Protokolle 13-18 (2009-2011)

Protokolle der 13. bis 18. Tagung aus den Jahren 2009 bis 2011:

Durch Anklicken des ent­spre­chen­den Links kön­nen Sie das Protokoll der zu­ge­hö­ri­gen Tagung auf­ru­fen.

13. Treffen an der Freien Universität Berlin am 2. und 3. Mai 2009
14. Treffen am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich am 7. und 8. November 2009
15. Treffen an der Ruhr-Universität Bochum am 1. und 2. Mai 2010
16. Treffen bei der Abteilung für Japanologie und Koreanistik, Universität Bonn am 6. und 7. November 2010
17. Treffen am Institut für Japanologie und beim Exzellenzcluster "Asia and Europe in a Global Context", Universität Heidelberg am 7. und 8. Mai 2011
18. Treffen an der Cologne Business School am 5. und 6. November 2011

favicon0213. Treffen an der Freien Universität Berlin am 2. und 3. Mai 2009:

Anwesend wa­ren in Berlin: Nils Bader (Berlin), Biru David Binder (Heidelberg), Verena Blechinger-Talcott (Berlin), Juliane Böhm (Berlin), Heinrich Born (Bochum), Alice Buschmeier (Berlin), David Chiavacci (Berlin/Duisburg-Essen), Klaus Dette (Berlin), Anna Ernst (Bochum), Michael Facius (Berlin), Ulrike Flache (Berlin), Judith Fröhlich (Zürich), Barbara Geilhorn (Berlin), Lisa-Elaine Hammeke (Bochum), Daniel Hedinger (Berlin), Nadin Heé (Berlin), Alexander Hoffmann (Berlin), Stefan Hübner (Mainz), Frank Käser (Berlin), Nadine Klimeck (Bochum), Till Knaudt (Bochum), Matthias Koch (Berlin), Hans Martin Krämer (Bochum), Arne Krauß (Bochum), Gerhard Krebs (Berlin), Madeleine Maier (Bochum), Rebecca Mak (Berlin), Diego Matzke (Berlin) Natsuko Nakajima (Bochum), Dolf Neuhaus (Berlin), David Olivier, Lorenz Pagenkopf (Berlin), Julian Plenefisch (Berlin), Heinrich Reinfried (Zürich), Sarah Rossbach (Berlin), Anke Scherer (Köln), Benjamin Schmalofski (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Katja Schmidtpott (Marburg), Tino Schölz (Halle-Wittenberg), Simon Schwenke (Berlin), Sonia Seidel (Berlin), Maik Hendrik Sprotte (Halle-Wittenberg), Patricia Stammsen (Bochum), Reiner Stobbe, Detlev Taranczewski (Bonn), Nadine Vogel (Berlin), Till Weingärtner (Berlin), Robin Weichert (Heidelberg), Matthias Wittig (Berlin), Daniela Wuttke;

Nach der Eröffnung durch Verena Blechinger-Talcott und ei­ner kur­zen Vorstellungsrunde der Teilnehmer hielt zu­erst Ulrike Flache, die Fachreferentin für Japanologie an der Staatsbibliothek Berlin (StaBi), ei­nen Vortrag zu "Informationen aus der StaBi: Leihverkehr, Kataloge, CrossAsia". Die Ostasienabteilung der StaBi Berlin be­treut das DFG-geförderte Sondersammelgebiet Ost- und Südostasien und hat u.a. Fachreferate für China, Japan, Korea und Zentralasien. In ih­rem Vortrag um­riss Ulrike Flache zu­erst die Problematik der ver­schie­de­nen Kataloge, die für die Ostasienbestände der StaBi Berlin exi­stie­ren. Zwar ist die StaBi seit 2006 Mitglied des ja­pa­ni­schen Online-Katalogs NACSIS und ar­bei­tet der­zeit an der Zusammenführung des ei­ge­nen Online-OPAC mit NACSIS, aber Bestände, die bis zur Mitte der 1990er Jahre an­ge­schafft wur­den, sind dar­in nicht er­fasst. Da Benutzer nicht ein­deu­tig fest­stel­len kön­nen, ob sich ei­ne ge­such­te ja­pa­nisch­spra­chi­ge Publikation in der StaBi be­fin­det, wer­den sie ge­be­ten, ge­such­te Publikationen ein­fach im Rahmen des so ge­nann­ten blau­en Leihverkehrs (be­nann­te nach der Farbe der Leihscheine) zu be­stel­len. Über die­sen Leihverkehr, der in­zwi­schen auch on­line vor­ge­nom­men wer­den kann, kön­nen nur Publikationen in ost­asia­ti­schen Sprachen be­stellt wer­den, da­bei muss vom Besteller kei­ne StaBi-Signatur er­mit­telt wer­den. Pro Band soll­te ein Leihschein ge­schickt wer­den, der - falls die Publikation nicht in der StaBi vor­han­den ist - als Anschaffungsvorschlag be­trach­tet wer­den kann. Ulrike Flache bat Besteller um Geduld. Solange ein Schein nicht mit ne­ga­ti­vem Bescheid zu­rück ge­schickt wur­de, sei die Bestellung in Arbeit.
Weiterhin stell­te Ulrike Flache CrossAsia vor. Dieses DFG-geförderte Projekt, das seit April 2005 an der StaBi Berlin in Zusammenarbeit mit acht Kooperationspartners läuft, bie­tet Mitarbeitern und Studierenden der Institute, die am blau­en Leihverkehr teil­neh­men, die Möglichkeit auf ei­ne Reihe ja­pa­nisch­spra­chi­ger Datenbanken zu­zu­grei­fen. Neben ei­ner Metasuche in ver­schie­de­nen Datenbanken (CiNII, KAKEN, Webcat Plus, NII-DBR) bie­tet CrossAsia Recherchemöglichkeiten in di­ver­sen Nachschlagewerken und Datenbanken mit Zeitschriften- und Zeitungsartikelarchiven, teil­wei­se mit Volltext-Angeboten und PDF-Download-Funktionen.

In ih­rem Vortrag ging Nadin Heé der Frage nach der Rolle von phy­si­scher Gewalt im Rahmen der Herrschaftspraxis des von Akteuren wie dem Kolonialverwaltungsbeamten und Wissenschaftler Gotô Shinpei so ge­nann­ten wis­sen­schaft­li­chen Kolonialismus nach. Als Quellen nutzt sie da­bei zeit­ge­nös­si­sche Forschungsberichte und Fotographien, Akten, Dokumente der Kolonialverwaltung (teil­wei­se auf Englisch für das Ausland pro­du­ziert), Zeitungen und Zeitschriften so­wohl der Kolonialverwaltung als auch der tai­wa­ne­si­schen Opposition, Tagebücher so­wie Autobiographien ja­pa­ni­sche Kolonialbeamter, tai­wa­ne­si­scher Beamte und tai­wa­ne­si­scher Oppositioneller.
Als Beispiel für den Umgang mit phy­si­scher Gewalt auf Taiwan führ­te Nadin Heé die Prügelstrafe an, die in den frü­hen 1880er Jahren in Japan be­reits als bar­ba­risch ab­ge­schafft wor­den war. Bei der Kolonialisierung Taiwans wur­de sie dort auch zu­erst ab­ge­schafft, dann aber als Mittel zur Reduzierung der Anzahl von Gefangenen in den über­füll­ten Gefängnissen und zur Überbrückung an­de­rer Engpässe im Strafsystem 1904 wie­der ein­ge­führt. Im zeit­ge­nös­si­schen Diskurs über die 'Zivilisiertheit' bzw. 'Unzivilisiertheit' der Peitschenhieb-Verordung in Taiwan ver­trat Gotô die Ansicht, dass die Prügelstrafe nur im Rahmen des chi­ne­si­schen Strafrechts bar­ba­risch sei. Im nicht-barbarischen ja­pa­ni­schen Strafrecht die­ne sie hin­ge­gen der Zivilisierung. Die ja­pa­ni­sche Kolonialverwaltung über­nahm da­bei die chi­ne­si­schen Techniken der phy­si­schen Bestrafung, 'mo­der­ni­sier­ten' sie aber und kon­stru­ier­ten so ei­ne 'wis­sen­schaft­li­che' Peitsche, die dem Zweck der lang­fri­sti­gen Zivilisierung der Bevölkerung Taiwans die­nen soll­te.
In der an den Vortrag an­schlie­ßen­den Diskussion ging es zu­erst um die Verwissenschaftlichung von Kolonialherrschaft. Hierbei wer­de die Herrschaft durch ge­naue Dokumentation so­wie zur die Hinterlegung ko­lo­nia­ler Praktiken durch wis­sen­schaft­li­che Theorien le­gi­ti­miert. An die­ser Verwissenschaftlichung ha­ben sich ver­schie­de­ne Disziplinen be­tei­ligt, in Japan selbst wur­den Kolonialwissenschaften eta­bliert, die sich mit der Erforschung der ko­lo­nia­len Welt Japans be­fass­ten. Obwohl durch die­se Verwissenschaftlichung die Anwendung phy­si­scher Gewalt ge­re­gelt wer­den soll­te, gab es je­doch in der Praxis Willkür und Regelverstöße. Eine Bewegung tai­wa­ne­si­scher Oppositioneller, die durch lo­ka­le Einflussnahme ver­such­te ei­ne Gesetzesänderung in Sachen Prügelstrafe zu er­wir­ken, hat­te letzt­end­lich kei­ne Erfolg. In der Praxis blie­ben die Körperstrafen ein Teil sym­bo­li­scher Politik, mit der Bestrafte er­nied­rigt und die ja­pa­ni­sche Macht in Taiwan de­mon­striert wer­den soll­ten.

Alice Buschmeiers Vortrag zum Thema "Kunst und Krieg. Der Maler Fujita Tsuguji, 1937-45" hat­te den als pro­pa­gan­di­stisch bis re­gime­kri­tisch kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Maler Fujita Tsuguji (1886-1968) zum Gegenstand und be­fass­te sich mit dem Verhältnis von do­ku­men­ta­ri­scher und pro­pa­gan­di­sti­scher Ebene in sei­nen Bildern. Fujita wur­de nach ei­nem Aufenthalt in Paris in den 1920er Jahren und ei­ner Weltreise, die ihn auch nach Südamerika führ­te, 'der' Kriegsmaler im Zweiten Weltkrieg in Japan. Nach dem Krieg rei­ste er wie­der nach Paris, kon­ver­tier­te zum Katholizismus und kehr­te nie wie­der nach Japan zu­rück.
Während des Zweiten Weltkriegs dien­te Fujita dem ja­pa­ni­schen Militär als Kriegsmaler und vi­sua­li­sier­te zwi­schen 1937 und 1945 al­le wich­ti­gen Schlachten. Alice Buschmeier de­mon­strier­te am Beispiel ei­nes sei­ner be­kann­te­sten Kriegsbilder - dem Bild "Ehrentod auf Attu" von 1943 - die Ikonographie des Malers. Als Appell an das Durchhaltevermögen der ja­pa­ni­schen Bevölkerung stellt das Bild die ver­zwei­fel­te Offensive der ja­pa­ni­schen Armee an­ge­sichts ei­ner er­drücken­den zah­len­mä­ßi­gen Überlegenheit des US-Militärs dar. Es ent­hält da­bei al­ler­lei Anleihen aus der eu­ro­päi­schen Kunst so­wie auch christ­li­che Motive. Krieg wird als hei­li­ger Krieg cha­rak­te­ri­siert, die Kriegsrealität wird ver­klärt, Soldaten sind Märtyer, die sich für das Vaterland auf­op­fern. Fujita war be­gei­stert von sei­nem Bild und in­sze­nier­te in Interviews des­sen re­li­giö­sen Aspekte, dem Militär hin­ge­gen er­schien es als zu bru­tal und des­halb nicht für die Propaganda ge­eig­net. Trotzdem wur­de das Bild auf ei­ner gro­ßen Kriegsausstellung ge­zeigt.
Mit der Frage nach der Wirkung der ver­wen­de­ten Motive Fujitas be­gann nach dem Vortrag die Diskussion dar­über, wie­so Besucher be­gei­stert auf sei­ne Bilder re­agier­ten, ob­wohl sie ge­ra­de die Anleihen aus der christ­li­chen Ikonographie ver­mut­lich nicht ganz ver­stan­den. Alice Buschmeier wies hier­zu auf die all­ge­mei­ne Auffassung hin, dass sich west­li­che Malerei bes­ser als Malstil für Kriegsmalerei eig­ne als ja­pa­ni­sche Malerei. Die von Fujita ver­wen­de­te Ikonographie sei auch all­ge­mein re­li­gi­ös und wir­ke durch die Darstellung von in­di­vi­du­el­lem Leid.

Der letz­te Vortrag des Tages von Till Knaudt (Bochum) hat­te den Titel: "Die Neue Linke, der Antiimperialismus und der be­waff­ne­te Kampf in Japan und der Bundesrepublik Deutschland." Darin ging er kurz auf die Entstehung der so ge­nann­ten ja­pa­ni­schen Rote Armee Fraktion - der se­ki­gun­ha - ein. Deren Entführung ei­nes Passagierflugzeuges im Jahre 1970 war ein Wendepunkt in den seit ei­ni­ger Zeit schwe­len­den Studentenprotesten in Japan. Es be­gann die Entwicklung ei­nes in­ter­na­tio­na­len lin­ken Terrorismus, be­son­ders in Deutschland, Japan und Italien, der oft auch im Zusammenhang mit der Ablehnung des Faschismus der je­wei­li­gen Elterngenerationen ge­se­hen wird. Tenor die­ser neu ent­stan­den Gruppen des lin­ken Terrorismus war der Anti-Imperialismus so­wie die Unterstützung pa­lä­sti­nen­si­scher Guerilla.
In der Erforschung die­ses Phänomens in Deutschland ha­ben sich zwei Hauptströmungen her­aus­ge­bil­det: Zum ei­nen wer­den die Wurzeln des lin­ken Terrorismus in den Gewaltexzessen der Studentenbewegung be­sucht, zum an­de­ren wird der po­si­ti­ve Bezug der Gruppen auf die post­ko­lo­nia­len na­tio­na­len und so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Bewegungen be­tont, bei dem in Abgrenzung von der Zwei-Lager-Theorie an­ge­nom­men wird, dass na­tio­na­le Befreiungsbewegungen zur Entwicklung so­zia­ler Widersprüche füh­ren, die dann welt­re­vo­lu­tio­nä­res Potential er­zeu­gen. Die Stadtguerilla in den Metropolen der er­sten Welt un­ter­stüt­ze dann die­se Bewegungen der Peripherie.
In sei­ner Dissertation plant Till Knaudt nun ei­nen hi­sto­ri­schen Vergleich der deut­schen RAF und der ja­pa­ni­schen se­ki­gun­ha um fest­zu­stel­len, wie glo­bal das den Gruppen zu­grun­de lie­gen­de Phänomen war. Hintergrund des Dissertationsprojektes ist, dass sich zwar die Untersuchung der deut­schen Geschichte auf ho­hem Forschungsniveau be­fin­de, im Gegensatz da­zu aber die ja­pa­ni­sche se­ki­gun­ha als Forschungsgegenstand auf gro­ßes Unverständnis sto­ße. Japanische Gewalt wird in die­sem Zusammenhang als Sonderweg ge­se­hen. Um aber dem Untersuchungsgegenstand se­ki­gun­ha ge­recht zu wer­den, kann man die von ihr aus­ge­üb­te Gewalt nicht ein­fach als Entartung ab­tun, son­dern muss sie in ih­rem hi­sto­ri­schen Kontext un­ter­su­chen. Dabei soll­te nicht von der moralisch-normativen Deutung aus­ge­gan­gen wer­den, es geht nicht um Ablehnung oder Befürwortung von Gewalt, son­dern um die per­so­nel­le und ide­en­ge­schicht­li­che Entwicklung des so ge­nann­ten an­ti­im­pe­ria­li­sti­schen Terrorismus in Japan.
Die an den Vortrag an­schlie­ßen­de Diskussion the­ma­ti­sier­te die in­ter­na­tio­na­le Vernetzung der se­ki­gun­ha so­wie den Stellenwert des Anti-Imperialismus. Hitzig wur­de auch die Frage nach der Legitimation der ei­ge­nen Aktionen auf Seiten der RAF und der se­ki­gun­ha so­wie die nor­ma­ti­ve und mo­ra­li­sche Bewertung von Gewalt in die­sem Kontext dis­ku­tiert. Die Dissertation wird ver­su­chen die Frage zu klä­ren, wel­che Faktoren da­zu bei­tru­gen, dass aus ei­ner na­tio­nal an­ge­leg­ten Studentenbewegung ei­ne in­ter­na­tio­na­le und dann auch ge­walt­tä­ti­ge Bewegung wur­den.

Der Sonntag wur­de mit ei­ner Runde er­öff­net, die Gelegenheit gab lau­fen­de Projekte und Abschlussarbeiten vor­zu­stel­len so­wie auf an­ste­hen­de Termine hin­zu­wei­sen. Unter an­de­rem sprach Biru David Binder (Heidelberg) kurz über sein Dissertationsprojekt zu den Vorstellungen der Amur-Gesellschaft (ko­ku­ryû­kai) zu Gender. Stefan Hübner (Mainz), der sei­ne Abschlussarbeit über die Untersuchung des Japan-Bildes der NSdAP ge­schrie­ben hat­te, stell­te kurz sein Dissertationsprojekt zur ja­pa­ni­schen Erinnerung an den Kolonialismus in Korea vor.
Wie im­mer wur­de auf die Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung hin­ge­wie­sen , für die je­der sei­ne deutsch­spra­chi­gen Publikationen zur ja­pa­ni­schen Geschichte mel­den soll­te, so­wie auf die Datenbank von Übersetzungen ja­pa­ni­scher Quellen in eu­ro­päi­sche Sprachen, zu der eben­falls je­der Hinweise auf ent­spre­chen­de Übersetzungen bei­tra­gen kann.
Für den 14. Deutschsprachigen Japanologentag, der vom 29.09. bis 02.10.2009 an der Universität Halle-Wittenberg statt­fin­det, wur­de ei­ner­seits auf die Sektion Geschichte hin­ge­wie­sen, die dies­mal Vorträge zum Oberthema Körper an­bie­tet. Weiterhin fin­det ein Panel zum Thema "Der mo­bi­li­sier­te Bürger? Aspekte ei­ner zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Partizipation im Japan der Kriegszeit (1931-1945)" statt.
Vor dem über­näch­sten Treffen der Initiative zur hi­sto­ri­schen Sozialforschung am er­sten Maiwochenende 2010, für das sich Bochum be­reits als Gastgeber zur Verfügung ge­stellt hat, wird ei­ne Tagung zum Thema "Langes 19. Jahrhundert" statt­fin­den, die von ei­ner stu­den­ti­schen Arbeitsgruppe ver­an­stal­tet wird, die sich der­zeit mit ei­nem Vergleich zwi­schen Kyûshû und dem Ruhrgebiet be­schäf­tigt.

Der letz­te Vortrag des Treffens wur­de von Heinrich Reinfried (Zürich) ge­hal­ten zum Thema "Wie lässt sich die Effizienz des Japanischunterrichts auf der Tertiärstufe stei­gern? Zur Relevanz des päd­ago­gi­schen Konstruktivismus in der sprach­li­chen Grundausbildung von Japan-Historikern". Er be­rich­te­te dar­in über ein von ihm ent­wickel­tes Konzept zur Neugestaltung des Japanischunterrichts. Ausgangspunkt sei­ner Überlegungen ist, dass Sprachkenntnisse für Japanhistoriker un­ab­ding­bar sind, al­ler­dings die mei­sten Studienanfänger über kei­ner­lei Vorkenntnisse ver­fü­gen. Bei zu­neh­mend he­te­ro­ge­nen Studentengruppen, di­ver­sen Lehrzielen und den Vorgaben der Universitäten, Lernziele in im­mer kür­ze­rer Zeit zu er­rei­chen, soll­te des­halb der Japanischunterricht so neu kon­zi­piert wer­den, dass Studierende an­fangs schnell Erfolge er­zie­len und schnell auf ei­ner "Reiseflughöhe" im Japanischen sind. Um dies zu er­rei­chen, soll­ten Sprachlehrer nicht län­ger auf die durch ja­pa­ni­sche Vorgaben ge­steu­er­ten Curricula zu­rück­grei­fen, son­dern sich auf die Bedürfnisse der Lerner kon­zen­trie­ren. Dies bräuch­ten im Zeitalter elek­tro­ni­scher Medien im­mer we­ni­ger Handschriftkenntnisse, Computerschrift rei­che an­fäng­lich völ­lig aus. Eine an den Konstruktivismus an­ge­lehn­te Methode, bei der Lerner durch stän­di­ge ge­lenk­te Konstruktionsprozesse ei­gen­stän­dig Texte pro­du­zie­ren führt schon früh zu ei­ner Autonomie der Studenten beim Spracherwerb. Die Rolle des Lehrenden ver­än­dert sich da­bei hin zu ei­ner Instanz, die die Produkte des ei­gen­stän­di­gen Lernprozesses kor­ri­giert und be­glei­tet. Das Skript zum Vortrag von Heinrich Reinfried kann un­ter http://asiaintensiv.pbworks.com/methodik ein­ge­se­hen wer­den.
In der Diskussion des Vortrages gab es Nachfragen zu den Erfolgsquoten des Konzepts, das beim Vortragenden zu sehr ge­rin­gen Abbrecherquoten im Japanischunterricht führt. Thematisiert wur­den auch die un­ter­schied­li­chen Zielvorstellungen ver­schie­de­ner Lerner. Hier bringt der Kurs zu­erst al­le auf ein be­stimm­tes Niveau, von dem aus sich dann die ein­zel­nen Lerner in in­di­vi­du­el­le Richtungen ent­wickeln kön­nen. Auf Seiten der ja­pa­ni­schen Japanischlehrer sind die Reaktionen auf das neue Konzept ge­mischt, da bei ei­ni­gen Angst da­vor be­steht, die Kontrolle über den Unterricht zu ver­lie­ren.

(Protokoll: Anke Scherer)

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favicon0114. Treffen am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich am 7. und 8. November 2009:

Anwesend wa­ren in Zürich: Anja Batram (Bochum), Biru David Binder (Heidelberg), Christof Dejung (Konstanz), Dietmar Ebert (Bochum), Jörg Fisch (Zürich), Judith Fröhlich (Zürich), Aileen Gerloff, Benjamin Grossman-Hensel, Lisa Hammeke (Bochum), David Johst (Halle), Frank Käser (Berlin), Hans Martin Krämer (Bochum), Misa Lamdark (Zürich), Morikawa Takemitsu (Luzern), Simone Müller (Zürich), Nishino Kenji (Bonn), Ôishi Shûhei (Zürich), Heinrich Reinfried (Zürich), Jonas Rüegg (Zürich), Anke Scherer (Köln), Benjamin Schmalofski (Bochum), Katja Schmidtpott (Marburg), Bernhard Stech, Detlev Taranczewski (Bonn), Sven Trakulhun (Zürich), Raissa Trettwer (Bochum), Paola von Wyss-Giacosa (Zürich), Martin Weiser; Verena Werner (Zürich).

Der er­ste Vortrag von Jörg Fisch (Universität Zürich) hat­te den Titel "François Valentyn (1666-1727) und Japan. Wie ein asi­en­kun­di­ger eu­ro­päi­scher Beobachter das Land aus der Ferne sieht." Ausgangspunkt war die Fragestellung da­nach, was man zur da­ma­li­gen Zeit in Europa über Japan wuss­te. So ent­hält das Werk des Niederländers François Valentyn län­ge­re Ausführungen zu Japan, ob­wohl der Autor selbst nur se­kun­dä­re Kenntnisse über das Land hat­te. Valentyn war nach ei­nem Theologiestudium in die Dienste der Niederländischen Ostindien-Kompanie ge­tre­ten und hat­te sich län­ge­re Zeit in Südostasien auf­ge­hal­ten. Nach Streitigkeiten mit sei­nem Arbeitgeber war er in die Niederlande zu­rück­ge­kehrt. Sein 1726 ver­öf­fent­lich­tes um­fang­rei­ches Werk über Ost-Indien ist ge­dacht als Zusammenstellung al­len Wissens, das ein Europäer zur da­ma­li­gen Zeit über Asien ha­ben konn­te und ent­hält des­halb auch ein Kapitel über Japan, das sich auf zeit­ge­nös­si­sche Quellen und Berichte stützt. Das Material spie­gelt vor al­lem die Interessen der in Japan ak­ti­ven Niederländer wi­der und ent­hält die hier­für als dis­kus­si­ons­wür­dig er­ach­te­ten Themen. Neben all­ge­mei­nen Informationen zu Geographie, Geschichte, Kultur und Religion in Japan taucht des­halb die Problematik der Darstellung von Tennô und Shôgun auf. Durch das im Umgang mit den po­li­ti­schen Gegebenheiten der Tokugawa-Zeit ge­präg­te Verständnis der Niederländer von Herrschaft in Japan be­ein­flusst, wer­den der Shôgun als Kaiser und die Daimyô als Könige be­zeich­net. Der Tennô taucht in der Beschreibung Valentyns als ein re­li­giö­ses Oberhaupt auf und wird mit dem Papst ver­gli­chen. Als Fazit der Untersuchung des Werkes von François Valentyns zog Fisch den Schluss, dass es sich trotz des von Valentyn er­ho­be­nen Anspruchs auf Vollständigkeit nicht um ei­nen sy­ste­ma­ti­schen über­blick al­len Wissens über Asien han­delt, son­dern die oft an­ek­do­ti­sche Zusammenstellung von Informationen zeigt, dass man vor al­lem das wahr­nimmt, was man wis­sen will und dies im Lichte des ei­ge­nen Vorwissens in­ter­pre­tiert.

Der an­schlie­ßen­de Vortrag von Sven Trakulhun (Universität Zürich) zu "Asien und Europa in der Neuzeit. Ansätze zu ei­ner Geschichte Eurasiens" wand­te sich der Frage des Kulturtransfers zu. Dieser Ansatz ver­führt oft da­zu, die Bedeutung von Grenzen zu un­ter­schät­zen oder in ei­nem ko­lo­nia­len Kontext den Mangel an Reziprozität zu über­se­hen. Trakulhun führ­te dies aus, in­dem er die Schriften von Engelbert Kaempfer zu Japan und zu Siam ana­ly­sier­te. Kaempfer war als Grenzgänger in drei Systemen tä­tig (Diplomatie, Handel und Wissenschaft), die zum Kulturtransfer bei­tra­gen. Sowohl in Japan als auch in Siam wa­ren die Kontakte zu Europa zweck­ori­en­tiert, bei­de Länder schot­te­ten sich an­son­sten von eu­ro­päi­schen Einflüssen nach Möglichkeit ab und ent­gin­gen in den fol­gen­den Jahrhunderten der Kolonialisierung. Der Grenzgänger Engelbert Kaempfer, der ei­gent­lich Träger ei­nes Kulturtransfers sein konn­te, be­für­wor­te­te die­se Abschließung; denn er sah in der Offenheit für Transfer auch die Gefahr der kul­tu­rel­len Konversion. Voltaire und Justi über­nah­men im Verlauf des 18. Jahrhunderts die Ansichten Kaempfers. In der an­schlie­ßen­den Diskussion wur­de hier­zu die Frage auf­ge­wor­fen, in wie weit Kaempfer re­prä­sen­ta­tiv für die Ansichten sei­ner Zeit war. Es soll­te näm­lich nicht au­ßer Acht ge­las­sen wer­den, dass die ge­nann­ten Ansichten von Kaempfer, Voltaire und Justi sich von spä­te­ren Generationen des­halb als Klassiker le­sen las­sen, weil sie für ei­ne Kolonialismuskritik ge­nutzt wer­den kön­nen, die erst in ei­ner viel spä­te­ren Zeit aus­for­mu­liert wur­de.

Vortrag drei des er­sten Tages wur­de von Hans Martin Krämer (Universität Bochum) ge­hal­ten zum Thema "Von de­vi­an­ten Dharmas und sek­ten­haf­ten Lehren: Die Konstruktion der Kategorie Religion in Japan zwi­schen 1550 und 1900". Darin stell­te er er­ste Ergebnisse ei­ner be­griffs­ge­schicht­li­chen Studie zum Verhältnis von Religion und Politik in Japan in der frü­hen Neuzeit vor. Im Mittelpunkt stand da­bei ei­ner­seits die Frage, wie die "Religionspolitik" des Shogunats in der frü­hen Neuzeit ihr Objekt fass­te, und an­de­rer­seits der Prozess der Formulierung ei­nes neu­en Objektbegriffs "Religion" zu Beginn der Meiji-Zeit. Neuere Studien zur mo­der­nen ja­pa­ni­schen Religionsgeschichte be­to­nen, dass ein mo­der­ner Religionsbegriff in Japan erst seit den 1870er Jahren exi­stie­re und dass die­ser ei­ne spe­zi­fisch west­li­che Prägung ha­be. Um die Konsequenz die­ser Erklärung für die Vormoderne zu un­ter­su­chen wid­me­te Krämer sich der Frage, wie in der Tokugawa-Zeit über "Religion" ge­spro­chen wur­de. So ging auch schon das Tokugawa-Shogunat von ei­ner di­cho­to­mi­schen Trennung zwi­schen öf­fent­li­chem Kult und pri­va­ter Religion aus, wie sie in der Meiji-Verfassung von 1889 ko­di­fi­ziert wur­de. Die Diskussion dreht sich dann in wei­te­sten Sinn um die Möglichkeit der Definition von Religion bzw. dar­um wie Sprache Realitäten schaf­fen kann. Es wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Religion in Europa auch erst durch die Problematisierung des Phänomens in der Aufklärung zum Begriff ge­macht wur­de.

Als letz­ten Vortrag des Samstags stell­te Simone Müller (Universität Zürich) ihr Habilitationsprojekt vor: "Schriftsteller als Intellektuelle in der ja­pa­ni­schen Nachkriegszeit (1945-1972) und ih­re Bezüge zu Jean-Paul Sartres Konzept des Engagements". Es geht da­bei dar­um an­hand der Literatendiskurse der ja­pa­ni­schen Nachkriegszeit das Intellektuellenprofil der ja­pa­ni­schen Schriftsteller im Lichte ih­rer Bezüge zum exi­sten­tia­li­sti­schen Engagementkonzept, das auf Jean-Paul Sartre zu­rück geht, neu zu de­fi­nie­ren. Nach 1945 nah­men in Japan Schriftsteller und Literaturkritiker die Frage nach der in­di­vi­du­el­len Verantwortung in der Gesellschaft neu auf und ent­deck­ten im Konzept Sartres ein in­tel­lek­tu­el­les Ideal und Vorbild für die ei­ge­ne Literatur. Durch die über­nah­me des Modells und sei­ne Transformation für ja­pa­ni­sche Verhältnisse ent­stand ein po­li­tisch en­ga­gier­ter und so­zi­al­kri­ti­scher Typus des in­tel­lek­tu­el­len Schriftstellers, der dem Konzept des fran­zö­si­schen Intellektuellen in vie­ler Hinsicht äh­nelt. Erst in den 1970er Jahren ver­lor die­ser Intellektuellentypus in Japan an Wirkkraft.

Den Sonntagmorgen er­öff­ne­te ei­ne Runde, in der lau­fen­de Projekte vor­ge­stellt wer­den konn­ten. Danach stell­te David Johst (Universität Halle) das Graduiertenkolleg "Formenwandel der Bürgergesellschaft: Japan und Deutschland im Vergleich" vor. Den letz­ten Vortrag des Treffens hielt Katja Schmidtpott (Universität Marburg) zum Thema "150 Jahre C. Illises & Co.: Ein deut­sches Handelshaus in Japan". Darin gab sie ei­nen über­blick über das er­ste Drittel der Geschichte des Unternehmens C. Illies & Co. von der Gründung der Firma in Nagasaki im Jahre 1859 über die na­he­zu un­ge­brem­ste Aufwärtsentwicklung des Unternehmens bis zur vor­über­ge­hen­den Einstellung der Geschäftstätigkeit zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Zuerst be­han­del­te sie die Schwierigkeiten des Markteintritts und die Anpassung an die wech­sel­haf­te Marktentwicklung im Laufe des 19. Jahrhunderts, um Strategien auf­zu­zei­gen, die da­zu bei­tru­gen, dass das Handelshaus in Japan nicht nur Fuß fas­sen, son­dern auch wach­sen und dau­er­haft be­stehen konn­te. Dabei ar­gu­men­tier­te sie, dass ins­be­son­de­re die Auswertung von Informationen über die po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Verhältnisse in Japan so­wie der Aufbau von gu­ten Verbindungen zu ja­pa­ni­schen Regierungskreisen und Behörden we­sent­lich zum Unternehmenserfolg in der frü­hen Phase bei­ge­tra­gen ha­ben.

(Protokoll: Anke Scherer)

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favicon0415. Treffen an der Ruhr-Universität Bochum am 1. und 2. Mai 2010:

Anwesend wa­ren in Bochum: Anja Batram (Bochum), Markus Berner (Bochum), Alexander Brinkmann (Bochum), Thomas Büttner (Heidelberg), David Chwila (Bochum), Nele Friederike Dibbert (Bochum), Anna Ernst (Bochum), Lisa Elaine Hammeke (Bochum), Ayako Hara (Wuppertal), Nina Holzschneider (Bochum), Stefan Hübner (Bremen), Frank Käser (Berlin), Thorsten Kerp (Bonn), Hans Martin Krämer (Bochum), Arne Krauß (Bochum), Daria Kupis (Bochum), Madeleine Maier (Bochum), Regine Mathias (Bochum), Michael Mattner (Bochum), Kenji Nishino (Bonn), Kazuki Okauchi (Bochum), Erich Pauer (Marburg), Julian Plenefisch (Berlin), Anke Scherer (Köln), Jan Schmidt (Bochum), Merlin Schmidt (Bochum), Katja Schmidtpott (Marburg), Tino Schölz (Halle), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Nora Stifter (Bochum), Norman Sudrow (Bochum), Detlev Taranczewski (Bonn), Friederike Turowski (Bochum), Nora Zesling (Bochum) so­wie als Gäste von der Universität Kyûshû Akashi Tomonori, Nojima Yoshitaka und Yamaguchi Teruomi.

Thomas Büttner: Auflösung der Parteien? Kontinuitäten von Seiyûkai und Minseitô über 1940 hin­aus;
Den er­sten Vortrag des Treffens be­gann Thomas Büttner mit der Erklärung der Hintergründe sei­ner Forschungsfrage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Bereich par­tei­po­li­ti­scher Akteure. So ging zwar im Verlauf der 1930er Jahre der Einfluss von Parteien stark zu­rück, bis die Parteien 1940 im Vorfeld der Einführung des "Neuen Politischen Systems" auf­ge­löst wur­den, aber auch oh­ne die Parteien als Organisationen be­hiel­ten Politiker ih­re Rolle als Parlamentarier. Thomas Büttner stell­te sich hier die Frage, in wel­chem Maße es Parteipolitikern ge­lang, sich trotz des Niedergangs ih­rer Organisationen ein­fluss­rei­che Plätze in der Politik zu si­chern. Hier er­ga­ben sich Unterschiede zwi­schen der Seiyûkai und der Minseitô so­wie zwi­schen den ver­schie­de­nen Faktionen, die sich in­ner­halb der Seiyûkai her­aus­ge­bil­det hat­ten. Bei der Wahl 1942 wur­den die mei­sten Mitglieder der Nakajima-Faktion der Seiyûkai in ih­re Mandate zu­rück ge­wählt, wäh­rend Mitglieder der Kuhara-Fraktion und Abgeordnete der Minseitô häu­fig ihr Mandat ver­lo­ren, da die­se Gruppen nicht of­fi­zi­ell durch die Taisei yo­ku­s­an­kai emp­foh­len wor­den wa­ren, wie dies bei den Mitgliedern der Nakajima-Faktion der Fall war. Als Fazit for­mu­lier­te Thomas Büttner, dass zwar die Parteien auf­ge­löst wur­den, die Politiker aber oh­ne­hin im Rahmen ih­rer per­sön­li­chen Netzwerke und Seilschaften funk­tio­nier­ten und sich die­je­ni­gen Politiker durch­set­zen konn­ten, die sich am Besten mit den po­li­ti­schen Gegebenheiten ar­ran­gier­ten.
Diskutiert wur­de dann, ob das Konstrukt des "1940er Systems" heu­ri­stisch sinn­voll ist, da im Vergleich zu 1945 der Bruch 1940 nicht so groß war und 1940 nichts wirk­lich Neues ein­ge­führt wur­de. Entscheidend wa­ren laut Büttner nicht die in­sti­tu­tio­nel­len Strukturen son­dern die per­sön­li­chen Netzwerke. Weiterhin wur­de dis­ku­tiert, wel­che Rolle das Vorbild Deutschland spiel­te und ob es im Prozess der "Gleichschaltung" an­de­rer Einheiten ähn­li­che Dynamiken gab wie im Bereich der Parteienlandschaft. In Bezug auf das Vorbild Deutschland ar­gu­men­tier­te Thomas Büttner, dass hier vor al­lem zu Beginn des Prozesses die Idee vom deut­schen Beispiel stammt, sich der Prozess dann aber schnell vom Vorbild ent­fern­te. Die "Gleichschaltung" ver­lief in den mei­sten Bereich re­la­tiv ähn­lich. Diejenigen, die sich in ih­rem Bereich en­ga­gier­ten und wei­ter­ar­bei­ten woll­ten, tra­ten in der Regel der po­li­ti­schen Großwetterlage fol­gend der Taisei yo­ku­s­an­kai bei und ga­ben nach Kriegsende an, Mitläufer ge­we­sen zu sein, so dass sie nach kur­zer Unterbrechung mei­stens im al­ten Job wei­ter­ar­bei­ten konn­ten.

David Mervart: Government, Commerce, Manners. The Discourse of Commercial Society in 18th-century Japan and Europe;
Der Vortrag von David Mervart nahm die Diskussion über Moral zum Ausgangspunkt, die mit der Ausbreitung von Handel und sei­ner Auswirkung auf die Gesellschaft be­gann. Sein Beispiel ist der Handel mit Reis- und Getreide-Futures auf dem Markt in Ôsaka, bei dem kein Reis ge­han­delt wur­de, son­dern Profit mit vir­tu­el­len Waren, die auf Papier no­tiert wa­ren, ge­macht wur­de. Nakai Chikuzan kri­ti­sier­te 1790 die­sen Handel, da er die Moral kor­rum­pie­re, in ei­nem Memorandum an Matsudaira Sadanobu. Diese Kritik ist ex­em­pla­risch für die da­ma­li­ge Tendenz, die Kommerzialisierung als schäd­lich für die ge­sell­schaft­li­che Entwicklung an­zu­se­hen. Danach zeig­te David Mervart die Parallelen zu die­sen Ansichten in der eu­ro­päi­schen Geistesgeschichte auf, wo eben­falls am Ende des 18. Jahrhunderts der Warenhandel als sub­ver­si­ve so­zia­le Interaktion kri­ti­siert wur­de. Diese Degeneration im mensch­li­chen Umgang wur­de im Europa der da­ma­li­gen Zeit mit dem Niedergang Roms in Verbindung ge­bracht. Aus die­ser Kritik lei­tet sich die Frage ab, wie die Herrschenden auf die zu­neh­men­de Korruption durch Handel re­agie­ren soll­ten, schließ­lich führ­te die Korruption er­fah­rungs­ge­mäß zum Niedergang, z.B. von Dynastien im kai­ser­li­chen China. Eine mög­li­che Reaktion ist die ver­stärk­te Betonung der al­ten Vorbilder und der Erziehung zum mo­ra­li­schen Handeln. Da aber die­je­ni­gen, die an der Kommerzialisierung teil­neh­men, nicht mer­ken, dass sie sich mo­ra­lisch kor­rupt ver­hal­ten, ist die­ser Ansatz zum Scheitern ver­ur­teilt. Strikte Verbote füh­ren nur da­zu, dass die Methoden, sie zu um­ge­hen, krea­ti­ver wer­den und die Herrschenden an Autorität ein­bü­ßen. Die an­de­re Möglichkeit der Reaktion ist es, den Entwicklungen frei­en Lauf zu las­sen, da sie sich oh­ne­hin nicht auf­hal­ten las­sen.
Die Diskussion be­gann mit der Frage da­nach, in wie weit die Reaktion auf die Kommerzialisierung der Welt im 18. Jahrhundert ge­ne­rell dar­auf zu­rück­zu­füh­ren war, dass die Entwicklung neu war und von den Herrschenden nicht ver­stan­den wur­de. Weiterhin wur­de der Unterschied zwi­schen dem ge­sell­schaft­li­chen Umfeld the­ma­ti­siert, in dem ei­ner­seits die schot­ti­schen Kritiker der Kommerzialisierung in ei­ner bür­ger­li­chen Gesellschaft (David Hume, Adam Smith) leb­ten und an­de­rer­seits die ja­pa­ni­schen Kritiker ei­ner den Sorgen des ge­mei­nen Volkes nicht aus­ge­setz­ten Eliten an­ge­hör­ten. Angemerkt wur­de, dass die von den Herrschenden in Japan ge­for­der­te Frugalität für die­je­ni­gen, die sie for­der­ten, ein leicht zu lei­sten­der Luxus war und nicht ei­ne Überlebensnotwendigkeit wie für den Großteil der Bevölkerung. Problematisiert wur­den wei­ter­hin die Verwendung des Begriffs "Gesellschaft", ein Begriff, der erst Ende des 19. Jahrhunderts im mo­der­nen Japanisch auf­taucht, und die Übersetzung von fûzo­ku als "man­ners". Wenigstens heu­te sei­en "man­ners" eher et­was, das Individuen zu­ge­schrie­ben wer­de, wäh­rend fûzo­ku auch heu­te noch für gan­ze Gesellschaften oder Regionen Anwendung fin­de - soll­ten bei­de Begriffe im 18. Jahrhundert ähn­lich kon­no­tiert ge­we­sen sein, so müs­se es ir­gend­wann ei­nen Bruch ge­ge­ben ha­ben. Die Urheberschaft für die­sen Bruch in Westeuropa schrieb Mervart der im 19. Jahrhundert auf­kom­men­den Soziologie zu. Nachfragen gab es auch zu der Frage, ob die Diskussion im 18. Jahrhundert wirk­lich neu war, oder ob es in Europa und Japan nicht schon frü­her Perioden der Kommerzialisierung gab, die un­ter ähn­li­chen Gesichtspunkten kri­ti­siert wur­den. Mervart ar­gu­men­tier­te, dass es na­tür­lich im Laufe der Geistesgeschichte oft Tendenzen gab, mensch­li­ches Profitstreben als un­mo­ra­lisch zu cha­rak­te­ri­sie­ren, dass aber die Diskussion im 18. Jahrhundert auf­grund der neu­en öko­no­mi­schen Entwicklung auch ei­ne neue Dimension der mo­ra­li­schen Empörung gab.

Frank Käser: Vorstellung des Dissertationsvorhabens "Das ja­pa­ni­sche Rote Kreuz im Russisch-Japanischen Krieg";
Frank Käser er­läu­ter­te zu­nächst die hi­sto­ri­schen Hintergründe, die zur Gründung des Japanischen Roten Kreuzes führ­ten. Entscheidend war die Begegnung Sano Tsunetamis (ei­nes Schülers des rang­aku­sha Ogata Kôan, der nach den ethi­schen Ideen des Berliner Arztes Hufeland ar­bei­te­te) mit den Ideen der Genfer Konvention (1864) auf der Pariser Weltausstellung 1867, wo das Rote Kreuz ei­nen Pavillon hat­te. 1877 er­griff Sano in Japan die Initiative zur Gründung der Hakuaisha, de­ren Statuten sich aus Bestimmungen der Genfer Konvention spei­sten. 1887 kam es dann zur Gründung des Japanischen Roten Kreuzes durch Umfunktionieren der Hakuaisha. Der vor­an­ge­gan­ge­ne Beitritt Japans zur Genfer Konvention be­deu­te­te die Unterzeichnung des er­sten in­ter­na­tio­na­len Vertrages, bei dem Japan Partner auf Augenhöhe war. Als Motive, war­um Japan über­haupt der Konvention bei­trat, ver­wies Käser auf die in Zeiten der Wehrpflichtarmee (1872 ein­ge­führt) neue Art der Verpflichtung des Staates der Armee ge­gen­über (die ja nun aus der gan­zen Bevölkerung re­kru­tiert wur­de). Das Rote Kreuz er­mög­licht so­mit al­so den mo­der­nen Krieg im Zeitalter der Wehrpflicht. Wichtig sei auch ge­we­sen, dass ein neu­es Rettungswesen nach ei­ner lan­gen Zeit des Friedens in Europa wie in Japan nö­tig ge­wor­den sei.
Käser schil­der­te dann die Rolle des Japanischen Roten Kreuzes und des Sanitätswesens des Heeres im Russisch-Japanischen Krieg. Dieser sei in vie­ler­lei Hinsicht ein mo­der­ner Krieg ge­we­sen mit gra­vie­ren­den Folgen für das Sanitätswesen, d.h. er war ein Bewegungskrieg mit schnel­lem Vormarsch, dem der Sanitätsdienst fol­gen muss­te; zu­gleich gab es län­ge­re Transportwege; es sei ein Winterkrieg und Stellungskrieg ge­we­sen; erst­mals sei­en in grö­ße­rem Stil Maschinengewehre und Artillerie mit Hochgeschwindigkeitsgeschossen mit Stahlummantelung ein­ge­setzt wor­den. Das ja­pa­ni­sche Sanitätswesen, das auch Objekt eu­ro­päi­scher Beobachter vor Ort ge­we­sen sei, ha­be sich un­ter die­sen Bedingungen im Vergleich mit an­de­ren Kriegen des­sel­ben Zeitraums er­folg­reich be­haup­ten kön­nen: So ha­be das Verhältnis von Toten durch Krankheit zu Gefallenen et­wa 1 zu 4 be­tra­gen, wäh­rend es im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 noch bei 14 zu 1 ge­le­gen ha­be. Überdies hät­ten 45 % der Verletzten auf ja­pa­ni­scher Seite ein­satz­fä­hig ge­macht wer­den kön­nen, was wie­der­um auf die mi­li­tär­stra­te­gi­sche Bedeutung des Sanitätsdienstes, der für die Fortführung und Verlängerung des Krieges ge­sorgt ha­be, hin­deu­te. Zum Erfolg des Sanitätsdienstes hät­ten nicht zu­letzt zahl­rei­che me­di­zi­ni­sche Vorsorgeaktivitäten und Hygienemaßnahmen bei­ge­tra­gen. Zur Organisation des Japanischen Roten Kreuzes selbst führ­te Käser aus, die­ses ha­be 1904 1,25 Mio. Mitglieder ge­habt, wo­mit es der welt­größ­te Landesverband des Roten Kreuzes ge­we­sen sei. Es sei streng zen­tra­li­stisch und hier­ar­chisch or­ga­ni­siert ge­we­sen, mit der staat­li­chen Verwaltung und dem Militär eng ver­netzt, so dass man auch von ei­nem semi-offiziellen Charakter des Japanischen Roten Kreuzes spre­chen kön­ne. Im Russisch-Japanischen Krieg sei das Rote Kreuz mit ca. 4.000 HelferInnen im Einsatz ge­we­sen (in Versorgung und Etappe, nicht an Front). Es sei ins­be­son­de­re für den Rücktransport zu­stän­dig ge­we­sen, wo­zu ihm nicht nur zwei ei­ge­ne Lazarettschiffe zur Verfügung ge­stan­den hät­ten, son­dern auch 20 vom ja­pa­ni­schen Militär ge­stell­te Lazarettschiffe, auf de­nen Rotkreuz-HelferInnen ein­ge­setzt ge­we­sen sei­en.
Abschließend wies Käser noch ein­mal auf zwei Punkte hin. Zum ei­nen be­ton­te er die Gefahr, ein­sei­tig und un­kri­tisch auf den hu­ma­ni­tä­ren Aspekt des Roten Kreuzes ein­zu­ge­hen und die mi­li­tär­stra­te­gi­sche Dimension zu ver­nach­läs­si­gen. Zum an­de­ren wies er kri­tisch auf die Tendenz hin, die Vorgeschichte des Roten Kreuzes al­lein im Krimkrieg (Stichwort: Florence Nightingale) und der Schlacht von Solferino 1859 zu se­hen. Damit wer­de ins­be­son­de­re der Einfluss des preußisch-deutschen Modells auf das Japanische Rote Kreuz her­un­ter­ge­spielt. So sei­en et­wa die Statuten des Japanischen Roten Kreuzes von 1887 un­ter Beteiligung und Beratung von Alexander von Siebold (da­mals Diplomat in ja­pa­ni­schen Diensten) ver­fasst wor­den; auch Militärmedizin und Heeressanitätswesen in Japan sei­en nach preußisch-deutschem Muster auf­ge­baut wor­den (Mori Ogai z.B. war in 1880er Jahren in Deutschland). Japan ha­be al­so Militärwesen, Medizinwesen und Militärmedizin an Deutschland aus­ge­rich­tet, wes­halb es un­ver­ständ­lich sei, war­um dies in der Literatur nicht be­tont wer­de.
Ein Schwerpunkt der Diskussion war die Frage der pro­pa­gan­di­sti­schen Nutzung des Roten Kreuzes so­wohl nach Innen als auch nach Außen. So konn­te sich Japan im Krieg der Weltöffentlichkeit als zi­vi­li­sier­te Nation zei­gen; zu­gleich wur­de die Genfer Konvention auch nach Innen be­nutzt, um den Krieg zu recht­fer­ti­gen. In Frage ge­stellt wur­de der be­haup­te­te Zusammenhang zwi­schen Entstehung von Wehrpflicht und Entstehung ei­nes Sanitätswesens, da zu­min­dest in Großbritannien und den USA auch oh­ne Wehrpflicht Sanitätsdienste ent­stan­den sei­en (in den USA al­ler­dings zur Zeit des Bürgerkrieges, als Wehrpflicht herrsch­te). Ebenfalls wur­de der Wunsch ge­äu­ßert, mehr zur Binnenorganisation des Japanischen Roten Kreuzes zu er­fah­ren, um die Frage nach dem Grad der staat­li­chen Lenkung bes­ser be­ur­tei­len zu kön­nen. Hierzu führ­te Käser aus, dass der Zentralismus zwar da­durch ab­ge­mil­dert war, dass es pro Präfektur ei­ge­ne Organisationen gab, die­se aber je­weils den Gouverneuren un­ter­stan­den, hier die Verflechtung mit dem Staat al­so be­son­ders au­gen­fäl­lig ge­we­sen sei.

Rundlauf:
Nishino Kenji (Bonn) ar­bei­tet an ei­ner Diss. zu Buddhismus und Unterhalterinnen im Mittelalter. Thorsten Kerp (Bonn): ar­bei­tet auf ei­ne B.A.-Arbeit zu Stellschirm von Tawaraya Sotatsu hin. David Mervart (Heidelberg): über­ar­bei­tet zur Zeit sei­ne an der Todai er­stell­te Dissertation für ein eng­lisch­spra­chi­ges Buch; näch­stes Projekt: Möglichkeit al­ter­na­ti­ver Sprachen po­li­ti­scher Legitimation oh­ne (eu­ro­päi­sche) Teleologie li­be­ra­ler Moderne. Nina Holzschneider (Bochum) ar­bei­tet an B.A.-Arbeit zu Schiffbruch ei­nes deut­schen Schiffes vor Miyakojima 1873 bzw. zur Erinnerung dar­an um 1900 (Errichtung ei­nes Gedenksteins). Detlev Taranczewski (Bonn) be­rich­tet von ei­nem ge­plan­ten Projekt zur Rolle von Wasser (inkl. SO-Asien). Yamaguchi Teruomi (Univ. Kyûshû) schreibt das Kapitel zur Neuzeit in ei­nem Buch Tennô to shûkyô, gibt ei­ne Serie von 5 Bänden mit 50 Tagebüchern zur mo­der­nen Geschichte her­aus und möch­te gern in Zukunft Anregungen aus dem Workshop zu Nord-Kyûshû und Ruhrgebiet im lan­gen 19. Jahrhundert wei­ter­ent­wickeln. Tino Schölz (Halle) er­zählt, die Beiträge zum Panel des Japanologentags zur Mobilisierung der Bürger sei­en als Arbeitspapier in Halle er­schie­nen. Er weist auch auf zwei Konferenzen im Hallenser Graduiertenkolleg hin: Ende September 2010 wird es ei­nen Workshop "Bürgergesellschaft als männ­li­che Veranstaltung?" ge­ben, im Frühjahr 2011 ei­ne Tagung zum Vergleich kom­mu­na­le Selbstverwaltung Japan-Deutschland (inkl. der Frage Tradition-Bruch durch die Meiji-Zeit). Akashi Tomonori (Univ. Kyûshû): schreibt ei­ne Diss. zu Gefängniswesen der Meiji-Zeit (pol. Prozess, Rolle von Religion) und hat über­dies Interesse an Gefängnisarchitektur. Hans Martin Krämer (Bochum) weist er­neut auf die Online-Datenbank "Japanische Quellen in Übersetzung" hin, die in die­sem Jahr von der Universitätsbibliothek Bochum in ei­ne pro­fes­sio­nel­le Datenbank-Lösung über­führt wird. Stefan Hübner (Jacobs-Universität Bremen) be­ar­bei­tet in­ner­halb ei­nes Projektes "Asianismen im 20. Jahrundert" ein Teilprojekt zu den Asian Games und Far Eastern Championship Games. Alexander Brinkmann (Bochum): B.A.-Arbeit zu Biologiegeschichte in Neuzeit (z.B. Darwinismus). Michael Mattner (Bochum) plant ei­ne Seminararbeit zu Yamamoto Musashi; da­nach steht die M.A.-Arbeit an, viel­leicht zur Falknerei in der Vormoderne. David Chwila (Bochum) in­ter­es­siert sich für die Missionsgeschichte des jap. Buddhismus am Beispiel des Honganji Betsuin in Dairen; Rolle der bud­dh. Tempel bei Verbreitung des jap. Ultranationalismus in Nord-China. Daria Kupis (Bochum) möch­te ei­ne Seminararbeit zur Rolle von Frauen in Neuen Religionen zu schrei­ben. Arne Krauß (Bochum) in­ter­es­siert sich für Farbholzschnitte aus den Kriegen der Meiji-Zeit und Amateur-Schmalfilme in Japan. Till Knaudt (Bochum) ar­bei­tet an ei­ner Diss. zu Rote Armee Fraktion. Jan Schmidt (Bochum) ar­bei­tet an ei­ner Diss. zur Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs in Japan 1914-1923. Er weist dar­auf hin, dass die StaBi nur ei­nen klei­nen Teil ih­rer Japan-Bestände im Online-Katalog nach­ge­wie­sen hat. Regine Mathias (Bochum) ar­bei­tet zu Bildrollen im Bergbau, ver­fasst Lemmata für die Enzyklopädie der Neuzeit; Projekt Arbeit welt­weit, dar­in Teilprojekt Arbeit in der Edo-Zeit (Übergang zur Lohnarbeit). Erich Pauer (Marburg) be­ar­bei­tet Vorlesungsmitschriften und Praktikumsberichte von Studenten der in­ge­nieur­wis­sen­schaft­li­chen Hochschule Kôbu dai­gak­kô (1872-1885).

(Protokoll: Anke Scherer und Hans Martin Krämer)

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favicon0516. Treffen bei der Abteilung für Japanologie und Koreanistik, Universität Bonn am 6. und 7. November 2010:

Anwesend wa­ren in Bonn: Alex Albrecht (Bonn), Simon Acker (Heidelberg), Akira Baba (Tôkyô), Biru David Binder (Heidelberg), Marcel Bouley (Mannheim), Ulrich Brandenburg (Bonn), Thomas Büttner (Heidelberg), Rocco Butz (Bremen/Bonn), David Chwila (Bochum), Annabel Grab (Bonn), Sylvia Grafe (Bochum), Nadin Heé (Berlin), Sabrina Heep (Bonn), Milena Iciek (Köln), Frank Jacob (Erlangen), Kathrin Jürgenhake (Bonn), Frank Käser (Berlin), Thorsten Kerp (Heidelberg), Michale Klossek (Bonn), Till Philip Koltermann (Freiburg), Peter Christian Kerz (Bonn), Karin Kiesling (Bonn), Till Knaudt (Bochum), Hans-Martin Krämer (Bochum), Silvana Lotz (Bonn), Kerstin A. Meier (Bonn), Mathias Munkenbeck (Bonn), Kenji-T. Nishino (Bonn), Alina Piwen (Bonn), Julian Plenefisch (Berlin), Carolin Reimers (Bonn), Heinrich Reinfried (Zürich), Anke Scherer (Köln), Christian Schimanski (Bochum), Lars Schladitz (Erfurt), Jan Schmidt (Bochum), Diana Schnelle (Bonn), Paul Schoppe (Bonn), Maik Hendrik Sprotte (Halle/Saale), Annika-Mareen Schulze (Bonn), Janina Schwelm (Bonn), Detlev Taranczewski (Bonn), Michael Thornton (Heidelberg).

Frank Jacob: Geheimgesellschaften in Deutschland und Japan - Die Thule-Gesellschaft und die Kokuryûkai: Den er­sten Vortrag des Treffens be­gann Frank Jacob mit der Vorstellung sei­nes Dissertationsprojektes, ei­ner Komparativanalyse zwei­er Geheimgesellschaften, der radikal-nationalistischen Thule-Gesellschaft, die 1917 aus dem Germanenorden her­vor­ging und von Rudolf von Sebottendorf (1875-1945) ge­lei­tet wur­de, und der expansionistisch-nationalistischen Kokuryûkai, die 1901 von Uchida Ryôhei (1874-1937) als Nachfolgeorganisation der Gen'yôsha ge­grün­det wur­de. Die Analyse zielt dar­auf ab her­aus­zu­fin­den, war­um sich zur sel­ben Zeit zwei von­ein­an­der un­ab­hän­gi­ge Geheimgesellschaften ra­di­ka­li­sier­ten.
Nach Vorstellung der Definition "Geheimgesellschaft" nach Franz Schweyers (Gesellschaft, de­ren ei­gent­li­che Charakteristika das sind, was ge­heim bleibt) gab Frank Jacob ei­nen kur­zen Überblick zum Forschungsstand für bei­de Gesellschaften, ging auf "tra­di­tio­nel­le Geheimgesellschaften" ein und stell­te die Entstehung, ideo­lo­gi­schen Vorläufer bzw. Kontakte, cha­ris­ma­ti­sche Führungspersönlichkeiten, Mitgliederstruktur, Aktivitäten und po­li­ti­sches Wirken bei­der Gesellschaften vor, die bei­de kei­ne Massengesellschaften wa­ren und ih­re ei­ge­ne hi­sto­ri­sche Rolle in Selbstdarstellungen über­be­wer­te­ten. Frank Jacob mach­te den im­pe­ria­li­sti­schen Rückschlag bei­der Länder als Katalysator der Radikalisierung für Geheimgesellschaften in Japan und Deutschland fest.
In der Diskussion wur­de nach der Rolle von Rassismus und Antisemitismus in bei­den Gesellschaften ge­fragt, die der Referent für die Kokuryûkai als nicht exi­stie­rend be­ant­wor­te­te. Hinterfragt wur­de, in­wie­weit bei der Kokuryûkai der Begriff "Geheimgesellschaft" ad­äquat sei, ob für Japan von ei­ner "Krise" ge­spro­chen wer­den kön­ne und in­wie­weit die bei­den Gesellschaften mit­ein­an­der ver­gleich­bar sind. Die Thule-Gesellschaft, so Frank Jacob, sei in Reaktion auf Verschwörungstheorien zur Geheimorganisation ge­wor­den wäh­rend bei der Kokuryûkai die Unzufriedenheit über das po­li­ti­sche System das aus­schlag­ge­ben­de Moment ge­we­sen sei.

Biru David Binder: Zum ‚Weg des Mannes' - Bushidô-Diskurs in The Asian Review (1920-21): Im zwei­ten Vortrag des Treffens stell­te Biru David Binder ein Teilkapitel sei­nes lau­fen­den Dissertationsprojektes (Arbeitstitel "Nationalism and gen­der - dis­cur­si­ve con­struc­tions of mas­cu­lin­i­ty in pu­bli­ca­ti­ons of the Amur Society, a ca­se stu­dy (1917-1936)") vor. Gender wird im Rahmen der Arbeit wie im Vortrag als ei­ne ba­sa­le Wissenskategorie ver­stan­den, die durch Intersektionalität, Dynamik und Relationalität cha­rak­te­ri­siert ist. Bei der Idealisierung der bu­shi han­delt es sich ge­sell­schaft­lich um ein jun­ges Phänomen, das sich erst im Zuge der Nationenbildung nach der Meiji-Restauration durch­setz­te. Während der Edo-Zeit le­gi­ti­mier­te die­ser Mythos noch die of­fi­zi­ell herr­schen­de, aber zu­neh­mend öko­no­misch wie so­zi­al ab­stei­gen­de ein­zi­ge Klasse, de­ren Angehörige kei­ne pro­duk­ti­ve Arbeit ver­rich­te­ten, nach der of­fi­zi­el­len Abschaffung der Kriegerklasse (1876) soll­te er ei­nen mi­li­ta­ri­sti­schen Nationalismus recht­fer­ti­gen und wur­de in sei­ner "christ­li­chen" Ausprägung da­zu ver­wen­det, Ängsten vor der "Gelben Gefahr" ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die ana­ly­sier­ten Artikel in The Asian Review zeich­nen sich durch die ana­chro­ni­sti­sche Verstärkung der krie­ge­ri­schen (bu) Komponente aus, wo­mit sie als Gegendiskurs zu zeit­ge­nös­si­schen Repräsentationen von u.a. "ver­west­lich­ter" Gentlemen-Maskulinität ver­stan­den wer­den kön­nen, und prä­sen­tie­ren den Bushidô-Mythos als hi­sto­ri­sches Faktum und als all­ge­mei­ne Praktik un­ter bu­shi, wo­bei die Aspekte Gerechtigkeit und Humanität an Bushidô ge­bun­den und für die eng­lisch­spra­chi­ge Leserschaft mit "chi­val­ry" über­setzt wer­den.
In der Diskussion wur­de auf den sozialistisch-patriotischen Aspekt des meiji-zeitlichen Bushidô-Diskurses hin­ge­wie­sen und nach der Verbindung zwi­schen ja­pa­ni­schem und aus­län­di­schem Diskurs ge­fragt, die wo­mög­lich in ei­ner "Krise der Männlichkeit" zu ver­or­ten sei. Dieses von Raewyn Connell ge­präg­te Schlagwort sei eher un­ge­eig­net, so Binder, da durch sei­nen mitt­ler­wei­le in­fla­tio­nä­ren Gebrauch ei­ne per­ma­nen­te Krise sug­ge­riert wür­de. Des Weiteren stand die Frage zur Debatte, ob ein Unterschied zwi­schen dem Selbstbild be­stand, das ins Ausland ge­tra­gen wur­de und dem Bild, das im Inland Japans herrsch­te. Ferner wur­de an­ge­merkt, dass es sich beim Bushidô-Diskurs auch um ei­ne Freundbild-Korrektur ge­han­delt ha­be und nach sei­ner Funktion im Sinne ei­nes Nation-Branding ge­fragt, da die Innen-Außen-Wechselwirkung mit­ent­schei­dend war.

Lars Schladitz: Walfang als trans­na­tio­na­le kul­tu­rel­le Praxis, Japan 1899-1941: Japanischer Walfang und die Produktion des ant­ark­ti­schen Meeresraumes: Im drit­ten Vortrag des Treffens stell­te Lars Schladitz ei­nen Teilaspekt sei­ner lau­fen­den Dissertationsarbeit vor, in dem er den ja­pa­ni­schen Walfang und sei­ne Produktion in um­welt­hi­sto­ri­schem Zusammenhang un­ter­sucht. Seinen Fokus legt er da­bei auf trans­na­tio­na­le Prozesse und den um­welt­hi­sto­ri­schen Zusammenhang. In Japan gab es Walfang re­gio­nal be­reits seit der Edo-Zeit, im Jahr 1899 eta­blier­te sich die nor­we­gi­sche Fangmethode und in den 1930er Jahren wur­den Walfangoperationen auch über­re­gio­nal in die Antarktis ver­legt. Japanische Walfangflotten, de­ren Harpuniere zu­meist Norweger und de­ren lei­ten­de Besatzung Japaner wa­ren, führ­ten Expeditionen in den ant­ark­ti­schen Ozean durch. Gleichzeitig be­wirk­te der Anspruch auf "Wissenschaftlichkeit", dass Walfang in en­gem Zusammenhang mit der Produktion des Meeresraumes durch Biologie, Meteorologie und Ozeanographie stand. Allerdings tru­gen die­se Expeditionen durch den glo­ba­len Diskurs über die Verknappung der Ressource Wal auch zur Schaffung ei­nes in­ter­na­tio­na­len Spannungsfeldes bei. Schladitz be­ton­te, dass Japan von Beginn an ver­sucht ha­be, sich vom ent­ste­hen­den in­ter­na­tio­na­len Diskurs ab­zu­kop­peln, bei­spiels­wei­se in der Frage in­ter­na­tio­na­ler Walfangquoten. In ei­nem wei­ter­füh­ren­den Teil des Vortrags prä­sen­tier­te er Walfang-Bildbände aus Japan. Darin wird das Schiff als Protagonist prä­sen­tiert und der Kontrast von Schiff und Eis bei per­ma­nent gu­tem Wetter in­sze­niert, wo­bei kaum Individuen son­dern viel­mehr die Produktionsbedingungen in den Vordergrund ge­rückt wer­den. Diese Bildbände dien­ten der Werbung für den Walfang, in de­nen u.a. Walknappheit kon­se­quent aus­ge­blen­det wird.
In der Diskussion wur­de nach der Spezifik der ja­pa­ni­schen Walfangart ge­fragt, die Schladitz als nor­we­gisch, zu­min­dest von Seiten der Technologie her, be­ant­wor­te­te. Dennoch ha­be es ei­nen Deutungsunterschied und ei­ne spe­zi­fisch na­tio­na­le Konstruktion ge­ge­ben, wel­che ei­ne ein­deu­ti­ge Walfangvermarktung be­inhal­tet ha­be. Walöl sei ein wirt­schaft­lich wich­ti­ges Produkt ge­we­sen und mit dem Walfang auf­grund der Modernisierung der Industrie be­gon­nen wor­den. Zu Beginn ha­be es sich noch um ei­nen kla­ren Technologietransfer von Außen nach Japan ge­han­delt, wo­bei die Harpunenkanone selbst erst im Jahr 1868 ein­ge­führt wor­den sei und de­ren Transfer nach Japan nicht son­der­lich spät er­folg­te. Angemerkt wur­de, dass sich in den Bildbänden auch ei­ne Entmenschlichung durch die Industrie zei­ge bzw. de­ren Macht und Dominanz über die Natur.

Julian Plenefisch: Faschismus in Japan als Teil ei­ner glo­ba­len Moderne - ein Diskussionsbeitrag zum Stellenwert von Transferprozessen in der Faschismusforschung: Julian Plenefisch kon­sta­tier­te zu Beginn sei­nes Vortrages me­tho­do­lo­gi­sche Problematiken in der in­ter­na­tio­na­len Faschismusforschung seit 1990. Die Arbeiten von Roger Griffen, Roger Eatwell und Michael Mann be­an­spru­chen ei­ne uni­ver­sel­le Definition von Faschismus zu lie­fern. Als ei­ne der we­ni­gen nicht-europäischen Industrienationen des frü­hen 20. Jh. und als Bündnispartner Italiens und Deutschlands im Zweiten Weltkrieg spielt Japan in der ver­glei­chen­den Faschismusforschung ei­ne her­aus­ra­gen­de Rolle. Mit den seit den 1980er Jahren ent­wickel­ten Forschungsansätzen der Kulturtransferforschung prüf­te Plenefisch am Beispiel Japans, wel­chen Stellenwert die ge­gen­wär­ti­gen Faschismusforschung trans­kul­tu­rel­len Transfers in der Entwicklung fa­schi­sti­schen Denkens ein­räumt. Er kam zu dem Schluss, dass sie sich auf kurz­fri­sti­ge Transfers (seit den 1920ern) kon­zen­trie­ren. Anhand ei­ner kon­kre­ten Fallstudie zu Nakano Seigô (1886-1943), der in der in­ter­na­tio­na­len Faschismusforschung oft als Nachahmung Hitlers oder Mussolinis in­ter­pre­tiert wird, ar­gu­men­tier­te Plenefisch, dass die Philosophie Nakanos den Ideologien eu­ro­päi­scher Faschisten in vie­len Punkten äh­nel­te, die­se Gemeinsamkeiten aber nicht das Resultat kurz­fri­sti­ger Transfers seit 1922 ge­we­sen sein. Diese Gemeinsamkeiten sei­en auf ge­mein­sa­me Wissenstraditionen zu­rück­zu­füh­ren, die im Kontext ei­ner seit der Mitte des 19. Jh. an­hal­ten­den Integration Japans in ei­ne "glo­ba­le Moderne" (Arif Dirlik) zu ver­ste­hen sein. Die Übersetzung eu­ro­päi­schen Wissens seit den 1850er Jahren und die Einbindung Japans in das euro-amerikanische Machtsystem ma­che ei­ne Unterscheidung in "west­li­ches Wissen" und "tra­di­tio­na­les Wissen" ab dem Ende des 19. Jahrhunderts ob­so­let (Maruyama Masao). Faschistisches Denken in Japan sei da­her als Teil ei­ner glo­ba­len Moderne zu ver­ste­hen. Die in­ter­na­tio­nal ver­glei­chen­de Faschismusforschung müs­se so­mit lang­fri­sti­ge Kulturtransfers als Produkt der Globalisierung mehr Beachtung schen­ken.
In der Diskussion wur­de zum ei­nen be­grüßt, dass Faschismus als Ideologie be­trach­tet wird, zum an­de­ren auf die be­ding­te Eignung des Begriffes "Faschismus" für HistorikerInnen hin­ge­wie­sen, da es sich um ei­nen "po­li­ti­schen Kampfbegriff" han­de­le. Es wur­de die Frage auf­ge­wor­fen, wie das Thema in­ner­halb der japanisch-sprachigen Forschung be­han­delt und mit wel­cher Arbeitsdefinition von "Faschismus" kon­kret ge­ar­bei­tet wird. Letztgenannte Frage be­ant­wor­te­te Plenefisch mit ei­ner Orientierung an anglo-amerikanischen Definitionen und be­grün­de­te sei­ne Wahl da­mit, da sie durch ih­re Abfassung in eng­li­scher Sprache am stärk­sten re­zi­piert wür­den.

Ulrich Brandenburg: Japan und der Islam in der er­sten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Im letz­ten Beitrag des Treffens stell­te Ulrich Brandenburg die Kontakte Japans mit dem Islam in fol­gen­den drei Teilaspekten dar: die Entwicklung der japanisch-osmanischen Beziehungen, die Entwicklung des Islams in Japan in sei­nen po­li­ti­schen Konnotation so­wie die Analyse drei­er ägyp­ti­scher Texte über Japan, die er im Rahmen sei­ner Magisterarbeit un­ter­sucht hat­te. Bis 1924 gab es kei­ne di­plo­ma­ti­schen Kontakte zwi­schen Osmanen und Japanern, le­dig­lich in­of­fi­zi­el­len Austausch wie z.B. die Reise ei­nes os­ma­ni­schen Kriegsschiffs 1889/90 nach Japan mit dem Ziel ei­nes Freundschaftsbesuchs. Das Schiff sank auf der Rückreise, ein klei­ner Teil der Besatzung wur­de von Japanern ge­ret­tet, was als Symbol für den Beginn ge­gen­sei­ti­ger Sympathien dien­te, sich aber nicht re­al­po­li­tisch aus­drück­te. Verstärktes Interesse am Islam war auf Militärkreise und be­stimm­te po­li­ti­sche Gesellschaften wie u.a. die Kokuryûkai be­grenzt, die sich hier­über er­hoff­ten, be­son­de­re Sympathiepunkte zu be­kom­men, Konvertiten gibt es bis heu­te nur re­la­tiv we­ni­ge. Das stei­gen­de Interesse am Islam zeig­te sich in den 20er und 30er Jahren in ei­nem Boom der Islamforschung in Japan. Pan-Asianismus und Pan-Islamismus über­schnit­ten sich in­so­weit, dass bei­den die op­po­si­tio­nel­le Haltung ge­gen­über dem Westen ge­mein­sam war und ei­ne Verbindung über China her­ge­stellt wur­de, das mit ei­ner auf bis zu 70 Millionen Menschen ge­schätz­ten mus­li­mi­schen Community als Teil der is­la­mi­schen Welt ge­se­hen wer­den konn­te. In den un­ter­such­ten ägyp­ti­schen Quellen wird Japan ent­we­der zum Ideal für die ei­ge­ne Modernisierung er­ho­ben oder als Objekt für die is­la­mi­sche Mission ge­se­hen. Das Einfordern von Missionsbemühungen wird kaum theo­lo­gisch be­grün­det, son­dern Japans Islamisierung soll ent­we­der die Bindung zwi­schen den Ländern des Orients stär­ken oder der ja­pa­ni­schen Moderne durch ei­ne mo­der­ne Religion er­gän­zen.
In der Diskussion wur­de an­ge­merkt, dass der Islam aus eu­ro­päi­scher Sicht oft aus­ge­blen­det wer­de, und ge­fragt, ob es in Japan ei­ne theo­lo­gi­sche Diskussion mit dem Ziel der Japanisierung des Islam ge­ge­ben ha­be, was der Referent ver­nein­te. Die von dem ägyp­ti­schen Japanreisenden ge­schil­der­te is­la­mi­sche Missionsmethode in Japan sei christ­lich in­spi­riert ge­we­sen (gro­ße Vortragsveranstaltungen). Es wur­de auf das Phänomen des "Antisemitismus oh­ne Juden" und "Islamismus oh­ne Muslime" hin­ge­wie­sen und nach ei­ner in­ner­ja­pa­ni­schen Auseinandersetzung mit dem Potential des Islameinflusses in Japan ge­fragt. Laut Brandenburg kam es zu kei­nen kul­tu­rel­len Zusammenstößen, ja­pa­ni­sches Leben sei kaum durch den Islam be­ein­flusst wor­den, denn es ha­be nur sehr we­ni­ge Muslime in Japan ge­ge­ben (nicht mehr als we­ni­ge Tausend).

Vorstellung ak­tu­el­ler Projekte und Arbeiten: Nishino Kenji (Bonn) ar­bei­tet an ei­ner Dissertation zu Buddhismus und Unterhalterinnen im Mittelalter, wel­che die Konstruktionen von Sexualität un­ter­sucht; Hans-Martin Krämer (Bochum) gibt zwei Publikationen be­kannt (Bochumer Jahrbuch Bd. 33, 2009 so­wie in kom­pa­ra­tiv 4/2010); Michael Thornton (Heidelberg), BA Yale University, in­ter­es­siert sich für die Thematik Ausländer in Japan; Thomas Büttner (Heidelberg) ar­bei­tet an sei­ner Dissertation zu Eliten im Zweiten Weltkrieg in Japan; Till Philip Koltermann (Freiburg) be­rich­tet von sei­ner Veröffentlichung zum Untergang des Dritten Reiches und ar­bei­tet an sei­ner Dissertation zu Mauretanien im 17./18. Jahrhundert. Seine Forschungsinteressen lie­gen in der Rezeption der "Gelben Gefahr" im Dritten Reich, der Gen'yôsha und deutsch­spra­chi­gen Publikationen zu die­ser Gesellschaft (u.a. von Kimase), ei­ne Kooperation mit Prof. Kubota (Rikkyû-daigaku) ist in Planung; Biru David Binder (Heidelberg) ar­bei­tet an ei­ner Dissertation zu Nationalismus und Geschlecht am Fallbeispiel der Amur-Gesellschaft 1917-1936; Ulrich Brandenburg (Bonn) plant, Teile sei­nes Vortrags zu Japan und Islam am Anfang des 20. Jahrhunderts für sei­ne Magisterarbeit aus­zu­wer­ten; Julian Plenefisch (Berlin) ar­bei­tet an ei­ner Dissertation un­ter dem Arbeitstitel "Globales Bewusstsein im vor­mo­der­nen Japan (1800-1850)" und kün­digt ei­nen Sammelband-Aufsatz zu Rassismus an so­wie ei­nen Artikel zu Area Histories in Zusammenarbeit mit dem JFK-Institut; Nadin Heé (Berlin) be­rich­tet vom Abschluss ih­rer Promotion zu Kolonialismus in Taiwan und Verschränkung von Gewalt; David Chwila (Bochum): Forschungsinteresse an der Rolle der Gengakusho in der Heian-Zeit; Maik Hendrik Sprotte (Halle) weist wie­der auf die Bibliografie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung hin, die Meldungen deutsch­spra­chi­ger Publikationen ent­ge­gen­nimmt so­wie auf das Angebot ei­ner Linkseite, in der un­ter Angabe von Name und Titel bzw. Link zu ei­ner Projektskizze im Internet via E-Mail an maik@sprotte.name (Bitte in die Adresszeile ko­pie­ren) lau­fen­de Forschungsprojekte ge­sam­melt wer­den kön­nen; Simon Acker (Heidelberg) ar­bei­tet an ei­ner Magisterarbeit zu Pan-Asianismus in­ner­halb der ja­pa­ni­schen Armee; Frank Jacob (Erlangen) ar­bei­tet an ei­ner Dissertation zu Thule-Gesellschaft und Kokuryûkai und an ei­nem Aufsatz zur Takarazuka-Revue; Alina Piwen (Bonn) plant ei­ne B.A.-Arbeit zum Vergleich von Jugend- und Verbandsarbeit in Deutschland und Japan; Till Knaudt (Bochum) ar­bei­tet an ei­ner Dissertation zu Rote Armee Fraktion; Jan Schmidt (Bochum) ar­bei­tet an ei­ner Dissertation zur Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs von Eliten in Japan 1914-1923. Er be­rich­tet von sei­nem Aufenthalt am Kokuritsu ha­ku­buts­ukan, das ForscherInnen Kurzaufenthalte er­mög­licht, und kün­digt für Mitte näch­sten Jahres ei­nen Workshop zu Kolonialismus an; Detlev Taranczewski (Bonn) be­rich­tet von ei­nem ge­plan­ten Projekt zur Rolle von Wasser un­ter dem Titel "Fluide Ressourcen in Ostasien". Unter dem Kristallisationspunkt "Wasser" soll un­ter­sucht wer­den, wie Brauch- und Agrarwasser die Gesellschaften auch in öko­no­mi­scher und ethnologisch-anthropologischer Hinsicht präg­ten.
In der all­ge­mei­nen Diskussion kam man über­ein, daß ab dem näch­sten Treffen wie­der ei­ne Input-Diskussion statt­fin­den und Wissenschaftsorganisatorisches dis­ku­tiert wer­den soll.

(Protokoll: Biru David Binder, in Zusammenarbeit mit Thorsten Kerp und Kenji Nishino)

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favicon0317. Treffen am Institut für Japanologie und beim Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context“, Universität Heidelberg am 7. und 8. Mai 2011:

Anwesend wa­ren: Anna Andreeva (Heidelberg), Judith Árokay (Heidelberg), Biru David Binder (Heidelberg), Lilli Buschmin (Bochum), David Chwila (Bochum), Katrin Deutsch (Bochum), Aline Dreher (Bochum), Harald Fuess (Heidelberg), Sylvia Grafe (Bochum), Lisa Hammeke (Bochum), Nina Holzschneider (Bochum), Thorsten Kerp (Heidelberg), Bernd Kirchner (Heidelberg), Till Knaudt (Bochum), Robert Kramm-Masaoka (Tübingen), Laura Kuhl (Heidelberg), Michael Mattner (Bochum), David Mervart (Heidelberg), Kenji Nishino (Bonn), Heinrich Reinfried (St. Gallen), Andrea Revelant (Venedig), Johannes Rippin (Heidelberg), Vanessa Schaar (Bochum), Anke Scherer (Köln), Christian Schimanski (Bochum), Daniel Schley (Tôkyô/München), Benjamin Schmalofski (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Tino Schölz (Halle), Miyuki Simon (Heidelberg), Maik Hendrik Sprotte (Halle), Patricia Stammsen (Bochum), Till Weber (Heidelberg), Matthias Zachmann (Heidelberg / München).

Kenji Nishino, Universität Bonn: "Der as­o­bi­me -Diskurs - Unterhalterinnen im Spiegel der bud­dhi­sti­schen Rezeption und dem Ryôjin his­hô";
Bei den im Vortrag un­ter­such­ten Quellen han­delt es sich um früh­mit­tel­al­ter­li­che Lieder, die von Kaiser Go-Shirakawa ge­sam­melt und als Ryôjin his­hô edi­tiert wur­den. Das Interesse des Kaisers an die­sen Liedern geht nach ei­ner Legende dar­auf zu­rück, dass er sie von Otomae, ei­ner al­ten Meisterin der Unterhaltung, ge­lernt hat. Die Lieder selbst wur­den von den im ja­pa­ni­schen Mittelalter as­o­bi­me ge­nann­ten Unterhalterinnen ge­sun­gen, um da­mit Kunden an­zu­locken und zu un­ter­hal­ten. Die as­o­bi­me fuh­ren in der Regel in Dreiergruppen auf Booten um­her und bo­ten die Kunst der Unterhaltung so­wie ggf. se­xu­el­le Dienste an. Über sie wird be­rich­tet, dass sie bei ei­ner Gottheit der Sexualität (Hyakudaifu) un­ter an­de­rem um vie­le Kunden be­te­ten. Durch ih­re im wei­te­sten Sinne der Unterhaltung zu­ge­rech­ne­ten Dienste leb­ten die as­o­bi­me au­ßer­halb der Sphäre des Normalen und wer­den ei­ner­seits der Sphäre des ke­ga­re (Verunreinigung) zu­ge­schrie­ben, aber an­de­rer­seits wird ih­re Tätigkeit auch mit der Sphäre des Heiligen/Sakralen (ha­re) as­so­zi­iert, da ih­nen wie tan­zen­den Schamaninnen die Fähigkeit zu­ge­schrie­ben wur­de, durch ih­re Dienstleistungen ei­ne spi­ri­tu­el­le Katharsis beim Kunden aus­lö­sen zu kön­nen. In den Liedern im Ryôjin his­hô, die den as­o­bi­me zu­ge­schrie­ben wer­den, fin­den sich vie­le al­le­go­ri­sche Anspielungen auf Sexualität, die Lieder zur Unterhaltung der Kunden sind zum Teil ero­tisch und fri­vol.

In sei­nem Vortrag wid­me­te sich Nishino spe­zi­fisch den­je­ni­gen Lieder im Ryôjin his­hô, die ei­nen Bezug zum Buddhismus ha­ben, so­wie dem Umgang bud­dhi­sti­scher Mönche mit dem Phänomen der as­o­bi­me. Einige Lieder the­ma­ti­sie­ren die Tatsache, dass Frauen auf­grund der ih­rem Geschlecht ei­ge­nen "Hindernisse" im Zusammenhang mit Menstruation und weib­li­cher Sexualität der Zugang zu be­stimm­ten Formen der pri­vi­le­gier­ten Wiedergeburt im Buddhismus ver­sperrt sei. Hier wer­de dem­nach das Mann-Sein als Standard oder Norm für das Erreichen der Buddhaschaft be­trach­tet. Andererseits fin­den sich im Ryôjin his­hô auch Lieder, die Hinweise auf Möglichkeiten der Erlangung der Buddhaschaft durch Frauen ent­hal­ten, zum Beispiel die Geschichte der Tochter des Drachenkönigs, die sich in ei­ner Legende erst in ei­nen Mann und dann in ei­nen Buddha ver­wan­deln kann. Hier er­in­nern die Lieder der as­o­bi­me dar­an, dass die­se Unterhalterinnen sich - an­ders als die ge­wöhn­li­chen Menschen im Mittelalter - über Provinzgrenzen hin­weg be­we­gen konn­ten und über mehr Freiheiten als ge­sell­schaft­lich üb­lich ver­füg­ten. So le­ge die Darstellung der as­o­bi­me als "Gegenbeispiele" die ge­sell­schaft­lich or­tho­do­xen Vorstellungen über die Stellung von Frauen of­fen.

Im Kontakt mit bud­dhi­sti­schen Mönchen fun­gier­ten sie oft als Medium, an dem sich die re­li­giö­se Erkenntnis der Mönche, die mit ih­nen ver­kehr­ten, ent­zün­de­te. Unter Wissenschaftlern ist strit­tig, ob sich durch die­se Mittlerrolle der Aspekt der den Frauen im Buddhismus zu­ge­schrie­be­nen Unreinheit auf­ge­ho­ben hat. Die Geschichten, die vom Zusammentreffen von bud­dhi­sti­schen Mönchen und as­o­bi­me über­lie­fert sind, ha­ben in der Regel ei­nen di­dak­ti­schen Wert: das so­zia­le Gefälle zwi­schen Mönchen und as­o­bi­me wird in den Vordergrund ge­stellt, die Sexualität der as­o­bi­me wird durch bud­dhi­sti­sche Vorstellungen do­me­sti­ziert. In ei­ner ge­schlech­ter­wis­sen­schaft­li­chen Interpretation wer­de die Begegnung zwi­schen as­o­bi­me und Mönch als se­xu­el­le Erfahrung er­klärt, die Darstellung in den Liedern als ei­ne Sublimierung der se­xu­el­len Kontakte der Mönche zu den Unterhalterinnen ge­se­hen.

In der Diskussion wur­de zu­erst die Autorenschaft des Ryôjin his­hô the­ma­ti­siert. Nishino ar­gu­men­tier­te, dass die dar­in ent­hal­te­nen Lieder al­ler Wahrscheinlichkeit von wirk­li­chen as­o­bi­me stam­men wür­den und des­halb als au­then­tisch zu be­wer­ten sei­en. Die Sammlung die­ser Lieder durch Go-Shirakawa ha­be sei­ner künst­le­ri­schen Profilierung ge­dient. Weiterhin dis­ku­tiert wur­den die ver­schie­de­nen Haltungen des Buddhismus zur ge­sell­schaft­li­chen Stellung der Frau. Viele as­o­bi­me sei­en von der bud­dhi­sti­schen Lehre stark be­ein­flusst wor­den und ih­re Lieder hät­ten wi­der­ge­spie­gelt, dass sie da­durch an die vom Buddhismus vor­ge­ge­be­nen Geschlechterrollen ge­bun­den wa­ren. In die­sem Zusammenhang kam die Frage auf, wie le­gi­tim die Anwendung heu­ti­ger Geschlechterperspektiven auf ver­gan­ge­ne Epochen ist. Die Anwendung heu­ti­ger Terminologie bringt im­mer das Problem der ana­chro­ni­sti­schen Verwendung von Begrifflichkeiten mit sich, wes­halb das Hinterfragen von Begrifflichkeiten bei de­ren Anwendung auf ver­gan­ge­nen Epochen zur grund­sätz­li­chen Vorgehensweise von Historikern ge­hört. Auch ei­ne sorg­fäl­ti­ge Quellenkritik wur­de ge­for­dert, da an­son­sten die Gefahr be­stün­de, li­te­ra­ri­sche Texte un­hin­ter­fragt als Auskunft über kul­tur­ge­schicht­li­che Phänomene zu be­nut­zen.

Anna Andreeva, Exzellenzcluster "Asia and Europe in a Global Context" der Universität Heidelberg: "Tracing the Karmic Bonds: Reading the en­gi in me­di­eval Japan";
Anna Andreeva un­ter­such­te, wie im ja­pa­ni­schen Mittelalter ein­hei­mi­sche Gottheiten in den bud­dhi­sti­schen Pantheon auf­ge­nom­men wur­den. Hierzu gibt es die li­te­ra­ri­sche Gattung der en­gi, al­so bud­dhi­sti­scher Texte und Kunstwerke, die die Herkunft be­stimm­ter Kultstätten und lo­ka­ler Gottheiten er­klä­ren. Die Art und Weise, wie hier be­stehen­de Mythen in neue Zusammenhänge ge­bracht wur­den, ent­hält Informationen über die Weltsicht der mit­tel­al­ter­li­chen Menschen, die sie pro­du­ziert ha­ben.

Im Mittelpunkt der Untersuchung von Anna Andreeva stand der Berg Miwa in der Provinz Yamato als ei­ne Kultstätte mit ei­ner lan­gen Tradition und Verbindung zur kai­ser­li­chen Familie. Der Berg wird be­reits im Kojiki und Nihon sho­ki er­wähnt. Ihm wird ei­ne Schlangengottheit zu­ge­schrie­ben, über die es in den frü­hen Mythen heißt, dass sie ei­ne jun­ge Frau aus der Umgebung des Miwa-Schreins ge­schwän­gert hat. Das en­gi, das die Integration des Bergs Miwa in bud­dhi­sti­sche Vorstellungen vor­nimmt, wur­de im 13th Jahrhundert vom Mönch Eizon (1201-1290) in sei­nem Tagebuch ver­fasst.

Aber nicht nur der Miwa-Schrein wur­de in Verbindung mit der bud­dhi­sti­schen Lehre ge­bracht, der bud­dhi­sti­sche Klerus in­ter­es­sier­te sich auch sehr für den Ise-Schrein. So wur­den u.a. bud­dhi­sti­sche Pilgerfahrten zum Ise-Schrein durch­ge­führt, die al­ler­dings nur bis zum Kazenomiya vor­ge­hen durf­ten, da auf dem Hauptgelände des Ise-Schreins bud­dhi­sti­sche Mönchskutten of­fi­zi­ell ver­bo­ten wa­ren. Nichtsdestotrotz wur­de der Ise-Schrein in die Ikonographie des eso­te­ri­schen Buddhismus auf­ge­nom­men. In die­ser Ikonographie wur­den geo­gra­phi­sche Gebiete wie zum Beispiel Berge als na­tür­li­che Manifestationen bud­dhi­sti­scher Konzepte in Form von Mandalas dar­ge­stellt. So nahm der eso­te­ri­sche Buddhismus auch ja­pa­ni­sche ka­mi wie zum Beispiel Amaterasu Ômikami in sei­nen Pantheon auf. Amaterasu wur­de nicht nur als Manifestation des Mahâvairocana dar­ge­stellt, sie wur­de auch mit Aizen Myôô as­so­zi­iert, al­so mit der bud­dhi­sti­schen Gottheit, die der Legende nach die gött­li­chen Winde aus­ge­löst hat, die zwei­ma­lig die mon­go­li­schen Invasionsversuche Ende des 13. Jahrhunderts schei­tern lie­ßen. Engi in­te­grier­ten vor­han­de­ne ein­hei­mi­sche Gottheiten in den eso­te­ri­schen Buddhismus des ja­pa­ni­schen Mittelalters und tru­gen so zu ei­ner Popularisierung bud­dhi­sti­scher Vorstellungen in der Bevölkerung bei. Zwar führ­te dies manch­mal zu ei­nem Spannungsverhältnis der bud­dhi­sti­schen und ein­hei­mi­schen Shintô-Vorstellungen, aber die Zusammenführung von Gottheitsvorstellungen wur­de von bei­den Seiten be­trie­ben und dien­te den je­wei­li­gen Kultstätten als Aufwertung ih­rer re­li­giö­sen Bedeutung. Die Mythen des Kojiki und Nihon sho­ki wur­den so neu in­ter­pre­tiert und dien­ten den Kultstätten als Quelle für die Legitimität ih­rer Herrschaft über das um­lie­gen­de Land.

Andrea Revelant, (Ca'Foscari-Universität Venedig): "Who Bears the Burden? Tax Reform in Interwar Japan";
Die Zwischenkriegszeit in Japan war ei­ne Phase, in der ei­ner­seits durch Industrialisierung und Urbanisierung die öko­no­mi­sche und so­zia­le Modernisierung des Landes fort­schritt und das Parlament im po­li­ti­schen Willensbildungsprozess im Vergleich zum 19. Jahrhundert an Bedeutung ge­wann. Auf der an­de­ren Seite war die Zwischenkriegszeit ge­kenn­zeich­net von ge­sell­schaft­li­cher Instabilität und so­zia­len Konflikten. Diese Konflikte, die in Form von Demonstrationen und Pächterstreiks aus­ge­drückt wur­den, be­un­ru­hig­ten die po­li­ti­sche Elite, weil die Protestierenden sich häu­fig so­zia­li­sti­scher Argumentationen be­dien­ten. Da ein Thema der Proteste die Steuerbelastung der ar­men Bevölkerung war, stell­te Relevant in sei­nem Vortrag die Frage, wie dra­ma­tisch die­se Belastung im Vergleich zu an­de­ren Ländern und Epochen wirk­lich war. Dabei kam er zum Ergebnis, dass die durch­schnitt­li­che Steuerlast von 15,4% für ei­nen ja­pa­ni­schen Haushalt im Jahre 1930 ver­gleichs­wei­se nied­rig war. Was aber zur Beunruhigung der Steuerzahler we­sent­lich bei­trug, war die Tatsache, dass es kei­ne so­zia­len Sicherungssysteme gab, die Armutsrisiken ab­fan­gen konn­ten. Zudem spie­gelt der sta­ti­sti­sche Durchschnittswert für die Steuerlast nur un­zu­rei­chend wi­der, dass die so­zia­le Ungleichheit mit ei­nem GINI Koeffizienten von mehr als 0,5 sehr hoch und die Belastung durch Steuern sehr un­gleich ver­teilt war.

Als Grund für die­se gro­ße Ungleichheit führ­te Revelant die Steuerpolitik der Meiji-Zeit an. Ziel des Steuersystems in der Meiji-Zeit war es ge­we­sen, aus­rei­chen­de Mittel für die Zentralregierung und die Landesverteidigung zu ge­ne­rie­ren. Um dies zu er­rei­chen han­del­te der Staat als Wirtschaftsakteur, der sich am Aufbau des groß­in­du­stri­el­len Sektors be­tei­lig­te. Dies ging al­ler­dings zu­la­sten der klei­nen und mit­tel­stän­di­schen Betriebe und ge­schah oh­ne die Berücksichtigung mög­li­cher so­zia­ler Probleme durch die Industrialisierung. Durch das Steuersystem wur­de Kapital aus dem länd­li­chen, schlecht ver­die­nen­den Japan in Richtung Großindustrie ge­lei­tet. Das Steuersystem be­la­ste­te Haushalte mit ge­rin­gem Einkommen ver­gleichs­wei­se stär­ker (zum Beispiel durch die Besteuerung be­stimm­ter Verbrauchsgüter wie Tabak, Sake, etc.), die un­ab­hän­gig vom Einkommen be­zahlt wer­den muss­ten. Zudem wur­den Landbesitz und Unternehmen ver­gleichs­wei­se un­fair be­steu­ert.

In der Zwischenkriegszeit wur­de des­halb die Reformbedürftigkeit des Steuersystems the­ma­ti­siert, u.a. um das da­von aus­ge­hen­de ge­sell­schaft­li­che Konfliktpotential zu ver­rin­gern. Die Teilnehmer an die­ser Diskussion wa­ren ne­ben den Regierungsvertretern vor al­lem po­li­ti­sche Parteien, die bei­den Kammern des Parlaments, die Bürokratie, un­ter­neh­me­ri­sche Interessenverbände, der Reichslandwirtschaftsverband und bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad auch das Militär. Keiner die­ser Akteure konn­te je­doch die Diskussion ent­schei­dend be­stim­men, wes­halb die Beteiligten Kompromisse fin­den muss­ten. Die Seiyûkai ver­folg­te da­bei ei­ne Politik, die auf Entwicklungsförderung zur Verringerung der Ungerechtigkeiten setz­te und so­mit vor­teil­haft für die länd­li­che Bevölkerung und die Interessen der pro­du­zie­ren­den Industrie war. Die Minseitô hin­ge­gen be­ton­te in ih­rer Politik Rationalisierung und Stabilität und be­dien­te so mehr die Interessen von Banken und Handelshäusern. In den 1920er Jahren schei­ter­ten bei­de po­li­ti­schen Ansätze. Im Falle der Seiyûkai war der Widerstand ge­gen die von der Partei vor­ge­brach­te neue di­rek­te Besteuerung von Land und Einkommen durch die Zentrale zu groß. Die Steuerreform der Minseitô war teil­wei­se er­folg­reich, aber auch hier war die po­li­ti­sche Unterstützung letzt­end­lich schwach. Der Faktor, der dann in den 1930er Jahren re­gel­mä­ßig al­le Anstrengungen zur Konsolidierung der Staatsfinanzen zu­nich­te mach­te, war der be­stän­di­ge Anstieg der Rüstungsausgaben. Erst ei­ne all­ge­mei­ne Steuerreform im Jahre 1940 er­reich­te ei­ne Verbesserung des Steuersystems, die den Kommunen hö­he­re Steuereinnahmen brach­te.

In sei­ner Zusammenfassung kam Revelant zu dem Schluss, dass die­se letzt­ge­nann­ten Steuerreformen die pro­gres­siv­sten Reformen der er­sten Hälfte des 20. Jahrhunderts wa­ren. Die da­vor vor­ge­nom­me­nen Reformen hat­ten den Willen ge­zeigt das System zu re­for­mie­ren und da­bei so­zia­le Aspekte zu be­rück­sich­ti­gen, wa­ren aber an den zu ver­schie­de­nen Interessen der Akteure, die sich nicht auf­ein­an­der zu be­weg­ten, ge­schei­tert.

In der an­schlie­ßen­den Diskussion ging es dann um die Frage der Einnahmen aus den Kolonien und de­ren Einfluss auf das Steuersystem. Diese hat­te Revelant nicht in die Untersuchung ein­be­zo­gen, weil die Steuergesetzgebung in Japan nicht eins zu eins auf die Kolonien an­ge­wen­det wur­den. Die Kolonien wur­den als rück­stän­dig be­trach­tet und die Einnahmen aus den Kolonien sind nicht in den Quellen zu Steuereinnahmen in Japan selbst auf­ge­führt.

Eine wei­te­re Frage war die nach der Rolle des Militärs in der Steuerdiskussion. Zwar war der Einfluss des Militärs im Kabinett in den 1920er Jahren be­reits sehr stark, aber im Prozess der Steuergesetzgebung taucht das Militär den­noch kaum auf. Das Militär nahm le­dig­lich mas­si­ven Einfluss auf die Ausgabenseite, wo der Anteil der Militärausgaben am BIP bis in die 1930er Jahre von 30% auf 50% an­stieg.

Die im Titel ge­stell­te Frage da­nach, wer in der Zwischenkriegszeit in Japan die Steuerlast ge­tra­gen hat, be­ant­wor­te­te Revelant da­mit, dass er aus­führ­te, dass in der Meiji-Zeit die Hauptlast auf der länd­li­chen Bevölkerung ge­le­gen hat­te, die­se aber dann in der Taishô-Zeit auf die städ­ti­schen Konsumenten über­ging.

Den zwei­ten Tag des Treffens, der im Karl Jaspers Center, der Heimat des Clusters of Excellence "Asia and Europe in a Global Context", statt­fand, lei­te­te ei­ne aus­führ­li­che Vorstellung von lau­fen­den Projekten und Arbeiten ein. Unter an­de­rem er­ging von Maik Hendrik Sprotte, der ei­nen er­folg­rei­chen DFG-Einzelforschungsantrag für sein lau­fen­des Habilitationsprojekt zu ver­bu­chen hat­te, und Jan Schmidt ein­mal mehr die Aufforderung zur Meldung von deutsch­spra­chi­gen Veröffentlichungen (Monographien, Sammelbände, Aufsätze und Rezensionen) mit Bezug zur Geschichte Japans für die stän­dig er­wei­ter­te "Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung" ein. Die Bibliographie um­fasst der­zeit knappt un­ter 900 Einträge und ist un­ter http://www.historische-japanforschung.de zu er­rei­chen, von wo aus Meldungen über ein Formular er­fol­gen kön­nen.
Maik Hendrik Sprotte wies zu­dem auf die Möglichkeit hin, ei­ge­ne Skizzen von Projekten mit Bezug zur Geschichte Japans in der Linkliste der Initiative auf­zu­füh­ren (bei Interesse bit­te per E-mail den Projekttitel, ge­ge­be­nen­falls mit funk­tio­nie­ren­dem Link, an maik@sprotte.name - Bitte in die Adresszeile der Mail ko­pie­ren. - sen­den).
Des wei­te­ren stell­te Robert Kramm-Masaoka (Tübingen) kurz sein Promotionsprojekt "Kolonisierte Körper und im­pe­ria­le Grenzen" zur Prostitution in Japan und Korea wäh­rend der US-Besatzungszeit als Beziehungsgeschichte un­ter glo­bal­ge­schicht­li­chen Vorzeichen so­wie Daniel Schley (Tôkyô/München) sei­nes zur Herrschaftssakralität im ja­pa­ni­schen Mittelalter vor. Jan Schmidt (Bochum) be­rich­te­te kurz auf der Grundlage ei­nes zwei­mo­na­ti­gen ei­ge­nen Forschungsaufenthalts von den Möglichkeiten zu Kurzaufenthalten als Gastforscher am Nationalmuseum für Geschichte und Völkerkunde (Kokuritsu re­ki­shi min­zo­ku ha­ku­buts­ukan) in Sakura, Chiba.

Im Anschluss dar­an hielt Thomas Büttner (Heidelberg) ein Inputreferat zum Thema "Eine so­zia­le Funktion der hi­sto­ri­schen Japanforschung: Strategien der Vermittlung Japans in der Öffentlichkeit". Hintergrund war die Berichterstattung in den deut­schen Medien im Zusammenhang mit dem Erdbebens und der da­durch aus­ge­lö­sten Flutwelle vom 11. März 2011 und der nach­fol­gen­den Atomkatastrophe um das AKW Fukushima I. Büttner po­stu­lier­te ei­ne so­zia­le Verantwortung der deut­schen Japanforschung, wo­bei er of­fen ließ, wie weit die Verpflichtung zu ei­ner Zusammenarbeit we­gen der Finanzierung der Japanforschung aus öf­fent­li­chen Mitteln rei­che, und ein­schränk­te, dass die Japanologie eben über kei­ne fe­ste Anbindung an die Medien ver­fü­ge und dass so­mit viel­fach ein Problem der Vermittlung herr­sche. Medienvertreter hät­ten zu­dem häu­fig ge­ra­de in den er­sten Tagen nach dem 11. März, aber auch ge­ne­rell, ein ge­rin­ges Interesse an ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Betrachtungsweise ge­zeigt. Büttner ver­wies aber auch auf das ge­ne­rell be­stehen­de Spannungsverhältnis zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher Arbeitsweise und ei­ner zu ei­nem ge­wis­sen Grad in den Medien not­wen­di­gen Pauschalisierung. Hieran schloss er die Frage an, ob "die" Japanologie, wenn es auch gar kei­nen Anspruch auf ei­nes sol­che als ho­mo­ge­ner Zusammenhang ge­ben kön­ne, das Ziel ha­ben wol­le, ein mög­lichst kor­rek­tes Bild von den Verhältnissen in Japan zu ver­mit­teln oder eher gra­du­ell die Annäherung an ein sol­ches und den Abbau von Stereotypen mit­zu­ge­stal­ten. Büttner pro­ble­ma­ti­sier­te auch die Tatsache, dass die Bereitschaft zur Mitwirkung an der Medienberichterstattung nach wie vor bis­wei­len als das Betreiben von "Populärwissenschaft" kri­ti­siert wür­de und ei­ne ge­fürch­te­te Blamage bei Fachkollegen, auch an­ge­sichts der Gefahr von un­lau­te­ren Verkürzungen durch die Medienvertreter, ge­ra­de jun­ge WissenschaftlerInnen von ihr ab­hal­te.

An das Inputreferat schloss sich ei­ne le­ben­di­ge Debatte an, die mit ei­nem Austausch der un­ter­schied­li­chen Erfahrungen der TeilnehmerInnen in den Wochen nach dem 11. März be­gann. Unter an­de­rem wur­de das Portal "Blickpunkt Japan" (http://www.blickpunkt-japan.de) im Wiki-Format mit sei­ner mög­li­chen Scharnierfunktion her­vor­ge­ho­ben, das bei jour­na­li­sti­schen Berufsverbänden be­kannt ge­macht wer­den müs­se. Auch wur­de da­vor ge­warnt, dass zu häu­fig von den Medien und den Japanologen ge­spro­chen wer­de. Die Vorstellung, durch­aus vor­han­de­ne Missstände ei­nes hi­sto­risch ge­wach­se­nen jour­na­li­sti­schen Systems - wenn auch nur im Hinblick auf die Japanberichterstattung - durch die Stimmen ei­ni­ger we­ni­ger JapanforscherInnen zu grö­ße­ren Veränderungen zwin­gen zu kön­nen, wur­de eben­so kri­ti­siert und da­zu auf­ge­ru­fen, schlicht­weg bei der Wahl des Mediums, mit dem zu­sam­men­ge­ar­bei­tet wür­de, vor­her die Qualität von des­sen Berichterstattung zu eva­lu­ie­ren. Es wur­de auch an­ge­merkt, dass die Japanologie als Institution von den exo­ti­schen Stereotypen lan­ge Zeit auch - nolens-volens - pro­fi­tiert ha­be. "Japan" ha­be sich al­ler­dings auch in der "Kulturindustrie" als Wert bzw. als ei­ne Art Produkt ver­selb­stän­digt, was vie­len TeilnehmerInnen beim Versuch der Zusammenarbeit mit Medienvertretern im­mer wie­der schmerz­haft be­wusst ge­macht wor­den ist. Andere TeilnehmerInnen war­fen ein, dass man­chen FachvertreterInnen et­wa in ih­ren Äußerungen zur Atomkraft, die bis hin zu tech­ni­schen Details des ha­va­rier­ten AKWs ge­reicht ha­ben, an­ge­sichts fach­li­chen Unwissens im Bereich der Naturwissenschaften et­was mehr Zurückhaltung an­zu­ra­ten wä­re, wäh­rend an­de­rer­seits ge­for­dert wur­de, dass die Japanforschung - aber auch die Geistes- und Sozialwissenschaften ge­ne­rell - sich durch­aus häu­fi­ger po­pu­lär­wis­sen­schaft­lich be­tä­ti­gen soll­te. Flankierend wur­de an­ge­merkt, dass häu­fig das Problem un­ter­schätzt wür­de, die je­wei­li­gen Medienkonsumenten bei ih­rem Wissensstand "ab­zu­ho­len" zu müs­sen und dass es auch ei­ne Aufgabe sei, zwar ei­ne wis­sen­schaft­li­che Darstellungsweise zu ver­tei­di­gen, aber auf ei­ne jar­gon­ar­ti­ge Fachsprache in den Medien nach Möglichkeit zu ver­zich­ten. Dem Einwand, die Japanforschung sol­le sich an be­nach­bar­ten Fächern wie der Sinologie oder et­wa an den Islamwissenschaften im Hinblick auf de­ren Umgang mit den Medien ori­en­tie­ren, wur­de ent­ge­gen ge­hal­ten, dass es bei­spiels­wei­se trotz des ho­hen Niveaus der Forschung zur heu­ti­gen is­la­mi­schen Welt im­mer noch viel­fach am Ende Peter Scholl-Latour sei, der die Deutungshoheit in­ne ha­be.

(Protokoll: Anke Scherer und Jan Schmidt)

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favicon0218. Treffen an der Cologne Business School am 5. und 6. November 2011:

Bei der Tagung an der Cologne Business School wa­ren an­we­send Akashi Tomonori (Bochum, Fukuoka), Anja Batram (Bochum), David Chwila (Bochum), Katrin Deutsch (Bochum), Katja Ferstl (München), Maj Hartmann (Bochum), Anna-Lena Heidrich (Bochum), Nina Holzschneider (Bochum), Stefan Hübner (Bremen), Thorsten Kerp (Heidelberg), Till Knaudt (Heidelberg), Arne Kraß (Bochum), Daria Kupis (Bochum), Michael Mattner (Bochum), Takuma Melber (Mainz), Martha-Christine Menzel (Heidelberg), Nara Katsuji (Bochum, Kyôto), Kenji-Thomas Nishino (Bonn), Johanna Poppek (Bochum), Anke Scherer (Köln), Christian-Ariel Schimanski (Bochum), Daniel Schley (München), Jan Schmidt (Bochum), Merlin Schmidt (Bochum), Patrycja Sojka (Köln), Maik Hendrik Sprotte (Halle-Wittenberg), Takahashi Junko (Bochum) und Terazawa Yû (Bochum, Kyôto).

Die Tagung be­gann mit ei­ner Vorstellungsrunde, wo­bei ins­be­son­de­re drei WissenschaftlerInnen aus Japan, Nara Katsuji (Ritsumeikan Universität Kyôto), Akashi Tomonori (Kyûshû Universität Fukuoka) so­wie Terazawa Yû (Ritsumeikan Universität Kyôto), die zur­zeit ih­re Forschung an der Ruhr-Universität Bochum be­trei­ben, be­grüßt wur­den.

Michael Mattner (Bochum) hielt den er­sten Vortrag mit dem Titel "Der Falke als Herrschaftssymbol - Jagdreviere, Falkenhandel, Gesetzgebung von der Sengoku bis zur Edo-Zeit", wor­in er ei­nen Teilbereich sei­ner Magisterarbeit vor­stell­te. Die Hauptfrage war, in­wie­fern die Falkenjagd zu ei­nem Selbstverständnis der Herrschereliten bei­trug und als Herrschaftssymbol ver­wen­det wur­de. Um die Symbolträchtigkeit des Falken und der Falkenjagd ad­äquat fas­sen zu kön­nen, ver­wen­de­te Mattner die Theorie zum Sozialkapital nach Pierre Bourdieu, wo­bei er ei­nen be­son­de­ren Fokus auf den Begriff des Kulturellen Kapitals leg­te. Ebenso aber ging er auf den Begriff der Macht ein und folg­te den Arbeiten Max Webers und Kuroda Toshios, der Macht als ge­gen­sei­ti­ges Wechselspiel be­trach­te­te.
Ein Schwerpunkt des Vortrags be­zog sich auf die Gesetzgebung des Untersuchungszeitraums, in dem die Falknerei be­reits strik­ten Vorschriften, Weisungen und Regelungen un­ter­wor­fen war. So wur­de die Falkenjagd bei­zei­ten nur be­stimm­ten Gruppen oder Individuen ge­stat­tet oder auch gänz­lich ver­bo­ten. Vor al­lem dem Hofadel war dar­an ge­le­gen, die Falknerei als ein Privileg für sich selbst zu si­chern, was aber ein frucht­lo­ses Unterfangen war, da die an Macht ge­win­nen­de Kriegeraristokratie ih­nen die­ses strei­tig mach­te. Ein wei­te­rer Fokus lag auf der Geschenkkultur der Zeit, in der der Austausch von Falken eben­falls stren­gen Reglements un­ter­wor­fen war. Im Ständesystem der Edo-Zeit war es nur dem ober­sten Stand ge­stat­tet, sich der Falknerei zu wid­men. Doch auch in­ner­halb die­ser klei­nen Gruppe wa­ren die Regeln zur Falknerei deut­lich ge­kenn­zeich­net, was bei­spiels­wei­se die Anzahl der Vögel pro Person ein­schränk­te. Die Falknerei wur­de u.a. von Konoe Sakihisa (1536-1612) zu ei­ner re­gel­rech­ten Kunstform er­ho­ben. Der Hofadelige wur­de als ein Kenner der Falkenjagd be­kannt und pro­fi­lier­te sich als Falkenkundiger, -trai­ner und auch Autor von Werken über die Falknerei. Ein kur­zer Exkurs stell­te den Falken in der ja­pa­ni­schen Kunst vor, an der das Prestigeobjekt "Falke" noch­mals ver­deut­licht wur­de. So wa­ren Falke wie auch Praxis der Falknerei ein Mittel, den be­son­de­ren Stand der bu­shi zu ver­deut­li­chen und er wur­de zu ei­nem Symbol von Macht und Herrschaft.
Während der Diskussion wur­de nach der Domestizierungspraxis so­wie der Einfuhr ge­fragt. Die Vögel wur­den dem­nach be­reits im Jungvogelalter her­an­ge­zo­gen und ab­ge­rich­tet. Die pri­mä­ren Importkanäle wäh­rend der Edo-Zeit wa­ren die le­ga­len aus­län­di­schen Händlerstationen. Zur Falkenjagd als Naturwissenschaft und der Falkenjagd als Vergnügung konn­te er­ste­res aus­ge­schlos­sen wer­den. Werke über den Umgang mit dem Falken wa­ren zahl­reich vor­han­den, doch dar­un­ter be­fand sich wohl kei­ne bio­lo­gi­sche Abhandlung. Weitere Teilnehmer sa­hen im Falken als Darstellungsobjekt in der Kunst er­heb­li­ches Potential für Repräsentationsfähigkeit von Macht und Herrschaft.

Im dar­auf fol­gen­den Vortrag "Die frü­hen Asian Games und ih­re Vorgänger (1913-1974): Sport, Nationalismus, Asianismus und ‚Modernisierung'" ging Stefan Hübner (Bremen) auf die Wechselbeziehung zwi­schen Sport, Politik und na­tio­na­len Interessen ein. Ein Fokus lag auf dem Zusammenhang von Sport, na­tio­na­ler Identität, und wie letz­te­re sich im Spannungsfeld zwi­schen inter-asiatischer Diplomatie und Konkurrenz zum "Westen" ver­such­te zu eta­blie­ren. In den seit 1951 al­le vier Jahre statt­fin­den­den Asian Games wur­den Sportfunktionäre zu Politikern, die die trans­na­tio­na­le Repräsentation des Nationenbildes mit­ge­stal­te­ten. Ziel war es meist, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zu de­mon­strie­ren. Darüber hin­aus gab es je­doch wei­te­re Motivationen. Zum ei­nen soll­te die Maxime des Fair Play und der Völkerverständigung, ein Kerngedanke der Olympischen Spiele, pro­pa­giert wer­den. Zum an­de­ren wur­de die Organisation der Asian Games als ein Mittel zur "Modernisierung" und Entwicklung ge­se­hen, durch wel­che die nicht im­mer span­nungs­freie Annäherung an so­wie die Anerkennung durch den "Westen" voll­zo­gen wer­den soll­te. Die Ursprünge "west­lich" ge­präg­ter in­ter­na­tio­na­ler Sportereignisse in Asien ge­hen auf den Amerikaner Elwood S. Brown zu­rück, der im Rahmen ei­ner ame­ri­ka­ni­schen "Zivilisierungsmission" un­ter dem YMCA-Stichwort "Muscular Christianity" de­mo­kra­ti­sche, ka­pi­ta­li­sti­sche und re­li­giö­se Werte ver­brei­ten woll­te. Hieraus ent­wickel­ten sich die Far Eastern Championship Games.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam auf der Asian Relations Conference (1947) die Idee der Asian Games auf, die zum er­sten Mal 1951 in Delhi ab­ge­hal­ten wur­den. Die Rolle Japans in den Asian Games wur­de hier, auf­grund Japans Rolle als Kriegsverursacher, zu ei­nem Streitpunkt. So war es letzt­end­lich u.a. das Einschreiten MacArthurs, das Japan die Teilnahme er­mög­lich­te. Mit der zwei­ten Austragung in Manila wur­de die Aussöhnung zwi­schen Japan und den Philippinen vor­an­ge­trie­ben, in­dem sich Japan als reu­mü­ti­ge Nation dar­stell­te. Bereits die drit­ten Asian Games konn­ten in Tôkyô statt­fin­den. Um Spannungen zu mi­ni­mie­ren, wur­de dem Tennô nicht die Rolle des Patrons der Spiele zu­ge­spro­chen, son­dern dem Kronprinzen. Weiterhin er­folg­te ein Reinterpretation von zu­vor für ja­pa­ni­sche Aggression und Krieg ste­hen­den ja­pa­ni­schen Symbolen durch de­ren Nutzung im Rahmen der in­ter­na­tio­na­le Verständigung und Frieden re­prä­sen­tie­ren­den Spiele.
Hübner kam zu dem Schluss, dass über Sportveranstaltungen in­ne­ra­sia­ti­sche Spannungen aus­ge­lebt und ar­ti­ku­liert wur­den, wie zum Beispiel die pro­ble­ma­ti­sche Rolle Japans nach Kriegsende im ost- und süd­ost­asia­ti­schen Raum oder auch der Vietnam-Krieg. Die Idee ei­nes Pan-Asiens wur­de stets als Anker ver­wen­det, ei­ne Einheit zu schaf­fen. Es blieb hier aber le­dig­lich bei ei­ner pan-asiatischen Rhetorik, die die grund­le­gen­den Positionen nicht er­schüt­tern konn­te. Ein wei­te­rer Zweck war, die auch nach der Dekolonialisation wei­ter­hin be­stehen­de Machtasymmetrie zwi­schen "Westen" und Asien vi­su­ell zu re­du­zie­ren.
In der Diskussion wur­de un­ter an­de­rem der euro-amerikanische Einfluss auf die Asian Games und die Far Eastern Championship Games nä­her be­leuch­tet. Zudem wur­de das Konfliktpotential der teil­neh­men­den Länder the­ma­ti­siert. Die Spannungslage be­zog sich nicht nur auf die Emanzipation vom "Westen", des­sen Definition "mo­der­nen" Sports aber über­nom­men wur­de, son­dern auch auf die Verteidigung und Festigung na­tio­na­ler Identitäten. Eine wei­te­re Frage ging auf die me­dia­le Übertragung der Spiele ein, die be­reits via Wochenschauen, Radio- und nach dem Zweiten Weltkrieg auch via Fernsehübertragungen die Menschen er­reich­ten.

Der letz­te Programmpunkt des Tages trug den Titel "Geschichte Japans zwi­schen Normalbetrieb, Internationalisierungsdruck und Exzellenz - Diskussion mit drei jun­gen ja­pa­ni­schen JapanhistorikerInnen über den Status quo der hi­sto­ri­schen Forschung in Japan und in Deutschland" und schloss vor al­lem die ja­pa­ni­schen Gäste mit ein.
Die Diskussion be­han­del­te zwei Hauptfragen. Zum ei­nen die nach dem Internationalisierungsdruck in Japan, der aber in­ner­halb der ja­pa­ni­schen Geschichtsforschung kei­ne son­der­li­che Rolle zu spie­len scheint. Dies än­dert sich, so­bald es um Studien in­ter­na­tio­na­len Vergleichs geht, oder aber wenn eta­blier­te, west­li­che Arbeiten über­setzt wer­den und da­mit ei­ne hö­he­re Rezeption in Japan er­hal­ten. Die zwei­te Frage schloss an die er­ste an und dreh­te sich um den Sinn (oder Unsinn) deut­scher ja­pa­no­lo­gi­scher Forschung und de­ren Rezeption in Japan. Zwischen Publikationssprache und Rezipienten wur­de ein star­ker Zusammenhang fest­ge­stellt, wo­bei Publikationen auf Japanisch dem ja­pa­ni­schen Standard ge­nü­gen müs­sen, um ernst ge­nom­men zu wer­den. Forschung von Ausländern zu Japan muss nicht vorn­her­ein ab­ge­lehnt wer­den, doch die Qualität der Quellenarbeit muss wert­voll ge­nug sein, um ei­nen so­li­den Betrag zum in­ter­na­tio­na­len Austausch zu ge­währ­lei­sten.

Der Folgetag be­gann mit ei­nem Vortrag von Katja Ferstl (München) mit dem Titel "Historische Etappen der Verwendungszusammenhänge pri­va­ter Fotografie in Japan", wo­bei es sich um ei­nen Aspekt ih­rer Dissertationsarbeit han­del­te. Ferstl be­schrieb, wie sich Gebrauchsweisen pri­va­ter Fotografie in Japan hi­sto­risch ent­wickelt ha­ben. Sie lei­stet da­mit ei­nen Beitrag zum Schließen ei­ner Forschungslücke in Bezug auf Familienfotografie und Knipser-Kultur. Der hi­sto­ri­sche Überblick il­lu­strier­te den en­gen Zusammenhang zwi­schen Technik, Erinnerungskultur und Kommerzialisierung.
Nachdem die Fotografie in den 1830er Jahren zeit­gleich in Frankreich und England ent­wickelt wur­de, er­reich­te sie Japan be­reits vor dem Zusammenbruch des Shogunats. Die er­sten Fotografen, die in Japan Studios er­öff­ne­ten, wa­ren Ausländer, die bald schon von ih­ren ja­pa­ni­schen Kollegen ver­drängt wur­den. Bereits in die­sem Zeitabschnitt fällt die Etablierung des Wortes shash­in. Mit stei­gen­der Akzeptanz der Fotografie wäh­rend der zwei­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts wur­de sie zum Instrument von Intentionen ei­ner brei­ten Masse. Hohe preis­li­che Ausgaben wa­ren vor al­lem Erinnerungsfotografien an Soldaten wert, die kurz da­vor stan­den, in die Schlacht zu zie­hen, oder auch Fotos äl­te­rer Menschen, die ih­ren Hinterbliebenen in Erinnerung blei­ben woll­ten Mit Entwicklung gün­sti­ge­rer und schnel­le­rer Verfahren konn­ten Kosten und Aufwand re­du­ziert wer­den. Zu ei­ner die­ser Neuerungen ge­hör­te das Trockenplattenverfahren, das sich in Japan ab den 1880er Jahren ver­brei­te­te.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts er­reich­te die Amateur-Fotografie die ja­pa­ni­sche Mittelschicht; Ratgeber wur­den ge­duckt und Fotos wur­den zum er­sten Mal in Zeitungen ver­öf­fent­licht. Der Zweite Weltkrieg ver­hin­der­te die wei­te­re Ausbreitung, pri­va­te Fotografie wur­de aber wei­ter aus­ge­übt.
Nach Kriegsende wur­de Fotografie von den Besatzungsmächten als "fried­li­che" Industrie ge­wer­tet und konn­te wie­der Teil des Alltags wer­den. Der zwei­te Fotoboom wur­de im Land ver­zeich­net, das sich ab den 1950er Jahren ein Faible für Familien- und Kinderfotografie ent­wickel­te. Kameras wur­den für den Export, aber auch die stei­gen­de Binnennachfrage pro­du­ziert. Mit dem stei­gen­den Konsum von Fotografie-Equipment aber auch Fotos selbst ist die Trennung zwi­schen pri­va­ter und kom­mer­zi­el­ler Fotografie zu­neh­mend ver­schwom­men. So kann man mitt­ler­wei­le Fotoalben von Berufsfotografen, de­ren Fotos in­ti­me Familienszenen oder Kinderportraits zei­gen, auf dem frei­en Markt er­ste­hen.
Die Frage nach der Unterscheidung zwi­schen pri­va­ter und kom­mer­zi­el­ler Fotografie wur­de auch in der Diskussion the­ma­ti­siert. Die Trennlinie ist nicht ein­deu­tig fest­zu­stel­len, da es schwie­rig ist, ei­nen Definitionsansatz fest­zu­set­zen. Einerseits könn­te die Intention wäh­rend des Schießens zu ei­nem Anhaltspunkt ge­macht wer­den, doch an­de­rer­seits könn­te auch die rei­ne Verwendung die Definition kom­mer­zi­el­ler und pri­va­ter Fotografie be­stim­men. Intention und Verwendung müs­sen nicht kon­gru­ent sein.

Zur Projektrunde, zu der al­le Teilnehmer am Sonntag die Gelegenheit be­ka­men, sich selbst und ih­re lau­fen­den Projekte vor­zu­stel­len: Martha-Christine Menzel (Heidelberg) un­ter­sucht die Hokkaid6ocirc;-Besiedlung im Spiegel zeit­ge­nös­si­scher ja­pa­ni­scher Literatur. Stefan Hübner (Bremen) ar­bei­tet an sei­ner Dissertation zu den frü­hen Asian Games und wird vor­aus­sicht­lich im Mai näch­sten Jahres ei­nen Artikel zum Bild der Nationalsozialisten in ja­pa­ni­schen Zeitschriften der Vorkriegszeit ver­öf­fent­li­chen. Takuma Melber (Mainz) hat ein Dissertationsprojekt zur Besatzung in Südostasien durch Japan und un­ter­sucht die Kollaborateure und Widerständler. David Chwila (Bochum) ar­bei­tet zu ei­nem Thema in­ner­halb der Kolonialwissenschaften, bei dem es um Philipp Franz von Siebolds 'Flora Japonica' und die Bedeutung der mo­der­nen bo­ta­ni­schen Taxonomie des Carl von Linné für die Entwicklung der Pflanzenkunde im spä­te­do­zeit­li­chen Japan geht. Christan Schimanski (Bochum) hat zur­zeit ei­ne Arbeit, in wel­cher er sich der Bauern wäh­rend der Sengoku-Zeit wid­met. Arne Kraß (Bochum) be­en­det dem­nächst sei­ne kunst­ge­schicht­li­che Bachelorarbeit zu nishiki-e im Russisch-Japanischen Krieg in un­ter­schied­li­chen Darstellungen. Akashi Tomonori (Fukuoka/Bochum) hat ein Dissertationsvorhaben, bei dem er die Meiji-zeitlichen Missionierungsbestrebungen der Jôdô-shin-Sekte in Gefängnissen un­ter­sucht, so­wie de­ren Finanzierung und in­ter­na­tio­na­le Einbindung. Nara Katsuji (Kyôto/Bochum) be­schäf­tigt sich mit der ba­ku­mat­su-Zeit und strebt hier die Untersuchung der deut­schen Perspektive auf die Geschehnisse an. Einen spe­zi­el­len Fokus legt er auf das eu­ro­päi­sche Vertragswesen mit Sicht auf den Westfälischen Frieden. Patricia Sojka (Köln) ar­bei­tet zu dem Thema "Interkulturelle Schwierigkeiten und Anforderungen: Deutschland-Japan". Daniel Schley (München) be­wegt sich im Bereich der Mediävistik zur sa­kra­len Königschaft im ja­pa­ni­schen Königreich. Kaja Ferstl (München) hat kürz­lich ih­re Dissertation zu Fotografie in Japan ein­ge­reicht und be­rei­tet sich nun auf ih­re Disputatio vor. Maik Hendrik Sprotte (Halle-Wittenberg) kün­dig­te die Veröffentlichung ei­nes Arbeitspapiers von Mitani Hiroshi an. Der vol­le Titel lau­tet: Hiroshi Mitani (2011): Die Formierung von Öffentlichkeit in Japan. Eine Bilanz in ver­glei­chen­der Perspektive. Halle: Martin Luther Universität Halle-Wittenberg (= Formenwandel der Bürgergesellschaft - Arbeitspapiere des Internationalen Graduiertenkollegs Halle-Tôkyô, Nr. 10). Es kann über die Adresse http://www.igk-buergergesellschaft.uni-halle.de/publikationen/arbeitspapiere/ ein­ge­se­hen wer­den. Darüber hin­aus kön­nen stets neue Titel für die "Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung" un­ter http://www.historische-japanforschung.de di­rekt über die Seite, die von Maik Hendrik Sprotte und Jan Schmidt ge­pflegt wird, ge­mel­det wer­den. Unter http://www.japanische-geschichte.de ste­hen au­ßer­dem die Protokolle al­ler bis­he­ri­ger Tagungen der Initiative zur Einsichtnahme zur Verfügung. Sprotte bot an, dort auch auf Projektskizzen im Netz in der Linkliste auf die­ser Seite zu ver­wei­sen. Nach dem Prinzip "first-come, first-served" reich­te da­zu ei­ne Mail mit dem Projekttitel, den Namen der be­tei­lig­ten Wissenschaftler und ei­nem funk­tio­nie­ren­den Link an: maik@sprotte.name. In der ge­nann­ten Linkliste fin­det sich ne­ben der Bibliographie auch be­reits ein Verweis zur Bochumer Datenbank von Hans-Martin Krämer mit Quellenübersetzungen un­ter http://dbs-win.rub.de/japanquellen/de/home.php. Terazawa Yû (Kyôto/Bochum) möch­te in Deutschland an ih­rer Masterarbeit zu Prostitution in der Gegenwart im deutsch-japanischen Vergleich ar­bei­ten. Kenji-T. Nishino (Bonn) hat ein Dissertationsvorhaben zu Unterhaltung, Sexualität und Buddhismus im ja­pa­ni­schen Mittelalter und ar­bei­tet au­ßer­dem an ei­nem Artikel zur Geschlechterpolitik in der Zeichentrickserie "Avatar: The Last Airbender". Jan Schmidt (Bochum) wird dem­nächst sei­ne Dissertation zur Rezeption des 1. Weltkriegs in Japan ein­rei­chen. Anke Scherer (Köln) be­schäf­tigt sich zur­zeit mit dem Thema "Corporate Social Responsibility - Business Ethics" mit dem Fokus auf Ostasien.

Den Schlussvortrag durf­te Martha-Christine Menzel (Heidelberg) prä­sen­tie­ren. Mit dem Titel "Die Besiedlung Hokkaidôs im Spiegel der Literatur" kon­zen­trier­te sich Menzel nicht nur auf die Literatur, die die Besiedlung be­schrieb, son­dern leg­te ei­nen Schwerpunkt auf die Methodologie ih­rer Forschung. Unter dem vor­ge­stell­ten Schlagwort "Literaturgeographie", bei wel­chem die Handlungsorte zum Hauptaugenmerk wer­den, sind nicht nur rea­le Schauplätze zu ver­ste­hen, son­dern auch pro­ji­zier­te Orte und da­mit ver­bun­de­ne Grade der Fiktionalisierung. Die Annahme, die Wahl der Handlungsorte im Text durch den/die AutorIn sei klar in­ten­tio­nal, wird hier­mit zum me­tho­di­schen Anker. Unter der Leitfrage, wie die Schauplätze Hokkaidôs in den Texten aus­se­hen und fik­tio­na­li­siert wer­den, hat Menzel to­po­gra­phi­sche Marker iden­ti­fi­ziert und ent­spre­chen­de Karten zu den Texten an­ge­fer­tigt. Der Ort Hokkaidô dien­te ihr als Modellregion auf­grund di­ver­ser Vorteile: Es han­delt sich hier­bei um ei­ne ab­ge­schlos­se­ne Region mit vie­len ver­schie­de­nen Landschaftstypen und um ei­nen gut ein­grenz­ba­ren Untersuchungszeitraum durch die spä­te Besiedlungszeit, wo­durch ei­ne na­tür­li­che Einschränkung des Textsamples ge­ge­ben ist.
In ih­ren ex­em­pla­ri­schen Textanalysen zeig­te Menzel die Vorteile ei­ner li­te­ra­tur­geo­gra­phi­schen Analyse und band hier­bei den frei­en Onlinedienst Google Maps mit ein. Im er­sten Text Kunikida Doppos "Sorachigawa no kis­hi­be" aus dem Jahr 1904 wird die au­to­fik­tio­na­le Geschichte ei­nes Mannes er­zählt, der nach Hokkaidô aus­wan­dern und sich zu die­sem Zweck zu­nächst ein­mal ein Stück Land zu­tei­len las­sen möch­te. Der Text be­rich­tet von den Geschehnissen wäh­rend sei­ner Reise zu den Siedlungsstätten im Inland. Menzel un­ter­such­te die Darstellung auf ih­re Authentizität und Fiktionalisierungsgrade hin, um ei­ne ad­äqua­te Interpretation zu­zu­las­sen. Im zwei­ten Text von Arishima Takeo, "Kain no matsu­ei" aus dem Jahr 1917, wird die Geschichte ei­nes ro­hen Bauern in Hokkaidô er­zählt, der we­gen sei­ner ani­ma­li­schen Art an den mensch­li­chen Sozialgefügen schei­tert. Der Autor selbst stu­dier­te Agrarwissenschaft am Sapporo Agricultural College und leb­te in Hokkaidô. Einige der in der Geschichte vor­kom­men­den Schauplätze, die ei­nen kla­ren Verweis auf sei­ne ei­ge­ne Lebensgeschichte ver­mu­ten las­sen, wur­den aber an an­de­re Orte ver­legt. Die Aufgabe der li­te­ra­tur­geo­gra­phi­schen Analyse liegt dar­in, sol­che Details of­fen­zu­le­gen, die Entscheidung des Autors zur Änderung des Schauplatzes zu hin­ter­fra­gen und die Ergebnisse ei­ner sol­chen Analyse bei der Gesamtinterpretation des Textes mit ein­zu­be­zie­hen.
Wie auch in der nach­fol­gen­den Diskussion an­ge­spro­chen, müs­sen die Schlüsse aus ei­ner sol­chen Analyse vom je­wei­li­gen Werk ab­hän­gig ge­zo­gen wer­den. Die Frage nach ei­nem hi­sto­ri­schen Mehrwert hin­ge­gen konn­te mit dem Verweis be­ant­wor­tet wer­den, dass durch die Einbindung hi­sto­ri­scher und geo­gra­phi­scher Quellen die Interpretation ei­nes Textes um ei­ne wei­te­re Ebene er­wei­tert wer­den kön­ne, näm­lich um die der Handlungsorte. Unabhängig von der Literaturwissenschaft kön­ne die­ses Verfahren aber auch bei der Analyse hi­sto­ri­scher Quellentexte an­ge­wandt wer­den.

(Protokoll: Kenji-Thomas Nishino)

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