Protokolle 1-6 (2003-2005)

Protokolle der 1. bis 6. Tagung aus den Jahren 2003 bis 2005:

Durch Anklicken des ent­spre­chen­den Links kön­nen Sie das Protokoll der zu­ge­hö­ri­gen Tagung auf­ru­fen.

1. Treffen am Japanologischen Seminar der Universität Heidelberg am 10. und 11. Mai 2003
2. Treffen bei der Sektion Geschichte Japans der Ruhr-Universität Bochum am 1. und 2. November 2003
3. Treffen am Japanologischen Seminar der Universität Halle am 8. und 9. Mai 2004
4. Treffen am Japanologischen Seminar der Universität Bonn am 6. und 7. November 2004
5. Treffen am Japanologischen Seminar der Universität Tübingen am 7. und 8. Mai 2005
6. Treffen am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich am 5. und 6. November 2005

favicon021. Treffen am Japanologischen Seminar der Universität Heidelberg am 10. und 11. Mai 2003:

Anwesend in Heidelberg wa­ren: Thomas Büttner (Heidelberg), Hans Martin Krämer (Bochum), Peter Lutum (Hamburg), Marc Matten (Bonn), Harald Meyer (Zürich), Birgit Pansa (Heidelberg), Wolfgang Schamoni (Heidelberg), Anke Scherer (Bochum), Jan Schmidt (Heidelberg), Tino Schölz (Halle), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Detlev Taranczewski (Bonn), Christian Uhl (Heidelberg)

Auf dem Programm stand am Samstag zu­naechst ein Vortrag von Tino Schölz zum Thema "Ishiwara Kanji und Deutschland". Durch gründ­li­che Archivstudien konn­te er die gän­gi­ge Auffassung be­rich­ti­gen, Ishiwara ha­be deut­sche Diskussionen bei der Erarbeitung sei­ner Position zum to­ta­len Krieg nur ober­fläch­lich re­zi­piert. Ishiwara hat­te wäh­rend sei­nes Deutschlandaufenthaltes viel­mehr Kontakt zu ho­hen Offizieren und las das deut­sche Schrifttum in­ten­siv. Seine Auseinandersetzung mit der deut­schen Diskussion ist auch in sei­nen ei­ge­nen Werken an zahl­rei­chen Stellen zu be­le­gen. Die sich an den Vortrag an­schlie­ssen­de Diskussion kon­zen­trier­te sich auf die Frage nach Ishiwaras Repräsentativität und mög­li­che Einflüsse auf Ishiwaras Haltung zum Krieg ge­gen China 1937, den er ab­lehn­te, was zu sei­nem Sturz führ­te.

Der zwei­te Block des Samstagnachmittages wid­me­te sich ei­ner Diskussion zum Thema "Abgrenzung von Zeitgeschichte und Politikwissenschaft". Dem kur­zen Inputreferat von Hans Martin Krämer folg­te ein re­ger Meinungsaustausch, an dem sich al­le Anwesenden be­tei­lig­ten. Die Diskussion krei­ste ei­ner­seits um mög­li­che Abgrenzungskriterien hin­sicht­lich ver­schie­de­ner Methoden, Gegenstände oder Ziele von Geschichtswissenschaft auf der ei­nen und Sozialwissenschaften auf der an­de­ren Seite. Andererseits wur­de die­se Fragestellung selbst als künst­li­che Trennung kri­ti­siert, wor­auf­hin sich die Diskussion mehr um die Frage der Abgrenzung von Zeitgeschichte zur Geschichte bzw. Zeitgeschichte zur Gegenwart dreh­te. Natürlich konn­te die Frage nicht ab­schlie­ßend ge­klärt wer­den; al­lein der Austausch aber sen­si­bi­li­sier­te den ei­nen oder die an­de­re viel­leicht für Fragestellungen, de­nen man bis­lang nicht die er­for­der­li­che Aufmerksamkeit ge­wid­met hat­te.

Die an­ge­neh­me Atmosphäre der Diskussionen wur­de beim ge­mein­sa­men Abendessen fort­ge­setzt. Am Sonntag stand dann ein Vortrag von Christian Uhl zum Thema "Die Symposien der Kyôto-Schule" auf dem Programm. Christian Uhl stell­te drei zadan-kai der Nishida-Schüler Nishitani Keiji, Suzuki Shigetaka, Kôyama Iwao und Kôsaka Masaaki vor, die 1942 und 1943 in "Chûô kôron" ver­öf­fent­licht wur­den. Sein Vortrag klär­te zu­nächst de­tail­liert die ide­en­ge­schicht­li­chen Erbschaften, auf de­nen die Ausführungen der Teilnehmer der zadan-kai grün­de­ten. Hinsichtlich der po­li­ti­schen Wertung die­ser zur Zeit des to­ta­len Krieges statt­fin­den­den Gespräche zeig­te Uhl sich skep­tisch über die in letz­ter Zeit ver­öf­fent­lich­ten apo­lo­ge­ti­schen Interpretationen. Die an­schlie­ßen­de Diskussion the­ma­ti­sier­te so­wohl die­se Frage der po­li­ti­schen Bewertung als auch die all­ge­mei­ne­re des Einflusses von Intellektuellen im Japan der Kriegszeit.

Ein wei­te­rer Block am Sonntag war der Frage ge­wid­met, wie mit der Initiative zur hi­sto­ri­schen Japanforschung wei­ter zu ver­fah­ren sei. Maik Hendrik Sprotte er­klär­te sich be­reit, ei­ne lau­fen­de Bibliografie deutsch­spra­chi­ger Veröffentlichungen zur ja­pa­ni­schen Geschichte zu er­stel­len. Dazu sind al­le mit der ja­pa­ni­schen Geschichte Befaßten auf­ge­for­dert, ihm Funde zu­kom­men zu las­sen. Das Spektrum auf­zu­neh­men­der Daten reicht von Monografien und wis­sen­schaft­li­chen Aufsätzen bis hin zu (schwe­rer zu re­cher­chie­ren­den) Zeitungsartikeln. Gesammelt wer­den sol­len zu­nächst Veröffentlichungen ab dem 1. Januar 2003. Die Bibliografie wird in ge­eig­ne­ter Form ver­öf­fent­licht wer­den.

Fuer die Zukunft wur­de ein­ver­nehm­lich fest­ge­hal­ten, sich zu­nächst ein­mal im Semester in ver­gleichs­wei­se in­for­mel­ler Atmosphäre (benkyô-kai-Charakter) zu tref­fen. Diskussionen soll, wie an die­sem Wochenende auch, brei­ter Raum ge­währt wer­den. Zu die­sem Zweck sol­len, wenn mög­lich, vor dem näch­sten Treffen recht­zei­tig an al­le TeilnehmerInnen Thesen zu den Vorträgen und Diskussionen ver­schickt wer­den.

(Protokoll: Hans Martin Krämer)

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favicon012. Treffen bei der Sektion Geschichte Japans der Ruhr-Universität Bochum am 1. und 2. November 2003:

Anwesend in Bochum wa­ren: Günter Distelrath (Bonn), Ulrich Goch (Bochum), Andre Hertrich (München), Hans Martin Krämer (Bochum), Peter Lutum (Hamburg), Regine Mathias (Bochum), Marc Matten (Bonn), Andreas Niehaus (Köln), Oda Kenji (Erfurt), Erich Pauer (Marburg), Anke Scherer (Bochum), Jan Schmidt (Heidelberg), Katja Schmidtpott (Bochum), Tino Schölz (Halle), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Edith Wagner (Erlangen-Nürnberg), Anneli Wallentowitz (Bonn) so­wie meh­re­re Studierende aus Bochum

Das Treffen be­gann am Samstag Nachmittag mit ei­nem Vortrag von Andreas Niehaus mit dem Titel "'Die Bissstellen der Blutegel jucken' - Überlegungen zum Körper im Edo-zeitlichen Japan". Ausgehend von dem im Titel ge­nann­ten Ausschnitt aus ei­nem Gedicht von Bashô stell­te Niehaus die Frage, ob und wie das Körperempfinden der Edo-Zeit heu­te nach­emp­fun­den wer­den kann. Gestützt u.a. auf Michel Foucault und Philipp Sarasin er­läu­ter­te Niehaus zu­nächst, dass 'der Körper' hi­sto­risch und kul­tu­rell re­la­tiv ist. Von Interesse sei­en in die­sem Zusammenhang ins­be­son­de­re Körpertechniken und die Frage, wie die­se über­nom­men wer­den. Dies ge­sche­he durch un­be­wuss­te Übernahmen; Körpertechniken sei­en aber auch durch Macht co­diert und wür­den durch dis­zi­pli­nie­ren­de und re­gu­lie­ren­de Vorschriften ge­formt.

Gesundheitsvorschriften zu Hygiene und Diätetik stün­den da­bei an der Schnittstelle zwi­schen Individuum und Gesellschaft und sei­en da­her be­son­ders in­ter­es­sant. Eine Quelle die­ser Art stellt Niehaus dann aus­führ­lich in Gestalt von Kaibara Ekkens "Yôjô-kun" von 1713 vor. Problematisiert wur­den von Niehaus da­bei u.a. der Verbreitungsgrad der Schrift, ih­re Wirkung bis in die Meiji-Zeit hin­ein so­wie der Inhalt hin­sicht­lich der drei Perspektiven Koerpervorstellung all­ge­mein, Gesundheitsvorsorge als Kampf und Gesundheitsvorsorge und Machtdiskurs. Gesundheitsvorsorge bei Kaibara sei ein Weg er­lern­ba­rer Techniken; Krankheiten sei­en zu­nächst ei­ne auf ei­ge­nes Verschulden zu­rück­zu­füh­ren­de Vernachlässigung die­ser Techniken. Überdies ver­knüp­fe Kaibara die Sorge um den ei­ge­nen Körper mit der Sorge um die Familie und den Herrn, wo­durch Gesundheitsvorsorge zu ei­ner Frage der Moral wer­de.

Die Diskussion kon­zen­trier­te sich auf die Frage der Aussagefähigkeit des "Yôjô-kun". Obwohl es sich um ei­nes der meist­auf­ge­leg­ten Bücher der Edo-Zeit han­del­te, sei doch klar, dass die LeserInnenschaft nur aus ei­nem sehr klei­nen Teil der Gesellschaft be­stan­den ha­ben kön­ne. Es sei frag­lich, in­wie­fern über­haupt ein ein­zel­nes Buch Grundlage für die Nachempfindung von Körperempfinden wäh­rend der Edo-Zeit sein könn­te - al­len­falls leg­ten die dort ge­sam­mel­ten Vorschriften Rückschlüsse auf im Volk ge­ra­de nicht prak­ti­zier­ten Techniken na­he. Eher als die di­rek­te Lektüre des Textes sei viel­leicht des­sen Vermittlung, et­wa in den tera­koya, von Interesse.

Für den zwei­ten Block am Samstag stand ei­ne "Diskussion zur Frage nach dem Verhältnis von Japanologie und Geschichtswissenschaft" auf dem Programm. Tino Schölz hielt das Inputreferat, in dem er zu­nächst als Befund kon­sta­tier­te, dass die hi­sto­ri­sche Japanforschung trotz ei­ner ge­wis­sen in letz­ter Zeit fest­stell­ba­ren Hinwendung der all­ge­mei­nen Geschichtswissenschaft zu au­sser­eu­ro­päi­schen Themen ih­re Präsenz und Sichbarkeit in der all­ge­mei­nen Geschichtswissenschaft nicht ver­staer­ken konn­te. Schölz führ­te dies nicht nur auf Widerstände auf Seiten der Geschichtswissenschaft zu­rück, son­dern auch auf Probleme, die in­ner­halb der hi­sto­ri­schen Japanforschung be­stehen. Hier nann­te er zum ei­nen die Struktur des Faches in der Lehre (Geschichte Japans meist als Teil der Japanologie) und den ho­hen Arbeitsaufwand der i.d.R. in klei­nen or­ga­ni­sa­to­ri­schen Einheiten an Universitäten Tätigen, zum an­de­ren die ver­spä­te­te Rezeption ak­tu­el­ler Trends der ge­schichts­wis­sen­schaft­li­chen Diskussion und die nach wie vor häu­fig an­zu­tref­fen­de in­halt­li­che Schwerpunktsetzung, die ei­nem Selbstverständnis als Regionalwissenschaft fol­ge und nicht zum all­ge­mei­nen hi­sto­ri­schen Diskurs, son­dern zum Wissen über Japan bei­tra­gen wol­le.

Die selbst­kri­ti­schen Aspekte wur­den in der an­schlie­ßen­den Diskussion lei­der fast über­haupt nicht the­ma­ti­siert, statt­des­sen be­schränk­te man sich auf wei­te­re mög­li­che Ursachen auf Seiten der all­ge­mei­nen Geschichtswissenschaft. Als Indizien wur­den ge­nannt: Nichtberücksichtigung von Außereuropa-HistorikerInnen bei der Besetzung von Lehrstühlen, Ausgrenzung bei wis­sen­schaft­li­chen Konferenzen, Ignorieren von Publikationen (z.B. sel­ten Rezensionen von ja­p­an­be­zo­ge­nen Werken in all­ge­mei­nen Zeitschriften). Die Grundstimmung war skep­tisch, und auch die Anregung Schölz', ei­ne Besserung da­durch zu er­rei­chen zu su­chen, ver­glei­chend zu ar­bei­ten und sich ver­stärkt der Problemgeschichte zu­zu­wen­den, blieb weit­ge­hend oh­ne Resonanz.

Der Sonntag Vormittag galt der Vorstellung lau­fen­der Arbeiten und Projekte. Die TeilnehmerInnen mach­ten von die­ser Gelegenheit un­ter­schied­lich in­ten­siv Gebrauch; ei­ni­ge ver­teil­ten auch Handouts oder Thesenpapier zu ih­ren lau­fen­den oder ab­ge­schlos­se­nen Qualifikationsarbeiten. Wolfgang Seifert stell­te das Vorhaben zur Diskussion, in ei­nem grö­ße­ren Personenkreis Quellen zur neue­ren ja­pa­ni­schen Geschichte sorg­fäl­tig ins Deutsche zu über­set­zen und zu kom­men­tie­ren und ei­ne sol­che Quellensammlung zu pu­bli­zie­ren, in Hinblick auf die Diskussion vom Vortag auch mit der Zielsetzung, die­se der all­ge­mei­nen Geschichtswissenschaft zur Verfügung zu stel­len. Berücksichtigung sol­len so­wohl be­kann­te­re, be­reits in (un­ge­nü­gen­der) Übersetzung vor­lie­gen­de Quellen fin­den, als auch sol­che, die zu­mal in der deut­schen Diskussion bis­lang eher un­ge­wohn­te Perspektiven zu er­öff­nen ver­mö­gen. Ein mög­li­ches Schwerpunktthema für ei­ne sol­che Quellensammlung könn­te die Zeit des Faschismus/Ultranationalismus sein.

Der Vorschlag wur­de mit gro­ßer Zustimmung auf­ge­nom­men; ei­nig war man sich aber, daß ein sol­ches Projekt pro­fes­sio­nell und mit be­zahl­ten MitarbeiterInnen durch­ge­führt wer­den müs­se. Der in der Diskussion eben­falls auf­kom­men­de Wunsch nach ei­ner Bestandsaufnahme be­reits be­stehen­der Übersetzungen hin­ge­gen könn­te grund­sätz­lich auch eh­ren­amt­lich aus dem Personenkreis der Initiative her­aus um­ge­setzt wer­den. Dabei wä­re ei­ne Vorgehensweise wie bei der "Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung" mög­lich, die Maik Hendrik Sprotte und Jan Schmidt der­zeit in Heidelberg auf­bau­en. Vorschläge für Aufnahmen in die­se lau­fen­de Bibliographie von deutsch­spra­chi­gen Erscheinungen zur ja­pa­ni­schen Geschichte kön­nen auf ei­nem Online-Formular un­ter http://www.historische-japanforschung.de/ ein­ge­tra­gen wer­den, wo sich auch die Liste der bis jetzt auf­ge­nom­me­nen Bücher, Aufsätze und Artikel fin­det.

Beide neu­en Vorschläge, die Quellensammlung so­wie die Bestandsaufnahme über­setz­ter Quellen, hofft die Initiative bis zum näch­sten Treffen kon­kre­ti­sie­ren zu kön­nen.

Der zwei­te Teil des Sonntags ge­hör­te dem Vortrag von Marc Matten zu "Zheng Chenggong - Tei Seikô (Koxinga) - Die Fabrikation ei­nes dop­pel­ten Nationalhelden". Matten ging von all­ge­mei­nen Überlegungen zum Nationalismus und der Bedeutung von Nationalhelden in Zeiten der Entstehung von Nationalhelden und ins­be­on­de­re in post­ko­lo­nia­len Staaten aus. Seine Hypothese lau­te­te, daß je­der Nationalheld ge­nau ei­nem Nationalstaat zu­zu­ord­nen sein müß­te. Der von ihm vor­ge­stell­te Fall Koxingas sei in die­sem Sinne die gro­sse Ausnahme, da die­ser so­wohl in China als auch in Japan ver­ehrt wer­de.

Koxingas wur­de als Sohn ei­nes chi­ne­si­schen Seehändlers und ei­ner Japanerin in Hirado ge­bo­ren, zog je­doch schon im Alter von neun Jahren mit sei­nem Vater nach China, wo er als Loyalist der Ming (ge­gen die Qing) und als Befreier Taiwans von den Holländern zu Ansehen ge­lang­te. Die bi­na­tio­na­le Abstammung Koxingas ha­be ihn be­reits in der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts zu ei­ner wich­ti­ge­ren Figur so­wohl in China als auch in Japan ge­macht. In Chikamatsu Monzaemons Stück "Kokusenya kas­sen" von 1715 sei (ge­gen die hi­sto­ri­sche Realität) die ja­pa­ni­sche Seite Koxingas be­tont wor­den: So schreibt Chikamatsu, die ja­pa­ni­sche Mutter ha­be Koxinga die Grundzüge des bu­shi­dô bei­ge­bracht, und ja­pa­ni­sche Götter grei­fen bei ihm in die Geschehnisse ein. In China sei Koxinga seit Ende des 19. Jahrhunderts zu­nächst v.a. als Vorbild ei­ner Anti-Qing-Politik ge­nutzt wor­den. Die Vertreibung der Holländer von Taiwan sei hin­ge­gen erst in der Volksrepublik the­ma­ti­siert wor­den. Die ja­pa­ni­sche Abstammung sei in der frü­hen Volksrepublik zu­dem gar nicht er­wähnt wor­den.

Die Diskussion wid­me­te sich zum ei­nen der Frage, wie un­ge­wöhn­lich tat­säch­lich ein Nationalheld ist, der in ver­schie­de­nen Nationen je­weils als ei­ge­ner Held ver­ehrt wird. Dem Publikum fie­len zahl­rei­che Beispiele ein; wenn man den Begriff "Held" we­ni­ger eng faßt, las­sen sich zu­min­dest in Mitteleuropa sehr vie­le Beispiele fin­den. Fuer Ostasien scheint es sich aber in der Tat bei Koxinga um ei­nen Einzelfall zu han­deln. Interesse äu­ßer­ten die TeilnehmerInnen zum an­de­ren dar­an, wie die wei­te­re kul­tu­rel­le Verarbeitung der Figur Koxinga in Japan im 20. Jahrhundert, ins­be­son­de­re wäh­rend des Zweiten Weltkriegs aus­ge­se­hen hat. Hier be­steht noch Klärungsbedarf.

Insgesamt war es ein an­re­gen­des Wochenende, das auch für die näch­sten Treffen span­nen­de Diskussionen er­hof­fen läßt.

(Protokoll: Hans Martin Krämer)

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favicon043. Treffen am Japanologischen Seminar der Universität Halle am 8. und 9. Mai 2004:

Anwesend in Halle wa­ren: Silke Bromann (Halle), Eva Burzynski (Halle), Thomas Büttner (Heidelberg), Judith Fröhlich (Zürich), Denis Gänkler (Halle), Masako Hayashi (Gifu / Leipzig), Andre Hertrich (München), Denis Krämer (Göttingen), Hans Martin Krämer (Bochum), Robert Kramm (Erfurt), Marc Matten (Bonn), Andreas Niehaus (Köln), Christian Oberländer (Halle), Oda Kenji (Erfurt), Steffi Richter (Leipzig), Fabian Schäfer (Leipzig), Anke Scherer (Bochum), Jan Schmidt (Heidelberg), Tino Schölz (Halle), Mandy Schumann (Halle), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Detlev Taranczewski (Bonn), Edith Wagner (Erlangen), Anneli Wallentowitz (Bonn), Gesa Westermann (Hagen)

Das Treffen be­gann am Samstag Nachmittag mit ei­nem Beitrag von Anneli Wallentowitz, die ih­re vor kur­zem ab­ge­schlos­se­ne Magisterarbeit vor­stell­te. Ihr Vortrag mit dem Titel "Der Imperialismusdiskurs in Japan im 20. Jahrhundert vor dem Hintergrund der klas­si­schen Imperialismustheorien in der deut­schen Geschichtswissenschaft" be­fass­te sich mit der Frage nach den Parametern, die von ja­pa­ni­schen Historikern her­an­ge­zo­gen wur­den, um die ak­ti­ve Expansionspolitik Japans zwi­schen dem letz­ten Drittel des 19. Jahrhunderts und der Teilnahme am Ersten Weltkrieg zu be­wer­ten. Nach ei­ner Vorstellung der von der deut­schen Geschichtswissenschaft als "klas­sisch" ein­ge­stuf­ten Imperialismustheorien von Friedjung, Hobson, Schumpeter, Hilferding, Luxemburg und Lenin un­ter­such­te sie den Stellenwert die­ser Theorien in Japan bis in die 1930er Jahre. Sie kam da­bei zu dem Ergebnis, dass - ob­wohl al­le klas­si­schen Imperialismustheorien in den 1920er Jahren in Japan be­kannt wa­ren - die Diskussion seit der Mitte der 20er Jahre aus­schließ­lich von marxistisch-orientierten Theoretikern an­hand von Lenins Definition des Imperialismus als höch­stem Stadium des Monopolkapitalismus ge­führt wur­de. Als Grund hier­für nann­te sie die Struktur des ja­pa­ni­schen Wissenschaftsbetriebs, ein Punkt der in der an­schlie­ßen­den Diskussion wie­der auf­ge­nom­men wur­de mit dem Hinweis, dass nicht-marxistisch aus­ge­rich­te­te ja­pa­ni­sche Historiker der da­ma­li­gen Zeit sich fast nur mit der Zeit vor 1868 be­schäf­tig­ten und da­mit die Diskussion der nach­fol­gen­den Geschehnisse ei­ner auf ei­ne ein­zi­ge Ideologie aus­ge­rich­te­ten Gruppe über­lie­ßen. Auch der be­rühm­te­ste Kritiker des ja­pa­ni­schen Imperialismus, Yanaihara Tadao, ar­gu­men­tier­te letzt­end­lich mit mar­xi­sti­schen Kategorien. In der ja­pa­ni­schen Kolonialbürokratie, die sich vor al­lem um die prag­ma­ti­schen Fragen von Herrschaft und Kontrolle küm­mer­te, wur­de die theo­re­ti­sche Diskussion hin­ge­gen kaum re­zi­piert. Im Vergleich zu dem hi­sto­ri­schen Zugriff in Deutschland, in des­sen Rahmen das Phänomen "Imperialismus" sehr viel brei­ter un­ter­sucht wird, han­delt es sich in Japan so­mit um ei­nen rein mar­xi­stisch ge­führ­ten Diskurs, der sich bis in die Begrifflichkeit hin­ein an der Imperialismussschrift Lenins ori­en­tiert.

Als zwei­ter Teil des Samstagsprogramms folg­te die all­ge­mei­ne Diskussionsrunde, dies­mal zum Thema des Faschismus-Begriffs in der hi­sto­ri­schen Japanforschung. Eröffnet wur­de die Runde durch zwei Input-Referate: Einmal mach­te sich Maik Hendrik Sprotte Gedanken über die Anwendbarkeit des Terminus 'Faschismus' auf Japan zwi­schen 1937 und 1945, zum an­de­ren klär­te Wolfgang Seifert den Faschismus-Begriff, wie ihn Maruyama Masao in sei­nen Schriften ver­wand­te. M. H. Sprotte klär­te als Grundlage für die Diskussion zu­erst Elemente, die laut ver­schie­de­ner Theorien dem Faschismus zu­grun­de lie­gen, dann stell­te er die Position des ame­ri­ka­ni­schen Politikwissenschaftlers Gregory Kasza zur Anwendung die­ser Theorien auf Japan vor. W. Seifert the­ma­ti­sier­te die Problematik des Vergleichs, hier von hi­sto­ri­schen Phänomenen in ver­schie­de­nen Ländern, und er­läu­ter­te das Vorgehen Maruyamas als "spe­zi­fi­zie­ren­den Vergleich", d.h. Vergleich auf ei­ner mitt­le­ren Abstraktionsebene mit der Herausarbeitung von Länderbesonderheiten. Maruyama wand­te sich so­wohl ge­gen die mar­xi­sti­sche Imperialismustheorie als auch ge­gen die klas­si­sche Faschismustheorie und un­ter­such­te des­halb statt der öko­no­mi­schen Hintergründe des Faschismus des­sen Trägerschichten und Ideen. Die Diskussion dreh­te sich vor al­lem um die Tatsache, dass Faschismus in er­ster Linie ein po­li­ti­scher Begriff ist. Wenn von ei­nem ana­ly­ti­schen Standpunkt aus Kategorien ge­bil­det wer­den, an­hand de­rer ein Phänomen fa­schi­stisch ge­nannt wer­den kann oder nicht, so führt dies gleich­zei­tig auch im­mer zu ei­ner po­li­ti­schen Anwendung, in der Faschismus als Kampfbegriff ei­ne ab­so­lut in­ak­zep­ta­ble Herrschaftsform be­zeich­net. Bei der Untersuchung der ja­pa­ni­schen Geschichte soll­te sich die Diskussion über die Anwendbarkeit des Faschismusbegriffs auf Japan des­halb we­ni­ger auf ei­ne ab­so­lu­te Ja-Nein-Feststellung, son­dern viel­mehr auf die ver­schie­de­nen Faschismusdefinitionen als heu­ri­sti­sche Konzepte zur Untersuchung der Spezifika des ja­pa­ni­schen Systems kon­zen­trie­ren.

Am Sonntag Morgen stell­te Judith Fröhlich ein Kapitel ih­rer ge­ra­de fer­tig ge­stell­ten Dissertation zu Schriftlichkeit und Mündlichkeit im vor­mo­der­nen Japan vor. Am Beispiel von gut do­ku­men­tier­ten, lang­wie­ri­gen Streitigkeiten um Besitzansprüche des Goshûin, ei­nes Tempels auf dem Koyasan, ging sie der Frage nach, wel­chen Stellenwert ei­ner­seits die schrift­li­chen Dokumente und an­de­rer­seits ih­re münd­li­che Präsentation im Rechtsstreit hat­ten. An die Vorstellung die­ser me­tho­disch knif­fe­li­gen Aufgabe schloss sich ei­ne Diskussion über die Nachvollziehbarkeit münd­li­cher Kommunikation in uns nur schrift­lich vor­lie­gen­dem Quellenmaterial an. Thematisiert wur­den da­bei vor al­lem ver­schie­de­ne Sprachformen der vor­lie­gen­den Quellen, die teil­wei­se pro­to­kol­l­ar­ti­gen Charakter ha­ben oder in ei­ner so schrift­sprach­li­chen Form vor­lie­gen, dass sie bei der Lesung vor Gericht ex­pli­zit wei­te­rer münd­li­cher Erläuterung be­durf­ten. Die schrift­lich vor­lie­gen­den Quellen ma­chen so ein Nebeneinander von Schriftlichkeit und ih­rer münd­li­chen Perfomanz so­wie die Rolle von Vermittlern - d.h. Schreibern und des Lesens kun­di­ger Vorträger von Schriftstücken - un­ab­ding­bar.

Letzter Programmpunkt des Treffens war die Möglichkeit zur Vorstellung lau­fen­der Arbeiten und Projekte. Dies nutz­ten André Hertrich, Gesa Westermann und Thomas Büttner zur Vorstellung ih­rer je­wei­li­gen Dissertationsvorhaben. A. Hertrich stell­te hier­bei kurz sein Projekt zur ja­pa­ni­schen Wiederbewaffnung nach dem zwei­ten Weltkrieg vor. Darin fragt er u.a. nach den Kontinuitäten und dem Erbe der Kaiserlichen Armee in den Selbstverteidigungsstreitkräften. G. Westermann forscht zu Dekolonisationsbewegungen in Südostasien und der Rolle Japans in den ent­spre­chen­den ko­lo­nia­len Emanzipationsdiskursen. Th. Büttner steht noch ganz am Anfang sei­nes Dissertationsprojekts und gab des­halb erst ein­mal nur als Themenbereich die Geschichte der "Taisei Yokusankai", der "Vereinigung zur Unterstützung der Kaiserherrschaft" im Japan der 1940er an. Das Treffen en­de­te mit ei­ner kur­zen Abstimmung über das wei­te­re Vorgehen (wei­ter­hin halb­jähr­li­che Treffen an ver­schie­de­nen ja­pa­no­lo­gi­schen Instituten) so­wie über Ort und Datum des näch­sten Treffens.

(Protokoll: Anke Scherer)

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favicon054. Treffen am Japanologischen Seminar der Universität Bonn am 6. und 7. November 2004:

Anwesend in Bonn wa­ren: Kazuko Fujisaki (Freiburg), Shizuka Jäger (Bonn), Joel Joos (Leiden), Hans Martin Krämer (Bochum), Kerstin Lukner (Bonn), Peter Lutum (Münster), René M. Salmen (Bonn), Stefanie Schäfer (Tübingen), Anke Scherer (Bochum), Katja Schmidtpott (Bochum), Tino Schölz (Halle), Pawel Sickinger (Bonn), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Detlev Taranczewski (Bonn), Anneli Wallentowitz (Bonn), Gesa Westermann (Hagen), Roland Wingert (Bonn)

Das Treffen be­gann mit ei­nem Vortrag von Gesa Westermann, die in ih­rer Dissertation die Rezeption des Russisch-Japanischen Krieges von 1904/05 in Südostasien un­ter­sucht. In der bis­he­ri­gen Forschung wur­de dem Sieg Japans über Russland all­ge­mein ei­ne be­son­de­re Bedeutung für die Emanzipationsdiskurse in den süd­ost­asia­ti­schen Kolonien zu­ge­schrie­ben. Er sei, so das gän­gi­ge Bild, ge­ra­de­zu mit Begeisterung auf­ge­nom­men wor­den, ha­be er doch ei­ner­seits die bis da­to frag­los ak­zep­tier­te Annahme ei­ner Überlegenheit des "Westens" er­schüt­tert, an­de­rer­seits die Modernisierungsfähigkeit öst­li­cher Zivilisationen ein­drück­lich de­mon­striert. Diese Sicht in­ner­halb der Südostasien-Forschung wur­de von der Referentin nach­drück­lich in Frage ge­stellt. So konn­te sie et­wa am Beispiel Vietnams be­le­gen, dass hier zwar die po­li­ti­sche Modernisierung Japans in der Tat ei­ne ge­wich­ti­ge Rolle in den Emanzipations- und Reformdebatten der in­di­ge­nen Eliten spiel­te, die Japanrezeption und die Vorbildfunktion Japans sich aber kei­nes­wegs auf den Russisch-Japanischen Krieg, son­dern viel­mehr auf die Rezeption der chi­ne­si­schen Reformliteratur vor 1900 zu­rück­füh­ren lässt. Auch im Falle der Philippinen et­wa ist ei­ne be­gei­ster­te Aufnahme des Russisch-Japanischen Krieges nicht be­leg­bar. Hier ließ das Interesse an Japan be­reits nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg und der fol­gen­den eher als li­be­ral zu be­wer­ten­den Politik der USA ge­gen­über den Philippinen deut­lich nach.

Die sich als zwei­ter Programmpunkt an­schlie­ßen­de Diskussionsrunde be­fass­te sich mit der Frage der Verwendung und Anwendbarkeit der Konzepte Moderne und Modernisierung auf die ja­pa­ni­sche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zunächst stell­te Hans Martin Krämer in sei­nem Inputreferat wich­ti­ge west­li­che und ja­pa­ni­sche theo­re­ti­sche Ansätze zum Thema "Modernisierung" (Walt Rostow, Ulrich Beck, Katô Hidetoshi, Yamanouchi Yasushi, Yasuda Hiroshi) vor und ar­bei­te­te da­bei aus­führ­lich die un­ter­schied­li­chen Kriterien, mit de­nen Moderne je­weils be­schrie­ben wird, her­aus. Dabei warf er ins­be­son­de­re die Frage auf, ob und in­wie­weit die Begriffe kin­dai und gen­dai zur Periodisierung der ja­pa­ni­schen Geschichte des 20. Jahrhunderts die­nen kön­nen. In der sich an die­se ein­füh­ren­den Bemerkungen an­schlie­ßen­de Diskussion wur­de vor al­lem the­ma­ti­siert, wo der heu­ri­sti­sche Wert sol­cher Großkonzepte / theo­re­ti­scher Ansätze für die hi­sto­ri­sche Japanforschung liegt und lie­gen kann. Außerdem wur­de her­aus­ge­ar­bei­tet, wo Epochengrenzen zeit­lich zu ver­or­ten wä­ren. Schließlich ver­stän­dig­ten sich die Teilnehmer dar­über, dass die Verwendung der Begriffe kin­dai und gen­dai in den ver­schie­de­nen Teildisziplinen der ja­pa­ni­schen Geschichte (et­wa in der Alltagsgeschichte) ei­ne durch­aus an­de­re Bedeutung ha­ben kann.

Der Sonntag be­gann mit ei­nem Vortrag von Peter Lutum zum Thema "Wakon yô­sai und wayô setchu. Indigene Bewältigungsstrategien im mo­der­nen ja­pa­ni­schen Denken." Dabei ver­wies der Referent zu­nächst bei­de Begriffe in den Kontext ei­ner be­reits seit dem Altertum vor­han­de­nen Fähigkeit zu Assimilation und Integration als kul­tu­rel­le Strategien der Aneignung des Fremden und Bewusstwerdung des Eigenen. Er leg­te dar, dass bei­de Strategien in der Bakumatsu- und Meiji-Zeit letzt­lich neu auf­ge­grif­fen wur­den und ver­deut­lich­te dies an der Begriffsgeschichte bei­der Konzepte. Dieser Aspekt wur­de in der an­schlie­ßen­den Diskussion er­neut auf­ge­grif­fen, in­dem nach ei­nem wei­te­ren Bedeutungswandel bei­der Begriffe ge­fragt wur­de.

Schließlich be­ton­te der Referent, dass ei­ne Analyse in­di­ge­ner Kategorien - für die bei­de Begriffe hier ex­em­pla­risch stün­den - für die Japanologie neue Perspektiven er­öff­ne, da hier­durch der Gefahr ei­ner Fehlinterpretation ja­pa­ni­scher Geistesgeschichte - die durch ei­ne al­lei­ni­ge Verwendung west­li­cher me­tho­di­sche Ansätze durch­aus be­stehe - be­geg­net wer­den kön­ne.

Vierter Programmpunkt war die Gelegenheit zur Kurzvorstellung lau­fen­der Projekte und Arbeiten. Stefanie Schäfer be­rich­te­te da­bei von ih­rem Forschungsprojekt zu den Auseinandersetzungen um die Gestaltung der Ausstellung des Friedensmuseums von Hiroshima, für das sie be­reits um­fas­sen­de Materialrecherchen in Archiven in Hiroshima durch­ge­führt hat.

Tino Schölz stell­te im Anschluss dar­an ein Unterrichtsprojekt zum Thema Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Japan im Vergleich vor, das seit letz­tem Jahr in Kooperation zwi­schen den Universitäten Halle und Tôkyô durch­ge­führt wird und des­sen lang­fri­sti­ges Ziel der Aufbau ei­nes bi­na­tio­na­len Graduiertenkollegs zu die­sem Themenkomplex ist.

Hans Martin Krämer wies noch­mals dar­auf hin, dass von der Homepage der Parlamentsbibliothek Tôkyô in­zwi­schen mehr als 54.000 Bände - und da­mit be­reits ein we­sent­li­cher Teil ja­pa­ni­scher Texte - aus der Meiji-Zeit on­line zu­gäng­lich sind.

Maik Hendrik Sprotte schließ­lich stell­te ein Buchprojekt "Mord und Selbstmord. Zum Phänomen der Gewalt in der po­li­ti­schen Geschichte Japans" vor, be­rich­te­te von sei­nem Forschungsprojekt zu Ivar Lissner (1909-1967), ei­nem Journalisten und Spion jü­di­scher Herkunft, der wäh­rend des zwei­ten Weltkrieges für die deut­sche Abwehr in der Mandschurei tä­tig war und hier im Umfeld der Sorge-Affäre ei­ne nicht un­er­heb­li­che Rolle bei der Abberufung von Botschafter Ott ge­spielt ha­ben soll, be­vor er selbst un­ter dem Verdacht der Spionage für die Sowjetunion in die Mühlen der ja­pa­ni­schen Justiz ge­riet.

(Protokoll: Tino Schölz)

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favicon035. Treffen am Japanologischen Seminar der Universität Tübingen am 7. und 8. Mai 2005:

Anwesend in Tübingen wa­ren: Nicole Altmeier (Tübingen), Klaus Antoni (Tübingen), Thomas Büttner (Heidelberg), Denis Gänkler (Halle), Patrick Heinrich (Duisburg), Robert Horres (Tübingen), Hans Martin Krämer (Bochum), Harald Meyer (Zürich), Bettina Rabe (Heidelberg), Stefanie Schäfer (Tübingen), Anke Scherer (Bochum), Jan Schmidt (Heidelberg), Tino Schölz (Halle), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Detlev Taranczewski (Bonn), Robin Weichert (Heidelberg)

Das Treffen be­gann mit ei­nem Vortrag von Thomas Büttner, der als Dissertationsprojekt die Konkurrenz der po­li­ti­schen Eliten wäh­rend der Kriegszeit am Beispiel der po­li­ti­schen Führung der Taisei yo­ku­s­an­kai 1940-45 un­ter­sucht.
Die Gründung der Taisei yo­ku­s­an­kai soll­te ex­pli­zit das Ziel ver­fol­gen, die bis da­hin kon­kur­rie­ren­den Teileliten in­ner­halb des po­li­ti­schen Systems (ins­be­son­de­re Parteien, Bürokratie, Militär) un­ter dem Dach ei­ner ein­heit­li­chen Organisation zu ver­ei­ni­gen, an de­ren Spitze der je­wei­li­ge Ministerpräsident ste­hen soll­te. Gelang es nun aber in der Realität, die­sen selbst­ge­setz­ten Anspruch um­zu­set­zen?
Diese Frage soll im Dissertationsprojekt durch ei­ne com­pu­ter­ge­stütz­te Analyse ei­ner­seits bio­gra­phi­scher Daten (Zugehörigkeit zu Gruppierungen, Karrieredaten), an­de­rer­seits funk­tio­na­ler Kriterien be­ant­wor­tet wer­den, hier­durch wie­der­um sol­len Strukturen und Netzwerke in­ner­halb der Teileliten sicht­bar wer­den, die ih­rer­seits ei­ne kri­ti­sche Evaluation des Forschungsstandes zur Taisei yo­ku­s­an­kai er­mög­licht.
Die sich an die Vorstellung des Projektes an­schlie­ßen­de an­ge­reg­te Diskussion wid­me­te sich vor al­lem me­tho­di­schen Fragen, ins­be­son­de­re dem Problem, in­wie­weit die Daten, die zur Analyse der Netzwerke die­nen sol­len, tat­säch­lich Rückschlüsse auf die ein­gangs for­mu­lier­te Fragestellung - hier wie­der­um vor al­lem der qua­li­ta­ti­ven Dimension der Konflikte zwi­schen den Teileliten - zu­las­sen.

Die sich als zwei­ter Programmpunkt an­schlie­ßen­de Diskussionsrunde be­fass­te sich mit den Arbeiten von Oguma Eiji. In ei­nem Inputreferat stell­ten Patrick Heinrich und Hans Martin Krämer die wich­tig­sten Arbeiten Ogumas - hier v.a. "Tan'itsu min­zo­ku shin­wa no ki­gen" und "‘Minshu’ to ‘ai­ko­ku’. Sengo Nihon no nas­ho­na­ri­zu­mu to kôkyôsei" - vor und er­läu­ter­ten da­mit sei­ne Sicht auf die ja­pa­ni­sche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dabei wur­de deut­lich, in wel­chem Maße Oguma sich von tra­di­tio­nel­len Auffassungen zur ja­pa­ni­schen Geistesgeschichte di­stan­ziert. So zeigt er auf, dass der Panasianismus vor 1945 kei­nes­wegs nur pro­pa­gan­di­sti­sche Funktionen er­füll­te, son­dern macht ei­ne Vielzahl von Bemühungen zur Schaffung ei­nes mul­ti­eth­ni­schen groß­ja­pa­ni­schen Reiches aus; im Gegenzug sei die These von der eth­nisch ho­mo­ge­nen ja­pa­ni­schen Nation erst nach dem Ende des Imperiums do­mi­nie­rend in den ja­pa­ni­schen Identitätsdiskursen do­mi­nant ge­wor­den. Für die po­li­ti­schen Diskurse der Nachkriegszeit zeigt Oguma an ei­ner Vielzahl von Schlüsselkategorien und Begriffen auf, dass es um das Jahr 1960 ei­ne Verschiebung ge­ge­ben hat, die recht­fer­ti­ge, die Nachkriegszeit ins­ge­samt in ein er­stes und zwei­tes sen­go zu un­ter­tei­len.
Die an­schlie­ßen­de Diskussion setz­te sich kri­tisch mit den Thesen Ogumas aus­ein­an­der, wo­bei ins­be­son­de­re die kon­kre­ten Zuordnungen von ein­zel­nen Autoren und/oder Begriffen zu Ogumas Kategorien hin­ter­fragt wur­den.

Der Sonntag be­gann mit ei­nem Vortrag von Nicole Altmeier, die die vor­läu­fi­gen Ergebnisse ih­rer Dissertation zum Thema "Geschichtsdarstellung in Japans Staatsparks: Nationale Bühne und ge­fühl­te Authentizität" vor­stell­te. Dabei stell­te sie nach ei­nem Überblick über die Geschichte von Parks in Japan seit der Meiji-Zeit am Beispiel der drei Staatsparks Asuka, Yoshinogari und Okinawa sehr an­schau­lich her­aus, wel­che Bedeutung das Konzept der Regionalförderung ur­sprüng­lich für die Anlage die­ser Staatsparks hat­te; ent­spre­chend wich­tig ist bis heu­te die Rolle der Zentralregierung als Geldgeber. Schließlich wur­de ver­deut­licht, dass bei der Konzeption der Anlagen - ins­be­son­de­re den re­kon­stru­ier­ten Elementen - ge­fühl­te Authentizität und the­ma­ti­sche Geschlossenheit wich­ti­ger sind als der Anspruch auf hi­sto­ri­sche Genauigkeit.

Der vier­te Programmpunkt schließ­lich wid­me­te sich dies­mal vor al­lem der Vorstellung von Projekten und der Diskussion or­ga­ni­sa­to­ri­scher Fragen:

Maik Hendrik Sprotte stell­te ei­nen Brief der Gesellschaft für Japanforschung vor, in dem die­se ei­ne Verlinkung der Homepage der Initiative mit der der GJF vor­schlägt. Dieser Vorschlag wur­de ein­stim­mig an­ge­nom­men; als Ansprechpartner der Initiative soll Maik Sprotte fun­gie­ren. Weiterhin wur­de ei­ne Überarbeitung des Internetauftritts der Initiative an­ge­regt.

Hans Martin Krämer stell­te ein Datenbankprojekt für das Internet vor, dass die Anregung des Bochumer Treffens zur bi­blio­gra­phi­schen Erfassung von ja­pa­ni­schen Quellen in west­li­cher Übersetzung auf­greift. Dieses soll bis zum näch­sten Treffen der Initiative im November ei­ne Testphase durch­lau­fen und dann auch der Öffentlichkeit zu­gäng­lich ge­macht wer­den.

Maik Sprotte er­in­ner­te in die­sem Kontext noch ein­mal an die von ihm und Jan Schmidt ge­stal­te­te Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung und bat um die Zusendung wei­te­rer Einträge. Erfasst wer­den al­le deutsch­spra­chi­gen Beiträge zur hi­sto­ri­schen Japanforschung, die nach dem 01.01.2003 er­schie­nen sind.

Weiterhin be­rich­te­te Maik Sprotte von ei­ne für den 1.-3. Dezember die­sen Jahres ge­plan­te Tagung zum Russisch-Japanischen Krieg mit Beteiligung ver­schie­de­ner Einrichtungen der Universität Heidelberg.

Die Geschichtssektion des Japanologentags in Bonn (12.-15. September 2006) wird sich mit dem Thema "Erinnern und Gedenken" be­fas­sen. Es wird ge­be­ten, mög­lichst früh Rücksprache zu hal­ten und Vortragsvorschläge spä­te­stens bis zum 31.12.2005 zu­sam­men mit ei­ner Zusammenfassung von nicht mehr als ei­ner Seite an Herrn Prof. Dr. Zöllner zu sen­den.

(Protokoll: Tino Schölz)

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favicon026. Treffen am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich am 5. und 6. November 2005:

Anwesend in Zürich wa­ren: Eva Burzynski (Halle), Dietmar Ebert (Bochum), Judith Fröhlich (Zürich), Denis Gänkler (Halle), Adrian Gerber (Bern), Eva Giger (Zürich), Dirk Hasler (Regensburg), Hans Martin Krämer (Bochum), Stefania Lottanti (Zürich), Harald Meyer (Zürich), Peter Pantzer (Bonn), Heinrich Reinfried (Zürich), Franziska Saito (Yokosuka), Anke Scherer (Bochum), Jan Schmidt (Heidelberg), Tino Schölz (Halle), Urs Siegrist (Zürich), Wolfgang Seifert (Heidelberg), Maik Hendrik Sprotte (Heidelberg), Daniela Tan (Zürich), Detlev Taranczewski (Bonn)

Das Programm be­gann am Samstag mit ei­nem Vortrag von Adrian Gerber zu sei­ner kürz­lich er­schie­ne­nen Dissertation "Gemeinde und Stand. Die zen­tral­ja­pa­ni­sche Ortschaft Ôyamazaki im Spätmittelalter. Eine Studie in trans­kul­tu­rel­ler Geschichtswissenschaft". Gerber ver­folg­te mit sei­ner Arbeit zwei Ziele, zu­nächst ein ge­schichts­wis­sen­schaft­li­ches, näm­lich den Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit an­hand ei­nes Fallbeispieles nä­her zu un­ter­su­chen, so­dann ein er­kennt­nis­theo­re­ti­sches, näm­lich ein heu­ri­sti­sches Konzept für trans­kul­tu­rel­le Forschung zu ent­wickeln.

Der em­pi­ri­sche Teil be­han­del­te schwer­punkt­mä­ßig die Frage nach Organisationsstrukturen und Herrschaftsformen. Diese lässt sich für die süd­lich von Kyôto ge­le­ge­ne Ortschaft Ôyamazaki zu­nächst an­hand von Quellen, die von re­li­giö­sen Organisationen her­rüh­ren, be­ant­wor­ten. Drei Quellenkreise seit dem 14. Jahrhundert be­schrei­ben Organisationen, die in ei­nem kul­ti­schen Zusammenhang be­stan­den (lo­ka­ler Kult ei­ner Prozession vom Tennô-Berg her­ab; un­ab­hän­gi­ge Grundherrschaft des als ken­mon ein­zu­stu­fen­den Iwashimizu Hachimangû-Schreines; lo­ka­ler Hachiman-Schrein). Mit dem Ônin-Krieg ver­schwan­den die­se drei Organisationen zu­gun­sten des sôchû, was Gerber mit "Gemeinde" über­setz­te. Etwas ab­strak­ter ge­fasst, fand auf Gemeindeebene ein Wandel von ei­ner za-Struktur mit stren­gen for­ma­len Regeln und tra­di­tio­na­lem Rechtsdenken hin zu ei­ner -Struktur mit fle­xi­bler Zusammensetzung von Gremien und rational-utilitaristischem Rechtsdenken statt. Dem ent­sprach der lan­des­wei­te Wandel von ei­nem ken­mon-System zu ei­nem daimyô-ryôgoku-System (Territorialisierung der Herrschaft). Im er­kennt­nis­theo­re­ti­schen Teil ging es Gerber ins­be­son­de­re um die Übertragbarkeit von Begriffen aus dem eu­ro­päi­schen Mittelalter auf ja­pa­ni­sche Gegebenheiten. Ein Vorgehen in vier Etappen si­che­re ei­ne sau­be­re Heuristik bei der trans­kul­tu­el­len Forschung: 1. Analyse der deut­schen Begrifflichkeit; 2. Analyse der Grundbegriffe der ja­pa­ni­schen Forschung; 3. Untersuchung der Erkenntnisse und Konzepte zu Forschungsfeldern; 4. lo­kal­hi­sto­ri­sche Forschung, im vor­lie­gen­den Fall zu Ôyamazaki. Aus den Ergebnissen sei­ner Studie folg­ten für Gerber so­wohl Fragen an die deut­sche Geschichtswissenschaften nach der Gültigkeit ih­rer Kriterien und Begriffe als auch an die ja­pa­ni­sche.

Die an­schlie­ßen­de Diskussion kon­zen­trier­te sich stark auf be­griffs­ge­schicht­li­che Fragen. Ob man Begriffe eher für ein deut­sches me­diä­vi­sti­sches Publikum über­set­ze oder eher nah am Original zu blei­ben ver­su­che, sei ei­ne grund­sätz­li­che Frage der Japanologie über­haupt, bzw. die Vermittlung für ein deut­sches Publikum sei ih­re Aufgabe. Der Begriffsklärung kom­me des­halb ei­ne zen­tra­le Stellung zu, weil sie die Grundlage für den hi­sto­ri­schen Vergleich lie­fe­re. Auch in mo­der­nen, an­ein­an­der an­ge­nä­her­ten Gesellschaften er­üb­ri­ge sich die Frage nach dem je­weils Individuellen kei­nes­wegs, weil ge­ra­de nach den hi­sto­ri­schen Erfahrungen der Neuzeit mit Imperialismus und Kolonialismus die zwi­schen­staat­li­chen Beziehungen kom­pli­zier­ter ge­wor­den sei­en. Ein zwei­ter Diskussionsstrang ent­sponn sich um die Bemerkung, dass man die Ausführungen zur ei­gen­stän­di­gen Gemeindeverwaltung ja auch als frü­hes Beispiel für ei­ne au­to­chtho­ne Entwicklung zur Demokratie be­grei­fen könn­te. Gegen die­se Annahme spre­che al­ler­dings, dass Selbstverwaltung auf lo­ka­ler Ebene noch nicht mit Demokratie gleich­zu­set­zen sei: Es ge­be im­mer en­do­ge­ne Herrschaft, weil sich auch in klei­nen Gruppen so­gleich Mächtigere her­vor­tä­ten und be­stimm­te Herrschaftsformen im Kleinen eta­blier­ten.

Dirk Hasler stell­te eben­falls sei­ne kürz­lich fer­tig­ge­stell­te und in na­her Zukunft er­schei­nen­de Dissertation vor. Sein Vortrag trug den Titel "Völkerrechtliche Verträge Japans nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bedeutung hi­sto­ri­scher Erfahrung und po­li­ti­scher Programmatik auf die Gestaltung recht­li­cher Normen". Das Erkenntnisinteresse Haslers lag pri­mär auf der Frage nach der in Japan vor­zu­fin­den­den Überlagerung der Rechtskreise, näm­lich der kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Rechtstradition und dem US-amerikanischen ca­se law. Die kon­f­li­gie­ren­den Anschauungen wür­den im Völkerrecht z.B. in der Frage sicht­bar, ob 1945 der be­sieg­te Staat fort­be­stan­den ha­be: Nach US-amerikanischer Auffassung sei dies der Fall ge­we­sen, nach kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­scher und häu­fig auch ja­pa­ni­scher je­doch nicht. Hasler skiz­zier­te ab­wech­selnd die ju­ri­sti­schen und die po­li­tik­wis­sen­schaft­li­chen Aspekte der au­ßen­po­li­ti­schen Situation Japans in den Jahren bis zum Abschluss des zwei­ten Sicherheitsvertrages mit den USA 1960. Politisch ge­se­hen ha­be Japan sich be­müht, ei­ne Position zwi­schen Nähe und Distanz zu den USA zu ent­wickeln, aus der dop­pel­ten Sorge her­aus be­grün­det, auf­ge­ge­ben oder hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den. Dabei ha­be man sich letzt­lich ei­nes in­stru­men­tel­len Pazifismus im Umgang mit den USA be­dient, der im Wesentlichen schon in den Debatten wäh­rend der Besatzungszeit ent­wickelt wor­den sei.

Die Diskussion frag­te zu­nächst nach der Dynamik der Vertragsschlüsse: Inwiefern war die ja­pa­ni­sche Handschrift in den Verträgen sicht­bar? Hasler zu­fol­ge kön­ne da­von in den er­sten Jahren nach Kriegsende kei­ne Rede ge­we­sen sein; erst im zwei­ten Sicherheitsvertrag und dann v.a. in den Defense Guidelines von 1971 sei der ja­pa­ni­sche Anteil sicht­bar ge­wach­sen. Dagegen wur­de ein­ge­wandt, schon der Friedensvertrag von San Francisco mö­ge ja auf US-amerikanischen Formulierung ba­siert ha­ben, ha­be aber den­noch schon da­mals den Interessen der ja­pa­ni­schen Eliten ent­spro­chen. Sodann ging es dar­um, wo ei­gent­lich die Kontroverse beim Thema lie­ge, ei­gent­lich sei doch die recht­li­che Lage ein­deu­tig. Hasler er­wi­der­te, die Aushöhlung von Artikel 9 in der tat­säch­li­chen po­li­ti­schen Praxis be­deu­te noch lan­ge kei­ne recht­li­che Klarheit. Vielmehr wer­de der Artikel 9 bis heu­te von der Mehrheit der Kommentare so aus­ge­legt, dass er die Neutralität Japans ga­ran­tie­re. Außerdem be­ru­he die ja­pa­ni­sche Rechtsauffassung auf dem Prinzip ›Macht folgt Recht‹, und es sei in­ter­es­sant zu se­hen, wie das Rechtswesen mit der um­ge­kehr­ten Praxis ›Recht folgt Macht‹ um­ge­he. Ein ab­schlie­ßen­der Kommentar reg­te an, doch die Rechtskultur stär­ker zu be­rück­sich­ti­gen: In Japan sei es nun ein­mal üb­lich, Rechtstexte lie­ber un­ge­än­dert zu las­sen, da­für aber nicht hun­dert­pro­zen­tig wört­lich zu neh­men, was auch den ver­meint­li­chen Widerspruch im Umgang mit Artikel 9 er­klä­ren kön­ne.

Am Sonntag Vormittag stell­te Harald Meyer sei­ne kürz­lich er­schie­ne­ne Habilitationsschrift "Die ›Taishô-Demokratie‹. Begriffsgeschichtliche Studien zur Demokratierezeption in Japan von 1900 bis 1920" vor. Ausgangspunkt der Arbeit sei ein Buch von Abe Isoo zur Schweiz als idea­lem Land der Demokratie ge­we­sen, das man als frü­hen Beitrag zum Demokratiediskurs der Taishô-Zeit le­sen kön­ne. Im Großen ge­se­hen kön­ne man sa­gen, in der Taishô-Zeit sei das Feld (näm­lich der Demokratie) ur­bar ge­macht wor­den, das dann spä­ter (nach 1945) be­pflanzt wer­den konn­te. Der Demokratiediskurs sei zwar um et­wa 1920 ab­ge­bro­chen, ha­be je­doch Erfahrungen und Orientierungshilfen für die Nachkriegszeit zur Verfügung ge­stellt. Japan kön­ne durch­aus als Beispiel für die er­folg­rei­che Übertragung des uni­ver­sel­len west­li­chen Demokratie-Gedankens gel­ten. Von den drei üüb­li­chen Feldern der Forschung zur Taishô-Demokratie (po­li­ti­sche, so­zia­le und gei­sti­ge Demokratie) ha­be Meyer sich schwer­punkt­mä­ßig mit dem drit­ten be­fasst, al­so den Bewegungen von Intellektuellen. Inwiefern der Demokratiediskurs als Faktor au­ßer­sprach­li­cher Entwicklungen in Erscheinung ge­tre­ten sei, al­so die po­li­ti­sche und so­zia­le Entwicklung be­ein­flusst ha­be, sei schwer zu be­ant­wor­ten, kön­ne aber zu­min­dest für den Bereich der Politik be­son­ders an­hand der Einführung des all­ge­mei­nen Männerwahlrechts von 1925 dis­ku­tiert wer­den.

In der Diskussion wur­de zu­nächst die von Meyer ge­trof­fe­ne zeit­li­che Abgrenzung kri­ti­siert, so­wohl nach vor­ne wie nach hin­ten. Insbesondere die Jiyû min­ken un­dô wur­de als na­he­lie­gen­der Vorläufer ei­ner de­mo­kra­ti­schen Tradition ge­nannt, au­ßer­dem in Anknüpfung an den Vortag auch kom­mu­na­le Selbstverwaltungs-Traditionen seit dem Mittelalter. Dem wur­de ent­geg­net, dass Selbstverwaltung noch nicht gleich­be­deu­tend mit Demokratie sei, und dass die Protagonisten des Demokratiediskurses der Taishô-Zeit sich aus­drück­lich als Importeure west­li­chen Gedankenguts be­grif­fen und auch nicht auf die Jiyû min­ken un­dô be­zo­gen hät­ten. Von Interesse war auch der Vergleich mit der Weimarer Republik und Nachkriegs-Deutschland: Welche Bedeutung hat­te die Taishô-Zeit als Bezugsereignis für die Nachkriegszeit aus der sub­jek­ti­ven Sicht der AkteurInnen Japans nach 1945? Zumindest für die Dimension der Grundrechte, die bei der Verfassungsgebung ei­ne wich­ti­ge Rolle spiel­ten, kön­ne durch­aus von ei­nem po­si­ti­ve Bezug auf die Taishô-Zeit ge­spro­chen wer­den. Abschließend be­han­del­te die Diskussion die Frage, in­wie­weit nicht die über­wie­gen­de Zahl der im be­han­del­ten Zeitraum für Demokratie Eintretenden aus­ge­spro­che­ne Befürworter ei­nes Imperialismus nach au­ßen ge­we­sen sei­en, was Meyer nur für ein­zel­ne Ausnahmen zu­bil­lig­te. Es wur­de auch die Frage ge­stellt, ob nicht ei­ne Kontinuität zwar nicht von Demokratie, aber von po­li­ti­scher Partizipation in an­de­rer Form, auch durch die 1930er Jahre hin­durch ge­ge­ben ge­we­sen sei. Man war sich ei­nig, dass Demokratie und Imperialismus bzw. Nationalismus kei­ne Gegensätze sei­en und man die­se Dimension bei der Untersuchung von Denkern aus der er­sten Hälfte des 20. Jahrhunderts be­son­ders be­ach­ten müs­se.

Unter dem Tagesordnungspunkt Berichte stell­te Hans Martin Krämer ei­ne Online-Datenbank von Quellen in Übersetzung vor. Diese läuft im Probebetrieb un­ter http://dbs.rub.de/japanquellen/home.php. Ziel ist, bi­blio­gra­phi­sche Angaben zu ja­pa­ni­schen hi­sto­ri­schen Quellen in west­lich­spra­chi­ger Übersetzung (der­zeit Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch) in ei­ner Datenbank mit Suchfunktion ver­füg­bar zu ma­chen. Die Datenbank ist so kon­zi­piert, dass je­der Beiträge lei­sten kann, Korrekturen oder Löschungen je­doch nur von ei­nem Administrator vor­ge­nom­men wer­den kön­nen. BesucherInnen des Treffens und LeserInnen die­ses Berichtes sind auf­ge­ru­fen, in die­se Datenbank Einträge ein­zu­spei­sen und Hinweise zu ge­ben, wie die Kategorien (ins­be­son­de­re für Schlagwörter und Quellentyp) noch ver­bes­sert wer­den kön­nen. In ei­ner kur­zen Diskussion wur­de an­ge­regt, die­se Datenbank an­ge­sichts ih­rer enor­men Bedeutung pro­fes­sio­nel­ler mit Inhalten fül­len zu las­sen und zu ver­su­chen, Mittel für die­sen Zweck ein­zu­wer­ben. Die Möglichkeit, et­wa bei der DFG Mittel für ei­ne Hilfskraft zur Pflege ei­ner sol­chen Datenbank zu er­hal­ten, soll bis zum näch­sten Treffen eru­iert wer­den.

Maik Hendrik Sprotte wies auf ein Kolloquium mit dem Titel "Der Russisch-Japanische Krieg (1904/05) - Anbruch ei­ner neu­en Zeit?" hin, das vom 1. bis 3. Dezember 2005 in Heidelberg statt­fin­den wird. Sie um­fasst Vorträge v.a. von Japan- und Russland- HistorikerInnen, be­rück­sich­tigt aber auch Perspektiven aus an­de­ren Teilen der Welt.

Die Bibliographie zur hi­sto­ri­schen Japanforschung ist im­mer noch auf Meldungen von au­ßen an­ge­wie­sen. Wer im­mer ei­nen deutsch­spra­chi­gen, nach dem 1. Januar 2003 er­schie­ne­nen Beitrag (Buch, Aufsatz, Zeitungsartikel) zur ja­pa­ni­schen Geschichte kennt, ist auf­ge­ru­fen, die­sen zu mel­den. Die URL lau­tet http://www.historische-japanforschung.de. Die Seite wird der­zeit auf ei­ne Datenbanklösung um­ge­stellt; au­ßer­dem ist in Zukunft ei­ne Ausweitung des Berichtszeitraumes ge­plant.

(Protokoll: Hans Martin Krämer)

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