennoch gibt es Berührungspunkte zwi­schen Panasianismus und Islam, z.B. in Kontakten von na­tio­na­li­sti­schen Bewegungen mus­li­mi­scher Länder und Panasianisten, von Individuen und po­li­ti­schen Vereinigungen wie der Kokuryûkai und der Gen’yôsha. In der er­sten Phase von Japans Auseinandersetzung mit dem Islam (1868-1905) stan­den Kontakte von Individuen im Vordergrund; Japan war vor al­lem mit sei­ner glo­ba­len Position vis á vis west­li­cher Industrienationen be­schäf­tigt. In der zwei­ten Phase (1905-1920) schaff­te Japans Sieg über Russlang ein neu­es Machtgefüge in der Region. Die Ablehnung von Japans Antrag auf Gleichberechtigung bei der Friedenskonferenz von Versailles 1919 führt dann aber zu Japans Abkehr vom Westen und der ideo­lo­gi­schen Hinwendung zu Asien. Der Erste Weltkrieg hat­te das po­si­ti­ve Bild vom zi­vi­li­sier­ten Westen zer­stört. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches und dem Niedergang des za­ri­sti­schen Russland ka­men Muslime nach Japan und tausch­ten sich mit ja­pa­ni­schen Panasianisten aus. In der drit­ten Phase (1930-1945) iso­lier­te sich Japan dann wie­der nach sei­nem Austritt aus dem Völkerbund 1933 und der krie­ge­ri­schen Expansion auf dem Festland. Panasianismus wur­de mehr und mehr zu ei­nem sinn­ent­leer­ten po­li­ti­schen Programm zur Rechtfertigung der Expansion. Die Islampolitik der 1930 Jahre mit der Gründung der Groß-Japanischen Islamgesellschaft 1938 wur­de dann nur noch als Werkzeug des Expansionismus miss­braucht.

Moritz Munderloh (Hamburg): Die Rolle der kai­ser­li­chen Armee in der Verbreitung von Militarismus und Faschismus vor dem 2. Weltkrieg
In die­sem Vortrag stell­te Moritz Munderloh Teile sei­ner Magisterarbeit zu Rolle der Kaiserlich Japanischen Armee bei der Verbreitung von mi­li­ta­ri­sti­scher und fa­schi­stoi­der Ideologie in­ner­halb der ja­pa­ni­schen Bevölkerung vor. (In der Diskussion stell­te Moritz Munderloh klar, dass mit dem Begriff Armee als Übersetzung des eng­li­schen Wortes ar­my das ja­pa­ni­sche Heer und nicht die Marine ge­meint ist.)
Es gab im Vorkriegsjapan kei­ne fa­schi­sti­sche Massenbewegung, aber auch kaum Opposition zu Militär, Krieg und Putschversuchen. Die Mehrheit der Bevölkerung un­ter­stütz­te die Richtung der Regierung, die Kaiserlich Japanische Armee und den rechts­ra­di­ka­len Extremismus. Als Basis des ja­pa­ni­schen Faschismus gilt die shin­toisti­sche Schöpfungsgeschichte. Betont wird im ja­pa­ni­schen Faschismus die Überlegenheit des ja­pa­ni­schen Volkes, ein wich­ti­ges Element war die of­fen­si­ve und ras­si­sti­sche Außenpolitik so­wie die Glorifizierung von Militär und als Besonderheit der Begriff des ko­ku­tai. Maruyama Masao un­ter­teilt die Entwicklung des ja­pa­ni­schen Faschismus in drei Phasen, näm­lich die Vorbereitungsphase, die Reifephase und die Phase der Vollendung. In den er­sten bei­den Phasen han­delt es sich um Faschismus von un­ten; da­nach spricht Maruyama von Faschismus von oben. In der Phase des Faschismus von un­ten wa­ren Verbreiter der Ideologie aus der Bevölkerung sehr wich­tig. Es stellt sich die Frage, wo­von die­se be­ein­flusst wa­ren. Einen ent­schei­den­den Beitrag hier­zu lie­fer­ten durch ihr Lebenswerk zwei ja­pa­ni­sche Offiziere, näm­lich Yamagata Aritomo und Tanaka Giichi, die je­doch kei­nes­falls als Faschisten be­zeich­net wer­den kön­nen.
In Yamagatas Militärpolitik fin­det sich die Idee der Stärkung der Nation durch ei­ne all­ge­mei­ne Wehrpflicht, durch die auch die noch lücken­haf­te Schulbildung er­gänzt wer­den soll­te. Innerhalb des Militärs wur­de mit­tels Indoktrination ein „Soldatengeist“ ge­schaf­fen und kon­ti­nu­ier­lich bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs für die Verbreitung von mi­li­ta­ri­sti­schem und letzt­end­lich fa­schi­sti­schem Gedankengut in der Gesamtbevölkerung ge­sorgt. Strukturell war der Tennô zwar der ober­ste Befehlshaber, de fac­to war die Armee je­doch sehr un­ab­hän­gig und hat­te mit dem Armeeminister ei­ne Lobby für ih­re Belange in der Regierung. Die dua­le Kommandostruktur mit ei­ner­seits ei­nem Armeeministerium und an­de­rer­seits dem Generalstab war un­pro­ble­ma­tisch so­lan­ge Yamagata am Leben war. Nach sei­nem Tod 1922 ver­selb­stän­dig­te sich die mi­li­tä­ri­sche Führung al­ler­dings, um ei­ge­ne po­li­ti­sche Vorstellungen durch­zu­set­zen und ein ei­gen­stän­di­ger Akteur in der Verbreitung mi­li­ta­ri­sti­scher und fa­schi­sti­scher Vorstellungen zu wer­den.
Tanaka Giichi war haupt­ver­ant­wort­lich für den Aufbau des Reichsreservistenverbandes. Dieser soll­te in zu­künf­ti­gen Kriegen für schnel­le Mobilmachung sor­gen und durch die Ausbildung loya­ler Soldaten ins­ge­samt die Loyalität al­ler Bürger si­cher­stel­len. Tanaka hat­te Interesse, die Lücke zwi­schen Schulausbildung und Wehrpflicht zu schlie­ßen. Er ließ sich auf ei­ner Europareise von mi­li­tä­risch kon­trol­lier­ten Jugendverbänden in­spi­rie­ren und schuf nach sei­ner Rückkehr ein ja­pa­ni­sches Äquivalent. 1926 wur­den zu­dem Jugendtrainingsschulen für jun­ge Männer (ab 1935 auch jun­ge Frauen) ge­grün­det, die nicht auf die Oberschule über­gin­gen. Dort un­ter­rich­te­ten vie­le Reservisten, die Lehrinhalte hat­ten ne­ben all­ge­mein­bil­den­den Themen vie­le mi­li­tä­risch re­le­van­te Aspekte. Mitte der 1930 wa­ren fast 1 Million Schüler auf die­sen Schulen, 1939 wur­de ihr Besuch ver­pflich­tend. Weiterhin über­nahm der Reichsreservistenverband ge­sell­schaft­li­che Aufgaben in der Nothilfe, mi­li­tä­ri­sche Aufgaben in der Betreuung von Rekruten und ih­ren Familien so­wie pa­trio­ti­sche Aufgaben wie Öffentlichkeitsarbeit für das Militär. Dadurch trug der Verband zur Indoktrination der Bevölkerung im Sinne der Tennô-Ideologie bei.
Sowohl Yamagata als auch Tanaka hat­ten be­deu­ten­den Einfluss auf die Entstehung der Strukturen, die die Kaiserlich Japanische Armee da­zu be­fä­hig­ten, Militarismus und Faschismus zu ver­brei­ten und so die Bevölkerung zu wil­li­gen Unterstützern zu ma­chen und Japan oh­ne si­gni­fi­kan­ten Widerstand in Richtung des Zweiten Weltkriegs zu füh­ren.
In der Diskussion wur­de die Verwendung des Begriffes Faschismus für Japan hin­ter­fragt so­wie die Rolle lo­ka­ler Akteure in der Verbreitung ul­tra­na­tio­na­li­sti­scher Vorstellungen be­kräf­tigt. Für künf­ti­ge Tagungen der Initiative wur­de des­halb ein Panel zur Forschung über „Faschismus in Japan“ an­ge­regt.

Oleg Benesch (York): Die Samurai ne­ben­an: Bushidô und das chi­ne­si­sche Japanbild in Krieg und Frieden
In sei­nem Vortrag be­fass­te sich Oleg Benesch da­mit, wie der ja­pa­ni­sche Bushidô in China be­son­ders in der neue­ren Geschichte ge­se­hen wur­de. Eine Grundannahme ist hier­bei, dass China von kon­fu­zia­nisch aus­ge­bil­de­ten Staatsbeamten mit ei­nem Fokus auf zi­vi­le Tugenden re­giert wur­de, wäh­rend in Japan Krieger auf Grundlage mi­li­tä­ri­scher Tugenden herrsch­ten. Der Sino-Japanische Krieg 1894/95 ver­stärk­te die­ses Bild und führ­te zu ei­nem Diskurs über den so ge­nann­ten Bushidô, der kei­ne hi­sto­ri­sche Tradition oder Erscheinungsform ei­nes ja­pa­ni­schen „Volkscharakters“, son­dern ei­ne mo­der­ne Erfindung ist, die je nach Autor ver­schie­den in­ter­pre­tiert und dar­ge­stellt wird. So wird Bushidô manch­mal po­si­tiv als trei­ben­de Kraft der ja­pa­ni­schen Wirtschaft, bis­wei­len aber ne­ga­tiv als Hauptgrund für mo­der­nen Militarismus und Kriegsverbrechen dar­ge­stellt.
In China spielt Bushidô seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein wich­ti­ge Rolle in der Prägung des all­ge­mei­nen Japanbildes, da das größ­te Wachstum und der vor­läu­fi­ge Höhepunkt der Bushidô-Ideologie zeit­gleich mit ei­ner noch nie da ge­we­se­nen Welle von chi­ne­si­schen Studenten, Aktivisten und Exilanten in Japan statt­fand. Chinesische Intellektuelle führ­ten die Meiji-Restauration auf Bushidô zu­rück, wäh­rend chi­ne­si­sche Studenten an ja­pa­ni­schen Hochschulen und Militärakademien zu­sam­men mit ih­ren Kommilitonen der Bushidô-Ideologie aus­ge­setzt wur­den. Als die Beziehungen zwi­schen Japan und China sich ver­schlech­ter­ten, wur­de Bushidô in China zu­neh­mend ne­ga­ti­ver be­trach­tet, ob­wohl ei­ne ge­wis­se Vielfältigkeit der Auslegung des Begriffes wei­ter­hin er­hal­ten blieb. Nach 1945 ver­lor Bushidô welt­weit an Bedeutung, wur­de aber in Japan schon bald nach Kriegsende in neu­er Form wie­der­be­lebt. Das chi­ne­si­sche Interesse an dem Thema be­gann erst in den 1980er Jahren wie­der zu wach­sen. Diplomatische Spannungen tru­gen im Verlauf der letz­ten 20 Jahren da­zu bei, dass chi­ne­si­sche Autoren hun­der­te von Büchern und Artikeln über Bushidô ver­öf­fent­licht ha­ben. In die­sen Schriften wird Bushidô oft als Erklärung für ei­nen „an­ge­bo­re­nen“ ja­pa­ni­schen Militarismus dar­ge­stellt und ist ein Hauptthema in Studien über Japan. Dadurch hat die­se Ideologie noch heu­te weit­rei­chen­de Auswirkungen auf die chinesisch-japanische Beziehungen auf staat­li­cher und kul­tu­rel­ler Ebene.

Abschlussdiskussion und Projektvorstellung:
Maik Hendrik Sprotte (Halle) wies auf die Calls for Papers der Sektionen zum Japanologentag 2015 hin, die un­ter www.japanische-geschichte.de/011/ zu­sam­men­ge­stellt wur­den, so­weit Sie ei­nen hi­sto­ri­schen Bezug ha­ben. Außerdem wies er auf das Programm der Sektion "Geschichte" auf der be­vor­ste­hen­den Tagung der “European Association for Japanese Studies” (EAJS) in Ljubljana, Slowenien (27. bis 30. August 2014) hin, das im Internet zur Einsicht be­reit­steht (www.japanische-geschichte.de/012/). Außerdem bat Sprotte er­neut um Meldungen von Autorinnen und Autoren für die „Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung“, auf de­ren Internetpräsenz un­ter www.historische-japanforschung.de ein Formular da­für zur Verfügung steht.

Danach wur­den fol­gen­de Projekte vor­ge­stellt:
(1) Christoph Mittmann (Zürich) stell­te sein Projekt "Wahrnehmung des Anderen in Japan und Korea" vor, das er ge­mein­sam mit Juljan Biontino (Seoul University) durch­führt.
(2) Kora Hiromi (Jena) stell­te ihr Dissertationsvorhaben mit dem Titel "Anthropoiesis im Rahmen der west­li­chen und öst­li­chen an­thro­po­lo­gi­schen Prinzipien. Der Versuch ei­nes Vergleiches der Theorien der Menschenbildung von Motomori Kimura und Otto Friedrich Bollnow" vor.
(3) Andreas Renner, neu­er Lehrstuhlinhaber für Russland/Asienstudien an der LMU München, ließ durch Maik Hendrik Sprotte dar­auf hin­wei­sen, dass er mit­tel­fri­stig pla­ne, ei­nen Workshop zur hi­sto­ri­schen Russland-Japanforschung in München zu or­ga­ni­sie­ren. Maik Hendrik Sprotte (maik@sprotte.name) stellt ger­ne ei­nen Kontakt zwi­schen Herrn Renner und Interesssierten her.
(4) Jan Schmidt (Bochum) wies auf zwei Tagungen hin, die er im Herbst zu­sam­men mit Katja Schmidtpott (FU Berlin) ver­an­stal­tet: "The East Asian Dimension of the First World War: The 'German-Japanese War‘ and China, 1914-1919" (5.-7. September 2014, Ruhr-Universität Bochum) und "Observing the First World War from the ‚Periphery’: Knowledge Transfer and the Transformation of Societies", 8.-9. November 2014, Freie Universität Berlin).

Das Plenum dank­te der Gesellschaft für Japanforschung (GJF) be­son­ders herz­lich für die fi­nan­zi­el­le Unterstützung der Tagung und dank­te auch den Organisatoren und Helfern aus Halle.

(Protokoll: Anke Scherer)

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favicon0224. Treffen am Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin am 22. und 23. November 2014:

Anwesend wa­ren in Berlin: Juliane Aso (Berlin), Niels Bader (Berlin), Ulrich Brandenburg (Zürich), Teelka Groeneveld (Bochum), Lisa Hammeke (Bochum), Maj Hartmann (Bochum), Olga Isaeva (Bonn), Thorsten Kerp (Bonn), Bernd Kirchner (Heidelberg), Till Knaudt (Heidelberg), Gerhard Krebs (Berlin), Heiko Lang (Tôkyô), Anne Lange (Halle), Bernhard Leitner (Wien), Hiroe Matsui (Tôkyô), Martha-Christine Menzel (Berlin), Kenji Nishino (Bonn), Julian Plenefisch (Berlin), Jakub Poprawa (Bochum), Stefanie Schäfer (Berlin), Anke Scherer (Köln), Jan Schmidt (Bochum), Tino Schölz (Halle), Felix Spremberg (München), Niko Tillmann (Bochum), Dinah Zank (Berlin), David Ziegler (München).

Vorträge:
Hiroe Matsui: Lorenz von Stein und sei­ne Japantheorie - Lorenz von Steins Rolle in­ner­halb der Vertragsrevisionen in den 1880er Jahren
Die bis­he­ri­ge hi­sto­rio­gra­phi­sche Forschung hat sich mit Lorenz von Stein vor­ran­gig im Zusammenhang mit sei­ner über­ra­gen­den Bedeutung für die Einführung der eu­ro­päi­schen Staats- und Rechtswissenschaften in Japan be­fasst. In ih­rem Vortrag ging Hiroe Matsui der These nach, dass von Stein auch für die Neuverhandlungen der „un­glei­chen Verträge” ei­ne zen­tra­le Rolle spiel­te. Sie wies dies ei­ner­seits durch ei­ne Rekonstruktion sei­ner Kontakte mit Vertretern der ja­pa­ni­schen di­plo­ma­ti­schen Delegation und an­de­rer­seits durch sei­ne pu­bli­zi­sti­sche Tätigkeit nach. Von Stein war, laut Hiroe Matsui, für das deutsch­spra­chi­ge Publikum die Stimme zu Japan in den Medien. Seine Schriften be­ton­ten da­bei stets die er­folg­rei­che Modernisierung Japans, die das Land mit west­li­chen Staaten auf ei­ne Stufe stell­te und ei­ne Gleichbehandlung not­wen­dig mach­te. Damit trug er zu ei­nem öf­fent­li­chen Klima bei, das ei­ne Revision der Verträge be­gün­stig­te.
Die an­schlie­ßen­de Diskussion dräng­te dar­auf zu klä­ren, in­wie­fern die­se Arbeit über die Grenzen der Stein-Forschung hin­aus ei­nen Beitrag zu kon­zep­tio­nel­len oder theo­re­ti­schen Diskussionen lie­fern kann. Ursprung die­ser Debatte sind un­ter­schied­li­che ge­schichts­wis­sen­schaft­li­che Ansätze, wel­che der Theoriebildung bzw. der Quellen fo­kus­sier­ten Faktensuche un­ter­schied­li­che Bedeutungen bei­mes­sen. Daneben wur­de an­ge­merkt, dass nihon-ron pas­sen­der als „Japanbild“ (an­statt „Japantheorie”) über­setzt wer­den soll­te und dass man die Dolmetscher ein­ge­hen­der be­trach­ten müs­se, da von Stein durch sei­ne man­geln­den Sprachkenntnisse von die­sen voll­kom­men ab­hän­gig war.

Stefanie Schäfer: Die Bedeutung des Tourismus für die Entstehung des öf­fent­li­chen Atombombenerinnerns
Anhand von Dokumenten der Stadtverwaltung Hiroshima aus den spä­ten 1940ern und frü­hen 1950er zeig­te Stefanie Schäfer, dass die Entwicklung ei­ner städ­ti­schen Tourismusstrategie für die Entstehung des öf­fent­li­chen Atombombenerinnerns von gro­ßer Bedeutung war. Dass die­ser Aspekt bis­lang durch die Forschung nicht be­ach­tet wur­de, grün­det laut Referentin dar­in, dass Quellen, wel­che ge­wöhn­lich un­mit­tel­bar mit dem Atombombenerinnern as­so­zi­iert wer­den, den Tourismus voll­kom­men aus­blen­den. Anstatt die­se Lücke als Beleg für die Irrevelanz des Tourismus zu le­sen, kann man sie auch als Indiz neh­men, dass Wissenschaftler die de­le­gi­ti­mie­ren­de Wirkung, wel­cher „Tourismus“ auf das Erinnern hat, re­pro­du­zie­ren, an­statt sie kri­tisch zu ana­ly­sie­ren. Auch muss be­ach­tet wer­den, dass der mo­der­ne Tourismus als Authentizitätssuche nur funk­tio­niert, so­lan­ge er nicht als Tourismus er­kenn­bar ist. Die Abwesenheit des Tourismus im Atombombendiskurs, die Vehemenz, mit der man die­ses Thema von sich weist, und die Tourismusstrategie der Stadt er­ge­ben da­her ein stim­mi­ges Gesamtbild, dass die Bedeutung des Tourismus un­ter­mau­ert.
In der Diskussion wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich Hiroshima da­mit in das weit­läu­fi­ge Phänomen des dark tou­rism ein­rei­he und man nach dem be­son­de­ren Reiz die­ses Tourismus fra­gen müs­se. Auch wur­den Parallelen zur tou­ri­stisch mo­ti­vier­ten Erinnerungslandschaft Okinawas ge­zo­gen. Dass „Frieden“ das zen­tra­le Konzept im tou­ri­sti­schen Branding Hiroshimas war, ist laut Referentin nicht nur den Wünschen der Besatzer, son­dern auch der all­ge­mei­nen Stimmung un­ter der Bevölkerung ge­schul­det. Der Atombombentourismus sei fer­ner nicht per se zy­nisch für die Überlebenden, wie in der Diskussion an­ge­deu­tet, son­dern man müs­se be­ach­ten, dass die hi­ba­ku­sha selbst den Atombombentourismus ent­wickel­ten. Bei der Betrachtung der Erinnerungskultur zwi­schen staat­li­chen und nicht-staatlichen Akteuren dif­fe­ren­zie­ren müs­se.

David Ziegler: Kami, Kaiser, Vaterland: Der ja­pa­ni­sche Ultranationalismus als po­li­ti­sche Religion
Vorhandene – zu­meist funk­tio­na­li­sti­sche, aus der Beschäftigung mit west­li­chen Faschismen ent­stan­de­ne – Theorien zu to­ta­li­tä­ren Systemen er­klä­ren den ja­pa­ni­schen Ultranationalismus nur un­zu­läng­lich. Der Begriff der „po­li­ti­schen Religion“ er­öff­net laut David Ziegler ei­ne Möglichkeit, ei­ner­seits die Wirkungsweise des ja­pa­ni­schen Systems zu er­klä­ren und an­de­rer­seits vor­han­de­ne Theorien um ei­ne kom­pa­ra­tiv an­wend­ba­re Analysekategorie zu er­gän­zen. Die po­li­ti­sche Religion ver­steht David Ziegler im Sinne Claus-Ekkehard Bärschs als han­dels­lei­ten­des Welterklärungsmuster jen­seits ei­ner rein auf Partikularinteresse ba­sie­ren­den Propaganda. Die po­li­ti­sche Religion sa­kra­li­siert den Staat und er­hebt die­sen zur ul­ti­ma ra­tio des Kollektivs. David Ziegler wies die ver­schie­de­nen Dimensionen der po­li­ti­schen Religion (Primat des Kollektivs, Ritual als des­sen Selbstvergewisserung etc.) in ih­ren für den ja­pa­ni­schen Ultranationalismus spe­zi­fi­schen Formen am Beispiel aus­ge­wähl­ter Intellektueller der 1920er und 1930er nach.
In der Diskussion wur­de die Verbindung zwi­schen Ideologie und po­li­ti­scher Macht an­ge­spro­chen. Der Vortragende er­gänz­te, dass ei­ne voll­stän­di­ge ideo­lo­gi­sche Durchdringung der Gesellschaft nicht not­wen­dig sei, da­mit ei­ne Ideologie ih­re Wirkungskraft ent­fal­tet. Wichtig sei die ideo­lo­gi­sche Rahmung re­le­van­ter Entscheidungsprozesse. Auf Rückfrage er­gänz­te der Vortragende, dass zeit­ge­nös­si­sche Beobachtungen, die ähn­li­che Aspekte dis­ku­tie­ren, in die Analyse mit­ein­be­zo­gen wer­den. Die Zuhörer be­ton­ten noch­mals die Bedeutung des vor­han­de­nen Repressionsapparats für den Erfolg des ja­pa­ni­schen Ultranationalismus, die Heterogenität und Brüche der in­tel­lek­tu­el­len Entwicklungslinien, die der Vortrag auf­zeich­ne­te, so­wie die Bedeutung nicht-textlicher kul­tu­rel­ler Produkte für das Funktionieren der po­li­ti­schen Religion.

Olga Isaeva: Eine Ohrfeige dem öf­fent­li­chen Geschmack – Fallbeispiel der 1920er Avangarde-Gruppe MAVO in Japan
In ih­rem Vortrag stell­te Olga Isaeva ei­nen Teil ih­rer Masterarbeit vor, in der sie sich an­hand der Künstlergruppe MAVO mit all­ge­mein üb­li­chen Vorstellungen von Peripherie und Zentrum aus­ein­an­der­setzt, wie sie die der­zei­ti­ge Auseinandersetzung mit der Avantgarde be­stim­men. In jün­ge­rer Zeit wur­de ver­schie­dent­lich kri­ti­siert, dass das her­kömm­lich Verständnis der Avantgarde und ih­re Theorien auf ei­nem eu­ro­zen­tri­schen Weltbild be­ruht, das dem krea­ti­ven, do­mi­nan­ten Westen ei­ne pas­si­ve, epi­go­nen­haf­te Peripherie ent­ge­gen­stellt. Der Vortrag zeig­te an­hand der Künstlergruppe MAVO, ins­be­son­de­re an­hand ih­rer Schlüsselfigur Murayama Tomoyoshi, wie die­se zwar in Europa künst­le­ri­sche Impulse er­hiel­ten, nach ih­rer Rückkehr nach Japan je­doch dar­aus neue, ei­gen­stän­di­ge Kunststile ent­wickel­ten. Ihre Kunst sei, so Olga Isaevas Ergebnis, ei­ne Mahnung, die Avantgarde nicht in hier­ar­chi­schen, star­ren Begrifflichkeiten wie Peripherie und Zentrum zu den­ken und au­ßer­eu­ro­päi­schen Kunstzentren mehr Beachtung zu schen­ken.
In der Diskussion wur­de weit­hin die kri­ti­sche Auseinandersetzung mit den Konzepten Peripherie und Zentrum so­wie der durch sie ver­mit­tel­ten Herrschaftsordnung be­grüßt. Dieses Thema sei, so die ein­hel­li­ge Meinung, über die Kunstgeschichte hin­aus von gro­ßer Relevanz. Es wur­de dar­auf ver­wie­sen, dass Tokyo sei­ner­seits an­de­re Länder, asia­ti­sche wie auch eu­ro­päi­sche, und ih­re Kunst be­ein­fluss­te. Die west­li­che Moderne, so hieß es wei­ter, kam schließ­lich maß­geb­lich aus der Auseinandersetzung mit ja­pa­ni­scher Kunst. Kritisch an­ge­merkt wur­de, dass Leben und Werk Murayamas, so wie sie im Vortrag dar­ge­stellt wur­den, so­wie die Analyse, wel­che auf ei­nem Vergleich Murayamas mit sei­nen eu­ro­päi­schen Einflüssen fußt, droh­ten, in das al­te Schema, das Europa als den Ursprung der Avantgarde und Japan als de­ren Epigone ver­steht, zu­rück­zu­fal­len. Dieser Ansicht wur­de ver­schie­dent­lich wi­der­spro­chen, über­se­he sie doch ei­ner­seits die Bedeutung Japans für die Entstehung der eu­ro­päi­schen Moderne, an­de­rer­seits die Eigenständigkeit und Strahlkraft der ja­pa­ni­schen Avantgarde.

Juliane Aso: Japanischer Kolonialismus im Spiegel von Geografieschulbüchern, 1905–1945
Der Vortrag von Juliane Aso prä­sen­tier­te ei­nen Überblick über ih­re Magisterarbeit zum Thema „Japanischer Kolonialismus im Spiegel von Geografieschulbüchern, 1905–1945“. Die jün­ge­re Debatte zum ja­pa­ni­schen Identitätsdiskurs wäh­rend der Kolonialzeit wur­de stark von Oguma Eijis These be­stimmt, dass das ko­lo­nia­le Japan he­te­ro­ge­ne Identitäten be­för­der­te und dass die für Japan als ty­pisch be­trach­te­te Homogenität erst in der Nachkriegszeit auf­kam. Schulbücher sind in sei­nem Verständnis ein Beispiel für die Heterogenität des ja­pa­ni­schen Kolonialismus. Ausgehend von die­ser These un­ter­such­te Juliane Asos Arbeit die Darstellung der Kolonien in ja­pa­ni­schen Geografieschulbüchern und de­ren Wandel. Sie kam zu dem Schluss, dass die ein­zel­nen Regionen sich zwar stark un­ter­schei­den, dass die­se Heterogenität je­doch nicht gleich­be­rech­tigt ist, son­dern durch ei­ne star­ke Hierarchisierung zwi­schen dem ja­pa­ni­schen Kernland (nai­chi) und den Kolonien (gai­chi) be­stimmt wird, aber auch zwi­schen den Kolonien un­ter­ein­an­der. Dabei va­ri­iert die Darstellung der Kolonie zwi­schen vor­mo­der­nem Sehnsuchtsort (vis á vis ei­nes sich rasch mo­der­ni­si­ern­den Zentraljapans) und Beleg für ei­ne ge­lun­ge­ne Modernisierung, wel­che im­pli­zit die ja­pa­ni­sche Herrschaft über die­ses Gebiet le­gi­ti­miert. Auffallend in der Analyse der Schulbücher war fer­ner die gro­ße Diskrepanz zwi­schen Bild- und Textdiskurs.
Auf Rückfrage in der an­schlie­ßen­den Fragerunde er­gänz­te die Vortragende, dass auch Okinawa und Hokkaido in den von ihr un­ter­such­ten Schulbüchern zur gai­chi ge­hör­ten. Was die Verwendung des Wasserbüffels in den Taiwan-Kapiteln der Schulbücher be­trifft, er­läu­ter­ten ei­ni­ge Teilnehmer, dass die­ser in der ja­pa­ni­schen Malerei als Symbol für China galt und nicht nur ein Symbol für die Zurückgebliebenheit der Peripherie, wie im Vortrag kon­sta­tiert. Auf Nachfrage er­klär­te Juliane Aso, dass die ver­än­der­te po­li­ti­sche Lage Nan'yos auch durch die Schulbücher re­flek­tiert wird, je­doch ist nie von dem Plan, das Gebiet nach er­folg­rei­cher Modernisierung in die Unabhängigkeit zu ent­las­sen, die Rede.

Wolfram Manzenreiter: Konturen des ja­pa­ni­schen Emigrationsstaats – Migrationsmanagement und Diaspora Outreach im Kaiserreich des frü­hen 20. Jahrhunderts
In sei­nem Vortrag gab Wolfram Manzenreiter ei­nen Überblick über die Wurzeln der ja­pa­ni­schen Migrationspolitik. Ausgangspunkt für die­ses Interesse sind neue­re Tendenzen in der Migrationsforschung, die sich mit der Verschränkung von Migration und Entwicklungspolitik be­fas­sen. Damit rücken Senderstaaten in den Fokus, wel­che ge­ziel­te Auswanderungspolitik be­trei­ben. Historisch ge­se­hen ist Japan ein Beispiel für ei­nen sol­chen Migrationsstaat, wo­durch bis heu­te Entwicklungshilfe und Emigrationsdienste in­sti­tu­tio­nell eng mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Seine Wurzeln hat die­ses System in der Kaiserzeit und wird durch sei­nen Ursprung bis in die Gegenwart be­stimmt. Durch ge­ziel­te Emigrationsförderung ließ sich der pro­ble­ma­ti­sche Bevölkerungszuwachs ex­por­tie­ren. Dabei stell­ten Emigranten auf dem in­ter­na­tio­na­len Markt ei­ne Ware dar, wel­che auf die durch die Beendigung des Sklavenhandels ent­stan­de­ne Nachfrage nach Arbeitskräften re­agier­te. Im Kontext des ja­pa­ni­schen Kolonialismus und Expansionismus wa­ren Arbeiter fer­ner ein wich­ti­ges Instrument der Herrschaftserweiterung. In der Nachkriegszeit ver­lo­ren die­se Aspekte an Bedeutung, wo­durch die Auswanderungsrate all­mäh­lich ge­gen Null sank, wäh­rend die Entwicklungshilfe im heu­ti­gen Sinne stieg. Auswanderungspolitik wird heu­te vor­ran­gig als Diasporapflege be­trie­ben, um wirt­schaft­li­che Kooperationen im Ausland zu ver­ein­fa­chen.
Die Diskussionsrunde wur­de durch den Vortragenden mit der Frage er­öff­net, wie Historiker mit der Fülle hi­sto­ri­scher Quellen zu die­sem Thema um­ge­hen und ob sta­ti­sti­sche Auswertungen der Auswandererlisten vor­lie­gen. Diese Listen bie­ten auf­grund von be­wuss­ten Falschangaben der Auswanderer sel­ber kei­ne ro­bu­sten Daten. In der Diskussion wur­de fer­ner auf die Notwendigkeit ver­wie­sen, die Diskussion kai­ser­zeit­li­cher Auswanderung nach Zielregionen zu dif­fe­ren­zie­ren.

(Protokoll: Stefanie Schäfer)

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