Protokolle 7-12 (2006-2008)

Protokolle der 7. bis 12. Tagung aus den Jahren 2006 bis 2008:

Durch Anklicken des ent­spre­chen­den Links kön­nen Sie das Protokoll der zu­ge­hö­ri­gen Tagung auf­ru­fen.

7. Treffen am Institut für Japanologie der Universität Heidelberg am 6. und 7. Mai 2006
8. Treffen am Ostasiatischen Institut /Japanologie der Universität Leipzig am 4. und 5. November 2006
9. Treffen an der Sektion Geschichte Japans, Fakultät für Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum am 5. und 6. Mai 2007
10. Treffen am Japan-Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München am 3. und 4. November 2007
11. Treffen am Internationalen Graduiertenkolleg "Formwandel der Bürgergesellschaft" Halle-Tokyo, Universität Halle Wittenberg, am 3. und 4. Mai 2008
12. Treffen am Japan-Zentrum der Universität Marburg am 1. und 2. November 2008

favicon027. Treffen am Institut für Japanologie der Universität Heidelberg am 6. und 7. Mai 2006:

Anwesend in Heidelberg wa­ren: Lucia Banholzer (Heidelberg), Juljan Biontino (Heidelberg), Georg Blind (Heidelberg), Thomas Büttner (Heidelberg), Eva Burzynski (Halle), Wolf Hannes Kalden (Marburg), Hans Martin Krämer (Bochum), Heinrich Menkhaus (Marburg), Harald Meyer (Zürich), Gotelind Müller-Saini (Heidelberg), Yoko Nakamura (Wien), Daniel Poch (Heidelberg), Heinrich Reinfried (Zürich), Daniela Schaaf (Heidelberg), Wolfgang Schamoni (Heidelberg), Anke Scherer (Bochum), Jan Schmidt (Heidelberg), Tino Schölz (Halle), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Melanie Trede (Heidelberg), Edith Wagner (Erlangen), Martin Wandt (Halle), Robin Weichert (Heidelberg), Asa-Bettina Wuthenow (Heidelberg), Matthias Zachmann (München);

Bereits zum sieb­ten Mal traf sich die Initiative zur Historischen Japanforschung am er­sten Mai-Wochenende 2006 zur Vorstellung lau­fen­der oder ge­ra­de fer­tig ge­stell­ter Arbeiten und zu Diskussionen über Themen aus der hi­sto­ri­schen Japanforschung.

Den er­sten Vortrag des Treffens hielt am Samstag Urs Matthias Zachmann (Universität München) mit dem Titel "Das kur­ze Schicksal ei­ner gro­ßen Idee: Konoe Atsumaros Vorstellung ei­ner pa­nasia­ti­schen Allianz, 1898". Im Zentrum des Vortrags stand ein Artikel, den Konoe Atsumaro, da­mals Präsident des ja­pa­ni­schen Oberhauses, un­ter dem Titel "Eine Rassenallianz; gleich­zei­tig zur Notwendigkeit der Erforschung der Chinesischen Frage" im Januar 1898 in der Zeitschrift Taiyô ver­öf­fent­lich­te. Darin prä­sen­tier­te der Verfasser die Idee ei­ner ge­gen den Westen ge­rich­te­ten asia­ti­schen Allianz und dräng­te auf ein ver­stärk­tes Engagement Japans in China. Kurze Zeit vor Erscheinen die­ses Artikels hat­te Konoe noch die Meinung ver­tre­ten, dass es kei­nen Kampf zwi­schen den Rassen - wie er ihn in be­sag­tem Artikel kon­sta­tier­te - son­dern ei­nen Wettkampf der Kulturen ge­be. Konoes Artikel lö­ste in den po­li­ti­schen und di­plo­ma­ti­schen Kreisen Japans Befremden aus: Der ja­pa­ni­sche Gesandte in Paris nann­te Konoe in ei­ner Unterredung ei­nen Fanatiker und Anhänger ei­ner Minderheitenmeinung; Ôkuma Shigenobu be­zeich­ne­te die von Konoe pro­kla­mier­te Notwendigkeit ei­ner Allianz der gel­ben Rasse als Unsinn. Nachdem sich die Aufregung um Konoes äu­ße­rung ge­legt hat­te, wur­de die­ser dann zu ei­nem Verfechter ei­ner japanisch-britischen Allianz. Zachmann un­ter­such­te in sei­nem Vortrag an­hand die­ses Beispiels, wel­chen Stellenwert Bekenntnisse zum Pan-Asianismus - als ein sol­ches könn­te der 1898er Artikel von Konoe ge­wer­tet wer­den - in­ner­halb der Diskurse in der Meiji-Zeit hat­ten. Er kam zu dem Schluss, dass sol­che Bekenntnisse von der po­li­ti­schen Führung Japans mög­lichst ver­mie­den wur­den, da Japan ei­ne Allianz mit west­li­chen Staaten an­streb­te. Nur ei­ne Minderheit nahm pan-asiatische Vorstellungen ernst, al­ler­dings ar­gu­men­tier­ten so­gar die­se Befürworter nicht ras­si­stisch, da das Konzept Rasse im po­li­ti­schen Diskurs ta­bu war; bei ei­ner sol­chen Argumentation hät­te Japan ge­gen­über dem Westen im­mer auf der Verliererseite ge­stan­den. Die Allianz der asia­ti­schen Völker wur­de nur auf bi­la­te­ra­ler Ebene zwi­schen Japan und China be­schwo­ren, in­ter­na­tio­nal stell­te Japan sich auf die Seite des Westens. Konoes Artikel ist dem­nach als kurz­fri­sti­ge hef­ti­ge Reaktion auf die vor sei­nem Artikel im Westen be­schwo­re­ne "gel­be Gefahr" zu ver­ste­hen.
Die Diskussion im Anschluss an den Vortrag ging von die­sem da­mals im Westen ver­brei­te­ten Bild der "gel­ben Gefahr" aus. Im Westen blieb das Image Konoes als ei­nes Verfechters des Pan-Asianismus und da­mit Feindbildes west­li­cher Politiker an ihm haf­ten. In dem­sel­ben Jahr, in dem sein Artikel er­schie­nen war, mach­te zum Beispiel ein eng­li­scher Science-Fiction-Roman Furore, in dem der Protagonist japanisch-chinesischer Abstammung die bei­den Länder China und Japan zu­sam­men­bringt und die eu­ro­päi­schen Länder ge­gen­ein­an­der auf­hetzt. In Japan selbst wur­de Konoe da­ge­gen nicht als ech­ter Vertreter des Pan-Asianismus ernst ge­nom­men. So fin­det sich der Aufsatz vom Januar 1898 nicht im ein­schlä­gi­gen Sammelband von Takeuchi Yoshimi zu die­sem Thema. Der zwei­te Teil der Diskussion be­schäf­tig­te sich dann mit der Frage nach dem Rassismus als all­ge­mein ak­zep­tier­ter Vorstellung Ende des 19. Jahrhunderts. In die­ser Zeit wur­de in Japan das Thema der "star­ken" ge­gen die "schwa­chen" Völker im Rahmen des Sozialdarwinismus dis­ku­tiert. Problematisch an Konoes Artikel sei auch, dass er sehr ab­strak­te Ideen ent­hielt, aber kei­ner­lei prak­tisch um­setz­ba­re Vorschläge für die tat­säch­li­che Durchführung ei­ner sol­chen japanisch-chinesischen Allianz ent­hielt. Dies ist ein wei­te­rer Hinweis dar­auf, dass der Artikel eher den Charakter ei­ner kurz­fri­stig hin­ge­wor­fe­nen Idee als ei­ner wohl­über­leg­ten lang­fri­sti­gen Überzeugung hat.

Nach die­sem Vortrag folg­te ein Diskussionsbeitrag von Melanie Trede (Universität Heidelberg) zum Thema "Geschichtswissenschaft und Kunsthistorie: Plädoyer für mehr Interdisziplinarität". Als Ausgangspunkt dien­te die Beobachtung, dass sich nur we­ni­ge Kunsthistoriker im Bereich Europa auch mit den hi­sto­ri­schen Hintergründen be­schäf­tig­ten, die mit der Entstehung der je­wei­li­gen Kunstobjekte zu­sam­men hän­gen. In Japan sei es üb­lich, dass sich ja­pa­ni­sche Kunsthistoriker ent­spre­chen­de Informationen von Historikern hol­ten. Westliche Historiker ja­pa­ni­scher Kunst wie­der­um be­zö­gen oft ih­re Informationen zu hi­sto­ri­schen Hintergründen von den ja­pa­ni­schen Kunsthistorikerkollegen. Am Beispiel ei­nes Bildrollensets ver­an­schau­lich­te Trede, war­um die Erforschung der Entstehungsgeschichte und die Kontextualisierung von Kunstobjekten ei­nen Erkenntnisgewinn für Kunsthistoriker dar­stellt. Ein be­son­ders spek­ta­ku­lä­rer Fall, in dem die in­ter­dis­zi­pli­nä­re Zusammenarbeit zu neu­en Erkenntnissen führt, sei das 1995 vom ja­pa­ni­schen Kunsthistoriker Yonekura Michio pu­bli­zier­te Buch, in dem er aus­führt, dass das be­rühm­te­ste Porträt von Minamoto no Yoritomo im Jingoji-Tempel in Kyôto wahr­schein­lich 200 Jahre nach dem Tod des Porträtierten ent­stan­den ist und Ashikaga Shigemori dar­stellt. Die Quelle für die Zuschreibung des Porträts zu Minamoto no Yoritomo ist ein ähn­li­ches Bild im British Museum, auf dem sich ei­ne Aufschrift be­fin­det, die Yoritomo er­wähnt. Historiker, die die­se Aufschrift un­ter­sucht ha­ben, ha­ben aber fest­ge­stellt, dass sie geo­gra­phi­sche Namen und Bezeichnungen für Yoritomo ent­hält, die im 12. Jahrhundert noch nicht ver­wen­det wur­den. Da die­se Referenz für die Zuschreibung des Porträts ei­ne Fälschung ist, fällt ei­nes der wich­tig­sten Argumente für ei­ne Identifikation Yoritomos auf dem Jingoji-Porträt weg. Außerdem wur­de der für die Auseinandersetzung zwi­schen Methoden der Historiker und Kunsthistoriker maß­geb­li­che ja­pa­ni­sche Historiker Kuroda Hideo und sein Werk kurz vor­ge­stellt.
Die Diskussion zu die­sem Beitrag dreh­te sich um die ge­ne­rel­le Frage der Verlässlichkeit von Quellen. Sowohl bei der Verwendung von Texten als auch bei der Verwendung von Bildern als Quellen muss de­ren Zuverlässigkeit be­ur­teilt wer­den. Wenn Historiker Bilder als Quellen oder zur Illustration ver­wen­den, so soll­ten sie auch auf die­se die Prinzipien der Quellenkritik an­wen­den, bei Bildern be­son­ders, da Menschen da­zu ten­die­ren, ih­nen stär­ker als Texten die ge­treue Abbildung der "Wirklichkeit" zu­zu­trau­en. Trede er­in­ner­te dar­an, dass Bilder auch im­mer die Sichtweise der je­wei­li­gen Auftrag- bzw. Geldgeber dar­stell­ten und dass man die­sen Faktor in der Nutzung ei­ner Darstellung als Quelle be­rück­sich­ti­gen muss. Abschließend dreh­te sich die Diskussion um die Frage der Benutzung von Bildern als Illustrationen im Unterricht. Hier wur­de ei­ner­seits auf die Wirkung der Visualisierung in der di­dak­ti­schen Aufbereitung von Unterrichtsstoff hin­ge­wie­sen, an­de­rer­seits muss der Einsatz von Bildern durch die quel­len­kri­ti­sche Betrachtung un­ter­stützt wer­den, für die der Beitrag von Melanie Trede die Diskussionsrunde sen­si­bi­li­siert hat.

In der nach­fol­gen­den Rubrik "Vorstellung ei­ge­ner Arbeiten und Projekte" be­rich­te­te Hans Martin Krämer (Universität Bochum) zu­erst über die AAS-Konferenz im April 2006 in San Francisco. Danach stell­te Yoko Nakamura (Universität Wien) ihr Dissertationsprojekt zu Bushidô-Diskursen in der spä­ten Meiji-Zeit (1890-1912) vor. Gegenstand die­ser Arbeit soll der Diskurs in der spä­ten Meiji-Zeit sein, in dem ein neu­es Loyalitätsgefüge ent­wickelt wer­den soll­te. Dabei soll­te der hi­sto­ri­sche Bushidô be­nutzt wer­den, um Loyalität vom Shôgun auf den Tennô zu über­tra­gen. Dadurch soll­te ei­ne neue, all­ge­mein ver­bind­li­che Ethik ge­schaf­fen wer­den. Die Forschungsfrage der Arbeit ist da­bei, wel­che Argumente be­nutzt wur­den, um Bushidô als Grundlage für die­se neu zu schaf­fen­de Loyalitätsstruktur zu nut­zen und in­wie­weit die­se Anstrengungen Früchte ge­tra­gen ha­ben. Als Quellengrundlage die­nen ver­schie­de­ne Zeitschriften, in de­nen die­ser Diskurs ge­führt wur­de. In der Diskussion über die­se Arbeit gab es die Anregung, zu­erst zu klä­ren, was mit die­sem im Diskurs ver­wen­de­ten Begriff des Bushidô ge­meint war so­wie sich mit der Frage aus­ein­an­der zu set­zen, in wie weit ei­ne ei­gent­lich auf der eli­tä­ren Vorstellung ei­nes nur für die Kriegerelite vor­ge­se­he­nen Wertesystems ba­sie­ren­de Ethik über­haupt auf das ge­sam­te Volk über­trag­bar sei. Weiterhin wur­de an­ge­regt, sich mit der Rolle zu be­fas­sen, die dem Bushidô im Schulunterricht zu­kom­men soll­te und zu un­ter­su­chen, wie Japan sich mit die­ser er­klär­ter­ma­ßen rein ja­pa­ni­schen Ethik in Asien po­si­tio­nie­ren woll­te.

Am zwei­ten Tag der Konferenz stell­te Anke Scherer (Ruhr-Universität Bochum) ih­re kürz­lich fer­tig ge­stell­te Dissertation zur ja­pa­ni­schen Auswanderung in die Mandschurei vor. Der Vortrag stell­te die staat­lich ge­lenk­te Massenauswanderungskampagne vor, mit der zwi­schen 1936 und 1956 1 Million Haushalte aus länd­li­chen Gebieten in die Mandschurei aus­wan­dern soll­ten. Zur Umsetzung die­ser Pläne wur­de un­ter an­de­rem ei­ne Organisationsform ge­nutzt, bei der rund ein Drittel al­ler Haushalte aus ei­nem Dorf ge­mein­sam aus­wan­dern und ei­ne neue Siedlung auf dem Festland grün­den soll­ten. Dies wur­de dann "Dorfteilung" ge­nannt. Am Fall des be­kann­te­sten "ge­teil­ten" Dorfes Ôhinata in der Präfektur Nagano, das für die Propagierung der Dorfteilung ein­ge­setzt wur­de, lässt sich zei­gen, dass die Massenauswanderung die wirt­schaft­li­che Situation nicht wie von den Planern auf zen­tra­ler Ebene vor­ge­se­hen ver­bes­sern konn­te. Dies war un­ter an­de­rem dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass die Planer da­von aus­gin­gen, dass sich durch die Reduktion der Bevölkerung in den teil­neh­men­den Gemeinden die von den zu­rück­blei­ben­den Haushalten ge­nutz­te Ackerfläche ver­grö­ßern wür­de. Da al­ler­dings meist fast be­sitz­lo­se Haushalte an der Auswanderungskampagne teil­nah­men, ver­bes­ser­te sich die wirt­schaft­li­che Situation in den Dörfern kaum. Die Planer der Kampagne be­rück­sich­tig­ten nicht, dass die sehr un­glei­che Verteilung des Ackerlandes in den länd­li­chen Gebieten und die Verschuldung vie­ler Bauern durch den Preisverfall für länd­li­che Produkte wie Rohseide und Holzkohle die Hauptgründe für die länd­li­che Armut wa­ren. Die Diskussion ging wei­ter auf die ideo­lo­gi­schen Hintergründe der Auswanderungskampagne ein. Wie auch bei der Industrialisierung der Mandschurei stand bei der Besiedlung das po­li­ti­sche Ziel der Beherrschung des Gebietes im Vordergrund.

Den Abschluss des Treffens bil­de­te ein Diskussionsbeitrag von Thomas Büttner (Universität Heidelberg) zu "Möglichkeiten quan­ti­ta­ti­ver Methoden in der hi­sto­ri­schen Japanforschung. Ein neu­er Blick auf die (Politik-)Geschichte". Ausgangspunkt der Überlegungen war das Beispiel des Kido Kôichi nik­ki, das von der hi­sto­ri­schen Japanforschung zu un­kri­tisch als pri­va­te Quelle ge­nutzt wer­de, um Aussagen über Kidos Handlungsintentionen zu ma­chen. Da Büttner ei­nen Brief Kidos an Arima Yoriyasu ge­fun­den hat, in dem Kido Arima bit­tet, Teile die­ses nik­ki zu re­di­gie­ren, ar­gu­men­tier­te er, dass die­ses nik­ki hier kei­nes­falls mit ei­nen un­ver­fälsch­ten Tagebuch gleich­zu­set­zen sei. Vielmehr müss­ten Historiker in Betracht zie­hen, dass auch die­se schein­bar un­ge­fil­ter­ten Äußerungen Kidos be­wusst re­di­giert wur­den. Qualitative Forschung, die sich auf die­se Art von Quellen stützt, läuft häu­fig Gefahr, zu sehr von der Selbstdarstellung der po­li­ti­schen Akteure be­ein­flusst zu sein, zu­mal die­se Akteure oft die wich­tig­sten Bücher über ih­re Aktivitäten selbst ver­fasst und ent­spre­chend edi­tiert ha­ben. Um die­ser Gefahr ent­ge­gen­zu­wir­ken, ver­wen­det Büttner in sei­ner Dissertation über die Taisei Yokusankai (Gesellschaft zur Unterstützung der Kaiserherrschaft) den Ansatz der Netzwerkforschung. Diese ver­sucht so­zia­le Beziehungen zu quan­ti­fi­zie­ren und Netzwerke ab­strakt ab­zu­bil­den. Durch Datenbanken mit bio­gra­fi­schen Daten las­sen sich so Schlüsse dar­über zie­hen, wie ge­mein­sa­me Herkunft oder ge­mein­sa­mer Bildungshintergrund Akteursverhalten und Entscheidungsprozesse be­ein­flusst ha­ben könn­ten.
Die an­schlie­ßen­de Diskussion be­fass­te sich mit der Frage, wel­che neu­en Erkenntnisse durch die­sen Ansatz ge­won­nen wer­den könn­ten. Zwar ge­ne­rier­ten quan­ti­ta­ti­ve Verfahren nicht mehr Informationen, aber sie struk­tu­rier­ten sie bes­ser. Für den Fall der Taisei Yokusankai bie­tet ei­ne auf der Grundlage der Netzwerkanalyse durch­ge­führ­te quan­ti­ta­ti­ve Untersuchung zum Beispiel die Möglichkeiten, ent­we­der Entscheidungsprozesse und Entscheidungsträger durch Einbeziehung der Netzwerkstruktur neu zu ana­ly­sie­ren, oder durch ei­ne Untersuchung der so­zia­len Hintergründe der Entscheider neue Erkenntnisse über die Funktionsweise der Taisei Yokusankai zu er­hal­ten. Wolfgang Seifert (Universität Heidelberg) schlug ein Modell vor, das da­von aus­geht, dass die Taisei Yokusankai ei­ne Elite bil­de­te, zu der Personen aus ver­schie­de­nen so­zia­len Schichten ge­hör­ten. Eine Untersuchung der Herkunft ver­schie­de­ner Teile der Elite könn­te die so­zia­le Zusammensetzung und die ver­schie­de­nen Interessenvertretungen in­ner­halb der Elite klä­ren. Die Diskussion warf al­ler­dings auch Probleme hin­sicht­lich der Datengrundlage für sol­che Netzwerkstudien auf. Nicht al­le Interaktion sei ver­schrift­licht, Komponenten wie Intensität und Wertigkeit von Beziehungen las­sen sich schwer quan­ti­fi­zie­ren. Weitere Probleme sind die Dynamik und Stabilität von Netzwerken. Da Methoden in der Regel nach dem je­wei­li­gen Erkenntnisinteresse ge­wählt wer­den, wur­de vor­ge­schla­gen, quan­ti­ta­ti­ve Methoden wie die Netzwerkanalyse in Zusammenwirkung mit bzw. zur Kontextualisierung per­sön­li­cher Quellen wie nik­ki u.a. ein­zu­set­zen.

Hans Martin Krämer er­in­ner­te an die von ihm auf­ge­bau­te Online-Datenbank von Quellen in Übersetzung. Diese läuft im Probebetrieb un­ter http://dbs.rub.de/japanquellen/home.php. Ziel ist, bi­blio­gra­phi­sche Angaben zu ja­pa­ni­schen hi­sto­ri­schen Quellen in west­lich­spra­chi­ger Übersetzung (der­zeit Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch) in ei­ner Datenbank mit Suchfunktion ver­füg­bar zu ma­chen. Die Datenbank ist so kon­zi­piert, dass je­der Beiträge lei­sten kann. BesucherInnen des Treffens und LeserInnen die­ses Berichtes sind wie­der auf­ge­ru­fen, in die­se Datenbank Einträge ein­zu­spei­sen und Hinweise zu ge­ben, wie die Kategorien (ins­be­son­de­re für Schlagwörter und Quellentyp) wei­ter ver­bes­sert wer­den kön­nen.

(Protokoll: Anke Scherer)

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favicon018. Treffen am Ostasiatischen Institut /Japanologie der Universität Leipzig am 4. und 5. November 2006:

Anwesend in Leipzig wa­ren: Thomas Büttner (Heidelberg) , Marco Gerbig-Fabel (Erfurt), Steffi Richter (Leipzig), Fabian Schäfer (Leipzig), Anke Scherer (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Tino Schölz (Halle), Michael Schultz (Leipzig), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Detlev Taranczewski (Bonn), Anneli Wallentowitz (Bonn), Reinhard Zöllner (Erfurt);

Im er­sten Vortrag be­han­del­te Michael Schultz (Leipzig) die Instrumentalisierung von hi­sto­ri­schen Ereignisse für den Revisionismus, wie sie in den letz­ten Jahren vor al­lem in Bezug auf die Schulbuchdebatte und auf Fragen des zwei­ten Weltkriegs in Japan vor­ge­kom­men ist. Als the­ma­ti­sches Feld war da­bei der Russisch-Japanische Krieg ab­ge­steckt, der sich als ab­wei­chen­des Beispiel nicht nur auf­grund des ge­ra­de zu­rück­lie­gen­den hun­dert­jäh­ri­gen Jubiläums, son­dern auch, da er gro­ße Teile der Bevölkerung be­trifft und zu­dem der letz­te Krieg war, aus dem Japan als ein­deu­ti­ger Sieger her­vor­ge­gan­gen ist. Als Quellenmaterial la­gen mit der Untersuchung das Shin re­ki­shi kyô­kas­ho der Atarashii re­ki­shi kyô­kas­ho o tsuku­ru kai, dem Manga Sensôron von Kobayashi Yoshinori und ei­ner Sammlung von Zeitschriftenartikeln Texte aus ver­schie­de­nen Genres zu­grun­de. Trotz der Verschiedenartigkeit der Texte gab es per­so­nel­le Überschneidungen der Autorenschaft, so ist. z.B. Kobayashi auch Mitglied der Tsukuru kai.
Die re­vi­sio­ni­sti­sche Behandlung des Russisch-Japanischen Krieges zeich­net sich durch die Negation von Verantwortung für kri­tik­wür­di­ge Akte wie den Angriff auf Port Arthur noch vor ei­ner of­fi­zi­el­len Kriegserklärung und durch ge­ziel­te Auslassung von pro­ble­ma­ti­schen Themenkomplexen wie der Verletzung der Souveränität Koreas aus. Vor al­lem wer­den dem Krieg je­doch ver­schie­de­ne po­si­ti­ve Attribute zu­ge­schrie­ben. So wird er durch die Darstellung als Überlebens- und Verteidigungskampf als "not­wen­di­ger Krieg", durch die Darstellung als durch das Völkerrecht und in­ter­na­tio­na­le Übereinkünfte ge­deck­ter Kampf als "le­ga­ler Krieg", durch die Darstellung der Alltäglichkeit von Kriegen in der Geschichte als "nor­ma­ler Krieg" und schließ­lich durch die Darstellung ver­meint­li­cher po­si­ti­ver Impulse für Asien und sei­ne Befreiung von der Kolonialherrschaft als "po­si­ti­ver Krieg" sti­li­siert. Dadurch soll (frü­her) herr­schen­de Geschichtsbilder im Diskurs über den Russisch-Japanischen Krieg auf­ge­bro­chen und ein po­si­ti­ver Bezug zur ja­pa­ni­schen Vergangenheit her­ge­stellt wer­den. Darüber hin­aus zeich­net sich der re­vi­sio­ni­sti­sche Diskurs über ver­schie­de­ne "Zentrismen" aus; er blen­det u.a. die Rolle der an­de­ren asia­ti­schen Länder aus und ist so ja­pan­zen­triert - auch wenn die an­ge­wand­te Herangehensweise als eu­ro­zen­trisch cha­rak­te­ri­siert wer­den könn­te und ist in der Darstellung von he­roi­schen Männern und ih­ren Taten an­dro­zen­trisch.
Die an­schlie­ßen­de Diskussion dreh­te sich bis auf ei­ni­ge Anmerkungen be­züg­lich der et­was zu kau­sal dar­ge­stell­ten Beziehung zwi­schen den Folgen der bub­b­le eco­no­my und dem ak­tu­el­len Revisionismus und dem Hinweis von J. Schmidt, dass die Historisierung des Konfliktes be­reits in den 20er Jahren be­gann, um Fragen der "Produktionsprozesse und -ver­hält­nis­se von Geschichte" (Taranczewski). Zum Abschluss wur­de von M. Gerbig-Fabel all­ge­mein dar­auf hin­ge­wie­sen, wie pro­ble­ma­tisch die Perspektive bei ei­ner Diskussion über Fachgrenzen hin­weg ist.

Im zwei­ten Vortrag des Tages stell­te Marco Gerbig-Fabel sein Dissertationsprojekt zu pho­to­gra­phi­schen Artefakten des Russisch-Japanischen Krieges 1904/05 vor. Inhaltliche Punkte stan­den im Hintergrund, statt­des­sen wur­de ver­sucht zu klä­ren, in wel­cher Weise Historiker Zugriff auf vi­su­el­le Quellen ha­ben und den Rahmen der Möglichkeiten im Umgang da­mit ab­zu­stecken. Die Arbeit geht von der These aus, dass Fotografien nicht als hi­sto­ri­scher Beweis, son­dern viel­mehr selbst als das Historische zu be­trach­ten sind, und ent­wirft auf die­ser Basis ei­ne kul­tur­ge­schicht­li­che Deutung der ja­pa­ni­schen Moderne. Fotografische Abbildungen sug­ge­rie­ren ei­ne nicht vor­han­de­ne Eindeutigkeit und ge­ne­rie­ren da­durch Ereignisse. Da sie im­mer in ei­nem Kontext von Beschriftungen, Beschreibungen, an­de­ren Bildern etc. ste­hen sind Fotografien nicht mehr als ein me­dia­les Artefakt im fou­cault­schen Sinne und re­prä­sen­tie­ren nicht den Krieg als sol­chen au­then­tisch, son­dern kon­stru­ie­ren ei­ne me­dia­le Repräsentation des­sel­ben. Um die­se der hi­sto­ri­schen Analyse zu öff­nen, müs­se der vi­su­el­le Oberflächenzusammenhang zer­stört wer­den und die me­dia­len Logistiken, die die Repräsentation des Russisch-Japanischen Krieges or­ga­ni­sier­ten, re­kon­stru­iert wer­den. Die fo­to­gra­fi­schen Spuren wer­den da­her nicht als au­then­ti­sches Abbild, son­dern als Evidenz ge­ne­rie­ren­de Repräsentationen ver­stan­den. Die Studie soll auf die­ser Basis me­tho­disch wie em­pi­risch fun­diert die Geschichte des Russisch-Japanischen Krieges als trans­re­gio­na­les Phänomen und trans­re­gio­na­len Ereigniszusammenhang be­schrei­ben.
In der an­schlie­ßen­den Diskussion die Frage auf­ge­wor­fen, ob und wie weit Fotographien als Quellengattung tat­säch­lich qua­li­ta­tiv an­ders zu be­han­deln sind als "her­kömm­li­che" schrift­li­che Quellen, die ja auch mit me­tho­di­scher Sorgfalt zu be­han­deln sind. Als Ansatzpunkt da­für wur­de Droysens Unterscheidung zwi­schen Quellen und Überresten ein­ge­bracht so­wie die Intention der Fotographen, zu do­ku­men­tie­ren (Zöllner).

Als letz­ter Tagesordnungspunkt für den Samstag stand die Diskussion dar­über, wel­che Möglichkeiten Visual History und Diskursanalyse in der hi­sto­ri­schen Japanforschung er­öff­nen, an. In ei­nem Input-Referat stell­te Fabian Schäfer (Leipzig) kurz dar, wel­che Positionen da­zu von Paul und Sarasin (Quellenangaben) ver­tre­ten wer­den. Die dar­auf fol­gen­de Diskussion ließ die Visual History weit­ge­hend au­ßer acht und kon­zen­trier­te sich auf die Kritik von Diskursanalytikern an der "klas­si­schen" hi­sto­ri­schen Forschung, die ver­su­che, Aussagen über Dinge zu tref­fen, wo nur Aussagen über die Konstruktion der Dinge mög­lich sei. Marco Gerbig-Fabel be­rich­te­te da­bei über Erfahrungen im Erfurter Graduiertenkolleg, wo re­gel­mä­ßig hi­sto­ri­sche Forschung dis­kurs­ana­ly­tisch de­kon­stru­iert und die Möglichkeit hi­sto­ri­scher Forschung ge­ne­rell in Frage ge­stellt wird.
Letztendlich lief die Diskussion auf die üb­li­chen ver­här­te­ten Fronten und das Argument von T. Schölz, 50 Millionen Tote im zwei­ten Weltkrieg könn­ten nicht nur Konstruktion sein, hin­aus.

Im ein­zi­gen Vortrag am Sonntag stell­te Jan Schmidt (Bochum, vor­mals Heidelberg) Ergebnisse aus sei­ner Magisterarbeit zur Bewertung und "Nutzung" des er­sten Weltkriegs in Texten des Militärs und der po­li­ti­schen Parteien un­ter dem Kabinett Hara (1918-1921) dar. Ausgangspunkt war die Frage, ob mi­li­ta­ri­sti­sche Positionen wie die Forderung nach ei­nem "hoch­gra­di­gen Wehrstaat" (kôdo ko­ku­bo kok­ka) und der Ausrichtung des Staates auf ei­nen to­ta­len Krieg (sô­ryo­ku­sen), wie sie in den drei­ßi­ger und frü­hen vier­zi­ger Jahren in Japan ver­tre­ten wur­den, nicht mög­li­cher­wei­se schon frü­her, in ei­ner Zeit, die als "Taishô-Demokratie" oft­mals da­zu kom­ple­men­tär als li­be­ral und de­mo­kra­tisch dar­ge­stellt wird. Die Arbeit zeig­te auf der Basis von Tagebüchern, Briefen, Ausschussprotokollen und vor al­lem Texten aus den Organen der gro­ßen Parteien (insb. der Seiyû), dass die Bedeutung des er­sten Weltkrieges für die ja­pa­ni­sche Geschichte nicht aus­rei­chend ge­wür­digt wird, da er nicht bloß gro­ße wirt­schaft­li­che Auswirkungen hat­te, son­dern die Aufmerksamkeit in Japan auf ver­schie­de­ne zu­künf­ti­ge Fragen lenk­te. So rich­te­ten so­wohl das Heer als auch die Marine Untersuchungskommissionen ein, die Material zum Kriegsverlauf sam­mel­ten. Dieses be­zog sich an­fangs zwar vor­nehm­lich auf die ober­fläch­li­chen Ereignisse, doch schon bald rich­te­te sich das Augenmerk auf Fragen der Mobilisierung, was zum Vorläufer der "Mobilisierung der gan­zen Nation" (kok­ka sôdôin) in den spä­ten drei­ßi­ger Jahren wur­de. Dabei lag die Annahme zu­grun­de, dass Japan über kurz oder lang mit ei­nem to­ta­len Krieg rech­nen - wo­bei sich schon früh die USA als der pro­ji­zier­te Gegner her­aus­bil­de­ten - und sich auf die­sen vor­be­rei­ten müs­se. Dieser Gedanke wur­de u.a. in so­ge­nann­ten sa­wa­kai (Teegesellschaften) der Seiyûkai ver­brei­tet, auf de­nen Militärs oder Fachleute Vorträge vor der ver­sam­mel­ten Parteiführung hiel­ten. Tatsächlich wur­den auch in der prak­ti­schen Politik bald Konsequenzen ge­zo­gen. Einer der vier gro­ßen Reformpunkte der Seiyûkai un­ter Hara war die "Vervollkommnung der Landesverteidigung" (ko­ku­bô no jûjit­su), und kriegs­wich­ti­ge Industrien wur­den ge­zielt ge­för­dert. So warb auch der Lastwagenhersteller Isuzu Endkunden mit dem Argument staat­li­cher Förderung an. So be­gan­nen schon lan­ge vor der "Mobilisierung der gan­zen Nation" mi­li­tä­ri­sche Argumentationsmuster auch über die Politik hin­aus aus­zu­brei­ten.
In der an­schlie­ßen­den Diskussion wur­de er­neut die dis­kurs­ana­ly­ti­sche Dekonstruktion auf­ge­grif­fen, da das Projekt "klas­si­sche" hi­sto­ri­sche Forschung dar­stellt, oh­ne dass je­doch prin­zi­pi­ell neue Argumente auf­ge­wor­fen wur­den.

(Protokoll: Thomas Büttner)

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favicon049. Treffen an der Sektion Geschichte Japans, Fakultät für Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum am 5. und 6. Mai 2007:

Anwesend in Bochum wa­ren: Markus Berner (Bochum), Brigitte Bonn (Bochum), Heinrich Born (Bochum), Thomas Büttner (Heidelberg), Cho Sung-Yeon (Bochum), Dietmar Ebert (Berlin, Bochum), Anna Ernst (Bochum), Oly Firsching-Tovar (Dortmund), Judith Fröhlich (Zürich), Holger Funk (Pader-born), Sarah Görlich (Bochum), Nina Holzschneider (Bochum), Jinno Miyoko (Bochum), Pierre Kemper (Bochum), Arne Krauß (Bochum), Tobias Krutschek (Bochum), Romina Malandrino (Bochum), Regine Mathias (Bochum), Michael Mattner (Bochum), Simone Müller (Zürich), Lisa Nye (Sheffield), Sven Osterkamp (Bochum), Erich Pauer (Marburg), Heinrich Reinfried (Zürich), Fabian Schäfer (Leipzig), Anke Scherer (Köln), Benjamin Schmalofski (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Tino Schölz (Halle), Michaela Seibel (Bochum), Barbara Seyock (München), Naoko Shimazu (London), Daniel Staab (Bochum), Martin Stroschein (Bochum), Robin Weichert (Heidelberg), Yu Myoung In (Bochum), Yu Yueh-Chen (Düsseldorf), Matthias Zachmann (München), Nora Zesling (Bochum), Reinhard Zöllner (Erfurt);

Den er­sten Vortrag am Samstag hielt Frau Barbara Seyock "Zum Stellenwert der Archäologie in Japan". Sie ging dar­in der Frage nach, in wel­chem Rahmen und un­ter wel­chen Bedingungen man sich in­ner­halb der Archäologie in Japan be­wegt. Viele Museen, Publikationen mit gro­ßer Themenbreite und ho­hen Auflagen so­wie ei­ne im Vergleich z.B. zu Deutschland gro­ße Grabungstätigkeit be­le­gen da­bei, dass die Archäologie ei­nen ho­hen Stellenwert nicht nur in aka­de­mi­schen Kreisen son­dern auch in der all­ge­mei­nen Öffentlichkeit in Japan hat.

Ein mar­kan­tes Beispiel für das öf­fent­li­che Interesse an Archäologie in Japan ist ein Skandal im November 2001, bei dem der Archäologe Fujimura Shin'ichi über­führt wur­de, ver­meint­li­che Funde, die er bzw. sei­ne Grabungshelfer mach­ten, zu­vor heim­lich selbst ver­gra­ben zu ha­ben. Die Aufdeckung die­ser Fälschungen führ­te zu ei­nem enor­men Medienecho, Strafverfahren und so­gar zum Selbstmord ei­nes Archäologen. Durch den Skandal muss ei­ne gro­ße Anzahl von Grabungsfunden, die den Zeitpunkt der er­sten mensch­li­chen Besiedlung Japans be­stim­men soll­ten, in Zweifel ge­zo­gen wer­den. Die Ereignisse führ­ten dar­über hin­aus zu ei­ner kon­tro­ver­sen Diskussion über die Medialisierung des Grabungsbetriebes und des Umgangs der Forscher mit dem gro­ßen Medieninteresse an Archäologie in Japan im Allgemeinen. Als Antwort auf die dem Vortrag zu Grunde lie­gen­de Frage nach dem Stellenwert der Archäologie wies Barbara Seyock des­halb dar­auf hin, dass in die­ser Wissenschaft die Grenze zwi­schen Akademie und Öffentlichkeit flie­ßend sei und die Verbindung der Archäologie mit den ja­pa­ni­schen Identitätsdiskursen ei­nen Erwartungsdruck er­zeu­ge, dem die Wissenschaftler und die Stellen, wel­che die ar­chäo­lo­gi­schen Ausgrabungen ad­mi­ni­strier­ten, durch me­dia­le Aufbereitung und die Einrichtung von z.B. Archäologieparks nach­kom­men müss­ten.

Der zwei­te Themenblock wid­me­te sich der Diskussion über Gegenwart und Zukunft der hi­sto­ri­schen Japanforschung in Deutschland. In ein­füh­ren­den Statements wur­de da­bei zu­nächst vor al­lem die Frage der in­sti­tu­tio­nel­len Anbindung hi­sto­ri­scher Japanforschung the­ma­ti­siert. Regine Mathias plä­dier­te da­bei aus ver­schie­de­nen Gründen nach­hal­tig für ei­ne Fortsetzung der hi­sto­risch ge­wach­se­nen in­sti­tu­tio­nel­len Einbindung in die Japanwissenschaften. Nur hier sei­en die hand­werk­li­chen Voraussetzungen (Sprachkenntnisse, theoretisch-methodisches Wissen, Wissen über ja­pa­ni­sche Geschichte so­wie Allgemeinwissen zu Japan) um­fas­send vermittel- bzw. er­lern­bar und da­mit Nachwuchsrekrutierung wie auch die Sicherung ei­nes mög­lichst brei­ten Basiswissens zu Japan, auf dem künf­ti­ge Forschung auf­bau­en könn­te, mög­lich.

Reinhard Zöllner ver­stärk­te in sei­nem Statement den Eindruck, dass ei­ne Einbindung in die all­ge­mei­ne Geschichtswissenschaft zum ge­gen­wär­ti­gen Zeitpunkt eher kri­tisch zu be­wer­ten sei, was er - ne­ben Defiziten in der Fähigkeit von Japanhistorikern in der Vermarktung ih­rer Erkenntnisse und der Generierung von Aufmerksamkeit - nicht zu­letzt auf die Zustände in der all­ge­mei­nen Geschichtswissenschaft zu­rück­führ­te. Interesse sei hier durch­aus vor­han­den, blei­be je­doch meist spo­ra­di­scher Natur; wei­ter­hin zei­ge sich die Geschichtswissenschaft kaum be­reit, die not­wen­di­ge in­sti­tu­tio­nel­le Infrastruktur durch die Schaffung von Lehrstühlen be­reit­zu­stel­len.

Erich Pauer schließ­lich kri­ti­sier­te in ei­nem mit vie­len Beispielen ge­sät­tig­ten Beitrag Defizite der Untersuchung der tech­ni­schen Entwicklung als we­sent­li­chem Bestandteil ei­ner Analyse der Geschichte Japans, ins­be­son­de­re vor dem Hintergrund der ge­gen­wär­ti­gen Technologiemacht Japan. In der Vergegenwärtigung tech­no­lo­gi­scher Grundlagen des Fortschritts in der Vor- und Frühmoderne lie­ge ei­ne zen­tra­le Chance und Aufgabe für die Japanforschung, me­di­al ge­präg­ten ro­man­ti­sie­ren­den Klischees in der deut­schen Öffentlichkeit ent­ge­gen­zu­tre­ten.

In der sich an die­se ein­füh­ren­den Statements an­schlie­ßen­den Diskussion wur­de ei­ner­seits ge­fragt, in­wie­fern neue Paradigmen in der Geschichtswissenschaft - et­wa die trans­na­tio­na­le Geschichte oder die welt­re­gio­na­le Geschichte - oder auch die Entwicklung von ge­mein­sa­men Forschungsprojekten Chancen für ein stär­ke­res Einbringen der hi­sto­ri­schen Japanforschung in die all­ge­mei­ne Geschichtswissenschaft bie­ten, an­de­rer­seits ob die Strukturveränderungen an den Universitäten (Einführung der ge­stuf­ten Studiengänge usw.) fak­tisch Verbesserungen der Ausbildungsbedingungen mit sich brin­gen könn­ten.

Der letz­te Programmpunkt des Samstags brach­te mit dem Vortrag von Yu Myoung In über "Die Keijô-Reichsuniversität der Zeit der ja­pa­ni­schen Kolonialherrschaft: ein Erzählstoff im zeit­ge­nös­si­schen ge­sell­schaft­li­chen und spä­te­ren wis­sen­schaft­li­chen Diskurs in Korea" die ko­rea­ni­sche Perspektive auf die ja­pa­ni­sche Kolonialherrschaft in Korea ein. Mit dem in der ko­rea­ni­schen Fachwelt weit ver­brei­te­ten Narrativ über die Anfänge der ko­rea­ni­schen Literaturwissenschaft, aus dem die Keijô-Periode schlicht aus­ge­schlos­sen ist, il­lu­strier­te Yu My-oung In den pro­ble­ma­ti­schen Umgang von Koreanern mit ih­rer Vergangenheit. Des Weiteren be­ton­te er an­hand des Werdegangs ver­schie­de­ner Absolventen die Bedeutsamkeit der Universität in der Geschichte der ko­rea­ni­schen Literaturwissenschaft.

Der zwei­te Tag des Treffens wur­de die­ses Mal in Englisch durch­ge­führt. Unter dem Titel "Disease and Punishment: The Fujimoto Trials and the Politics of Leprosy in Post-War Japan" stell­te zu­nächst Robin Weichert das Thema sei­ner Magisterarbeit vor. Ausgehend von dem kon­kre­ten Fall des le­pra­kran­ken Bauern Fujimoto Matsuo, der zu Beginn der 1950er Jahre als Mörder ver­däch­tigt, an­ge­klagt und zum Tode ver­ur­teilt wur­de, be­fass­te sich der Vortrag mit der Situation von Leprakranken und der Behandlung der Krankheit durch Staat und Gesellschaft im Nachkriegsjapan. Dabei zei­gen sich zum ei­nen, trotz me­di­zi­ni­scher Fortschritte, star­ke ge­setz­li­che und in­sti­tu­tio­nel­le Kontinuitäten zur Vorkriegszeit, ins­be­son­de­re die Fortsetzung der to­ta­len und zwangs­mä­ßi­gen Isolierung der Kranken. Zum an­de­ren tra­ten die Patienten je­doch mit ei­ge­nen po­li­ti­schen Forderungen auf, und setz­ten sich u.a. für den Angeklagten Fujimoto Matsuo ein. Anhand des Gerichtsfalls, der auch von me­di­zi­ni­schen Autoritäten zu ei­ge­nen Zwecken be­nutzt und von Intellektuellen re­zi­piert wur­de, und an­hand des Lebens von Fujimoto Matsuo selbst, will die Arbeit da­her nach­voll­zie­hen, wel­che ver­schie­de­nen Bedeutungen und po­li­ti­schen Implikationen die Lepra in der ja­pa­ni­schen Gesellschaft der 1950er und 1960er Jahre trug, durch wel­che medizinisch-hygienischen Institutionen und ju­di­zi­el­len Prozesse ein Individuum oder ei­ne be­stimm­te Gruppe als "Leprakranke(r)" de­fi­niert wur­den, und wie die Betroffenen selbst mit die­ser Definition in­ter­agier­ten.

Der da­nach fol­gen­de Vortrag von Naoko Shimazu be­fass­te sich mit der Frage, wel­che Rolle den im Russisch-Japanischen Krieg ge­fal­le­nen ja­pa­ni­schen Soldaten in ei­ner na­tio­na­len Kontext zu­kom­men soll­te. Dadurch dass die­ser Krieg ei­ne um ein Vielfaches hö­he­re Zahl von Gefallenen pro­du­ziert hat­te - ca. 74.000 von ei­ner Million ja­pa­ni­schen Soldaten - hat­te die ja­pa­ni­sche Regierung erst­mals in der Moderne das Problem der Behandlung ei­ner gro­ßen Anzahl von Gefallenen und führ­te in die­sem Prozess den Begriff des "eh­ren­wer­ten Kriegstoten" ein. Die Zentralregierung ver­pflich­te­te die Lokalregierungen, gro­ße Begräbnisse für die­se Toten zu ver­an­stal­ten, über­ließ die Finanzierung die­ser Begräbnisse al­ler­dings den lo­ka­len Eliten. Aus ideo­lo­gi­schen Gründen soll­ten die Soldaten nach Shintô-Ritus be­er­digt wer­den, aber da die mei­sten Familien bud­dhi­sti­sche Begräbnisse wünsch­ten, wur­den schließ­lich Regularien für bei­de Begräbnisformen her­aus­ge­ge­ben. Aus die­sen Begräbniszeremonien wur­den aber rasch of­fi­zi­el­le Veranstaltungen mit lo­ka­len Funktionären bei de­nen die Familienangehörigen in der Minderheit wa­ren und kaum ei­ne Rolle spiel­ten. Dadurch wur­den die­se Veranstaltungen wich­ti­ge Elemente ei­ner lo­ka­len Politik, bei der die Nation kaum ei­ne Rolle spiel­te. Da bei die­sen Veranstaltungen und den von of­fi­zi­el­len Stellen wie dem Kaiserlichen Reservistenverband er­rich­te­ten Gefallenendenkmälern aber die Bedürfnisse der Familien zu kurz ka­men, be­gan­nen die­se dar­auf­hin zu­sätz­lich pri­va­te, zum Teil sehr gro­ße Denkmäler für ih­re ge­fal­le­nen Angehörigen zu bau­en. Später wur­den die Gefallenen des Russisch-Japanischen Krieges dann in den Yasukuni-Schrein auf­ge­nom­men. Anlässlich die­ser Einscheinungen wur­den vie­le Familienangehörigen zu Zeremonien ge­la­den, bei de­nen die­sen Menschen wie­der­um das Gefühl ge­ge­ben wer­den soll­te, dass die Angehörigen für ei­ne na­tio­na­le Sache ge­fal­len sind. An die­sem Beispiel lässt sich zei­gen, wel­che ver­schie­de­nen vor al­lem lo­ka­len Akteure und wel­che ver­schie­de­nen Interessen in der Schaffung ei­ner Erinnerungskultur für die Gefallene des Russisch-Japanischen Krieges ei­ne Rolle spiel­ten und wie die na­tio­na­len Riten und das Prozedere für ja­pa­ni­sche Kriegstote ent­stan­den, die im Zweiten Weltkrieg dann weit ver­brei­tet wa­ren.

In der Rubrik der Kurzvorstellung lau­fen­der Forschungsarbeiten be­rich­te­te Lisa Nye über den Stand Ihrer ge­plan­ten Doktorarbeit, in der sie sich mit dem Thema "Was ist Behinderung bzw. was wur­de wie als Behinderung in Japan wahr­ge­nom­men?" vor­wie­gend für die Taishô- und frü­he Shôwa-Zeit be­fas­sen wird. Holger Funk be­rich­te­te über sei­ne Recherchen zu ei­nem Text über den ja­pa­ni­schen Wolf, der im Umkreis von Philipp Franz von Siebold ent­stan­den ist und der Aufschluss dar­über ge­ben könn­te, ob es so et­was wie ei­nen "ja­pa­ni­schen" Wolf über­haupt ge­ge­ben hat.

Zum Abschluss des Treffens gab Naoko Shimazu noch ei­nen Bericht über die Forschung zur Geschichte Japans in Großbritannien. Da die dor­ti­gen Universitäten mehr und mehr Stellen über Stiftungen und Fundraising fi­nan­zie­ren müss­ten, sei der Verbleib sol­cher Stellen, wenn sie denn mit einem/einer Japanhistoriker/in be­setzt wür­den, nach Weggang des/der Stelleninhaber/in in­ner­halb der hi­sto­ri­schen Japanforschung nicht ge­si­chert, da die­se Art von Stellen dann häu­fig an Vertreter an­de­rer Forschungsschwerpunkte über­gin­gen. Genau wie in Deutschland gibt es in Großbritannien we­ni­ge auf Japan aus­ge­rich­te­te Stellen in­ner­halb der Geschichtswissenschaften; die­je­ni­gen, die in­ner­halb der Geschichtswissenschaft ost­asia­ti­sche Themen be­set­zen, wer­den häu­fig als Randerscheinung bzw. Zusatz be­trach­tet. In Großbritannien fin­den al­le sie­ben Jahre Evaluierungen al­ler Forschung je­der ein­zel­nen Universitätsabteilung statt. Diese Evaluierungen füh­ren zu ei­nem Ranking von Universitäten, die Spitzenforschung pro­du­zie­ren. Von die­sem Ranking ist die Vergabe von Drittmitteln, die auch in Großbritannien im­mer wich­ti­ger wer­den, ab­hän­gig. Die mei­sten Japanhistoriker be­schrän­ken sich bei der Beantragung von Drittmitteln al­ler­dings auf ja­pan­spe­zi­fi­sche Finanzierungsmöglichkeiten, nur we­ni­ge be­an­tra­gen Gelder aus den all­ge­mei­nen Disziplinen.

Aus den ge­nann­ten Phänomenen lässt sich die Beobachtung ab­lei­ten, dass ähn­lich wie in Deutschland die Verbindung zwi­schen Japanhistorikern und Allgemeinhistorikern in Großbritannien nicht sehr eng ist. Diese Feststellung, die als Topos be­reits in der Paneldiskussion am Samstagabend auf­ge­taucht war, war be­reits mehr­fach Gegenstand der Diskussion in­ner­halb der Initiative für hi­sto­ri­sche Japanforschung und wird uns auch si­cher­lich wei­ter­hin be­schäf­ti­gen.

(Protokoll: Tino Schölz & Anke Scherer)

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favicon0510. Treffen am Japan-Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München am 3. und 4. November 2007:

Anwesend in München wa­ren: Tobias Altenbeck (München), Thomas Büttner (Heidelberg), Katja Ferstl (München), Christian Fietzeck (München), Simone Fischer (Heidelberg), Judith Fröhlich (Zürich), Veit Hammer (Halle), Hideto Hiramatsu (Halle), Nina Holzschneider (Bochum), Pierre Kemper (Bochum), Hans Martin Krämer (Bochum), Michael Mattner (Bochum), Heinrich Reinfried (Zürich), Susanne Röska (München), Daniela Schaaf (Heidelberg), Anke Scherer (Köln), Benjamin Schmalofski (Bochum), Jan Schmidt (Bochum), Katja Schmidtpott (Marburg), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Marisa Sperlich (München), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Martin Stroschein (Bochum), Detlev Taranczewski (Bonn), Klaus Vollmer (München), Torsten Weber (Leiden), Robin Weichert (Heidelberg), Urs Matthias Zachmann (München), Jessica Zier (Bochum);

Auf dem Programm des Treffens stand nach der Begrüßung durch Matthias Zachmann (München) zu­nächst ein Vortrag von Torsten Weber (Leiden), der un­ter dem Titel »Vergessene Aspekte des Asianismus? Konzept, Diskurs und Transnationalität in der Taishô-Zeit« Thesen aus sei­ner in Arbeit be­find­li­chen Dissertation - ei­ne zur Diskursgeschichte er­wei­ter­te kon­tex­tua­li­sier­te Begriffsgeschichte - vor­stell­te. Webers hi­sto­rio­gra­phie­kri­ti­scher Vortrag nahm sei­nen Ausgang an dem Befund, dass zum Asianismus der Taishô-Zeit we­nig be­kannt ist. Demgegenüber be­ton­te Weber, dass der Asianismus um 1914 in ge­wis­ser Weise aus der Peripherie (Kyûshû und Ôsaka, wo er in der spä­ten Meiji-Zeit ein Anliegen der po­li­ti­schen Opposition ge­we­sen war) ins Zentrum (Tôkyô, wo nun das po­li­ti­sche Establishment so­wie die po­li­ti­sche Journalistik des Mainstreams sich mit ihm in­ten­siv und öf­fent­lich be­schäf­tig­ten) an­kam. Als kon­kre­te Beispiele ver­wies Weber auf zahl­rei­che Affirmationen des Asianismus in Chûô Kôron und Taiyô so­wie Schriften des Parlamentariers Kodera Kenkichi, auf den Sven Saaler in ei­nem jüngst er­schie­ne­nen Artikel als ei­nen Ausgangspunkt des Asianismus-Diskurses der Taishô-Zeit hin­ge­wie­sen hat.

Das Konzept des Asianismus (Ajiashugi) wäh­rend der Taishô-Zeit cha­rak­te­ri­sier­te Weber als kon­kret ge­nug, um an­greif­bar zu sein, aber zu­gleich all­ge­mein ge­nug, um ver­schie­de­ne Positionen zu um­fas­sen. So ha­be es un­ter­schied­li­che Auffassungen da­zu ge­ge­ben, ob Asianismus be­deu­te, China und Japan müss­ten zu­sam­men gleich­be­rech­tigt ge­gen die Vorherrschaft des Westens kämp­fen oder ob dies un­ter ja­pa­ni­scher oder chi­ne­si­scher Führung ge­sche­hen sol­le. Permanenten Widerspruch ge­gen das Konzept über­haupt ha­be es so­wohl von den Vertretern der Taishô de­mo­ku­ra­shii ge­ge­ben als auch von eher kon­ser­va­ti­ver Seite, die ar­gu­men­tier­te, Japan ma­che sich da­mit zum ei­ge­nen Schaden die Position der Schwachen in Asien zu ei­gen.

Ein wei­te­rer von Weber ge­setz­ter Schwerpunkt war die trans­na­tio­na­le Betrachtungsebene. Er ver­wies da­bei auf China als Hauptfokus des ja­pa­ni­schen Asianismus-Diskurses und un­ter­strich dies an­hand zen­tra­ler Werke von Kodera, Ukita Kazutami und Sawayanagi Masatarô. Ins Chinesische über­setzt, ga­ben sie den Anstoß zu kom­ple­xen Stellungnahmen chi­ne­si­scher Diskutanten wie Li Dazhao und Sun Wen. Diese wie­der­um ge­wan­nen so­wohl in China als auch in Japan (Sun) an Einfluss. über­dies zeigt ei­ne trans­na­tio­na­le Betrachtung, dass auch die yellow-peril-Diskurse des Westens die ja­pa­ni­sche Asianismus-Diskussion der Taishô-Zeit di­rekt und we­sent­lich be­ein­fluss­ten. Weber hofft mit sei­ner Arbeit, das gän­gi­ge Bild des Asianismus als ent­we­der »gu­tem«, so­li­da­ri­schen Asianismus »von un­ten« wäh­rend der Meiji-Zeit oder »schlech­tem«, im­pe­ria­li­sti­schen Asianismus »von oben« wäh­rend der frü­hen Shôwa-Zeit mit­hil­fe sei­ner Betrachtung der Taishô-Zeit als kon­sti­tu­ti­ve Phase des Asianismus-Diskurses über­win­den zu kön­nen.

Die auf ho­hem Niveau ge­führ­te Diskussion krei­ste um meh­re­re zen­tra­le Themen. So ging es zu­nächst um die Frage des Stellenwertes, den Korea für den Asianismus-Diskurs der Taishô-Zeit ein­nimmt. Korea taucht in den von Weber un­ter­such­ten Schriften fast kaum auf. Aufgrund des Mangels an ent­spre­chen­der ja­pa­ni­scher, deut­scher und an­glo­pho­ner Forschung zur mo­der­nen ko­rea­ni­schen Geschichte ist nicht klar, wel­chen Stellenwert in Korea selbst in den 1910er Jahren et­wai­ge Diskussionen zum Asianismus hat­ten, ob­wohl dies für ei­ne Einschätzung der ja­pa­ni­schen Diskussionen wich­tig sein könn­te.

Ein wei­te­rer Diskussionsstrang be­traf die Chronologie bzw. die brei­te­ren Zeitumstände. Das Aufkommen neu­er Diskussionen zum Konzept des Asianismus in Japan seit et­wa 1914 steht in Zusammenhang mit der Annexion Koreas 1910, der Xinhai-Revolution in China 1911 und der Infragestellung der Bedeutung Europas durch den Ersten Weltkrieg. Des Weiteren wur­de die Rolle ras­si­scher Vorstellungen bei der Herausbildung des ja­pa­ni­schen Asianismus be­tont: Rassische Kriterien und die Einflusszone der chi­ne­si­schen Schrift dien­ten als ein­zi­ge zur Verfügung ste­hen­de im­ma­nen­te ei­ni­gen­de Kriterien für »Asien«. Dazu kommt, dass vie­le der Protagonisten des Diskurses um 1900 in Europa ge­we­sen wa­ren. Dort mit ras­si­sti­schen Vorurteilen kon­fron­tiert, sind sie - in Webers Worten - gleich­sam "von Japanern zu Asiaten ge­wor­den". Darüber hin­aus war der ja­pa­ni­sche Asianismus auch ei­ne Reaktion auf die Monroe-Doktrin und kon­sti­tu­ier­te sich zu­nächst als asia­ti­sche Monroe-Doktrin.

Schließlich stell­te sich die Frage nach der Anschlussfähigkeit der taishô-zeitlichen Diskurse an asia­ni­sti­sche Diskussionen der Gegenwart. Dieser fin­det zwar auch noch in Japan, aber ver­stärkt in China statt, das sich als neu­en po­ten­zi­el­len Führer ei­nes ge­ei­nig­ten Asiens sieht, wie Japan zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Treibende Kraft sind heu­te frei­lich nicht Vorstellungen von Rasse und Kultur (au­ßer bei Nativisten wie Ishihara Shintarô), son­dern ist ein öko­no­mi­scher Regionalismus.

Im zwei­ten Block am Nachmittag des 3. November re­fe­rier­te Hans Martin Krämer (Bochum) in Anschluss an den Vortrag von Naoko Shimazu zur Situation in England beim letz­ten Treffen in Bochum zum Thema »Geschichte und ge­gen­wär­ti­ger Zustand der hi­sto­ri­schen Japanforschung in den USA«. Krämer ver­glich zu­nächst die re­la­ti­ve Bedeutung der ja­pa­ni­schen Geschichte in­ner­halb der je­wei­li­gen Hochschullandschaften. In den USA for­schen von ins­ge­samt et­wa 18.000 HistorikerInnen an Hochschulen 180 zu Japan; in Deutschland sind es et­wa 30 von 2.000, da­mit über­ra­schen­der­wei­se re­la­tiv an­dert­halb mal so viel wie in den USA.

Krämer zeich­ne­te dann die Entwicklung der hi­sto­ri­schen Japanforschung in den USA von den Anfängen un­ter Hugh Borton (Columbia) und Edwin O. Reischauer (Harvard) nach. Insbesondere letz­te­rer hat­te zahl­rei­che Schüler, dar­un­ter die der sog. Kriegsgeneration, die aber un­er­war­tet klein ist: An Historikern be­stand sie le­dig­lich aus Thomas C. Smith, John W. Hall und Marius B. Jansen. Hall war es, der zu­nächst ab 1948 in Michigan und spä­ter dann in Yale am flei­ßig­sten SchülerInnen um sich schar­te, die spä­ter selbst ProfessorInnen wer­den soll­ten. Hier sind u.a. zu nen­nen: Harry Harootunian, Irwin Scheiner, Susan B. Hanley, Harold Bolitho, Jeffrey P. Mass, James McClain. Alle Genannten sind au­ßer Mass im­mer noch ak­tiv und ha­ben zum Teil selbst wie­der­um ei­ne gro­ße Zahl an SchülerInnen her­vor­ge­bracht.

Institutionell ent­wickel­te sich die hi­sto­ri­sche Japanforschung in den USA ähn­lich lang­sam wie per­so­nell: Noch 1965 gab es erst an 13 Universitäten Lehrstühle für ja­pa­ni­sche Geschichte. Zum Wachstum wäh­rend der 1960er Jahre trug die ge­ziel­te fi­nan­zi­el­le Förderung durch die Ford Foundation bei, die auch die Conferences on Modern Japan fi­nan­zi­ell er­mög­lich­ten. Seit 1968 war es v.a. das Joint Committee on Japanese Studies un­ter dem Dach des Social Science Research Council, das Konferenzen, lang­jäh­ri­ge Forschungsvorhaben und Stipendien für den Nachwuchs fi­nan­zier­te. Thematisch wa­ren die 1960er Jahre von der Modernisierungstheorie ge­prägt, die in­ner­halb der USA kaum um­strit­ten war. In der er­sten Hälfte der 1990er Jahre führ­te ein Wechsel der Förderpolitik des Social Science Research Council zur Auflösung des Joint Committee on Japanese Studies. Inspiriert von der rational-choice-Theorie wur­den auf in­ten­si­ven Sprach- und Kulturkenntnissen ba­sie­ren­de area stu­dies nicht mehr für för­de­rungs­wür­dig ge­hal­ten, was ei­ne in­ten­si­ve Diskussion in­ner­halb der Japanese stu­dies über die Sinnhaftigkeit des bis­her ver­folg­ten Ansatzes aus­lö­ste. Gegenwärtig, so Krämer, kön­ne man ei­nen Konflikt zwi­schen area stu­dies und post­co­lo­ni­al theo­ry in der Japanforschung aus­ma­chen, der nun­mehr aus en­do­ge­nen Motiven die area stu­dies in Frage stel­le.

Krämer stell­te dann die quan­ti­ta­ti­ve Auswertung ei­ner Datenbank der et­wa 180 der­zeit in den USA an Hochschulen tä­ti­gen JapanhistorikerInnen vor. Demzufolge gab es noch 1990 nur 50 % der heu­te (2007) be­stehen­den Lehrstühle für ja­pa­ni­sche Geschichte. Ferner er­gab ei­ne Auswertung der aka­de­mi­schen Herkunft der der­zei­ti­gen LehrstuhlinhaberInnen, dass über 90 % von die­sen AbsolventInnen von nur 13 ver­schie­de­nen Ph.D.-Programmen sind (an der Spitze Harvard, Columbia, Chicago, Stanford und Princeton mit über 60 % Anteil). Etwa zwei Drittel der ja­p­an­hi­sto­ri­schen Lehrstühle sind mo­dern aus­ge­rich­tet, von letz­te­ren wie­der­um über die Hälfte mit Schwerpunkt im 20. Jahrhundert. Krämer schloss sei­nen Vortrag mit ei­nem kur­zen Hinweis auf die Ausbildung von Ph.D.-Studierenden in den Spitzenprogrammen. Von ih­nen wird für ei­ne Prüfung in z.B. mo­der­ner ja­pa­ni­scher Geschichte nach den er­sten zwei Jahren die Lektüre von ca. 100 Monographien er­war­tet. Durch die­ses Verfahren fin­det die in­ten­si­ve Bildung ei­nes Kanons statt, der stark von US-amerikanischen AutorInnen do­mi­niert wird.

In der Diskussion spiel­te die Ausbildung der Ph.D.-Studierenden ei­ne gro­ße Rolle. Häufig ha­ben die­se zu Beginn ih­res Ph.D.-Programms noch gar kei­ne Japanischkenntnisse, was die Abwesenheit ja­pa­ni­scher Titel im Kanon er­klärt. Institutionell führt wie bei den noch grö­ße­ren Chinawissenschaften der ho­he Stellenwert von Japan für die US-amerikanische Geschichte und Gesellschaft zu ei­ner sta­bi­le­ren uni­ver­si­tä­ren Verankerung, die we­ni­ger von (z.B. wirt­schaft­li­chen) Konjunkturen ab­hän­gig ist als in Europa.

Abschließend wur­de die Bedeutung ei­nes USA-Aufenthaltes bzw. die Attraktivität des Arbeitsmarktes US-Hochschule für deut­sche JapanologInnen dis­ku­tiert. In deut­schen Berufungskommissionen spielt bis­lang ein USA-Aufenthalt an sich kei­ne Rolle bei Entscheidungen, so die Erfahrung meh­re­rer Teilnehmer des Treffens. Die Situation an den US-Hochschulen muss dif­fe­ren­ziert be­trach­tet wer­den: Etwa die Hälfte sind klei­ne­re re­gio­na­le Hochschulen, in de­nen die Lehre stark do­mi­niert, wäh­rend die ge­rüch­te­wei­se be­kann­ten pa­ra­die­si­schen Arbeitsbedingungen mit we­nig Lehre, (v.a. für jün­ge­re as­si­stant pro­fes­sors) we­nig Verwaltungsverpflichtungen und so­mit viel Gelegenheit zu Forschung nur an we­ni­gen Spitzenuniversitäten an­zu­tref­fen sind.

Ein gan­zer Block war am Vormittag des 4. November für den Austausch über ak­tu­el­le Forschungsprojekte und an­de­re Informationen re­ser­viert. Von die­ser Gelegenheit wur­de in­ten­siv Gebrauch ge­macht. Wolfgang Seifert (Heidelberg) be­rich­te­te von ei­nem in Planung be­find­li­chen Forschungsprojekt zu »ost­asia­ti­scher Gemeinschaft« in hi­sto­ri­scher Dimension und un­ter dem Gesichtspunkt ge­gen­wär­ti­ger re­gio­na­li­sti­scher Integrationsbemühungen so­wie sei­nem Interesse an der Frage, war­um die Idee der Moderne in Japan nach 1945 so viel wich­ti­ger war als in Deutschland. Katja Schmidtpott (Marburg) be­rich­te­te von ih­rer Mitarbeit an ei­ner Firmengeschichte für die 1859 in Nagasaki ge­grün­de­te Handelsfirma Illies so­wie von ih­rem Habilitationsprojekt zur Arbeiterkultur in Japan. Christian Fietzeck (München) schreibt der­zeit sei­ne Magisterarbeit zu den US-japanischen Beziehungen zwi­schen 1907 und 1912. Anke Scherer (Köln) be­rich­te­te vom Nachfolgeantrag für die der­zeit in Tübingen und Bochum lau­fen­de Forschergruppe »Monies, Markets und Finance in East Asia«; in dem jetzt zu be­an­tra­gen­den as­so­zi­ier­ten Projekt soll es um den über­gang von vor­mo­der­ner zu mo­der­ner Industrie im Bergbau in Akita ge­hen.

Detlev Taranczewski (Bonn) hat­te 2004 in Bonn ei­ne Tagung zum Vergleich des Mittelalters in Japan und Westeuropa or­ga­ni­siert. Der ja­pa­ni­sche Tagungsband nä­hert sich der Fertigstellung, ei­ne deut­sche Übersetzung soll fol­gen. Heinrich Reinfried (Zürich) war vor ei­ni­gen Jahren Mitglied ei­ner Gruppe Schweizer JapanologInnen, die sich mit ja­pa­ni­schen SchweizforscherInnen zu zwei Treffen in Tôkyô und Zürich zu­sam­men­fand. Die Resultate die­ser Treffen wur­den 2004 in »Asiastische Studien« und in ei­nem ja­pa­ni­schen Sammelband ver­öf­fent­licht. Er be­rich­te­te fer­ner von ei­ner in Arbeit be­find­li­chen Studie zur Rezeption der Evolutionslehre in Japan. Katja Ferstl (München) hat vor Kurzem ih­re Magisterarbeit zu Alltagsfotografie in Japan ein­ge­reicht. Thomas Büttner (Heidelberg) ar­bei­tet an sei­ner Dissertation zu Eliten in Japan am Beispiel der Taisei Yokusankai. Er er­zähl­te au­ßer­dem von ei­ner Fortbildung, die der Verband der Geschichtslehrer in Hessen zum Thema Japan we­ni­ge Tage vor dem Treffen ver­an­stal­tet hat­te. Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), der eben­falls an die­ser Tagung teil­ge­nom­men hat­te, be­rich­te­te von ei­ner Konferenz in Kaunas (Litauen) zum Thema »Image of Japan in Europe«. Ferner ver­sprach er das bal­di­ge Erscheinen des Tagungsbandes zum Russisch-Japanischen Krieg und er­in­ner­te an die Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung.

Hans Martin Krämer (Bochum) stell­te den teil­wei­se aus Diskussionen auf Treffen der Initiative her­vor­ge­gan­ge­nen Sammelband Geschichtswissenschaft in Japan vor. Er be­rich­te­te fer­ner vom Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaften »Dynamiken der Religionsgeschichte zwi­schen Asien und Europa«, wel­ches das Bundesministerium für Bildung und Forschung ab näch­stem Jahr mit 12 Millionen Euro för­dern wird und an dem auch der Lehrstuhl Geschichte Japans in Bochum be­tei­ligt ist. Er stell­te schließ­lich die bi­blio­gra­phi­sche Online-Datenbank »Japanische Quellen in Übersetzung« vor, für de­ren Aufbau die Universität Bochum ei­ne Anschubfinanzierung zur Einstellung ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Hilfskraft zur Verfügung ge­stellt hat.

Veit Hammer (Halle) stell­te das Internationale Graduiertenkolleg »Formwandel der Bürgergesellschaft«, das an den Universitäten Halle und Tokyo durch­ge­führt wird, vor. Es gibt je zehn KollegiatInnen auf deut­scher und ja­pa­ni­scher Seite, die aus den Fachbereichen Geschichte, Politik, Theologie und Japanologie kom­men. Die Arbeitsthemen der deut­schen KollegiatInnen sind viel­fäl­tig und rei­chen von der Analyse des eu­ro­päi­schen Japanbildes des 18. Jahrhunderts über ver­glei­chen­de Sozialpolitik im Kaiserreich und der Meiji-Zeit bis zu in­te­gra­ti­ons­po­li­ti­schen Themen. Judith Fröhlich (Zürich) wies auf den Züricher Arbeitsverbund »Asien und Europa« hin, in des­sen Rahmen auch Nachwuchsförderungsangebote zu Japan exi­stie­ren. Fröhlich selbst über­legt, zur Rezeption der Mongoleninvasion in Japan zu ha­bi­li­tie­ren. Simone Fischer (Heidelberg) plant ei­ne Magisterarbeit zu Uchimura Kanzô und dem Majestätsbeleidigungsvorfall von 1891. Torsten Weber (Leiden) be­rich­te­te vom Leidener Projekt »Historical Consciousness and the Future of Modern in China and Japan«, das noch et­wa ein Jahr lau­fe. Jan Schmidt (Bochum) stell­te kurz sein Promotionsprojekt zu wäh­rend des Ersten Weltkrieges für das ja­pa­ni­sche Kaiserreich ent­wickel­ten Zukunftsvisionen vor und be­rich­te­te von ei­ner im näch­sten Jahr in Speyer statt­fin­den­den Ausstellung »Samurai. Ritter des Ostens«. Er wies über­dies auf das ak­tu­el­le Problem hin, dass ein Teil der staat­li­chen Universitäten in Japan kei­ne DAAD-StipendiatInnen mehr auf­zu­neh­men be­reit ist, so­lan­ge die­se noch kei­nen Bachelor-Titel er­wor­ben ha­ben. Dazu kommt ei­ne Senkung des Stipendiensatzes, der jetzt für Japan bei nur noch 550 Euro mo­nat­lich für Studierende liegt.

Im letz­ten Block am 4. November stell­te Daniela Schaaf (Heidelberg) ih­re in Bearbeitung be­find­li­che Magisterarbeit mit dem Titel »Joseph Goebbels, der "to­ta­le Krieg" und Japan. Der na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Propagandaminister und sei­ne Kundgebung im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 im Spiegel zeit­ge­nös­si­scher ja­pa­ni­scher Nachrichten und Kommentare« vor. Die Arbeit be­han­delt die Person Joseph Goebbels?, das Goebbels-Bild in Japan, die Rede im Berliner Sportpalast und die Rezeption der Rede in Japan. Existierten um 1934/35 noch he­te­ro­ge­ne Darstellungen Goebbels? in der ja­pa­ni­schen Presse, die häu­fig auf sei­nen Charakter und sei­ne Physiognomie ab­ho­ben, so do­mi­nier­te nach 1940 ein positiv-neutrales Bild oh­ne of­fe­ne Wertungen. Seine Sportpalast-Rede ist von Bewunderung und Respekt cha­rak­te­ri­siert; im Mittelpunkt der Zeitungsartikel steht die Bedeutung der von Goebbels für Deutschland vor­ge­nom­me­nen Charakterisierungen für Japan, dass al­so et­wa Japan ge­nau­so kamp­fes­wil­lig sei wie das Deutschland im to­ta­len Krieg.

Zu den zahl­rei­chen Hinweisen, zu wel­chen wei­te­ren Möglichkeiten die Arbeit an­regt, zähl­te die Frage nach der Bedeutung der Betonung von Goebbels? phy­si­schem Äußeren; der Völkerrechtsdiskurs um 1942/43, der sich mit der Legitimität von to­ta­len Kriegshandlungen be­schäf­tig­te; der Unterschied zwi­schen der ei­ge­nen Wahrnehmung der Journalisten und dem, was sie in der Zeitung schrie­ben bzw. schrei­ben konn­ten; der Unterschied zwi­schen den Publikationsbedingungen 1934 und 1943 (Zensurproblem); dass die auf­fäl­li­ge Betonung der »Ehrlichkeit« Goebbels? auch als ein ver­steck­ter Seitenhieb auf die Unehrlichkeit der ei­ge­nen (ja­pa­ni­schen) Politiker ver­stan­den wer­den kann; dass man an­hand von ver­öf­fent­lich­ten Oral-History-Quellen die Wirkung der Rede auf brei­te­re Kreise der Bevölkerung un­ter­su­chen könn­te; so­wie dass die star­ke Betonung der von Goebbels be­schwo­re­nen bol­sche­wi­sti­schen Gefahr in der ja­pa­ni­schen Berichterstattung an­ge­sichts der Interessen des ja­pa­ni­schen Militärs, dem nicht an ei­ner Provokation der Sowjetunion ge­le­gen war, nicht selbst­ver­ständ­lich war.

(Protokoll: Hans Martin Krämer)

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favicon0311. Treffen am Internationalen Graduiertenkolleg „Formwandel der Bürgergesellschaft“ Halle-Tokyo, Universität Halle Wittenberg, am 3. und 4. Mai 2008:

Anwesend wa­ren in Halle: Akiyama Yoko (Halle), Biontino, Juljan (Heidelberg), Born, Heinrich (Bochum), Büttner, Thomas (Heidelberg), Foljanty-Jost, Gesine (Halle), Fröhlich, Judith (Zürich), Gmür, Christian (Halle), Graul, Susanne (Halle), Hammer, Veit (Halle), Hedinger, Daniel (Berlin), Heé, Nadin (Berlin), Hiramatsu Hideto (Halle), Holzschneider, Nina (Bochum), Kirchner, Bernd (Heidelberg), Krämer, Hans Martin (Bochum), Pomsel, Anne (Halle), Reinfried, Heinrich (Zürich), Scherer, Anke (Köln), Schmalofski, Benjamin (Bochum), Schmidt, Jan (Bochum), Schölz, Tino (Halle), Schumann, Mandy (Halle), Seidel, Anne (Halle), Sprotte, Maik Hendrik (Heidelberg), Steffen, Franziska (Halle), Stroschein, Martin (Bochum), Wandt, Martin (Halle), Zachmann, Urs Matthias (München);

Den er­sten Vortrag hielt Heinrich Reinfried von der Universität Zürich zum Thema "Woher kommt der Mensch? Zur Rezeption der Evolutionslehre im Bildungswesen Japans und der Schweiz". Reinfried un­ter­sucht dar­in wie sich die un­ter­schied­li­chen Herangehensweise an Religion auf die Rezeption der Evolutionslehre von Charles Darwin im 19. Jahrhundert in der Schweiz und in Japan aus­wirk­ten.
Während die Präsentation der Evolutionslehre in aka­de­mi­schen Kreisen in Zürich zu hef­ti­gen Auseinandersetzungen zwi­schen den Vertretern ei­ner auf der Bibel ba­sie­ren­den Weltsicht und den Verfechtern ei­ner em­pi­ri­schen Welterklärung führ­te, wur­den die er­sten Vorlesungen des Biologen Edward Morse in Tôkyô zu die­sem Thema be­gei­stert auf­ge­nom­men. Reinfried er­klärt dies mit ei­nem an­de­ren Umgang mit Religion in Japan, der da­zu führ­te, dass die Elite der Meiji-Zeit Bildung als nicht ver­ein­bar mit Religion an­sah und der dar­win­schen Evolutionslehre da­her kei­ne re­li­giö­sen Vorbehalte ent­ge­gen­brach­te.
In der Schweiz gin­gen die Diskussionen über die Deutungshoheit über die Welt zu­erst zu Gunsten der Tradition aus, so dass die Evolutionslehre nicht in die Lehrpläne der Schulen auf­ge­nom­men wur­de - die Schüler soll­ten die neu­en Erkenntnisse erst in den hö­he­ren Schulstufen ken­nen ler­nen. In Japan hin­ge­gen sieg­te zu­erst die Empirie. So wur­de zum Beispiel Katô Hiroyuki stark von der Evolutionstheorie beein-flusst und nann­te spä­ter Spencer, Darwin und Haeckel - ei­nen der Protagonisten der Auseinandersetzung über die Evolutionstheorie in der Schweiz - als sei­ne wich­tig­sten Quellen für den Sozialdarwinismus, mit dem er 1893 das Recht des Stärkeren recht­fer­tig­te und zum Befürworter ja­pa­ni­scher Kolonialanstrengungen wur­de.
Problematisch wur­de die ja­pa­ni­sche Hinwendung zur Empirie erst mit Kume Kunitake, der auf em­pi­ri­scher Basis die Historizität des Kojiki an­zwei­felt; denn da­mit griff er die Legitimierung des Kaiserhauses an. In der Folge wur­de die vor­her be­gei­stert pro­pa­gier­te Empirie für die­ses Thema aus­ge­klam­mert, da ei­ne Untersuchung der Ursprünge des ja­pa­ni­schen Kaiserhauses mit den glei­chen wis­sen­schaft­li­chen Methoden wie die Suche nach dem Ursprung des Menschen nicht zur Tennô-Ideologie pass­te, die sich in den letz­ten Dekaden des 19. Jahrhundert ent­wickel­te. [Die die­sem Vortrag zu­grun­de lie­gen­de Publikation von Heinrich Reinfried be­fin­det sich in der Zeitschrift Asiatische Studien 2008: LXII, 1.]

Den zwei­ten Teil des Samstagnachmittag bil­de­te ei­ne Diskussion über das Verhältnis der Global History und der hi­sto­ri­schen Japanforschung. Eingeleitet wur­de die Diskussion durch ein Inputreferat von Urs Mathias Zachmann (LMU München), in dem er zu­erst die Begriffe World History und Global History er­klär­te. Der äl­te­re Begriff World History ent­stand in Reaktion auf die Kritik an der eu­ro­zen­tri­sti­sche Betrachtungsweisen und der Konzentration auf Nationalgeschichtsschreibung. Gefordert wur­de dem­ge­gen­über ei­ne stär­ke­re Betonung nicht-europäischer Entwicklungen so-wie die Ausweitung des Fokus auf grö­ße­re geo­gra­fi­sche Räume und län­ge­re Zeitab-schnitte. Diese Betrachtung soll­te über­grei­fen­de Interdependenzen un­ter­su­chen und sicht­bar ma­chen. Idealerweise soll­te so die "gan­ze Geschichte der gan­zen Welt" ge­schrie­ben wer­den, im en­ge­ren Sinne soll­te die Geschichte der Interaktion von Akteuren in ei­nem zeit­lich oder räum­lich weit ge­spann­ten hi­sto­ri­schen Prozess er­forscht wer­den.
Der Begriff Global History ist ei­ne neue­rer Begriff, der die Darstellung und Analyse von hi­sto­ri­schen Vorgängen be­nennt, die sach­ge­mäß nur in ih­rer glo­ba­len Dimension (lo­kal, na­tio­nal, re­gio­nal) er­fasst wer­den kön­nen. Global History zeigt die Synchronität und Interdependenz von Aktionen auf der gan­zen Welt und trägt da­mit ei­ner neu­en Lebenswirklichkeit in ei­ner glo­ba­li­sier­ten Welt Rechnung. Der Zustand, in dem Raum und Zeit durch mo­der­ne Kommunikations- und Transporttechnik kom­pri­miert wer­den und ne­ben Nationalstaaten und in­ter­na­tio­na­len Organisationen ei­ne Vielzahl an­de­rer Akteure be­rück­sich­tigt wer­den müs­sen, wur­de al­ler­dings erst nach dem zwei­ten Weltkrieg er­reicht, so dass ei­ne Ausdehnung ei­ni­ger Ansätze der Global History auf an­de­re Epochen me­tho­disch frag­wür­dig ist.
Praktisch um­ge­setzt wird der Anspruch der Global History durch Interdisziplinarität, Öffnung der Disziplinen (ins­be­son­de­re der Geschichtswissenschaft) und die Schaffung und Pflege von Forschungsnetzwerken. Zachmann stell­te ei­ni­ge die­ser Netzwerke, zum Beispiel The New Global History, so­wie ih­re Publikationsorgane, zum Beispiel das Journal of Global History, vor.
In der an­schlie­ßen­den leb­haf­ten Diskussion ging es un­ter an­de­rem um die Frage wie sich Japanhistoriker in dem durch den Ansatz der Global History her­vor­ge­ru­fe­nen Spannungsfeld von Genauigkeit ver­sus Verallgemeinerung po­si­tio­nie­ren kön­nen. So wur­de an­ge­merkt, dass durch die für die Diskussion gro­ßer Zusammenhänge not­wen­di­ge Abstraktion sprach­li­che und kul­tu­rel­le Feinheiten ver­lo­ren gin­gen oder dass durch die Vorgabe mög­lichst al­le glo­ba­len Zusammenhänge in Betracht zie­hen zu wol­len un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Vergleiche ver­sucht wür­den. Der Ansatz der Global History kon­kur­riert da­bei mit an­de­ren Konzepten wie der trans­na­tio­na­len Geschichte und dem Ansatz der in­ter­kul­tu­rel­len Vergleiche, die eben­falls ver­su­chen von tra­di­tio­nel­ler Nationalgeschichtsschreibung weg­zu­kom­men. Kritisch an­ge­merkt wur­de wei­ter­hin, dass ne­ben der Betrachtung der gro­ßen Zusammenhänge auch wei­ter­hin klein­schrit­ti­ge Erforschung als Grundlage für die über­ge­ord­ne­te Betrachtungsweisen un­ab­ding­bar sei. Eine Rückkehr zum Ideal des Universalgelehrten, wie es im Extremfall der Ansatz der Global History not­wen­dig macht, wur­de als Anachronismus be­zeich­net.

Der Sonntagmorgen be­gann mit der Vorstellung zwei­er Disserationsprojekte und des Internationalen Graduiertenkollegs in Halle, in des­sen Räumlichkeiten das Treffen der Initiative statt­fand.
Zuerst stell­te Daniel Hedinger (Humboldt-Universität Berlin) den Sonderforschungsbereich "Repräsentationen so­zia­ler Ordnung im Wandel" vor, in dem es nicht nur um die Widerspiegelung so­zia­ler Ordnungen geht, son­dern auch dar­um, wie die Darstellung sol­cher Ordnungen sich auf ih­re Schaffung aus­wirkt. Innerhalb des Teilprojektes "'Zeremonielle Pädagogik' in post-revolutionären Gesellschaften. öf­fent­li­che Inszenierung und so­zia­le Mobilisierung in Meiji-Japan, in der frü­hen Sowjetunion und im Mexiko der 1920er-1930er Jahre." be­schäf­tigt sich Hedinger da­bei mit der ze­re­mo­ni­el­len Indoktrinierung des Volkes au­ßer­halb von Schulen und Kasernen, zum Beispiel durch Feste am Yasukuni-Schrein. Für sei­ne Dissertation un­ter­sucht er Ordnungsvorstellungen im Japan der Meiji-Zeit, die sich in der Konzeption von Ausstellungen aus­drücken. Diese Ordnungsvorstellungen ana­ly­siert er un­ter fol­gen­den the­ma­ti­schen Schwerpunkten: Erziehung und Wissen, Zivilisation und Zukunft, Kunst und Kommerz, Architektur und Konsum, Kaiser und Nation so­wie Kolonialismus und Krieg. Um sei­ne Ergebnisse mit den Analysen zur UdSSR und zu Mexiko ver­glei­chen zu kön­nen, ist es al­ler­dings not­wen­dig dies auf ei­ner sehr ho­hen Abstraktionsebene mit Meta-Begriffen wie zum Beispiel "Inszenierung" oder "po­li­ti­sche Repräsentation" zu tun, da die sehr un­ter­schied­li­chen Verhältnisse in den drei un­ter­such­ten Ländern kei­ne Vergleiche in­sti­tu­tio­nel­ler Strukturen zu­las­sen. Das Dissertationsprojekt "Wissenschaft und Gewalt: Japans ko­lo­nia­le Herrschaft in Taiwan 1895-1945" von Nadin Heé (Freie Universität Berlin) ist im Teilprojekt "Wissen und Herrschaft: Scientific Colonialism in deut­schen und ja­pa­ni­schen Kolonien" des Sonderforschungsbereiches "Governance in Räumen be­grenz­ter Staatlichkeit" an­ge­sie­delt. Sie un­ter­sucht dar­in die Verschränkung von wis­sen­schaft­li­chem Kolonialismus und die Ausübung phy­si­scher Gewalt als Herrschaftspraxis am Beispiel Taiwans. Ihre zen­tra­len Fragestellung lau­ten: Inwiefern hin­gen wis­sen­schaft­li­cher Kolonialismus und Formen von phy­si­scher Gewalt in der ko­lo­nia­len Herrschaft zu­sam­men? Verlief die Handlungsmacht der Akteure, die phy­si­sche Gewalt aus­üb­ten, ent­lang wis­sen­schaft­li­cher Zuschreibungen? Inwiefern wur­den sie ent­we­der als Ressource ge­nutzt oder in Frage ge­stellt und un­ter­lau­fen? Um die­se Fragen zu be­ant­wor­ten un­ter­sucht sie ver­schie­de­ne Formen von Gewalt im Rahmen der ja­pa­ni­schen Kolonialherrschaft, z. B. Guerillakriege, Bestrafungen, all­täg­li­che Gewalt, Aufstände oder die Gewalt im Zusammenhang mit me­di­zi­ni­scher Forschung und ver­sucht auf­zu­zei­gen, in­wie­fern die­se an "wis­sen­schaft­li­che" Klassifizierung der tai­wa­ne­si­schen Bevölkerung ei­ner­seits und Legitimationsdiskurse der Ausübung von Gewalt an­de­rer­seits ge­kop­pelt ist. Zentral da­bei ist, nicht nur "ja­pa­ni­sche" Gewalt zu un­ter­su­chen, son­dern zu ana­ly­sie­ren, Angehörige wel­cher Bevölkerungsgruppen ge­re­gel­te phy­si­sche Gewalt im Rahmen von Bestrafungsinstitutionen der Regierung aus­üb­ten und wer bei­spiels­wei­se in Aufständen der tai­wa­ne­si­schen Bevölkerung ge­gen die kolo-niale Herrschaft agier­te Anschließend gab Tino Schölz, der Wissenschaftliche Koordinator des Internationalen Graduiertenkollegs Halle-Tokyo "Formenwandel der Bürgergesellschaft Japan und Deutschland im Vergleich" ei­nen Einblick in die Konzeptionalisierung und die Arbeitsweise die­ses ein­zig­ar­ti­gen Graduiertenkollegs. Getragen wird das Gemeinschaftsprojekt von der Graduate School for Arts and Science der Universität Tôkyô und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Laufzeit ist auf vier­ein­halb Jahre an­ge­legt mit ei­ner mög­li­chen Verlängerung auf ins­ge­samt neun Jahre. Beteiligt sind die Fächer Japanologie, Deutschlandstudien, Geschichte, Politikwissenschaften, Geschichte, Philosophie und Theologie. Sowohl in Halle als auch in Tôkyô ar­bei­tet je­weils ei­ne Kollegiatengruppe von cir­ca zehn Doktoranden, die sich auf fol­gen­de fünf Forschungsteilbereiche ver­tei­len: Begriffsgeschichte, Akteure und Selbstorganisation, Bürger-Staat-Beziehungen, Bürgergesellschaft in trans­na­tio­na­len Bezügen und Gegenbewegung zur Bürgergesellschaft. An bei­den Universitäten fin­den for­schungs­be­zo­ge­ne in­ter­dis­zi­pli­nä­re Lehrveranstaltungen statt. Studienaufenthalte, der Austausch von Lehrenden, ein System des Co-Teachings mit dem Lehrende bei­der Institutionen in den Lehrbetrieb der je­weils an­de­ren Institution in­te­griert wer­den kön­nen, so­wie Symposien, Workshops und halb­jähr­li­che statt­fin­den­de Akademien in Halle und Tokyo bil­den die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Grundlage für den Forschungsaustausch. Ziel des Graduiertenkollegs ist es un­ter an­de­rem ei­nen Beitrag zur Internationalisierung der Bürgergesellschaftsforschung zu lei­sten, die Teilnehmer für trans­dis­zi­pli­nä­rer Forschungskooperation zu qua­li­fi­zie­ren so­wie neue Formen in­ter­na­tio­na­ler Betreuung und in­ter­kul­tu­rel­le Fähigkeiten in un­ter­schied­li­chen Wissenschaftskulturen ein­zu­üben. Im letz­ten Vortrag des Treffens stell­te Juljan Biontino (Universität Heidelberg) sei­ne ge­plan­te Magisterarbeit zum Thema "General Utsunomiya Tarô (1861-1922) und die Bewegung vom 1. März 1919 in Korea" vor. General Utsunomiya sam­mel­te vor sei­ner Versetzung nach Korea 1918 Erfahrungen in Indien und galt durch Reisen in China und Korea als Spezialist für die­se Länder. Er war wäh­rend der Unabhängigkeitsbewegung im März 1919 als Kommandant der ja­pa­ni­schen Army in Seoul sta­tio­niert. Ende 2007 er­schie­nen die Tagebücher des 1922 ver­stor­be­nen Utsunomiya in drei Bänden, von de­nen der drit­te Band die Jahre 1918 bis 1921 ab­deckt. Angeregt durch die Möglichkeiten, die die­se nun erst­mal zu­gäng­li­che Quelle bie­tet, plant Biontino ei­ne Analyse der Perzeption der 1.-März-Bewegung durch den Tagebuchschreiber. Durch die Auswertung der Tagebucheinträge und de­ren Einordnung möch­te Biotino die Rolle Utsunomiyas bei der ja­pa­ni­schen Reaktion auf die ko­rea­ni­sche Unabhängigkeitsbewegung so­wie des­sen Einfluss auf die ja­pa­ni­sche Sichtweise der Ereignisse un­ter­su­chen. In der an­schlie­ßen­den Diskussion wur­de vor al­lem die Verwendung ei­ner sol­chen Quellen wie die lan­ge nach dem Tode des Verfassers her­aus­ge­ge­be­nen Tagebücher kri­tisch hin­ter­fragt. Das Verfassen die­ser Tagebücher ge­schah in der Regel mit der Absicht, der Nachwelt be­stimm­te Sichtweisen des Autors zu ver­mit­teln, was ih­re Verwendung als Primärquellen sehr pro­ble­ma­tisch macht.

Den Abschluss des Treffens bil­de­te ei­ne Kurzvorstellung der vie­len stu­den­ti­schen Teilnehmer, die von ih­ren der­zei­ti­gen Studienvorhaben be­rich­te­ten. Weiterhin wies Maik Hendrik Sprotte (Universität Heidelberg) dar­auf hin, dass der Tagungsband der 2005 zum 100. Jahrestag des Russisch-Japanischen Krieges ab­ge­hal­te­nen Konferenz nun er­schie­nen sei: Sprotte, Maik Hendrik / Seifert, Wolfgang / Löwe, Heinz-Dietrich (Hrsg.) Der Russisch-Japanische Krieg 1904/05. Anbruch ei­ner neu­en Zeit? Wiesbaden: Harrassowitz. ISBN 978-3-447-05707-3, 302 Seiten, 39,80 Euro.

(Protokoll: Anke Scherer)

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favicon0212. Treffen am Japan-Zentrum der Universität Marburg am 1. und 2. November 2008:

Anwesend wa­ren in Marburg: Anja Batram (Bochum); Juljan Biontino (Heidelberg); Thomas Büttner (Heidelberg); Michael Facius (Berlin); Cynara Frobel (Bochum); Nuri Gökduman (Bochum); Teelka Groeneveld (Bochum); Daniel Hedinger (Berlin); Nadin Heé (Berlin); André Hertrich (Marburg); Jan Paul Hoga (Marburg); Nina Holzschneider (Bochum); Michael Jürgens (Marburg); Thomas Jürgens (Marburg); Sebastian Karach (Marburg); Pierre Kemper (Bochum); Bernd Kirchner (Heidelberg); Alexander Knaak (Marburg); Till Knaudt (Bochum); Hans Martin Krämer (Bochum); Matthieu Leinweber (Marburg); Romina Malandrino (Bochum); Regine Mathias (Bochum); Michael Mattner (Bochum); Heinrich Reinfried (Zürich); Mathias Rockel (Marburg); Anke Scherer (Köln); Benjamin Schmalofski (Bochum); Fabian Schmidt (Bochum); Jan Schmidt (Bochum); Merlin Schmidt (Bochum); Katja Schmidtpott (Marburg); Martin Stroschein (Bochum); Detlev Taranczewski (Bonn); Niko Tillmann (Bochum); Chie Warashina (Marburg); Anna Wiemann (Marburg);

Im er­sten Vortrag des Samstagnachmittags "Die Batavia-Prozesse und ih­re Rolle in der Comfort Women Thematik" the­ma­ti­sier­te André Hertrich (Center for Conflict Studies/Universität Marburg und Internationales Graduiertenkolleg Halle-Tôkyô) die Batavia-Prozesse, in de­nen als ein­zi­ge Kriegsverbrecherprozesse der Allierten Fälle von Zwangsprostitution durch die ja­pa­ni­sche Armee ver­han­delt wur­den. Dazu stell­te André Hertrich zu­erst die Hintergründe des so ge­nann­ten Semarang-Falles vor: Im 1942 von Japan be­setz­ten Indonesien wur­de der größ­te Teil der dort an­säs­si­gen Niederländer in Lagern in­ter­niert. In den Frauenlagern in und um Semarang re­kru­tier­te die ja­pa­ni­sche Armee 1944 jun­ge Frauen mehr oder we­ni­ger of­fen für die Prostitution, manch­mal un­ter Vorspiegelung fal­scher Tatschen, meist aber un­ter Zwang.
Nach ei­ni­gen Monaten wur­den die Bordelle in Semarang, in die die Frauen ver­schleppt wor­den wa­ren, wie­der auf­ge­löst. Die Zwangsprostituierten wur­den zu­sam­men mit ih­ren Angehörigen in an­de­re Internierungslager ver­bracht und be­droht, dass sie nichts über die Geschehnisse er­zäh­len durf­ten. Laut Quellen gab es in Indonesien ins­ge­samt 200 bis 300 eu­ro­päi­sche Prostituierte, da­von ca. 65, die von der ja­pa­ni­schen Armee un­ter Zwang re­kru­tiert wor­den wa­ren.
In den Kriegsverbrecherprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg klag­ten die Niederländer als Kolonialmacht in Indonesien mehr als 1.000 Menschen an, ca. 93% von ih­nen wur­den ver­ur­teilt. Im Semarang-Fall fan­den drei Prozesse im Februar und März 1948 bzw. Februar 1949 statt. Major Okada, der di­rekt mit der zwangs­wei­sen Rekrutierung der Frauen be­fasst war, wur­de zum Tode ver­ur­teilt, sein Vorgesetzter er­hielt ei­ne Gefängnisstrafe, weil er die Kontrolle sei­nes Untergebenen ver­säumt hat­te. Die Verurteilten wur­den al­ler­dings nach dem Verfahren ins Kriegsverbrechergefängnis nach Sugamo (Tôkyô) ge­bracht, von wo sie nach drei oder vier Jahren ent­las­sen wur­den.
Der Semarang-Fall gilt für die ei­nen als Beleg da­für, dass die ja­pa­ni­sche Armee Frauen in die Prostitution ge­zwun­gen hat. Japanische Konservative ar­gu­men­tie­ren aber dem­ge­gen­über, dass der Semarang Fall ein Einzelfall sei. Er zei­ge zu­dem, dass Zwangsprostitution die Schuld ei­ni­ger Individuen wie Okada sei, der von sei­nem Hauptquartier ge­stoppt wur­de, weil er das vom Hauptquartier an­fangs aus­ge­ge­be­ne Gebot der Freiwilligkeit miss­ach­te­te und Frauen ge­gen ih­ren Willen ver­schlepp­te.
In der Diskussion wur­de ne­ben dem in ei­ni­gen Lagern ge­zeig­ten Widerstand ge­gen die Zwangsrekrutierung die Thematik der "Freiwilligkeit" der­je­ni­gen, die sich be­wusst für die Arbeit in ja­pa­ni­schen Militärbordellen an­wer­ben lie­ßen, dis­ku­tiert. Wie auch die Gerichte spä­ter fest­stell­ten, kann in ei­ner Situation, in der ein von der Ernährungslage, Hygiene, etc. her aus­ge­spro­chen schlech­tes Lagerleben ge­gen ein Leben als Prostituierte ein­ge­tauscht wur­den, nicht von Freiwilligkeit ge­spro­chen wer­den. Dennoch ent­stand aus der Klassifizierung in "frei­wil­li­ge" und "zwangs­re­kru­tier­te" Frauen spä­ter ei­ne Unterscheidung in "gu­te" (zwangs­re­kru­tier­te) und "schlech­te" (frei­wil­li­ge) Prostituierte.
Eine Schwierigkeit, die für die Untersuchung vie­ler Kriegsverbrechen gilt, ist die Abwesenheit schrift­li­cher Befehle, hier zur Zwangsrekrutierung von Frauen für Militärbordelle. Schuld kann und wird des­halb hier auf Individuen ab­ge­wälzt. In den Batavia-Prozessen muss­ten sich die Niederländer aus Mangel an Dokumenten auf Zeugenaussagen ver­las­sen. Generell be­steht die Notwendigkeit, die Zwangsprostitution in Indonesien ein­zu­ord­nen in die Problematik der Zwangsprostitution in Asien all­ge­mein wäh­rend des Zweiten Weltkrieges um sinn­vol­le Aussagen über die Verstrickung des ja­pa­ni­schen Militärs zu ma­chen.

Anschließend lei­te­te Hans Martin Krämer (Ruhr-Universität Bochum) mit ei­nem Inputreferat die Diskussion zum Thema "Der Einfluss von Großforschungsprojekten auf die Geisteswissenschaften" ein. Derzeit gibt es fünf Großprojekte in den Geisteswissenschaften mit Beteiligung von Japanologien, näm­lich in Berlin, Bochum, Halle und Heidelberg. Durch die Einbindung in ein Großprojekt steigt der Aufwand für die Kommunikation der am Projekt be­tei­lig­ten Forscher un­ter­ein­an­der stark an. Dies ist nicht nur sehr zeit­auf­wen­dig, son­dern führt auch da­zu, dass die Kommunikation in an­de­ren Zusammenhängen re­du­ziert wird.
Ein be­son­ders in­ten­siv dis­ku­tier­tes Thema war der Aspekt der Einschränkung bzw. Lenkung und Kanalisierung von Forschung durch die Vorgaben von Großprojekten. Durch die Ausrichtung auf Interdisziplinarität und die not­wen­di­gen the­ma­ti­schen Vorgaben durch Projektanträge müs­sen sich mehr und mehr Forscher mit Themen be­fas­sen, die sie sich nicht selbst aus­ge­sucht ha­ben. Professoren stel­len Anträge nach ei­ge­nen Interessen und vor al­lem da­nach, dass die Anträge in grö­ße­re Zusammenhänge pas­sen und Erfolg ver­spre­chend sind. Die Nachwuchsforscher, die die Projekte dann tat­säch­lich be­ar­bei­ten, müs­sen sich dann auf die­se Themen ein­stel­len. In der Diskussion wur­de der ge­gen­wär­ti­ge Trend ver­glei­chend ei­ner ge­gen­läu­fi­gen Entwicklung im Tierschutz ge­gen­über­ge­stellt: Während in der Tierhaltung der Trend weg von der Käfig- zur Freilandhaltung ge­he, füh­re die "Projektisierung" der Forschung in den Geisteswissenschaften da­zu, dass die in­di­vi­du­ell durch die Forschungslandschaft strei­fen­den Nachwuchswissenschaftler mehr und mehr in die wohl­ge­ord­ne­ten Boxen der Drittmittelforschung ein­ge­glie­dert wür­den, wo man die Früchte ih­rer Arbeit leich­ter ern­ten, ver­packen und ver­kau­fen kön­ne.
Ein wei­te­res Diskussionsthema wa­ren die Bedenken, dass durch die in den Forschungsanträgen vor­de­fi­nier­ten Begrifflichkeiten, die dann in­ner­halb der Forschungsarbeiten zu ver­wen­den sind, Zirkelschlüsse zu­stan­de kom­men, da die Ergebnisse wie­der­um den im Antrag ge­äu­ßer­ten Erwartungen zu ent­spre­chen ha­ben. Dazu wur­de wei­ter­füh­rend dis­ku­tiert, dass die Forschung im Rahmen gro­ßer Projekte, die Erfolg ha­ben, weil sie Mainstream-Themen be­han­deln, an­de­re Themen an den Rand drückt. Dies hat vor al­lem ne­ga­ti­ve Folgen für Innovation und un­kon­ven­tio­nel­le Herangehensweisen.

Der letz­te of­fi­zi­el­le Programmpunkt des Samstags war der Besuch al­ler Teilnehmer im Forschungs- und Dokumentationszentrum für Kriegsverbrecherprozesse (ICWC = International Center for War Crimes). Der Leiter des Zentrums Wolfgang Form hat­te sich be­reit er­klärt, ei­nen ge­ne­rel­len Einblick in die Quellenbestände und die Arbeit des Zentrums zu ge­ben. Dabei stell­te sich her­aus, dass durch das Zentrum, sei­ne welt­wei­te Vernetzung und sei­ne tech­ni­schen Möglichkeiten vie­le Quellen für die Bearbeitung ja­pa­ni­scher Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg ge­nutzt wer­den kön­nen. Alleine im asia­ti­schen Raum sind mehr als 5.500 Verfahren we­gen Kriegsverbrechen be­kannt. Form stell­te ei­ni­ge aus­ge­wähl­te Quellen in sei­nem Vortrag vor, ei­ni­ge hand­schrift­lich, an­de­re in edi­tier­ter Form (z.B. aus China). Diese Quellen wer­den in ei­ne re­cher­chier­ba­re Datenbank auf­ge­nom­men, so dass Forscher be­stimm­te Personen, Verfahren, Regionen, etc. re­cher­chie­ren kön­nen. Der er­ste Programmpunkt am Sonntagmorgen war die Vorstellung ei­ge­ner Projekte und Arbeiten. Da hier auch auf Seiten der zahl­reich an­we­sen­den Studierenden vie­le in­ter­es­san­te Themen vor­ge­stellt wur­de, ent­stand der Vorschlag über die Homepage der Initiative zur hi­sto­ri­schen Japanforschung die Themen stu­den­ti­scher Abschlussarbeiten in Bearbeitung zu sam­meln um so die Kommunikation zwi­schen Bearbeitern ähn­li­cher Themen zu ver­bes­sern. Zudem stell­te Heinrich Reinfried sein ge­ra­de er­schie­ne­nes Lehrwerk für den Japanischunterricht vor, dass der­zeit in der Schweiz mit gro­ßem Erfolg ein­ge­setzt wird. Interessenten am Konzept des Lehrbuches emp­fiehlt er die Website http://www.asiaintensiv.ch/asiaintensiv/kompaktlehrgang.htm. Weitere Hinweise folg­ten auf die Bibliographie zur deutsch­spra­chi­gen hi­sto­ri­schen Japanforschung, für die je­der sei­ne deutsch­spra­chi­gen Publikationen zur ja­pa­ni­schen Geschichte mel­den soll­te, und die Datenbank von Übersetzungen ja­pa­ni­scher Quellen in eu­ro­päi­sche Sprachen , zu der eben­falls je­der Hinweise auf ent­spre­chen­de Übersetzungen bei­tra­gen kann.

Im ab­schlie­ßen­den Vortrag be­fass­te sich Daniel Hedinger mit dem Thema "Die Welt als Ausstellung: Ordnungsvorstellung im Japan der Meiji-Zeit (1868-1912)", sei­nem Dissertations-projekt im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Repräsentationen so­zia­ler Ordnungen im Wandel". Hedingers Dissertation geht der Frage nach, wel­che Ordnungsvorstellungen so­wohl ja­pa­ni­sche Teilnahmen an Weltausstellungen als auch in Japan durch­ge­führ­te na­tio­na­le Ausstellungen trans­por­tier­ten und wie die­se sich wan­del­ten. Zu Beginn wies er auf die Gefahr der Exotisierung bzw. Orientalisierung der ja­pa­ni­schen Ausstellungskonzepte im Erforschungsprozess hin, die be­son­ders dann ge­ge­ben ist, wenn wie bis­lang in der Forschung be­vor­zugt die ja­pa­ni­sche Teilnahme an gro­ßen, in­ter­na­tio­na­len Ausstellungen im Fokus steht.
Um die­ser Problematik zu be­geg­nen un­ter­sucht Hedinger ne­ben Weltausstellungen auch die in­ner­ja­pa­ni­schen, na­tio­na­len Industrieausstellungen so­wie die zahl­lo­sen re­gio­na­len Ausstellungen der Meiji-Zeit. Im Zentrum der Arbeit steht die Entwicklung und Umsetzung ei­nes mo­der­nen Ausstellungskonzeptes in Japan, das in der Auseinandersetzung mit den west­li­chen Konzepten der Weltausstellungen ent­stand. Die Dissertation ist in zwei Teile un­ter­teilt, von de­nen der er­ste ei­nen chro­no­lo­gi­schen Überblick über die Ausstellungen der Meiji-Zeit ent­hält. Der zwei­te Teil geht da­von aus, dass es die Aufgabe von Ausstellungen ist, Ordnung zu schaf­fen. Er un­ter­sucht des­halb die Ausstellungskonzepte hin­sicht­lich ih­res Beitrages zu drei gro­ßen Themenkomplexen: Visionen ei­ner zi­vi­li­sier­ten Zukunft (Kapitel "Erziehung und Wissen"; "Zivilisation und Zukunft"), Konsumvisionen (Kapitel "Kunst und Kommerz"; "Architektur und Konsum") und na­tio­na­le bzw. im­pe­ria­le Visionen (Kapitel "Kaiser und Nation"; "Kolonialismus und Krieg").
In den er­sten Ausstellungen in Japan fand ei­ne Konfrontation des neu­en Konzepts Ausstellung mit der über­kom­men, durch den Konfuzianismus vor­ge­ge­be­nen Ordnung statt, so bei ei­ner Ausstellung 1872 im Yushima-Schrein in Tokyo, de­ren Konzeption vie­le zeit­ge­nös­si­sche Beobachter ver­stör­te. Bei der er­sten Industrieausstellung 1877 im Ueno-Park wur­den dann be­reits das Ausstellungsgelände nach west­li­chen Ordnungsvorstellungen in Pavillons un­ter­teilt, ei­ne Konzeption, die bei den wei­te­ren Industrieausstellungen bei­be­hal­ten wur­de. Eine wei­te­re Problematik der Anfangszeit war die Frage, ob die Güter nach Herkunftsprovinzen oder nach Güterkategorien prä­sen­tiert wer­den soll­ten. Beobachter be­zeich­ne­ten den frü­hen ja­pa­ni­schen Ausstellungsaufbau als chao­tisch und kon­zept­los, dies än­der­te sich aber durch ei­nen star­ken Wandel in der Präsentation der Ausstellungsstücke in den er­sten Jahrzehnten der Meiji-Zeit rasch. So tru­gen die Ausstellungen da­zu bei, das Bild ei­ner zi­vi­li­sier­ten Zukunft in Japan zu ver­brei­ten.
Ein wei­te­rer Beitrag der Ausstellungen fand auf dem Gebiet der Vorstellungen von Konsum statt. Anfangs führ­te die Ausstellung von gol­de­nen Fischen, die als sa­kra­le Symbole in der Tokugawa-Zeit auf den Giebel öf­fent­li­cher Gebäude platz­iert wor­den wa­ren, zu hef­ti­gen Reaktionen von Besuchern, die die­se Ausstellungsstücke noch im­mer als sa­kra­le Symbole ver-ehrten. Bei der Ausstellung sol­cher Symbole im in­ter­na­tio­na­len Kontext der Weltausstellungen wur­den die­se Gegenstände hin­ge­gen schnell als ver­käuf­li­che Kunstwerke be­trach­tet und von ja­pa­ni­scher Seite als Einnahmequelle ent­deckt. Japan nutz­te das west­li­che Interesse für sei­ne Selbstrepräsentation aus und präg­te da­mit das Bild des­sen, was auch heu­te noch als ja­pa­ni­sche Kunst gilt. Ein wei­te­rer Zusammenhang zwi­schen Ausstellungen und Kommerzialisierung zeigt sich dar­in, dass Produkte, die bei Ausstellungen Preise ge­won­nen hat­ten, da­nach mit die­sen Preisen be­wor­ben wur­den.
Der drit­te Aspekt be­trifft die Verbreitung na­tio­na­ler und im­pe­ria­ler Visionen durch die Ausstellungen. So wur­den al­le Landesausstellungen vom Kaiser per­sön­lich er­öff­net, die­ser wur­de in den Ausstellungen zu­sam­men mit an­de­ren na­tio­na­len Symbolen sicht­bar. Weltausstellungen prä­sen­tier­ten "das Fremde", und Japaner stell­ten sich da­bei auch selbst als "Fremde" aus. Später wur­de von ja­pa­ni­scher Seite das ei­ge­ne "Fremde" in Form von Menschen aus Hokkaido oder der Kolonie Taiwan aus­ge­stellt. So tru­gen Ausstellungen da­zu bei "Zivilisation" bzw. den Grad der Zivilisiertheit zu de­fi­nie­ren und durch die Darstellung von Exotischem den Anspruch auf die ei­ge­nen Kolonien zu ma­ni­fe­stie­ren. So prä­sen­tier­te sich Japan au­ßer­halb des Landes als ei­ne zi­vi­li­sier­te und mo­der­ne Nation, im Landesinneren dien­ten die Ausstellungen der Verbreitung von Ordnungsvorstellungen über Kultur, Konsum und na­tio­na­le Identität.

(Protokoll: Anke Scherer)

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